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Analyse

Historisches Euro-Tief: Wie die Schweiz das Problem meistert – und Touristen profitieren

Ist der Franken teurer, werden Exportwaren unattraktiv. Trotzdem halten sich Industriefirmen erstaunlich. Was ist ihr Geheimnis?
07.07.2022, 03:3707.07.2022, 10:08
Daniel Zulauf / ch media

Damals, als der Euro noch frisch und knusprig war, hatte kaum ein Ökonom gewagt vorauszusagen, was in diesen Tagen Tatsache ist: Ein Franken kostet dauerhaft mehr als ein Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung hat sich seit ihrer Entstehung vor gut 20 Jahren um rund 40 Prozent zum Franken abgewertet.

Sich ebenbürtig: der Euro und der Franken.
Sich ebenbürtig: der Euro und der Franken.Bild: shutterstock.com

Über diese Zeitperiode haben sich Produkte aus Schweizer Fabrikation im Ausland somit um durchschnittlich rund zwei Prozent pro Jahr verteuert. Natürlich war die Entwicklung inflationsbereinigt etwas weniger dramatisch. So sind die Preise in der Eurozone zwischen den Jahren 2000 und 2021 im Mittel etwa um 1.7 Prozent pro Jahr gestiegen in der Schweiz, aber nur um etwa 0.4 Prozent.

Ein Industriezweig, den es nach grauer Theorie gar nicht mehr geben dürfte

Dennoch: Der Franken ist seit der Schaffung des Euro auch real teurer geworden, was für die exportorientierte Schweizer Industrie selbstredend eine schwere Bürde darstellt. Dass sich die traditionell überaus wertschöpfungsintensiven Branchen wie die Pharmaindustrie mit dieser Situation relativ leicht zurechtfinden konnten, stellt keine Überraschung dar. Erstaunlich ist hingegen, wie gut sich auch stark wechselkursexponierte Wirtschaftszweige in diesem Umfeld behaupten konnten.

Ein Paradebeispiel ist die Kunststoffindustrie. Eigentlich dürfte es diese Branche in der Schweiz gar nicht mehr geben - mindestens nach der grauen ökonomischen Theorie (siehe Box). Seit Jahren kämpft sie mit einem immensen Frankenproblem. Wie die Entwicklung des «fairen» Euro-Franken-Kurses suggeriert. Mit dem sogenannten «Fair-Value-Modell» lässt sich berechnen, bei welchem Wechselkurs die Herstellung eines Kunststoffprodukts «made in Switzerland» gleich teuer käme wie Fertigung eines identischen Erzeugnisses «made in EU». Der faire Euro-Franken-Kurs für die Kunststoffbranche zeigt: Die Überbewertung des Frankens zur europäischen Valuta beträgt rund 50 Prozent.

Trotz dem starken Franken hält sich die Kunststoffindustrie wacker.
Trotz dem starken Franken hält sich die Kunststoffindustrie wacker.Bild: sda

Phänomenale Widerstandskraft

Trotz dieses gewaltigen Preisnachteils ist die Kunststoffbranche in der Schweiz kaum geschrumpft. Das ist ebenso erfreulich wie erstaunlich. Im Vergleich zum Jahr 2012, als die Euro-Schuldenkrise ihren letzten Höhepunkt erreichte und den Frankenkurs schon damals zeitweilig auf Parität zum Euro steigen liess, ist die Zahl der Beschäftigten in der Kunststoffbranche mit gut 33’000 nahezu konstant geblieben. In der gleichen Zeit sind die Exporte sogar um rund 10 Prozent auf 3.6 Milliarden Franken im Jahr 2021 gestiegen. Der Wechselkursnachteil hat die Betriebe gezwungen, produktiver zu werden. Und das ist ihnen auch gelungen, wie der seit 2012 um 15 Prozent auf über 500'000 Franken gestiegene Umsatz pro Kopf eindrücklich belegt.

Gewiss, allgemeine Betrachtungen dieser Art sind immer auch mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. So kann es statistische Verzerrungen durch die Leistungen einzelner Grossunternehmen geben, die mit ihrem Produkten über eine besondere Exportstärke und Preissetzungsmacht verfügen. Doch gerade in der Kunststoffbranche bilden typische Klein- und Mittelbetriebe die dominierende Kraft. Rund zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiten in Unternehmen mit höchsten 250 Mitarbeitenden.

