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Der Berner Andre Heim im dritten Eishockey Playoff Viertelfinalspiel der National League zwischen dem EV Zug und dem SC Bern in Zug am Samstag, 17. April 2021.(PostFinance/KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Berner Andre Heim konnte die Niederlage auch nicht verhindern. Bild: keystone

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Brave Berner kommen in den Himmel, böse überall hin – sogar in den Halbfinal

Zug gelingt das perfekte Spiel, gewinnt 3:0 und führt im Viertelfinal gegen den SCB 2:1. Im Rückblick könnte sich zeigen, dass diese Partie für die Zuger die wichtigste der ganzen Saison war.



Zwei Fragen waren zu beantworten: Erstens: wie stark hat der SCB den himmelhohen Favoriten in den zwei ersten Partien erschüttert? Zweitens: Hat Zug am Ende doch nicht meisterliche Härte?

Die Antworten nach dieser dritten Viertelfinal-Partie: die Zuger sind nicht in den Grundfesten erschüttert und sie zeigten meisterliche Härte. Oder zumindest meisterliche Gelassenheit.

Nach einer alten Theorie ist ein 3:0 das perfekte Resultat im Eishockey: Wer geduldig bleibt, sorgsam darauf achtet, dass kein Tor kassiert wird, gewinnt sozusagen automatisch 3:0. Ein Tor gelingt durch eigene Stärke, ein weiteres wird durch Fehler des Gegners fallen und ein drittes, weil es eben ein unberechenbares Spiel ist. Tatsächlich ist Zug in der heikelsten Phase der ganzen Saison ein perfektes Spiel gelungen.

Vorwitzige SCB-Fans bringen beim Stadion ein Spruchband an: «Zug ist nervös». Die Zuger Fans entfernen es umgehend.

Die Highlights des Spiels:

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Video: YouTube/MySports

Aber das Spruchband bringt es auf den Punkt: nach der 2:6-Pleite in Bern (und dem 1:1-Ausgleich in der Serie) sind in Zug da und dort die Dämonen des Zweifels aus dem Schatten der Vergangenheit aufgetaucht. Eine zweite Niederlage kann sich Zug einfach nicht leisten. Sonst werden aus den Dämonen Monster.

Aber im Gegenzug verliert der SCB die Leichtigkeit des Aussenseiters: auf einmal haben auch die Berner etwas zu verlieren: eine unerwartet gute Ausgangslage. Sie sehen am Horizont den Regenbogen der Sensation. Ja, der grössten Sensation in der Playoffgeschichte: Erstmals könnte der 9. der Qualifikation den Qualifikationssieger aus dem Wettbewerb kippen. Können sie mit einem Sieg in der dritten Partie dem Regenbogen näherkommen?

Sie können nicht. Es ist, als ob sie innehalten, zurückblicken und auf einmal realisieren, wie weit sie nach turbulenten, meist ehrlosen Monaten nun doch noch gekommen, wie hoch sie unverhofft gestiegen sind – und erschrocken stehen bleiben.

Der Albtraum für jeden Aussenseiter wird wahr: Er kann die Früchte des gegnerischen Zornes nicht ernten. Das Spiel läuft, ja plätschert in geordneten Bahnen. Kaum Emotionen. Keine Auflösung der taktischen Ordnung. Kein wildes Spektakel. Der Favorit kontrolliert das Geschehen zu Wasser, zu Land und in der Luft.

Der Zuger  Yannick Zehnder, rechts, gegen den Berner Thomas Thiry, links, im dritten Eishockey Playoff Viertelfinalspiel der National League zwischen dem EV Zug und dem SC Bern in Zug am Samstag, 17. April 2021.(KEYSTONE/Walter Bieri)

Der Zuger Yannick Zehnder, rechts, gegen den Berner Thomas Thiry, links. Bild: keystone

Wenn ein normales Zug auf einen normalen SCB trifft und das Spiel ein normales wird, dann ist das Resultat klar: Der haushohe Favorit gewinnt, der in der Qualifikation 63 Punkte mehr geholt und in 46 von 52 Partien gepunktet hat.

Ein normaler SCB ist gegen ein normales Zug in einem normalen Spiel chancenlos. Das Spiel läuft in so normalen Bahnen, dass der neutrale Beobachter vergeblich darauf wartet, dass endlich etwas passiert. Dass der SCB etwas unternimmt. Dass die Titanen Simon Moser und Tristan Scherwey ein Rumpel-Zeichen setzen.

