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Kein sonderlich beliebter Job: Arbeiten im Call-Center.
Bild: shutterstock

Lästige Anrufe wegen Kassenwechsel wird es wohl auch in Zukunft geben

Man kennt's: Das Telefon klingelt und der Anrufer will einem einen Termin zu einem Gespräch über einen Krankenkassenwechsel aufschwatzen. Terminpool.ch – der Branchen-Leader – ist nun offline. Ersatz dürfte wohl folgen. Das Geschäft lohnt sich.
05.12.2015, 07:3305.12.2015, 10:29
Roman Seiler / Aargauer Zeitung

Die Telefonanrufe hören nicht auf. Trotz Ablauf der Kündigungsfrist für die Grundversicherung werden immer noch viele Schweizer von dubiosen Call-Center-Mitarbeitern belästigt.

Über die Masche haben wir mehrfach berichtet: Eine Frau, in diesem Fall nennt sie sich Lena Schmitt von der «Schweizerischen Budgetoptimierung», versucht Menschen per Telefon zu einem Termin mit einem Krankenkassen-Vermittler zu bewegen.

Das Ziel der Anrufer: Der Vermittler soll das potenzielle Opfer zu einem Wechsel des Versicherers überreden. Wie das Netzwerk dahinter funktioniert, hat die «Nordwestschweiz» vor einigen Wochen publiziert. Die Call-Center-Mitarbeiter geben darüber keine Auskunft. Auch im Fall von Lena Schmitt: keine Antwort. Genervt von der Frage nach ihren Chefs hängt sie auf.

Branchenleader wird aufgelöst

Das Versteckspiel hat einen aktuellen Grund: Denn das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) reichte ein Strafverfahren ein gegen Hintermänner, die Call-Center-Mitarbeitende wie Lena Schmitt beschäftigen. Die Termine der Beratungsgespräche, wie sie Lena Schmitt anbahnt, wurden bisher über eine Vermittlungsplattform verhökert.

Seit Mittwoch ist die Website terminpool.ch jedoch ausser Betrieb. Die Plattform mit einem geschätzten Umsatz von gegen zehn Millionen Franken galt als Branchenleader im Verkauf von Beratungsgesprächen an Kassenvermittler. Diese kauften solche Termine für 80 bis 120 Franken. Können sie ihre Opfer nicht nur zu einem Wechsel der Grundversicherung, sondern auch zum Abschluss von Zusatzversicherungen überreden, kassieren sie Provisionen von bis zu 2000 Franken.

Betreiberin von terminpool.ch war – zumindest bis vor kurzem – die in Spreitenbach domizilierte BA Berater Agentur GmbH. Einziger Gesellschafter und Geschäftsführer ist gemäss Handelsregisteramt Heinrich Lustenberger. Der bestätigt auf Anfrage der «Nordwestschweiz»: «Die Firma wird per 1. Dezember aufgelöst.» Er sei alt und gesundheitlich angeschlagen, möge nicht mehr, sagt er: «Die Website wird ebenfalls eingestellt.»

Wer heute die Seite terminpool.ch wählt, erfährt: «Page not exists» (Was in schlechtem Englisch so viel heisst wie: «Die Seite existiert nicht.»). Auch wer vorher registriert war, kann sich nicht mehr einloggen. Doch ob damit die Aktivitäten der dreisten Call-Center-Betreiber vorbei sind, darf bezweifelt werden. Noch am Montag konnten Vermittler auf terminpool.ch mehr als 50 Termine kaufen.

Auf einem Einblender, gestaltet im Stil einer Weihnachtskarte, teilte jedoch schon dann der Support mit: «Wir befinden uns ab dem 18. Dezember in den Betriebsferien. Ab dem 4. Januar stehen wir Ihnen wieder zur Verfügung.»

Angebahnt werden die Anrufe von Call-Centern im Ausland. Eine Zentrale soll sich in Belgrad befunden haben. Dort stehen auch die Server, über welche terminpool.ch gelaufen ist. Die Telefondrücker lügen also dreist, um einen Termin anzubahnen. Die angeblichen Firmen, für die sie arbeiten, «Budgetberatung» oder ähnlich, existieren nicht.

Den Call-Center-Mitarbeitern ist auch egal, ob ihre Opfer im Telefonverzeichnis einen Sterneintrag vermerkt haben, um keine Werbeanrufe zu erhalten. Ausserdem sind die Anrufe aus dem Ausland «gespooft». Angezeigt wird bei den Opfern eine Schweizer Telefonnummer. Für den Betroffenen ist kaum eruierbar, wer wirklich angerufen hat.

Verstoss gegen Bundesgesetz

Die Missachtung von Sterneinträgen verstösst gegen das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Deshalb ist dem Seco die Internetseite terminpool.ch bekannt. Es existieren offenbar auch Verbindungen zu einer Internetseite prämiencloud.ch. Auch diese Seite wurde stillgelegt, wohl nachdem das Seco eine Strafklage eingereicht hatte.

Das Seco stiess auf die Verbindungen, als es 2014 eine Strafklage wegen Nichtbeachtung des Sterneintrags gegen die Plattform prämiencloud.ch beziehungsweise die dahinter stehenden Personen der Firma Callcenterpool bei der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich eingereicht hatte, wie Sprecher Fabian Maienfisch bestätigt.

Jetzt auf

Die Callcenterpool.ch GmbH befindet sich inzwischen in Liquidation. Laut Handelsamtsblatt hat sie seit Mai 2015 kein Domizil mehr. Einziger Gesellschafter und Liquidator ist – auch hier – Heinrich Lustenberger. Er übernahm die Firma im April 2014. Ganz zufällig wiederholt sich das Spiel also nun mit terminpool.ch und deren Betreiberin BA Berater Agentur.

Schluss mit dem Treiben dieser Vermittlungsplattform ist, ebenfalls rein zufällig, zwei Tage nach Ablauf der Kündigungsfrist für die Grundversicherung. Offen ist noch, wer deren Aktivitäten übernimmt. Wahrscheinlich ist, dass die Hintermänner das Geschäft kaum aufgeben. Es ist zu lukrativ.

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