Interview
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Der Freisinnige Parteipraesident Philipp Mueller (AG), praesentiert liberale Rezepte fuer den Wahlkampf 2015 am Dienstag, 18. August 2015, in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

FDP-Präsident Philipp Müller war am Donnerstagabend in einen Autounfall verwickelt, in dem eine Rollerfahrerin schwer verletzt wurde.
Bild: KEYSTONE

Interview

Vater der verunfallten Rollerfahrerin im Interview: «Müller hat Bürgerpflicht nicht erfüllt»

FDP-Präsident Philipp Müller wird nach seinem Autounfall harsch kritisiert vom Vater des Opfers, einem SVP-Politiker aus Seon. Im Interview mit der az erzählt er, was er auf dem Unfallplatz erlebt hat und was er Unfallfahrer Müller vorwirft.

Rolf Cavalli / Aargauer Zeitung



Seine 17-jährige Tochter liegt im Spital. Sie wurde am Donnerstagabend auf ihrem Roller angefahren und schwer verletzt. Aus noch ungeklärten Gründen kam ein 487 PS starker Mercedes plötzlich auf ihre Seite. Dass der Unfallfahrer ein bekannter Politiker war, erfuhr sie und ihre Familie erst am nächsten Tag. Der Vater* des Opfers kennt Philipp Müller nicht nur aus den Medien. Denn er selber war im Aargau politisch tätig: Als SVP-Vertreter sass er bis 2013 für die SVP im Gemeinderat seines Wohnortes Seon.

Der Vater des verunglückten Mädchens war selber am Unfallplatz und begegnete dort Philipp Müller. Im «Blick» erhebt er schwere Vorwürfe. Die «Aargauer Zeitung» hat den Opfer-Vater am Samstagmorgen erreicht und in einem Interview nachgehakt.

Wie geht es Ihrer Tochter?
Sie hat mehrere Brüche an beiden Beinen. Aber danke, es geht ihr den Umständen entsprechend gut.

Wie schilderte sie Ihnen den Unfall?
Sie habe auf ihrer Strassenseite einfach keinen Platz mehr gehabt mit ihrem Roller. Der Mercedes sei vollständig auf ihre Fahrbahn gekommen. Das hätten auch Zeugen bestätigt.

Sie erheben schwere Vorwürfe gegen Philipp Müller. Im «Blick» sagten Sie unter anderem, Müller habe sich weder am Unfallplatz bei Ihnen oder Ihrer Tochter gezeigt, noch sich später bei Ihnen gemeldet. Wann realisierten Sie, dass es FDP-Präsident Müller war, der Ihre Tochter angefahren hatte?
Erst am Tag darauf hatte ich diese Gewissheit, als es in den Medien kam.

Aber Sie haben Müller doch gesehen am Unfallplatz.
Ja und ihn sogar gegrüsst. Ich fragte mich noch, was er hier macht. Er setzte sich dann aber ins Polizeiauto und liess sich nicht mehr blicken. Ich habe nur unweit entfernt mit anderen Polizisten und Helfern gesprochen. Ich habe die Polizei noch gefragt, wo der Unfallverursacher sei. Die Antwort war: schon auf dem Posten.

Was haben Sie von Müller vor Ort konkret erwartet?
Dass er irgendeine Art von Anteilnahme zeigt. Er wusste hundertprozentig, dass ich der Vater sein musste. Es ist eine grosse menschliche Enttäuschung.

Hat sich Müller immer noch nicht gemeldet bei Ihnen?
Nein, nur sein Anwalt, im Verlaufe des Freitags.

Was hat er Ihnen gesagt?
Ich bitte um Verständnis, dass ich hier keine Details wiedergeben kann.

Aber offenbar hat Sie das Gesagte nicht zufriedengestellt?
Ich hätte erwartet, dass Philipp Müller sich persönlich meldet. Einfach einen Brief aufsetzen und über den Anwalt kommunizieren, ist nicht die feine Art.

Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie das nun politisch ausnutzen. Sie waren SVP-Gemeinderat und Philipp Müller ist als prominenter FDP-Politiker auch ein Konkurrent der SVP.
Sicher nicht! Ich habe sonst eine gute Meinung von Philipp Müller. Ich habe sie politisch eigentlich auch jetzt noch. Aber menschlich hat mich Müller sehr enttäuscht.

Sie werfen Müller auch vor, den Retterinnen vor Ort nicht geholfen zu haben. Wie kommen Sie darauf?
Die Helferinnen haben mir nachher gesagt, der Unfallfahrer sei zuerst abgehauen. Er hielt ja erst etwa 300 Meter weiter vorne. Auch nachher ging er nicht zurück. Er war nie bei meiner Tochter. Das ist für mich unterlassene Hilfeleistung. Mir geht es aber nicht ums Juristische, mir geht es um die menschliche Seite. Müller hat seine Bürgerpflicht nicht erfüllt bezüglich Hilfeleistung.

Philipp Müller war für eine Stellungnahme am Samstag nicht erreichbar. Am Freitagabend schilderte er in einer persönlichen Stellungnahme die Ereignisse aus seiner Sicht. Hier der genaue Wortlaut der Mitteilung:

«Beim Verkehrsunfall von Donnerstag 10.09.2015 ist eine junge Frau verletzt worden. Ich bedauere das sehr und hoffe auf ihre möglichst schnelle und komplette Genesung. Das liegt mir persönlich besonders am Herzen und meine Gedanken sind bei ihr.
Zur Klärung der Unfallursache ist eine Untersuchung eingeleitet worden. Auch für mich persönlich sind die Resultate dieser Untersuchung wichtig. Bis zum Abschluss dieser Untersuchung wird aufgrund meiner politischen Tätigkeit in den Medien viel spekuliert werden.
Bereits heute kann ich jedoch festhalten, dass ich nicht alkoholisiert war. Ein Alkoholtest am Unfallort ergab einen Wert von 0,00 ‰. Ich habe nicht telefoniert oder am Handy manipuliert, was nach dem Unfall durch eine erste Handy-Kontrolle im Beisein der Polizei bestätigt wurde. Ebenso war ich auch nicht anderweitig abgelenkt, und gemäss den heutigen Erkenntnissen liegen keine Anhaltspunkte für eine unangemessene oder überhöhte Geschwindigkeit vor. Ich habe mich vor und während der Fahrt fit gefühlt. Ich hoffe, dass der Unfallhergang durch die Untersuchung geklärt werden kann.
Ich wünsche der jungen Frau, die von mir angefahren wurde, von Herzen gute Besserung.
Ich werde bis auf weiteres keine weitere Stellungnahme abgeben und bitte um entsprechende Rücksichtnahme.
Nationalrat Philipp Müller, Präsident FDP.Die Liberalen»

* Um seine verunfallte Tochter zu schützen, möchte der Vater des Opfers seinen Namen (der Redaktion bekannt) nicht publik machen.

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