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Interview

«Die Israelis sind in den Augen vieler Palästinenser zu weit gegangen»

Der UN-Gesandte in Gaza beobachtet, wie moderate Palästinenser Sympathien für die Hamas entwickeln und die Ursache für den Konflikt in Ost-Jerusalem sehen.
16.05.2021, 08:44
Christian Vooren / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Matthias Schmale ist Direktor des Palästinenserhilfswerks der Vereinten Nationen in Gaza. Er lebt dort seit dreieinhalb Jahren und ist verantwortlich für die humanitäre Hilfe. Derzeit hält er sich in der Zentrale der UN in Gaza-Stadt auf, da das Gebäude als verhältnismässig sicher gilt.

Trotzdem seien bei einem Bombenangriff auf ein angrenzendes Gebiet zuletzt einige Bürogebäude und Teile der Mauer zerstört worden.

Matthias Schmale am 24. Februar 2021 in Gaza Stadt.
Matthias Schmale am 24. Februar 2021 in Gaza Stadt.
Bild: imago-images

Herr Schmale, Sie befinden sich derzeit im Auftrag der UN in Gaza. Dort hat die israelische Luftwaffe heute ein Hochhaus bombardiert, in dem auch internationale Medien wie die Nachrichtenagentur AP und Al-Dschasira ihren Sitz haben. Können Sie sich erklären, wieso?
Matthias Schmale:. Das Vorgehen der israelischen Armee verstehe ich zunehmend weniger. Mir ist nicht bekannt, dass das Haus mit der Hamas verbunden gewesen wäre. Von dort kommen zwar ab und zu mal sympathisierende Berichte über die Lage hier. Aber für die Verteidigung Israels dürfte das Haus keine Rolle spielen. Noch unverständlicher sind mir die zivilen Toten. Ich kann das als humanitärer Mitarbeiter der Uno nicht nachvollziehen, was damit erreicht werden soll. In den vergangenen fünf Tagen gab es 18 getötete Kinder.

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Normalerweise warnt das israelische Militär vor einem Luftschlag, es informiert darüber oder es wirft kleinere, kaum gefährliche Raketen auf Gebäude, die den Bewohnerinnen und Bewohnern signalisieren: Raus hier, in Kürze folgt ein grösserer Angriff. War das auch hier der Fall?
Wir wurden eine halbe Stunde vorher informiert, ja.​

Israel rechtfertigt die Angriffe als Vergeltung für die Raketenangriffe der Hamas.
Ich verstehe, dass es Vergeltung gibt für die insgesamt etwa 2000 von der Hamas abgefeuerten Raketen auf Israel. Das verstehen auch die meisten Menschen in Gaza. Was ich aber schon beobachte ist, dass moderate, die vorher sagten: Die Hamas hat den Gazastreifen in Grund und Boden gewirtschaftet, jetzt doch Sympathien für die Hamas entwickeln. Sie sympathisieren zwar nicht unbedingt mit der Gewalt, aber mit der Haltung. Nach dem Motto: Die Hamas tut wenigstens irgendetwas. Viele hier beziehen sich dabei auf die Vorgänge in Ost-Jerusalem und sehen dort die Ursache für den Konflikt. Die Israelis sind in den Augen vieler Palästinenser zu weit gegangen.

Inwiefern?
Es geht um palästinensische Identität und Geschichte. In Ost-Jerusalem wurden Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben, und dann sind an einem der höchsten Feiertage im muslimischen Kalender israelische Soldaten in die Al-Aqsa-Moschee marschiert. Viele Palästinenser sagen daher: Es reicht. Nach 70 Jahren Okkupation und 15 Jahren Blockade war das offenbar eine Provokation zu viel. Das ist ein Unterschied zum Krieg von 2014, da ging es um Israel und die Hamas, die überwiegende Mehrheit Bevölkerung in Gaza hatte damals noch keine Sympathien für die Hamas.

Der letzte Gaza-Krieg 2014 dauerte 50 Tage. Fürchten Sie auch diesmal einen so langen Konflikt?
Es verdichten sich die Anzeichen für Verhandlungen um einen Waffenstillstand. Jetzt könnten beide Seiten mit einem Gefühl rausgehen, etwas gewonnen zu haben. Die Hamas hat aus ihrer Sicht gezeigt, dass sie die Partei des Widerstands ist. Und Israel hätte die Sicherheit seines Landes verteidigt. Wenn das nicht reicht, gehe ich davon aus, dass der Konflikt sich über Wochen ziehen könnte. Dann fürchte ich auch eine Bodenoffensive durch Israel.

Eine solche Bodenoffensive hatte das israelische Militär bereits am Donnerstag angekündigt, dass dann aber als Fehler in der Kommunikation revidiert. Kritiker vermuten, dass es aus strategischen Gründen lanciert wurde.
Als die Gerüchte sich rumsprachen, flüchteten viele Menschen aus ihren Häusern und suchten Schutz. Wenn die Israelis die Information also bewusst gestreut haben sollten, um das zu erreichen, ging der Plan auf. Fast 20'000 Menschen haben in Schulen, in Krankenhäusern und bei Verwandten Unterschlupf gesucht. Damit war für Israel der Weg frei für eine Grossoffensive auf die Tunnel der Hamas, wo die Kämpfer sich für die vermeintliche Bodenoffensive wappneten.

Gaza ist extrem dicht besiedelt und zu allen Seiten isoliert. Durch Israel im Norden und Osten, durch die Grenze zu Ägypten im Süden und durch das Mittelmeer im Westen. Wohin flüchten die Zivilisten?
Sie suchen Uno-Gebäude, Schulen und Krankenhäuser auf. Viele sind vom Osten der Region in Richtung der Küste geflüchtet. Es gibt kaum andere Möglichkeiten, weil es so gut wie kein freies Terrain gibt.

Jetzt auf

Wenn nun Medienhäuser angegriffen werden, fühlen Sie sich dann noch sicher?
Die blaue Flagge der Uno auf dem Dach zählt schon noch. Das wird von beiden Seiten als neutraler Ort akzeptiert.​

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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