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Dick eingepackt ist dieser Polizist – er muss den ganzen Tag in der Kälte stehen.
Dick eingepackt ist dieser Polizist – er muss den ganzen Tag in der Kälte stehen.Bild: EPA/EPA

Ein japanischer Eisvogel und verpasste Armee-Werbung – die Kälte hat Olympia fest im Griff

So kalt war seit 38 Jahren nicht mehr. Pyeongchang beschert uns die Rückkehr der wahren Winterspiele. Es wäre möglich, das Eishockeyturnier endlich wieder einmal auf Natureis auszutragen. Wie 1948 in St.Moritz.
08.02.2018, 09:1008.02.2018, 09:40
Klaus Zaugg, Pyeongchang

Endlich! Echte Winterspiele! Mit klirrender Kälte. Eine Umkehr der olympischen Entwicklung. Nichts zeigt uns den Lauf der olympischen Zeiten vom kameradschaftlichen Klassentreffen in Winterwunderlandschaften zum globalen Milliarden-Spektakel nämlich so eindrücklich wie der Temperaturanstieg.

Nicht die globale Erwärmung hat in diesem Jahrhundert die Winterspiele wärmer gemacht. Es ist das Business-Volumen dieser grossen Eis- und Schneeshow. Romantische Wintersport-Stationen mit weniger als 10'000 Einwohnern wie Chamonix, Cortina oder St.Moritz – alle drei Orte haben in der guten alten Zeit zwischen 1924 und 1956 die Spiele organisiert – vermögen die vielen Athletinnen und Athleten, Medienschaffenden, Funktionäre, Gäste, Helferinnen und Helfer, Zuschauerinnen und Zuschauer gar nicht mehr zu beherbergen. Es braucht heute die Nähe zu den urbanen Zentren im Flachland. 2022 werden die Winterspiele gar in Peking stattfinden.

Pyeongchang hat zwar «nur» knapp 50'000 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt in den Bergen. Aber wichtiger für die Logistik ist Gangneung unten an der Küste mit 250'000 Einwohnern. Hier finden Eröffnungsfeier und Eissportarten statt.

Delfine und freie Bäuche in Sotschi

Zuletzt habe ich 2002 in Salt Lake City so gefroren wie in diesen Tagen in Gangneung. Im trockenen, kalten, windigen nordamerikanischen Kontinentalklima. Aber es scheint, dass die Kälte hier noch viel historischere Dimensionen hat. Die Frage geht an Peter A. Frei, den grossen Veteranen der Chronisten. Er hält den Weltrekord. Pyeongchang sind seine 25. Olympischen Spiele. Seine olympische Karriere begann 1972 in Sapporo.

Der ehemalige Chefredaktor der Agentur Sportinformation (heute: Schweizerische Depeschenagentur) sagt: «Das letzte Mal war es 1980 in Lake Placid so kalt.» Lake Placid hat uns auch das letzte wahre Eishockeywunder beschert: Den Olympiasieg der US-College Boys mit dem Sieg gegen die Sowjetunion. US-Präsident war der fromme Erdnuss-Farmer Jimmy Carter.

In Sotschi mussten sich die Volunteers alles andere als dick einpacken.
In Sotschi mussten sich die Volunteers alles andere als dick einpacken.Bild: EPA/EPA

Es ist also so kalt wie nie mehr seit den Zeiten von Erika Hess, Hanni Wenzel und Jimmy Carter. Das 21. Jahrhundert hat uns mit Turin (2006), Vancouver(2010) und Sotschi (2014) an der russischen Riviera gar eine olympische Warmzeit beschert. In Sotschi waren vor vier Jahren vom Strand hinter dem Mediendorf aus springende Delfine zusehen.

Erstmals seit Salt Lake City (2002) braucht es nun wieder Wintermantel, Strickmütze, Halstuch und Handschuhe zum Schutz gegen Kälte und nicht bloss als modische Accessoires. Selbst in Gangneung an der Küste des japanischen Meeres ist es bitter kalt.

