Terrorismus
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Zwei Tote bei Razzia

Syrien-Rückkehrer planten Attentate auf belgische Polizeistationen



Rund eine Woche nach den Anschlägen von Paris sind bei einem Anti-Terror-Einsatz im Osten Belgiens zwei mutmasslich radikale Islamisten von der Polizei erschossen worden. Nach Angaben der belgischen Staatsanwaltschaft haben sie Anschläge im grossen Stil geplant.

Eine dritte Person sei bei dem Einsatz in der Kleinstadt Vervier etwa 25 Kilometer von der deutschen Stadt Aachen entfernt festgenommen worden, erklärte der Sprecher der belgischen Bundesstaatsanwaltschaft.

Mutmasslicher Terrorist in Deutschland festgenommen

Auch in Deutschland sind die Behörden nach den Anschlägen von Paris besonders wachsam. Am Donnerstag nahmen Beamte des Landeskriminalamts Niedersachsen einen 26-Jährigen mit deutscher und tunesischer Staatsbürgerschaft vorläufig fest, wie die Generalbundesanwaltschaft mitteilte. Er sei mutmassliches Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung und werde verdächtigt, in Syrien eine Kampfausbildung für Islamisten durchlaufen zu haben. Anhaltspunkte für konkrete Anschlagspläne oder -vorbereitungen lägen jedoch nicht vor. (sda/reu/dpa)

Ein Dutzend Razzien

Im ganzen Land habe es rund ein Dutzend Razzien im Zusammenhang mit den mutmasslichen Anschlagsplänen auf belgische Polizeistationen gegeben. Bisher sei keine direkte Verbindung zu den Terroranschlägen auf die Satire-Zeitung «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt in Paris erkennbar, sagte der Sprecher weiter.

Die Aktion habe «schwere Anschläge in Belgien verhindert». Die Intervention habe schnell erfolgen müssen; es habe sich um eine Frage von Stunden gehandelt. Vorgesehene Ziele für die Attentate im grossen Stil seien Polizeibeamte und Polizeigebäude gewesen.

Ermittlungen begannen vor Anschlägen in Paris

Von der mutmasslichen belgischen Gruppe seien mehrere Personen aus dem syrischen Bürgerkrieg zurückgekehrt. Die Ermittlungen gegen sie hätten bereits vor den Anschlägen von Paris begonnen. Die Männer seien seit Wochen observiert worden. 

Es gebe vorläufig keinen Hinweis darauf, dass die Geschehnisse in Verviers mit den Anschlägen in Paris zu tun haben, teilte die Bundesstaatsanwaltschaft weiter mit. 

Kriegswaffen gegen Polizisten

Die mutmasslichen Terroristen schossen mit militärischen Waffen auf die Beamten. Seines Wissens seien in Belgien noch nie Kriegswaffen von Terrorgruppen gegen die Polizei eingesetzt worden, sagte ein Sicherheitsexperte, Professor Brice De Ruyver von der Universität Gent, dem Online-Portal HLN.be. Weder die «Cellules Combatantes Communistes» (CCC) noch die kurdische PKK hätten jemals solche Waffen gegen staatliche Sicherheitskräfte eingesetzt. 

Schiesserei bei Hausdurchsuchung

Um 17.45 habe die Polizei die Wohnung der Verdächtigen über einer Bäckerei im Zentrum von Vervier gestürmt, um eine Hausdurchsuchung auszuführen, berichtete das belgische Online-Portal HLN.be. «Die Verdächtigen haben sofort mit militärischen Waffen und für mehrere Minuten das Feuer auf das Sonderkommando der Polizei eröffnet, bevor sie neutralisiert wurden», sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Eric Van der Sypt.

Lokale Medien hatten von Schüssen und mehreren Explosionen berichtet, die in Verviers auf einer Strasse in der Nähe des Bahnhofs zu hören gewesen seien.

Waffenlieferant von Paris-Attentäter

Zuvor hatte der Staatsanwalt mitgeteilt, dass ein Mann in Belgien festgenommen worden sei, der Waffen für Amedy Coulibaly, einen der Attentäter von Paris, besorgt haben soll. Coulibaly hatte in einem jüdischen Supermarkt mehrere Geiseln genommen und dann vier Menschen erschossen, bevor er von der Polizei getötet wurde.

Landesweite Razzia gegen Syrienrückkehrer

Die Polizeiaktion in Verviers fand im Rahmen einer grossangelegten Operation gegen belgische Syrienkämpfer statt. Mehrere Hausdurchsuchungen wurden auch in den Arrondissementen Brüssel und Halle-Vilvoorde durchgeführt.

Die Terrorwarnstufe in Belgien wurde von Stufe zwei auf drei (von vier) angehoben.  

Dschihadisten-Camp

In der Nähe von Verviers, in Jalhay, befand sich ein Trainings-Lager einer dschihadistischen Gruppe. Dort wurden künftige Syrien-Kämpfer vom niederländischen Islamisten Abu Mussa auf ihren Einsatz in Syrien vorbereitet, berichtet Nieuwsblad.be. Abu Mussa hatte Verbindungen mit der radikal-islamistischen belgischen Gruppe Sharia4Belgium. 

Teil einer internationalen Polizeiaktion?

Laut «VTM Nieuws» sollen die Anti-Terroraktionen in Belgien Teil einer internationalen Operation gewesen sein. Sicherheitskräfte seien in sieben verschiedenen Ländern – darunter auch dem Jemen – gegen mutmassliche Terroristen vorgegangen. Nur in Belgien habe es dabei Tote gegeben. 

Die Staatsanwaltschaft bestätigte dies nicht. Sie gab mit Hinweis auf laufende Ermittlungen keine weiteren Details bekannt, kündigte aber eine weitere Pressekonferenz für Freitag 11 Uhr an. 

100 zurückgekehrte Syrienkämpfer

In Belgien soll es es eine signifikante Zunahme von Aktivitäten radikaler Islamisten gegeben haben. Nach Angaben der belgischen Behörden sind rund 100 islamistische Kämpfer aus Syrien zurückgekehrt, 170 weitere kämpfen noch in Syrien und dem Irak, wo die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat aktiv ist.

Dutzende vor Gericht

In Antwerpen stehen derzeit 46 Personen vor Gericht, die junge Männer für den Kampf auf der Seite der Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg angeworben haben sollen oder selbst dorthin reisen wollten. Der Prozess ist der bisher grösste gegen mutmassliche Dschihadisten in Belgien. Das Urteil sollte diese Woche gefällt werden, wurde jedoch um einen Monat verschoben.

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Pressekonferenz der belgischen Bundesstaatsanwaltschaft. Video: Youtube/Dig Gamerzz

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Kommentar

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