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http://www.humanitas.nl/over-humanitas/about-humanitas

Die Projektleiterin Sijpkes: «Wenn du 96 bist und dein Knie schmerzt, dann gibt es keine Hoffnung mehr, dass das irgendwann besser wird. Aber man kann eine Umgebung schaffen, in der der Schmerz ein bisschen vergessen werden kann.» bild: humanitas

Eine niederländische Stadt lässt Studenten gratis im Altersheim wohnen – auch in der Schweiz will man so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen

In der niederländischen Stadt Deventer dürfen Studenten gratis in einem Altersheim wohnen – sie müssen den Senioren dafür einfach im Alltag unter die Arme greifen. In der Schweiz gibt es das Projekt «Hilfe für Wohnen», das dieselbe Idee aufnimmt: Der studentischen Wohnungsnot und der Einsamkeit der Senioren den Garaus machen.



Die niederländische Wohlfahrtsorganisation Humanitas hat ein wunderbares Projekt lanciert: Sechs Studenten, von der Wohnungsnot und den damit verbundenen steigenden Preisen erdrückt, finden im Altersheim von Deventer einen Platz. Und zwar gratis. Sie müssen einfach mindestens 30 Stunden im Monat mit den 160 Senioren verbringen. Kochen, mit oder für sie einkaufen oder ihnen beibringen, wie man einen Computer bedient oder mit ihnen Bingo spielen.

http://www.humanitas.nl/over-humanitas/about-humanitas

Computerkurs im Altersheim Deventer. Bild: humanitas

Gea Sijpkes, die Leiterin des Projekts, wollte «das wärmste und netteste Haus» aufbauen, sagt sie gegenüber ABC. «Alle älteren Menschen sollen da unbedingt einziehen wollen! Wie aber ist diese Idee umsetzbar?», hat sich die Frau gefragt. Angestellte würden viel kosten, fährt Sijpkes fort, 

«wenn du das aber mit Studenten umsetzt, dann wird ihre soziale Investition gegen die Einsamkeit der Senioren eingesetzt. Das ist die Idee.»

Eigentlich sei er einfach nur ein guter Nachbar für den 72 Jahre alten Senior, mit dem er den Gang teilt, sagt der 19-jährige Student Jurriën. Wenn er von der Uni kommt, besucht er ihn für eine Stunde. 

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Jurriën mit zwei seiner Mitbewohnerinnen. Bild: humanitas

Jurriën liebt es, im Altersheim zu wohnen. Aber natürlich gebe es auch die dunkle Seite. «Menschen sterben», sagt er. «Meine Nachbarin ist direkt vor meinen Augen gestorben.» Dennoch haben die jungen Menschen einen sehr lebendigen Einfluss auf die älteren Herrschaften: «Sie interessieren sich für die Leben der Studenten. Sie wollen wissen, ob sie einen Freund oder eine Freundin haben, ob sie dort übernachten und solche Dinge halt», lacht die Leiterin und fährt fort:

«Die Gespräche sind anders, als wenn sie nur untereinander reden. Dann geht es nur um Krankheit und darum, wer gestorben ist.» 

«Wohnen für Hilfe» in der Schweiz: Generationenübergreifende Wohngemeinschaften

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Jung trifft auf alt. bild: getty images

Ein ähnliches Modell gibt es seit 2009 auch in der Schweiz. Es nennt sich «Wohnen für Hilfe» und ist erstmals in deutschen Universitäts-Städten entstanden. Auch hier war der Grund die Wohnungsknappheit: Während Studenten sich verzweifelt in ellenlange Warteschlangen einreihen, um einen Blick auf eine Wohnung zu erhaschen, die sie sowieso nicht bekommen, vereinsamen viele ältere Menschen in ihren geräumigen Wohnungen. Führt man sie zusammen, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. 

In Zürich betreut Pro Senectute die Vermittlung von Studenten und Senioren. Dabei gilt für die Studenten die Faustregel: eine Stunde Hilfe pro Monat für einen Quadratmeter Wohnraum. 

Für die jungen Leute:

Kannst du dir vorstellen, mit einem Senioren zusammenzuwohnen?

Für die, die eher in Richtung Pension gehen:

Kannst du dir vorstellen, mit einem Studenten zusammenzuwohnen?

Rolf Krebser, der Sprecher von Pro Senectute Zürich, erzählt watson, dass das Verhältnis zwischen Senioren und Studenten, die sich bei ihnen für eine generationenübergreifende Wohngemeinschaft bewerben, etwa bei 1:5 liegt. Das liege vor allem am hohen Druck, denen die Studenten ausgesetzt sind: Sie sind darauf angewiesen, eine Bleibe zu finden, vor allem wenn sie zum Studium in eine andere Stadt ziehen. Die älteren Kandidaten hingegen würden sich auch sehr genau überlegen, ob sie sich einen jungen Menschen ins Haus holen wollen. Viele von ihnen würden bereits jahrelang alleine leben und darum fiele ihnen die Vorstellung oftmals schwer, plötzlich einen Teil ihrer Privatsphäre aufgeben zu müssen. 

Das Auswahlverfahren läuft folgendermassen:

http://zh.pro-senectute.ch/de/unserangebot/anderedienstleistungen/vermittlungvonwohnpartnerschaften/wohnenfuerhilfe.htm

Den ganzen Fragebogen und ausführliche Informationen findest du hier.

Krebs betont, dass es dabei sehr auf die «Chemie» ankäme. Wenn diese stimme, dann würden diese WGs ganz wunderbar funktionieren. 

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Vielleicht ist das bald die Zukunft der Altersheime.  bild: imgur, BEARBEITUNG: WATSON

Ein Haus der Generationen in Genf

Das Altersheim ist bis anhin für Studenten in der Schweiz keine Wohn-Option wie Monika Weder von Curaviva verrät. Einzig in Genf gäbe es ein Projekt, das diesem nahe komme: Das neue Priorat («le Nouveau Prieuré») in der Gemeinde Chêne-Bougeries gelegen, ist seit 2011 im Bau und wird im Frühling 2016 144 Senioren und 24 Menschen mit Mehrfachbehinderungen beherbergen, 60 Kinder kriegen einen Kindergartenplatz und 24 junge Studenten eine Wohnung. Generationenübergreifendes Wohnen, wo das Teilen und Helfen im Vordergrund steht. 

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