Spezialisierung als einzige Chance

Offensichtlich gelingt es seit vielen Jahren auch vielen dieser kleineren Betriebe erstaunlich gut, mit dem teuren Franken zu leben. Was für die Kunststoffbranche gilt ist auch ein generelles Phänomen. Tatsächlich haben die Exporte der Schweizer Industrie seit der Einführung des Euro um gegen 50 Prozent zugenommen, bei einem ungefähr gleich schnellen Anstieg des handelsgewichteten Frankenkurses.

Die Erklärung für dieses Phänomens ist die Spezialisierung. Der Grad der Spezialisierung einer Volkswirtschaft lässt sich ziemlich genau ausmessen, indem man die Exportleistung einzelner Branchen international vergleicht. Die Methode dafür hat der ungarisch-amerikanische Ökonom Bela Balassa schon vor über 50 Jahren erfunden. Sein Konzept des «Reveald Comparative Advantage» (RCA) ist bis heute im Gebrauch. Der RCA-Index zeigt, in welchen Branchen oder Produktbereichen ein Land über relative oder eben komparative Vorteile verfügt.

So profitiert Familie Schweizer auf Europareise
Die Familie Schweizer bekommt ihren Big Mac in Europa zum halben Preis. Und so erleichtert der Franken das Ferienbudget: Der Mac-Donalds-Klassiker kostet in unseren Nachbarländern im Durchschnitt 4,42 Euro, in der Schweiz 6,50 Franken. Der implizierte Wechselkurs beträgt 1,47 Franken für einen Euro.

Ökonomen sprechen bei einem solchen Kurs von «Kaufkraftparität». Hinter dem Konzept verbirgt sich die Annahme, dass Preisunterschiede bei einem identischen Produkt über den Wechselkurs ausgeglichen werden. Das Austauschverhältnis von 1,47 wird in der Ökonomensprache auch als «fairer Wert» des Frankens bezeichnet.

Dieser entspricht aber nicht der Realität. Tatsächlich kostet ein Franken inzwischen etwas mehr als ein Euro. Damit ist der Franken zum Euro um nahezu 50 Prozent überbewertet. Was für Schweizer Exportfirmen ein grosses Problem sein kann, ist für Familie Schweizer ein erheblicher Vorteil. Im Vergleich zu unseren Nachbarn geniessen die Eidgenossen auf Europareise den Big Mac zum halben Preis.

Der «Big-Mac-Index» der britischen Zeitschrift «The Economist» ist ein beliebtes Instrument zur Darstellung von wechselkursbedingten Verzerrungen im internationalen Handel. Das Beispiel ist selbstredend nicht tel quel auf alle Produkte anwendbar. Das Prinzip hat aber allgemeine Gültigkeit.

Schweizer Unternehmen verkaufen Lösungen statt Werkstoffe

Nicht viele Länder haben die Spezialisierung in den vergangenen Jahrzehnten so weit vorangetrieben wie die Schweiz. So hat sich die Anzahl wichtiger Produktklassen, bei denen sich die Schweiz im Vergleich zur restlichen Welt in einer besseren Position befindet, zwischen 1995 und 2019 von 80 auf nur mehr 40 Güterklassen halbiert. Abgestiegen sind zum Beispiel diverse Textilerzeugnisse, Aluminiumprodukte, aber auch Kunststofffabrikate.

Überlebt haben in diesen Branchen nur Betriebe, denen es gelungen ist, durch Spezialisierung und Kundenorientierung eine Preissetzungsmacht zu erarbeiten. Erfolgreiche Schweizer Kunststoffverarbeiter verkaufen im internationalen Markt deshalb längst nicht mehr primär den verarbeiteten Werkstoff, sondern vielmehr kundenspezifische Lösungen in ausgewählten Nischen. Diese Art der Spezialisierung hat der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten beträchtliche Wohlstandsgewinne gebracht. Die Kehrseite ist allerdings, dass das Land damit anfälliger für schockartige Veränderungen in der Weltwirtschaft geworden ist. Eine Alternative dazu hat es jedoch nie gegeben. (aargauerzeitung.ch)

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7 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bibilieli
07.07.2022 06:59registriert September 2014
Spannender Artikel - auch wenn mir nach dem Lesen nicht ganz klar ist, was die Touristen im Titel zu suchen haben :) Das zeigt einmal mehr auf, wie agil und wiederstandsfähig die meisten Schweizer KMU sind. Das hat meines Erachtens auch viel mit der Schlankheit des Staates und dem sehr gut funktionierenden dualen Ausbildungssystem zu tun. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Schweizer Industrie auch in diesen verrückten Zeiten so stabil darsteht und sie die Inflation im Vergleich zum Euroraum oder der USA im Rahmen hält.
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