Das Bild täuscht ... ❄❄❄

Die Einheimischen versichern, das Stadion für die Eröffnungsfeier stehe am zugigsten Ort weit und breit. Pessimisten erwarten gefühlte 20 Grad Minus. Der Kult-Skispringer und «fliegende Saurier» Noriaki Kasai (45) sagte der Nachrichtenagentur AFP: «Ich werde Wärmepflaster an meinem gesamten Körper tragen müssen». Ein japanischer Eisvogel.

Hier findet am Freitag Mittag (Schweizer Zeit) die Eröffnungsfeier statt.
Hier findet am Freitag Mittag (Schweizer Zeit) die Eröffnungsfeier statt.Bild: AP Newsis

Die Organisatoren haben 27 Wärmezonen und 40 Heizstrahler eingerichtet und allen 35'000 Zuschauerinnen und Zuschauern Wolldecken, Heizkissen und Wärmepads für Hände und Füsse versprochen. Was uns an die legendäre Eiskunstlauf-EM von 2010 in Bern mahnt. Damals war es im SCB-Eistempel so kalt, dass Armee-Wolldecken an die Zuschauerinnen und Zuschauer verteilt wurden. Da hat unser Verteidigungsministerium soeben eine einmalige Gelegenheit für globale Werbung verpasst: das wäre ein Spektakel, wenn unsere olympischen Heldinnen und Helden bei der Eröffnungsfeier eingehüllt in Armee-Wolldecken ins Stadion einlaufen würden.

Zu heiss – aber nur drinnen

Das Thermometer zeigt zwar an der Küste in der Nacht «nur» Minus 9 Grad und in den nächsten Tagen soll es etwas wärmer werden. Aber ein eisiger Wind pfeift durch die Strassen und sorgt für eine «gefühlte» Kälte von 10 bis 20 Grad Minus. Wer ohne Wintermantel, Strickmütze, Halstuch und Handschuhe angereist ist, weil er denkt, es sei wie 2006, 2010 oder 2014, kommt nicht 100 Meter weit. Es wäre hier möglich, das Eishockey-Turnier auf Natureis und unter freiem Himmel auszutragen wie 1948 in St.Moritz. Oben in Pyeongchang haben die Zeitmesser von Omega an exponierten Stellen am Thermometer gar bis 35 Grad Minus abgelesen.

Ein praktischer Effekt der Kälte ist im grossen Medienzentrun von Pyeongchang ein «Anti-Rio». Bei den Spielen in Rio haben die Chronistinnen und Chronisten immer wieder über viel zu leistungsfähige Klimaanlagen in den Schreibstuben reklamiert: es sei viel zu kalt und tatsächlich kam es bei Aussentemperaturen von über 30 Grad wegen der kühlen maschinellen Kühle zu Erkältungen. Nun ist es umgekehrt. Geklagt wird wegen zu stark aufgeheizten Räumen. Bequem wäre es jetzt bei der Arbeit im T-Shirt. Aber niemand hat eines dabei.

Snowboard-Superstar Shaun White scheint etwas heiss zu haben.
Snowboard-Superstar Shaun White scheint etwas heiss zu haben.Bild: EPA/YNA

Praktisch ist die Kälte auch für die frühzeitig angereisten Medienschaffenden. Noch gibt es keine olympischen Heldengeschichten und Dramen. Aber über etwas muss berichtet werden. Es gibt für einmal keine spektakulären Storys über organisatorische Mängel und politische Missstände. Alles funktioniert tipptopp, Südkorea ist eine Demokratie, die Unterkünfte sind vorzüglich, die Korruptions- und Dopinggeschichten sind längst geschrieben. So ist die Kälte ein dankbares Thema.

Die Rückkehr der Kälte ausgerechnet bei den ersten Winterspielen der Geschichte, die in einem Land mit dem Zusatz «Süd» ausgetragen werden. Aber am Südpol ist es ja auch mindestens so kalt wie am Nordpol.

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