Kunst
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Wie eine Kommunisten-Cam zum Kultspielzeug für Hipster wurde

bild: zvg

… oder wie Putin in den 90ern den ersten Hipstern die Analogfotografie geschenkt hat.



Prag, im goldenen Herbst des Jahres 1991. Vor 25 Jahren also. Eine peinliche Verkrampftheit liegt in der Luft, seit sich das Land vor ein paar Monaten der sowjetischen Obrigkeit entzogen hat. Studis aus dem Westen mit Vokuhila und Röhrenjeans importieren den ausgelassenen Partypathos vom ehemaligen Drüben über die nicht mehr so eiserne Grenze.  

Drei von ihnen kommen aus Wien. Sie heissen Wolfgang, Christoph und Matthias. Wolfgang studiert Jura, Matthias Wirtschaft und Christoph macht irgendwas mit Geisteswissenschaften. Keiner ist Künstler. Und doch haben sie eine der grössten Revolutionen in der neuzeitlichen Fotografie angestossen. Aus Versehen, irgendwie.

Aus dem Dokumentarfilm «LOve & MOtion». screenshots: youtube/ christian schmidt-david

Das Prag von 1991 war nämlich eine skurrile Angelegenheit für die drei Studis aus dem Westen. Und um diese Begegnung mit der anderen Gesellschaftshälfte der Welt festzuhalten, kaufte sich Matthias in einem random Fotogeschäft die günstigste Kamera, die es da zu kaufen gab: Die LOMO LC-A. Ein russisches Massenprodukt mit vier Einstellungen für die Blende und einer Verschluss-Automatik. Das war alles.

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Aus dem Dokumentarfilm «LOve & MOtion». screenshots: youtube/ christian schmidt-david

Analog zu den Jeans, den Bananen, der Popmusik und all den anderen Konsumgütern, die nach der Wende in die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion einprasselten, importierten die drei Wiener Studis die Kommunisten-Cam in ihre abgeranzte Altstadt-WG in der österreichischen Hauptstadt. 

Von der russischen Planwirtschaft in die Artsy-Szene des Westens

Neun Jahre früher, 1982, Moskau: Dem Vize-Verteidigungsminister der UdSSR war langweilig. Er war für ein paar Tage in Köln und entdeckte an der Fotomesse Photokina die japanische Kompaktkamera Cosina CX-2. So eine will er für sein Land auch. Einfach noch ein bisschen besser und billiger. Eine russische Kamera für alle und jeden, selbstverständlich. Das würde die Republik einen. Zwei Jahre später produziert die staatliche Optik-Fabrik 1000 Stück Plastik-Apparate davon. Jeden Tag. 

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Lomos aus der Lomo-Fabrik in Russland. bild: lomography.com

Zuhause bei Matthias, Christoph und Wolfgang lag ab 1991 nun also einer dieser russischen Lomo-Kameras herum. In ihrer Studi-WG – und das ist wahrscheinlich der springende Punkt dieser Erfolgsgeschichte – wurden viele Partys gefeiert. Und wie das so ist mit jungen Leuten, die ihre Wohnung für den Exzess anderer junger Leute freigeben: Sie werden gemocht – oder ausgenutzt. Bei Christoph, Matthias und Wolfgang war es definitiv ersteres. Und nicht nur sie als Personen wurden gemocht, sondern auch alles, was sie dachten und hatten und womit sie sich beschäftigten, erregte bei anderen lebhaftes Interesse.

So auch die russische Plastikkamera, mit der fortan fast täglich duzende 35-Millimeter-Filme durchgeknipst wurden.

Bilder aus der ersten Stunde

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Aus dem Dokumentarfilm «LOve & MOtion».  screenshots: youtube/ christian schmidt-david

«Lomografie hat keine Substanz. Sie ist reine Kommunikation.»

Stephan Pauly – Erster lomografischer Botschafter in Berlin 

Wer in sein wollte, holte sich im Osten eine LOMO. Es dauerte kein Jahr, bis die Wiener Bohème-Kids rucksackweise Plastikkameras aus dem Osten holten. Jeder hatte das Bedürfnis, sein Leben in blassen, verschwommenen Bildern mit übermässig starker Vignettierung zu dokumentieren.

Es entstand ein Hype, der das Wesen der 1990er nicht besser symbolisieren könnte: Eine trashige Massenkultur, die dem Konsum frönt und der Norm entsagt. 

Im Sommer 1992 verfasste man dann sogar ein Manifest. Das lomografische Manifest, aus dem gleichzeitig auch die zehn goldenen Regeln des Lomografierens, des Fotografierens mit einer Lomo-Kamera, hervorgingen. Kurz darauf gründeten die drei Studis die internationale «Lomografische Gesellschaft».

Auszug aus dem lomografischen Manifest:

«Lomografie ist keine schlaue Idee, die von einem Marketing-Strategen, Erfinder oder Künstler ausgedacht wurde. Lomografie entstand als Konsequenz eines zufälligen Zusammentreffens der technischen, ökonomischen, sozialen und künstlerischen Bedingungen und musste als solche entwickelt werden.

Trash als Kunst, der Wunsch nach Veröffentlichung, die Freude am Konsum in vermeintlichen Massen (jedes Motiv ist würdig, lomographiert zu werden), die Zerstörung der traditionellen Praktiken (Ernsthaftigkeit der Kunst, Privatsphäre, klassische Ästhetik der Fotografie etc.) sind das Salz der Lomographie, Supermärkte sind die Butter und die LOMO LC-A ist das Brot.»

