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Die Via Fillak im Stadtteil Certosa im Nordwesten von Genua. Im Hintergrund ragt das Skelett der Morandi-Brücke in den Himmel.  bild: sarah serafini

Genua steht still

Heute Mittag vor drei Monaten stürzte in Genua das Autobahn-Viadukt Morandi ein. Die Trümmer der Brücke teilten die Stadt in Ost und West. Eine Reportage aus einer Stadt, die vor dem Kollaps steht.

sarah serafini, genua



Die Stimmung in der Via Fillak ist gespenstig. Die Trottoirs sind leer, die Geschäfte verwaist. Ein Polizist am Anfang der Strasse leitet den Verkehr um. Autos dürfen nicht mehr durchfahren. Hier im Stadtteil Certosa im Nordwesten von Genua ist seit drei Monaten alles anders. Früher war die Via Fillak die Hauptverbindung des gesamten Quartiers Rivarolo mit dem Zentrum der Stadt. Die Strasse führte parallel zum Polvecera-Flussbett unter der Morandi-Brücke durch. Dutzende Autos fuhren hier im Minutentakt durch. Das Quartier war, wenn auch in der Peripherie liegend, ein lebendiges. 

Doch seit am 14. August das Autobahn-Viadukt vom Himmel fiel und 43 Menschen in den Tod stürzten, ist die Strasse gesperrt. 630 Bewohner, die in den Häusern unter der Brücke lebten, wurden evakuiert. Weil die Gefahr besteht, dass weitere Betonplatten vom Viadukt herabfallen könnten, sperrte man eine «Zona rossa» weiträumig ab. Soldaten bewachen den Bereich rund um die Uhr. 

Zu Fuss gelangt man bis 100 Meter vor die mächtigen Betonpfeiler des Morandi-Skeletts. Gerade noch ausserhalb der roten Zone befindet sich eine verlassene Tankstelle. Der Betreiber hat den Betrieb schon vor Wochen eingestellt. Hierhin kommt niemand mehr, um Benzin zu kaufen. Auch der Laden für Baumaterialien vis-à-vis muss Ende Jahr schliessen. In den Familienbetrieb verirrt sich nur noch selten Kundschaft. 

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In der Strasse herrscht eine andächtige Stille. Die wenigen Menschen, die unterwegs sind, sprechen in gedämpftem Ton. Nur aus den weissen Zelten, die vor der Absperrung am Strassenrand aufgestellt sind, dringt munteres Geplauder. Es ist Mittagszeit. In Plastiktellern servieren hier freiwillige Helfer Risotto und Fleisch mit Gemüse. Die gute Flasche Rotwein fehlt selbst in einer Ausnahmesituation wie dieser nicht auf dem Tisch. An der langen Tafel sitzen jene, die bis im Sommer wenige Meter von hier entfernt gewohnt haben. Sie sind die «Sfollati», die Vertriebenen, die in den ersten Tagen nach dem Einsturz in Turnhallen oder Hotels untergebracht wurden und jetzt in der ganzen Stadt verteilt in günstigen Mietwohnungen leben.

Die Zelte fungieren als Anlaufstelle. Hier können die Evakuierten einmal pro Tag eine warme Mahlzeit essen, sich austauschen und einander Trost spenden. Es ist vor allem die ältere Generation, die hier beisammensitzt. Die Jüngeren sind in der Schule oder müssen arbeiten. «Vorher waren wir Nachbarn, haben uns vom Sehen gekannt und beim Vorbeigehen gegrüsst», sagt eine der Frauen und stochert in ihrem Reis. «Jetzt sind wir zusammengerückt und schauen aufeinander.»