Am Ende bleibt das Gefühl, das Spiel habe eigentlich gar nicht stattgefunden.

Die Statistik zeigt uns diese Normalität und die kluge Zurückhaltung der Zuger, um ja den Gegner, der so böse sein kann nicht aufzuwecken:

Manchmal ist eben weniger mehr.

Letztlich ist es eine meisterliche Reaktion der Zuger: Sie sind dazu in der Lage, nach der wilden ersten Partie und der ganz aus den Fugen geratenen zweiten in Bern die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Sie kehren zurück zur Ordnung, zum unspektakulären Mannschaftspiel. Sie lassen mit ihrer technischen Überlegenheit den Puck für sich arbeiten. Sie vermeiden sorgsam alles, was zum Aufflammen von Emotionen führen könnte.

Zugs Trainer Dan Tangnes mag zwar nicht von einem perfekten Spiel sprechen. Aber er sagt immerhin: «Ich habe ein gutes Spiel meines Teams gesehen. Wir sind im Gegensatz zum zweiten Spiel in Bern als Mannschaft aufgetreten und es freut mich, dass wir Leonardo Genoni einen Shutout ermöglicht haben.»

Der Ausfall von Verteidigungsminister Raphael Diaz fällt dank dieser Rückkehr zur Ordnung und zur Gelassenheit nicht mehr ins Gewicht. Santeri Alatalo kann in seinen Schuhen stehen und ihn ersetzen. Er bleibt zwar ohne Skorerpunkt. Aber wichtiger: er beendet die Partie mit einer 3:0-Bilanz und mit 24:17 Minuten schultert er am meisten Eiszeit von allen Spielern (auch den gegnerischen), die in diesem Spiel eingesetzt worden sind.

Mit Sinn für etwas Theatralik erkennen wir im Rückblick einen frühen Schlüsselmoment: Nach drei Minuten und sechs Sekunden rumpelt Berns Verteidiger Miro Zryd Zugs Stürmer Yannick Zehnder in die Bande.

Es ist kein heftiger, durchschüttelnder Check. Trotzdem bricht das Plexiglas auf der Höhe des Zeitnehmerhäuschens und muss ausgewechselt werden. Die Reparaturarbeiten dauern eine gute Viertelstunde. Mit dem Plexiglas ist auch das Selbstvertrauen der Zuger repariert.

Die Berner haben nichts falsch gemacht. Sie wollten konzentriert und diszipliniert ihre Chance nützen – und waren zu diszipliniert. Und ihre Schlüsselspieler zu brav. Simon Moser (-1), Tristan Scherwey (-2) sowie die beiden ausländischen Stürmer Dustin Jefffrey (-2) und Cory Conacher (-2) müssen mit Minus-Bilanzen vom Eis.

Die Berner haben eben nur eine Chance, wenn sie mutiger, härter, wilder und frecher spielen. Wenn ihre Leitwölfe bissig sind. So wie im ersten und im zweiten Spiel. Brave Berner kommen in den Himmel, aber nur böse überall hin, sogar in den Halbfinal.

Wie brav die Berner und wie selbstsicher die Zuger in dieser dritten Partie waren, mag eine einzige Szene illustrieren: der flinke Zwerg Lino Martschini (168 cm, 66 kg) behauptet sich im Powerplay vor dem SCB-Tor und lenkt den Puck zum entscheidenden 2:0 ins Netz. Zu den besten Bildern unseres Eishockeys gehört ein Zuger Jubel über ein Tor von Lino Martschini: Riesen in ritterähnlichen Ausrüstungen umringen einen gepanzerten Zauber-Zwerg wie in einem Mittelalter-Spektakel.

Sag mir, ob sich Lino Martschini im Infight vor dem SCB-Kasten zu behaupten vermag und ich sage dir, wie es um den SCB und die Zuger steht.

Das alles ist eine Momentaufnahme nach dem normalen dritten Spiel.

Aber zwei normale Spiele hintereinander sind in Zeiten der Playoffs so selten wie zwei Lottosechser nacheinander.

P.S. Der schwedische Stürmer Jesper Olofsson ist nach einem Check von Claudio Cadonau (kein Foul) ausgefallen. Verdacht auf Gehirnerschütterung. Ist er bis am Montag nicht wieder parat, wird er durch Langenthals sanften finnischen Riesen Eero Elo ersetzt.

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