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Yonnihof

Duzis

Überlegungen zu Nähe und Distanz.
17.06.2015, 12:5618.06.2015, 14:27

Kürzlich kommentierte jemand einen meiner Beiträge auf Facebook. Als ich nicht genau wusste, was er meinte, fragte ich: «Wie meinsch das?» Da war der Gute zu Tode beleidigt, bezichtigte mich, mit dem Rennauto durch die Kinderstube gedüst und sowieso einfach über alle Massen respektlos zu sein. Und das ist keine Übertreibung. 

«Was fällt Ihnen ein, mich hier einfach zu duzen?!», fragte der Mann, der seinem Profilbild gemäss in etwa in meinem Alter war. 

Für einen Moment hinterfragte ich tatsächlich die Art, wie ich ihn angesprochen hatte, erinnerte mich dann aber wieder, dass wir ja auf Facebook waren – auf einer Page, die von einem virtuellen, sprechenden Pony geführt wird. 

Grundsätzlich jedoch, das gebe ich zu, bin ich ein Fan vom Siezen. Natürlich nicht immer und überall, aber ich finde es schön, wenn man den Verlauf einer Beziehung auch am Sprachgebrauch erkennen kann. Mir gefällt es, wenn man sich das Du anbietet, wenn man sich etwas besser kennt, und das gemeinsam bei einem Glas Wein zelebriert. Und ich finde es auch völlig in Ordnung, wenn man den Chef siezt. Oder das Verkaufspersonal in einem Laden. 

Ich weiss, das finden einige nun altbacken. Viele meiner Freunde halten das Siezen für einen längst überholten Brauch, den man in ihren Augen auch gut weglassen könnte. Im Englischen funktioniert's ja auch ohne. Und es stört mich auch nicht, wenn mich jemand duzt – ich selber lege einfach oft erst einmal mit einem Sie vor und schaue dann, was passiert.  

Ich glaube, ich habe eine gewisse Freude an diesem sprachlichen Usus, weil ich manchmal das Gefühl bekomme, die Welt habe an Distanz abgegeben. Beziehungsweise, die Menschen hätten das Gefühl für persönlichen Abstand verloren. Das fängt rein physisch damit an, dass es Leute gibt, die einfach zu nahe an einen ranstehen beim Reden. Kennen Sie das? Wenn man das Gefühl bekommt, 20 cm weiter weg würde die Konversation noch genauso funktionieren – ganz abgesehen vom Spuckschutz? 

Aber auch zwischenmenschlich ist die Achtung für persönlichen Raum irgendwie verloren gegangen. Man mischt sich gerne in Dinge ein, die einen nun wirklich nichts angehen. So erhalte ich zum Beispiel immer wieder Messages von wildfremden oder kaum bekannten Facebook-Userinnen, die komplett unvermittelt Dinge fragen wie: «Häsch eich en Fründ?» Und man hält das für völlig legitim. 

Erklären würde ich mir das mit der Abstandslosigkeit der sozial-medialen Welt. Man ist immer nur einen Klick entfernt. Man bekommt Einblicke ins Leben anderer und fühlt sich ihnen näher, als man es wohl in Wirklichkeit ist. Wenn ich Sandra schon ständig im Bikini auf Kho Samui rumrennen sehe, dann kann ich sie ja auch fragen, ob und mit wem sie gerade Sex hat. Wenn Marco schon im Nachtleben arbeitet, kann ich ihn ja auch bitten, mich und meine zwei Freunde auf diverse Gästelisten zu setzen. Auch wenn ich weder Sandra noch Marco mehr als zweimal gesehen habe. 

Ich bin ein grosser Fan von Social Media, ich glaube, sie verbinden uns und in Massen benutzt sind sie Gold wert. Und doch fällt mir immer wieder auf, wie sie nur eine verzerrte Version der Realität widerspiegeln und wie sie – wie oben erwähnt – kaum mehr Distanz zulassen. Und ich denke, dass wir diese Distanzlosigkeit teilweise in den Alltag hinaustragen. 

Nun könnte man sagen: Ist doch schön! Man ist sich nah. Nähe ist etwas Wunderbares. Und das stimmt. Nur soll Nähe doch auch etwas Exklusives sein und bleiben. 

Ich will nicht mit Kreti und Pleti BFF sein. Ich will nicht, dass Leute, die mich kaum kennen, mich auf der Strasse nach psychologischem Rat fragen, weil auf Facebook steht, dass ich Psychologin bin. «Dann schreib halt nicht auf Facebook, dass du Psychologin bist», könnte man nun anmerken. Und genau DA komme ich zurück zum Gespür für Abstand: Ich will von den Leuten erwarten können, dass sie wissen, was ich beruflich mache, jedoch den Status unserer Beziehung (nämlich einen praktisch inexistenten) soweit richtig zu interpretieren imstande sind, um zu verstehen, dass ich keine Gratisanlaufstelle bin. Das bin ich für meine Freunde. Immer und jederzeit. Und das wissen sie alle. 

Und genau darin liegt doch die Schönheit von Nähe: Dass man sie nur mit gewissen Menschen teilt, dass sie exklusiv ist, dass man sie sich gemeinsam erarbeitet hat, mit einer Geschichte, die über einen Facebook-Request hinausgeht. 

Für diese Art der Verbindung und für die Wahrung von Distanz wünsche ich mir wieder mehr Wertschätzung.

Chunsch druus? 

Ahnei sorry: Verstehen Sie?

Yonni Meyer
Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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