Fotos Genua Sarah

Die aus ihren Häusern vertriebenen Einwohner der Via Fillak beim Mittagessen. bild: sarah serafini

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Enrico D'Agostino (rechts) unterhält sich mit zwei Evakuierten.  bild: sarah serafini

Man habe viel erlebt in den letzten drei Monaten, sagt Enrico D'Agostino. Er gehört zwar nicht zu den Evakuierten, ist aber in Certosa aufgewachsen und wohnt nur wenige Meter ausserhalb der roten Zone. «Die Politiker haben in den letzten drei Monaten geredet und Versprechen gemacht, die sich nur wenige Stunden später als reines Geschwätz herausstellten», sagt er. Darum seien viele Bewohner von Certosa völlig desillusioniert.

Wenige Schritte von den Zelten entfernt quert eine schmale Fussgängerbrücke den Polcevera-Fluss und bietet einen spektakulären Blick auf das, was von dem Morandi-Viadukt übrig ist. Noch immer liegen grosse Betonbrocken auf der Strasse und im Flussbett. D'Agostino war am Tag des Einsturzes einer der Ersten, der herbeieilte und vor Ort war. «Es regnete in Strömen, wir waren tropfnass, standen hier und konnten es nicht fassen», sagt er. In einem solchen Moment glaube man nicht, was man sehe, man wolle es nicht glauben. 

Wenn er so dasteht und auf die zwei abgebrochenen Stümpfe blickt, die links und rechts ins Leere ragen, überkommt es D'Agostino. «Ich hörte die Menschen noch schreien. Ich stand hier und hörte sie weinen und um Hilfe rufen. Aber ich konnte ihnen nicht mehr helfen.»

Neben ihm sei Federico Romeo, der 26-jährige Präsident der Stadtverwaltung von Valpolcevera, in Tränen ausgebrochen. Dann habe er sich aufgerafft und begonnen, Hilfe zu organisieren. D'Agostinos Worte für den jungen Mann sind voller Lob. Er arbeite seither unter Hochdruck und setze alles daran, dass die Situation für die Bewohner des Tals so schnell wie möglich wieder erträglich werde. «An ihm können sich alle Politiker in Italien ein Stück abschneiden», findet er.

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Blick auf die abgebrochene Morandi-Brücke: Unten fliesst der Polcevera-Fluss durch, rechts bauen Bagger den kaputten Pfeiler ab.   bild: sarah serafini

Genua

Unweit des Unglücksorts liegen die weggeräumten Trümmer der Brücke und die Autos, die beim Sturz in die Tiefe regelrecht zerdrückt wurden.  Bild: sarah serafini

Weil die Verbindungsstrasse Via Fillak gesperrt ist, bleibt das gesamte Polcevera-Tal vom Rest der Stadt isoliert. Dieses erstreckt sich in einem rechten Winkel vom Hafen in Genua in das ligurische Hinterland. Parallel des gleichnamigen Sturzbaches verläuft die Bahnstrecke zwischen Turin und Genua. Die Autobahn verläuft entlang der Küste und querte vor dem Einsturz der Morandi-Brücke das Polcevera-Tal auf der Höhe des Stadtviertels Rivarolo. Das Viadukt war darum für die Stadt, die Region und für ganz Italien von grosser Bedeutung, weil hier der gesamte Transitverkehr nach Frankreich durchläuft, weil sie die Zufahrtsstrasse zum grössten Hafen im Land war und den Osten von Genua mit dem Westen verband.

Als am 14. August um 11.36 Uhr ein 250 Meter langes Mittelstück der Autobahnbrücke einstürzt, verändert das die Stadt Genua nachhaltig. Wichtige Verkehrswege werden blockiert. Täglich müssen tausende Autos über Nebenstrassen umgeleitet werden. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Wirtschaft in Ligurien, sondern auch auf diejenige des ganzen Landes. 

Geschätzte 100'000 Einwohner des Valpolcevera-Tals wurden durch den Einsturz von Genua abgeschnitten. In Certosa sagen die Einwohner über die rote Zone, sie sei eine «kleine Berliner Mauer», die den Osten vom Westen trenne. Die schnellste Verbindung in die Stadt ist jetzt die Metro-Linie. Das hat zur Folge, dass morgens und abends jeweils so viele Leute an die Metrostation strömen, dass man Schlange stehen muss. Immer wieder kommt es vor, dass die Bahn ausfällt. Dann steht alles still.

