Interview
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Nach düsteren Zeiten meldet sich Jeans for Jesus mit ihrem neuen Album «19xx_2xxx_» zurück. bild: zvg

Interview

«Für uns war dieses Album eine Befreiung» – So klingt die neue Musik von Jeans for Jesus

Die Berner Band Jeans for Jesus veröffentlicht heute ihr drittes Album «19xx_2xxx_». Es ist emotionaler, leichter und direkter. Für die vier Musiker war es ein Befreiungsschlag – denn ihr letztes Album hat sie beinahe kaputt gemacht. Die Sänger und Texter der Band Michael Egger (31) und Demian Jakob (31) im Interview.



Ihr begrüsst mich im breiten Berndeutsch, sitzt aber hier im Atelier mitten in Zürich, eurer Wahlheimat. Ist dieser Wegzug als Berner Band nicht eine Sünde?
Michael Egger: Tatsächlich nahmen es mir ein paar Berner übel, als ich vor fünf Jahren weggezogen bin. Als Berner Künstler gehört man zum Inventar der Stadt. Bei dieser Aufmerksamkeit fühle ich mich oft unwohl, ich schätze dann die Anonymität in Zürich. Ausserdem kann ich hier besser an neuen Texten arbeiten.

Warum?
In Bern ist jeder Pflasterstein, jede Ecke, jeder Ort schon mit zig Erinnerungen an einen Moment in meinem Leben besetzt. Mir fällt es leichter, an neuen Orten Inspiration für die Musik zu finden.

«Wir haben uns von der Erwartungshaltung der Medien kaputt machen lassen.»

Michael Egger

Euer letztes Album «P R O» wurde von allen Seiten gelobt. Der «Tages-Anzeiger» schrieb, dass es das beste und bedeutendste Album im Berner Mundartpop seit Mitte der 90er-Jahre sei. War es schwierig, euch nach diesem Erfolg an ein neues Werk zu setzen?
Demian Jakob: Eben genau nicht. Wir haben uns bei «P R O» so einen grossen Stress gemacht und wollten uns unbedingt beweisen.

Egger: Wir hatten bei «P R O» das Gefühl, das erste Album überbieten zu müssen, und haben uns von der Erwartungshaltung der Medien auch ein wenig kaputt machen lassen. Wir haben uns überarbeitet. Irgendwann fragten wir uns, warum wir das überhaupt alles machen.

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Die beiden Sänger und Texter Michael Egger (31) und Demian Jakob (31) der Berner Pop-Band Jeans for Jesus kehrten für das neue Album zu ihren Wurzeln zurück. bild: watson

Was habt ihr jetzt anders gemacht?
Jakob: Nach «P R O» wollten wir etwas machen, was uns allen gefällt. Nicht etwas, was beweist, was wir alles können und wie wir den anderen gefallen können. Dieses Mal haben wir intuitiver und emotionaler gearbeitet. Wir sind anderen Fährten gefolgt und haben weniger Architektur betrieben.

Wie meinst du das?
Egger: Wir merkten, dass wir uns bei den Texten von «P R O» viel zu ernst nahmen. Es war so erleichternd, zu wissen, dass es nicht immer zwei Metaebenen und 15 Referenzen braucht, damit ein Text gut ist. Die jetzigen Songs, wie zum Beispiel «Merci» oder «Liechter», erzählen einfache Geschichten aus unserem Leben. Uns wurde klar: Wenn du den Leuten zeigen willst, wie gescheit du bist, dann schreib ein Essay, nicht Musik.

Das klingt befreiend.
Egger: «19xx_2xxx_» war für uns tatsächlich eine Art Befreiung. Wir haben versucht, einfachere Songs zu schreiben – solche, die wir uns vorher nie getraut hätten zu schreiben. Die Stücke sind direkt, ehrlich und unironisch. Davor hatte ich bisher Respekt. Ich war immer einer, der seine Unsicherheiten mit Witz überspielt hat, und ich wusste, dass wir nun unsere wichtigste Basis, die Ironie, abgeben.

«Es braucht nicht immer zwei Metaebenen und 15 Referenzen. Wenn du den Leuten zeigen willst, wie gescheit du bist, dann schreib ein Essay, nicht Musik.»

Michael Egger

Auf der Single «2000&irgendwo» singt ihr «Mir chöi nid los, mir wei nid zrügg, i wot ad Gränzä vom Iz» und auch in anderen Songs beschäftigt ihr euch mit den Zeiten. Warum hat euch dieses Thema verfolgt?
Egger: Wir haben uns damit beschäftigt, warum viele Popsongs die Jugend so glorifizieren. Wir haben auf dem letzten Album den Song «17» von Youth Lagoon gecovert und fragten uns: Sagen wir damit nicht immer, dass es früher besser war? War es früher wirklich besser? Ich persönlich befand mich während der Arbeit am neuen Album in einer Selbstfindungsphase. Das Leben war für mich während den letzten Jahren ein grosser Rush und ich fragte mich, was dazwischen alles passiert ist. Wir wollten nicht ein Lied schreiben, das davon handelt, wie toll früher alles war. Sondern zum Ausdruck bringen, dass es im Jetzt ziemlich cool ist.

Jakob: Oder eben in der Zukunft. Nostalgie ist nicht per se schlecht. Aber wenn es die Leute dazu bringt, nur in der Vergangenheit zu schwelgen und nicht an die Zukunft zu glauben, engt das ein. Man muss an Alternativen glauben, Sachen wieder ausprobieren und die Gedanken in die Zukunft richten.

