Türkei
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Armenien und Aserbaidschan vereinbaren Feuerpause – diese hält gerade mal 4 Minuten an



Im blutigen Konflikt in der Südkaukasus-Region Berg-Karabach haben Armenien und Aserbaidschan einen neuen Anlauf für eine Feuerpause genommen. Sie trat in der Nacht zum Sonntag in Kraft, war aber bereits wenige Stunden danach brüchig. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die Waffenruhe verletzt zu haben. Armenien sprach nach neuen Angriffen der aserbaidschanischen Seite von Opfern auf beiden Seiten. Zuvor gab es international Appelle, die Kämpfe zu beenden und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Bereits vor rund einer Woche hatten sich die verfeindeten Länder unter Vermittlung Russlands auf eine Feuerpause verständigt. Diese Vereinbarung war jedoch schon kurz nach Inkrafttreten gebrochen worden. Dafür gaben sich die Konfliktparteien gegenseitig die Schuld - ebenso wie für das Aufflammen der neuen Kämpfe Ende September.

Azerbaijani soldiers and firefighters try to save survivors from destroyed houses in a residential area in Ganja, Azerbaijan's second largest city, near the border with Armenia, after rocket fires overnight by Armenian forces for second time in a week, early Saturday, Oct. 17, 2020. A Russian attempt to broker a cease-fire to end the worst outbreak of hostilities over the disputed region of Nagorno-Karabakh in more than a quarter-century has failed to get any traction, with rivals Azerbaijan and Armenia trading blame for new attacks. (Ismail Coskun/IHA via AP)

Rettungskräfte bergen Überlebende in der aserbaidschanischen Stadt Ganja. Bild: keystone

Russlands Aussenminister Sergej Lawrow appellierte am Samstagabend in Telefonaten mit seinen Kollegen in Armenien und Aserbaidschan eindringlich, sich an die Vereinbarung zu halten. Wenig später kündigten die Aussenministerien beider Länder wortgleich eine «humanitäre Waffenruhe» an.

Doch bereits in der Nacht erklärte eine Sprecherin des armenischen Verteidigungsministeriums in der Hauptstadt Eriwan, es habe Raketen- und Artilleriefeuer von gegnerischer Seite gegeben. Aserbaidschan habe einen Angriff im Süden der Konfliktregion an der Grenze zum Iran begonnen. Dabei habe es Tote und Verletzte gegeben. Armenien werde «alle notwendigen Massnahmen ergreifen», um Aserbaidschan zum Frieden zu zwingen, kündigte das Aussenministerium an, ohne konkret zu werden.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium wiederum warf Armenien später vor, «grob» gegen die Vereinbarung verstossen zu haben. Demnach sollen die Stadt Cebrayil sowie mehrere zuvor von Aserbaidschan unter Kontrolle gebrachte Dörfer von armenischer Seite aus beschossen worden sein. Aserbaidschan habe darauf «Vergeltungsmassnahmen ergriffen», hiess es.

Lawrow erinnerte die Konfliktparteien seinem Ministerium zufolge daran, dass die Feuerpause auch humanitären Gründen diene. Dem armenischen Verteidigungsministeriums zufolge wurde jedoch ein Vorschlag zur Rettung von Verwundeten in der Nacht von der aserbaidschanischen Seite «strikt» zurückgewiesen.

Frankreich begrüsste noch vorm Inkrafttreten die Waffenruhe, die auch nach französischer Vermittlung zustande gekommen sei. «Dieser Waffenstillstand muss bedingungslos sein und von beiden Parteien strikt eingehalten werden», hiess es aus dem Élyséepalast. Frankreich werde die Lage sehr aufmerksam verfolgen« und »sich weiterhin für eine dauerhafte Einstellung der Feindseligkeiten und die baldige Aufnahme glaubwürdiger Gespräche einsetzen.«

A soldier walks past a destroyed house in a residential area that was hit by rocket fire overnight by Armenian forces, early Saturday, Oct. 17, 2020, in Ganja, Azerbaijan's second largest city, near the border with Armenia. Azerbaijan has accused Armenia of striking its second-largest city with a ballistic missile that killed at least 13 civilians and wounded 50 others in a new escalation of their conflict over Nagorno-Karabakh. (AP Photo/Aziz Karimov)

Zerstörte Häuser in Ganja, Aserbaidschan. Bild: keystone

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region mit etwa 145'000 Bewohnern. Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe.

Bereits am Samstag hatte es neue Kämpfe mit Toten und Verletzten gegeben. Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite auf Ganja, die zweitgrösste Stadt des Landes. Bei dem Raketenbeschuss sind nach Darstellung der Behörden 13 Menschen getötet und 50 verletzt worden. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische Führung dafür zur Rechenschaft gezogen werde.