Das Polcevera-Tal im Überblick

Genua Karte Final

grafik: lea senn

Drei Monate nach dem Einsturz streitet die Politik über das weitere Vorgehen und die Justiz über die Schuldfrage. Trümmer der Brücke wurden zur Analyse in die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt nach Dübendorf ZH transportiert. Am Montag verlautbarte der Bürgermeister von Genua, mit dem Abriss der restlichen Brücke am 15. Dezember beginnen zu wollen. Ob er dieses Versprechen auch wirklich halten kann? 

Die Bewohner des Polcevera-Tals reagieren resigniert auf die Ankündigungen von Politik und Behörden. In Borzoli kämpfen die Bewohner schon viel länger als drei Monate gegen die Probleme im Quartier. 2,5 Kilometer von Certosa entfernt auf einer Anhöhe gelegen, heisst hier das grösste Problem: Verkehr. Die Strassen sind so eng, dass Autos zu Stosszeiten das gesamte Viertel verstopfen. Einen Fussgängerstreifen, geschweige denn ein Trottoir, gibt es hier nicht.

Nach dem Einsturz der Brücke sei die Situation unhaltbar geworden, sagt Antonella Marras: «Tag und Nacht stauen sich Autos, Lastwagen, Busse. Die Strasse im Quartier ist jetzt eine der einzigen Verbindungen zwischen dem Westen Genuas und dem Osten.» Marras steht inmitten von anderen wütenden Bewohnern des Quartiers. Gut 100 Personen sind es, die sich an jenem kühlen Novemberabend bei der alten Poststelle im Ort treffen, weil sie genug haben.

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Antonella Marras an einer Demonstration gegen den Stau in Borzoli.  bild: sarah serafini

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Demonstrationszug durch die verstopften Strassen von Borzoli.  bild: sarah serafini

«Basta!», findet auch Marras. Um die Dimensionen, welche die Probleme in Borzoli angenommen haben, zu verdeutlichen, erzählt sie vom Fall, der das Fass vor einigen Tagen zum Überlaufen brachte: Der Rentner Felice Cadè habe vor einigen Tagen zu Fuss zum Haus seiner Tochter spazieren wollen. Weil es eben kein Trottoir gebe, sei er den Strassenrand entlanggegangen. Doch als sich zwei Busse zu kreuzen versuchten, sei nicht einmal mehr dort Platz für ihn gewesen. Der Busfahrer habe ihn aufgefordert, sich in die Mitte der Strasse zu stellen, damit dieser durchfahren könne. Das schien Cadè aber gefährlich, worauf er einfach stehen blieb und mit ihm der ganze Verkehr. «Und wissen Sie, was dann passiert ist?», fragt Marras rhetorisch. «Der arme Mann hat eine Busse erhalten. Wegen Störung des öffentlichen Verkehrs.»

Vor, hinter und neben dem Demonstrationszug drückt sich ein Auto nach dem anderen durch die kurvige Via Borzoli. Ihre Lichtkegel erhellen die Transparente, welche die Bewohner vor sich hertragen. «Müssen wir fliegen?», «Wir bezahlen Steuern, trotzdem sind wir Menschen zweiter Klasse», «Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben». Liana Vattazza hält sich ein Tuch vor Nase und Mund. Die von Abgas geschwängerte Luft kratzt im Hals. «Es ist ein Desaster. Die Autos in Borzoli zerquetschen uns an den Mauern. Es ist nur schon gefährlich geworden, einkaufen zu gehen. Wir sind eingesperrt in unseren Häusern», sagt sie.

Wie weiter mit Genua? Grund genug, den Mut zu verlieren, zu verzweifeln, alles hinzuschmeissen, hätten die «Genovesi». Und trotzdem raffen sie sich auf, ob in Borzoli oder in Certosa, helfen sich, geben die Hoffnung nicht auf. Enrico D'Agostino sagt: «Man sagt ja so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also machen wir einfach weiter. Irgendwie.»

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