Aus dem lomografischen Manifest, 1992

Für die russische Kamera-Fabrik war der Hype um die Lomo Fluch und Segen zugleich. Ganz neu im Kapitalismus angekommen, war der ehemalige Staatsbetrieb ein bisschen verdutzt über all die Russen, die sich nun die Nochbilliger-Kamera aus Japan oder China zulegten. Wobei gesagt werden muss, dass es den meisten Bürgerinnen und Bürger der neuen Russischen Föderative so schlecht ging, dass eine neue Kamera eh kein Thema für sie war.

Für die ersten deutschsprachigen Hipster jedoch umso mehr. Dass drei verrückte Studenten aus Österreich monatlich bis zu 1000 Fotoapparate bei der Lomo-Fabrik bezogen, war für die Produzenten zunächst noch äusserst erfreulich; bis den Russen das Material ausging und sie die neuen Geräte irgendwann nur noch aus Ersatzteilen zusammenschraubten. Denn da kam die Globalisierung auch im Osten an. Die Herstellung neuer Komponenten wurde wegen zu hoher Kosten gestoppt. Die Artsygang aus Wien sollte mehr für ihren Plastikkamera-Fetisch bezahlen. Viel mehr und zu viel für die selbsternannten Lomografen. 

Deshalb kam es im März 1996 zu einem legendären Krisentreffen in Sankt Petersburg. Beteiligte waren die drei Studis Christoph, Wolfgang und Matthias, der Chef der Lomo-Fabrik Ilja Klebanov, der österreichische Honorarkonsul in Sankt Petersburg und der damalige Vizebürgermeister der Stadt – Wladimir Putin.

Nach einer Stunde hat die Versammlung den schon damals extrem einflussreichen Putin davon überzeugt, dass der Lomografie-Hype das Ansehen der Stadt international hebe und dass die Produktion auf keinen Fall eingestellt werden darf. Putin nickt. Segnet alles ab, macht den Wienern einen guten Preis und befördert den Lomo-Chef Klebanov Jahre später zu seinem Industrieminister. 

So ging der Hype weiter. Die Lomo verbreitete sich weltweit. Und jeder, der sich eine der rudimentären Kameras anschaffte, sah sich als Teil einer radikalen künstlerischen Revolution. Man tauschte Filme von Tokyo nach Berlin aus. Kreierte Doppelbelichtungen, die zu Symbolen kultureller Grenzsprengung stilisiert wurden. Dabei muss man – bei all der intellektuellen Schönmalerei – eigentlich gar nichts können, um zu lomografieren …

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Die zehn goldenen Regeln der Lomografie. bild: watson

… eine billig produzierte Kamera reicht und der artsy-fartsy Retrotouch macht jeden Möchtegern-Kreativen zu einem Schaffer zeitgenössischer Trash-Kultur. Natürlich braucht es dazu auch noch eine Prise Kapitalismus, der die Nostalgie, die ein kommunistisches Abfallprodukt auszulösen vermag, geschickt zu vermarkten weiss. Die Lomografische Gesellschaft hat diesen Schritt dann auch in den letzten 25 Jahren völlig erfolgreich durchgesetzt. 

Sie haben eigene Filme entwickelt, andere alte Kamera-Typen aus Hongkong und Japan aufgespürt, umgemodelt, neuproduziert und ebenfalls zu Kultobjekten urbaner Jugendlichen modifiziert.

Im Grunde ist die Lomografie die Offline-Version der wundervollen, jede fotografische Unfähigkeit verzeihenden Filter auf Instagram. Nur ist sie viel romantischer und statt im Silicon Valley in einer ranzigen Wiener WG entstanden. Und das macht das ganze Getue – trotz Überhypetheit – doch voll sympathisch.

Wenn Hipster nostalgisch sind: 25 Jahre Lomografie

Zum 25. Jubiläum der Lomografie findet bis zum Sonntag, dem 26. November, eine Ausstellung in der Photobastei Zürich statt. 

So wunderschön ist es, schlaflos in der Schweiz zu sein (mit etwas moderneren Kameras): 

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Video: undefined/Oliver Schmid

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hinkypunk 13.11.2017 22:15
    Highlight Highlight Lomo? Das ist doch ein Filter auf Instagram!

    ;)
  • savon99 12.11.2017 21:42
    Highlight Highlight Hey, ich war ein Hypster?! Besitze immer noch meine Lomo. Was bin ich jetzt?
    Alt ;)
  • John Smith (2) 12.11.2017 20:21
    Highlight Highlight Random Fotogeschäft, «in» sein, Bohème-Kids, Hype, Hipster, Artsygang, Retrotouch … uiuiui, hoffentlich liest das Kollegin Anna Rothenfluh nicht!
    • Jovin Barrer 12.11.2017 21:57
      Highlight Highlight Sie hat es sogar gegengelesen. Und geliebt! Unsere Liaison ist meta-vokabulär und (sprach)grenzenlos.

      Mhm.
  • wipix 12.11.2017 17:40
    Highlight Highlight Als die LOMOS Kult wurden, haben die heutigen Hypsters noch in die Hosen gekackt! Und zwar maximal!😬

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