Viele Angriffe auf Zivilisten

Armenien warf dem verfeindeten Nachbarn vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken und dies als »Propaganda« gegen die Armenier zu verwenden. Die Behörden in Eriwan berichteten von Raketenangriffen der aserbaidschanischen Seite, darunter auf Stepanakert, die Hauptstadt von Berg-Karabach.

Das Auswärtige Amt in Berlin rief beide Länder auf, sie müssten »unverzüglich auf den Pfad für eine friedliche und dauerhafte Konfliktlösung zurückkehren«. Ein Sprecher des EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell erklärte: «Alle Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen müssen ein Ende haben.»

Aus der mehrheitlich von christlichen Karabach-Armeniern bewohnten Bergregion sind inzwischen Tausende Menschen geflohen. Die Behörden in Berg-Karabach sprachen am Sonntag von 673 getöteten Soldaten seit Beginn der neuen Kämpfe am 27. September. Aserbaidschan machte bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften. Bei armenischen Angriffen seien etwa 60 Zivilisten getötet worden. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Der traurige Konflikt Berg-Karabach in 10 Bildern

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan: Darum geht's

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hans Jürg 19.10.2020 10:01
    Highlight Highlight Eigentlich sind ja beide Länder unter dem Einfluss von Russland. Es scheint, dass Putin je länger je mehr die Kontrolle entgleitet.
  • chicadeltren 18.10.2020 12:38
    Highlight Highlight Wieso kein unabhängiges Land daraus machen? Dann bekommts keiner von beiden.
  • Lefka Ori 18.10.2020 08:39
    Highlight Highlight Der Diktator und Despot Erdogan leugnet den Völkermord der Osmanen an den Armeniern in den Jahren 1914 bis 1917 und setzt nun syrische Söldner in Aserbaidschan gegen Armenien ein. Er wiederholt bewusst die entsetzliche Geschichte. Solange diese widerliche machtbesessene, menschenverachtende, verlogene Figur mit seiner korrupten Entourage existiert, wird es nirgends im Einflussbereich der Türkei auch nur annähernd Frieden geben. Erdogan verheizt auch die Zukunft seines eigenen Volk für seine niederen Instinkte. Aber 2016 wird sich glücklicherweise wiederholen.
  • Glenn Quagmire 18.10.2020 08:01
    Highlight Highlight Zu welchem Land wollen denn die Einwohner der Region gehören?
    • Forest 18.10.2020 11:10
      Highlight Highlight So einfach geht das nicht. Sonst hätten 20mio Kurden heute ein Land und die Annektierung der Krim wäre Legitim, da hauptsächlich Russen dort leben. Katalonien und Kosovo haben sich ebenfalls als Selbstständig erklärt ohne Spanien und Serbien zu fragen. Das waren nur ein paar Beispiele und keins davon ging gut aus.
    • Glenn Quagmire 18.10.2020 12:08
      Highlight Highlight @Forrest: Bist du Politiker? Antwortest mit viel Text ohne zu antworten.

      zur Info, Kosovo ist unabhängig, nicht wie Katalonien.

      Es wäre trotzdem interessant zu wissen, wohin die 150k Einwohner wollen, oder zumindest die Mehrheit.
    • chicadeltren 18.10.2020 12:41
      Highlight Highlight Ja, weil Länder ihre Macht nicht verlieren wollen. Die schieben alle Panik wenn es eine Unabhängigkeitsbewung gibt und reagieren mit Gewalt statt sich zu fragen, wieso ein Gebiet nicht mehr dazugehören will und ggf. was zu ändern!
    Weitere Antworten anzeigen

«Was Migros-Partner Socar veröffentlicht, ist Kriegs- und Hasspropaganda gegen Armenien»

Der Migros-Partner und Tankstellenbetreiber Socar verbreitet Kriegspropaganda im Karabach-Konflikt. Die armenische Diaspora in der Schweiz ist entsetzt. Ein CVP-Nationalrat fordert, dass Migros die Zusammenarbeit beendet. Der Grossverteiler selbst reagiert ausweichend.

Der Tankstellenbetreiber Socar verbreitet auf den sozialen Medien Kriegspropaganda. Der Ölmulti aus Aserbaidschan mischt sich damit in den Konflikt mit Armenien um Nagorni Karabach ein. In der Bergregion ist es Ende September zu neuen Kämpfen gekommen und die Lage scheint sich vorerst nicht zu beruhigen. Das Brisante: Socar ist ein wichtiger Partner der Migros.

Seit 2012 besteht die Kooperation zwischen der Migros-Tochter Migrolino und Socar. Der staatliche Öl- und Gaskonzern übernahm damals …

Artikel lesen
Link zum Artikel