Das Video zu «2000&irgendwo»:

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Video: YouTube/JeansForJesusVEVO

Mit «babyboomsuperstar» trefft ihr den Nerv der Zeit – habt ihr den OK-Boomer-Konflikt vorausgesehen?
Egger: Tatsächlich gingen die OK-Boomer-Videos, kurz nachdem wir den Song veröffentlicht hatten, viral – das war reiner Zufall. Wir interessierten uns schon länger für diesen Generationen-Unterschied. Als der Song vor zwei Jahren entstanden ist, lebten Demian und ich auf engem Raum, er in China und ich in einer Zwischennutzung. Dabei blickten wir auf die Generation unserer Eltern und den Boomer-Lifestyle: Ein Haus in der Agglo, ein Auto, Reisen, soziale Sicherheit.

Jakob: Unsere Eltern haben uns stark beeinflusst. Wir wollten diesen Einfluss auch reflektieren. Und fragten uns, wie wir es verhindern können, dass wir ihre Fehler wiederholen, und wie wir das, was sie angefangen haben, weiterführen können.

«Dass sich Elon Musk als Business-Punk bezeichnet, ist das Schlimmste für jeden Punk. Es reicht ihnen nicht, dass sie Macht und Geld haben, sie wollen auch noch die Kultur.»

Demian Jakob

In einem Interview habt ihr mal gesagt: «Jeff Bezos meint, er sei ein Rockstar, und Elon Musk nennt sich Business-Punk, was ist los?» Was ist hier das Problem?
Egger: Früher waren Jim Morrison und Jimi Hendrix die grossen Rockstars ihrer Zeit. Heute nehmen andere Personen diese Rockstar-Rolle ein, wie Steve Jobs oder Mark Zuckerberg. Dass solche Hyperkapitalisten heute als Rockstars gefeiert werden, ist etwas, was mich sehr traurig macht, ich kann diesen Personenkult nicht verstehen.

Jakob: Dass sich Elon Musk als Business-Punk bezeichnet, ist das Schlimmste für jeden Punk. Es reicht ihnen nicht, dass sie Macht und Geld haben, sie wollen auch noch die Kultur.

Das Video zu den Songs «127.0.0.1–3»:

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Video: YouTube/JeansForJesusVEVO

Im Song «127.0.0.3» singt ihr: «Wo isch dr Wy för all die Wixxer wo meinä, sie müesse üs erlöse vo all dene scheiss Issues?» – an wen richtet sich das?
Egger: Unter anderem an die vorher Genannten. In unserer Zeit gilt es nur, aus unseren vermeintlichen Problemen Geld zu machen. Ein Beispiel: Die Taxis sind zu teuer, also gründete jemand Uber. Hotels sind teuer, viele Wohnungen stehen aber leer während den Ferien, also gründet jemand Airbnb. Menschen interagieren gerne miteinander, also werden soziale Netzwerke entwickelt. Es fühlt sich auf den ersten Blick an, als würden Probleme gelöst. Und deshalb werden die Gründer als Rockstars gefeiert. Dieses Denken, dass die Gesellschaft wie eine Software funktioniert und man nur die «Bugs» beheben muss, ist unheimlich.

«Der Swiss Music Award ist ein Spiegel der Schweizer Pop-Welt, die ziemlich ‹lame› ist.»

Michael Egger

Wenn wir schon bei den Rockstars sind: Demnächst werden die Schweizer Musik-Stars am Swiss Music Award ausgezeichnet. Werdet ihr daran teilnehmen?
Egger: Wir wurden zwar noch nie nominiert, aber einmal waren wir eingeladen und gingen hin. Für mich ist der Swiss Music Award aber nicht viel mehr als ein Spiegel der Schweizer Pop-Welt, die ziemlich «lame» ist.

Ich sehe, ihr seid dieser Gala gegenüber kritisch. Warum?
Egger: Schon als Kind habe ich die amerikanischen MTV Awards verfolgt. Ich erinnere mich gut, wie Oasis, Nirvana, Rage Against The Machine, aber auch Rapper wie Kanye West diese Show für Protest und Statements genutzt haben. An den Swiss Music Awards steht Roger Köppel mit einem Hardrock-Shirt neben den Musikern und keiner von ihnen wagt, etwas zu sagen – das finde ich sehr schwach.

Euch ist es also wichtig, dass man als Musiker auch politische Statements macht. Wie geht ihr mit den Reaktionen um?
Egger: Früher las ich oft die Kommentare bei Artikeln über uns. Dabei beobachtete ich, dass offenbar viele irritiert sind und sich von uns bedroht fühlen, weil wir für die einfach so unsportliche Loserdudes sind, die sich gegen Rassismus äussern. Noch vor vier Jahren hat mich das mega gestresst. Inzwischen komme ich voll klar damit, dass wir mit unserer Musik und Art provozieren und anecken. Darum geht's ja im Pop auch.

Das neue Album «19xx_2xxx_» von Jeans for Jesus ist ab heute, 24. Januar 2020, erhältlich.

Konzertdaten: Dachstock (Bern), Sa, 7. März 2020, Kaserne (Basel), Do, 2. April 2020, Exil (Zürich), Sa, 18. April 2020, Bleu Lézard (Lausanne), Do, 23. April 2020.

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