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Ulrich Giezendanner und Doris Leuthard verzweifeln ob Jon Pult, dessen Redefluss nur schwer zu stoppen ist. 
Bild:srf

Gotthard-«Arena»: Der Sozi redet Giezendanner an die Wand und der verletzt Kommissionsgeheimnis

In der «Arena» zur zweiten Gotthardröhre brillierte der Bündner SP-Präsident Jon Pult. Seine rhetorische Überlegenheit täuschte aber schlecht darüber hinweg, dass das beste Argument gegen eine zweite Röhre eine reine Glaubensfrage bleibt. 



Er ist auf der grossen, nationalen Politbühne der unbekannteste der vier Debatter der gestrigen Gotthard-«Arena». Aber er hat geschafft, was sonst wenigen Politikern gelingt: Er hat die obligate SVP-Dampfwalze – in der aktuellen «Arena»-Ausgabe Nationalrat Ulrich Giezendanner – in verzweifelte Lachanfälle geredet. 

Pult, SP-Präsident in Graubünden und Präsident der Alpeninitiative hat über eine Stunde lang sinngemäss nur drei Dinge gesagt, aber das dermassen wortreich und eloquent, dass es nicht auffiel:

1. Wer glaubt, dass die dritte und vierte Spur nicht geöffnet werden, wenn die zweite Röhre mal gebaut ist, der glaubt auch an den Osterhasen.

2. Weil die dritte und vierte Spur früher oder später garantiert geöffnet werden, wird mehr Auto- und Lastwagenverkehr aufkommen.

3. Weil mehr Auto- und Lastwagenverkehr aufkommen wird, gibt es keinen Sicherheitsgewinn und der Volkswille der Alpeninitiative wird missachtet.  

Der Ununterbrechbare

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Redet und redet und redet und redet und redet: Der Präsident der Alpeninitiative und SP Graubünden Jon Pult.
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Weil Pult ohne weiteres in der Lage ist, minutenlang am Stück zu sprechen, ohne atmen zu müssen, gelang es seinem Gegenspieler Giezendanner nicht, ihn zu unterbrechen. «Wie ein Wasserfall, unglaublich», flehte Giezendanner deshalb Moderator Jonas Projer an, Pult Einhalt zu gebieten. 

Ein anderes Mal lachte er nur noch zusammen mit CVP-Verkehrsministerin Leuthard über den unstoppbaren Pult. Das war, als den beiden schon klar war, dass sie die besseren Argumente auf ihrer Seite und beim TV-Publikum platziert hatten.

Leuthard hatte vorgerechnet, dass die noch unausgereiften Verladelösungen während der sanierungsbedingten Gotthard-Schliessung nur eine Milliarde weniger kosten als die zweite Röhre und die Verladestationen danach wieder zurückgebaut werden müssen. Und Giezendanner entkräftigte Pults Bedenken gegen zusätzlich aufkommenden Lastwagenverkehr mit der Autorität des Praktikers: «Die Güter suchen sich immer den günstigsten Weg und der günstigste Weg ist der Containerverlad auf die Neat, weshalb die Zahl der alpenquerenden Lastwagen weiter sinken wird.» 

Glaubensfrage mit schwerem Stand

Nicht einmal Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz wollte Giezendanner in diesem Punkt widersprechen. In ihrer Statistenrolle neben Pult bestand ihr Beitrag zur Diskussion darin, Leuthard vorzuwerfen, Versprechen zu machen, die deren Nachfolger dann in 30 Jahren nicht mehr einhalten müssen. Dass die dritte und vierte Spur in 30 Jahren tatsächlich geöffnet werden könnte, stritt Leuthard nicht einmal rundweg ab, sondern verwies darauf, dass es dazu einer Gesetzesänderung bedürfe. 

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Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz wirkte neben Jon Pult wie eine Statistin.
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TCS-Vize-Präsident und FDP-Nationalrat Thierry Burkhart fasste Rytz' und Pults Argumentationslinie dann auch treffend zusammen mit: «Wenn man Herrn Pult zuhört, geht es nur darum, ob man glaubt oder nicht glaubt, dass die Kapazität der zusätzlichen Röhre genutzt wird oder nicht.» Die ferne Zukunft betreffende Glaubensbekenntnisse haben in der «Arena» indes einen schweren Stand.

Das gilt insbesondere dann, wenn parteiische Experten wie der Urner Baudirektor Markus Züst (Contra) und der Tessiner Lega-Staatsrat Norman Gobbi (Pro) technische Detailkenntnisse des Dossiers mit Methoden aus dem Grundlagen-Handbuch des Populismus kombinieren: Züst legte glaubhaft dar, dass die Verladelösungen während der Sanierung machbar sind, konnte aber mit keinem überwiegenden Kosten- oder Sicherheitsvorteil der Verladevariante punkten. Und Gobbi konzentrierte sich in bester Lega-Manier darauf, Mitleid zu schinden für ein marginalisiertes Tessin und Angst zu schüren vor dem Verlust der lebenswichtigen Strassenanbindung an die Restschweiz. 

«Ah, Sie fahren gar nicht Auto?»

Vom Erkenntniswert her vernachlässigbar, aber für den geneigten Gebührenzahler durchaus amüsant, war Projers Aktion, den bekennenden Nicht-Autofahrer Pult im Prüfstand auf Grossleinwand durch den Gotthard fahren zu lassen, dabei so zu tun als wüsste er nicht, dass Pult nicht fahren kann und diesen dann zu fragen, ob er sich dabei sicher fühle.

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Verkehrsministerin Doris Leuthard legte einen souveränen Auftritt hin.
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Pult rettete sich auch aus dieser Situation geschickt, indem er sofort darauf hinwies, dass die Autos der Zukunft keine Sicherheitslinien überfahren. Danach begann er unbeirr- und ununterbrechbar erneut sein Mantra vom garantiert zunehmenden Verkehr, der den von Leuthard und Giezendanner ins Feld geführten Sicherheitsgewinn zweier getrennter Spuren wieder zunichte mache. 

In seiner Verzweiflung über Pults anhaltende Ausführungen über zunehmenden Lastwagenverkehr, sah sich Giezendanner sogar genötigt, das Kommissionsgeheimnis zu verletzen. Die Fuhrhalter würden wirklich alles tun, um die Güter auf die Schiene zu verlegen, weil es schlicht rentabler sei. «Deshalb habe ich in der Kommission (für Verkehr und Fernmeldewesen, Anm. d. Red.) sogar mit dem Grünen Jürg Grossen gestimmt, weil ich mithelfe, wenn die den zweiten Tunnel am Lötschberg ausbauen wollen. Aus der Sitzung darf ich zwar nichts erzählen, aber jetzt hab ich es halt trotzdem gemacht, wie es die Linken auch immer machen ... » (thi)df

Wie der Teufel dank der Neat aus dem Gotthard verscheucht wurde: Die Geschichte des längsten Tunnels der Welt

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Wie der Teufel dank der NEAT aus dem Gotthard verscheucht wurde: Die Geschichte des längsten Tunnels der Welt
quelle: pd
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