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Volkswagen CEO Matthias Mueller attends a news conference at their headquarters in Wolfsburg, Germany, April 22, 2016. REUTERS/Hannibal Hanschke       TPX IMAGES OF THE DAY

VW-CEO Matthias Müller kann sich nicht so recht aus der Klemme befreien: Kaum wurde mit den US-Behörden eine Einigung erreicht, platzt in Deutschland die nächste Abgas-Bombe.
Bild: HANNIBAL HANSCHKE/REUTERS

Der Abgas-Skandal ist zurück! Um was geht's jetzt? Warum so viele Automarken? – 12 Fragen und Antworten

Die Abgas-Affäre wird aufgewärmt: Am Freitag bestätigten deutsche Autobauer, darunter VW, Audi und Opel, den Rückruf von 630'000 Fahrzeugen. Um was geht's jetzt? Welches sind die neusten Entwicklungen? Und was heisst das für die Schweiz? Zwölf Fragen und Antworten.

23.04.16, 20:21 24.04.16, 08:50

andreas schaffner, renzo ruf, tommaso manzin / limmattaler zeitung



Warum sind plötzlich viel mehr Marken betroffen?

Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat nach der Abgas-Affäre bei VW Abgas-Nachmessungen bei anderen Dieselfahrzeugen angeordnet. Diese Ergebnisse führen nun zum Rückruf von rund 630'000 Fahrzeugen in Europa. Betroffen sind Autos von Audi, Mercedes, Opel, Porsche und Volkswagen. Eine softwarebasierte Abschalteinrichtung wie bei VW sei aber bei diesen Firmen nicht das Problem, hiess es gestern. Bei bestimmten Aussentemperaturen wird jedoch die Reinigung der Abgase zurückgefahren. Das sei laut einer EU-Richtlinie zwar erlaubt, wenn ansonsten ein Motorschaden oder ein Unfall drohe. Doch offenbar haben hier die Hersteller übertrieben. Daher folge nun der freiwillige Rückruf.

Was heisst das für die Schweizer Kunden dieser Marken?

Zahlen sind noch keine bekannt. Opel Schweiz erklärte gestern: «Wir haben stets gesagt, dass Opel keine Einrichtungen hat, die erkennen, ob ein Fahrzeug einem Abgastest unterzogen wird. Unsere Software war nie darauf ausgelegt, zu täuschen oder zu betrügen.» Die freiwillige Serviceaktion werde im Juni 2016 starten. Mercedes Benz Schweiz biete den Kunden der Kompaktfahrzeuge und der V-Klasse in Europa eine freiwillige Verbesserung des Emissionsverhaltens an. Der bei gewissen Modellen von Renault bezogene Motor könne mittels Software angepasst werden.

Welche Probleme hat der Mercedes-Hersteller sonst in den USA?

Neben dem neuen Rückruf in Europa nahmen zuvor auch schon die US-Behörden die Firma Daimler unter die Lupe. Das Justizministerium in Washington hat die Daimler-Spitze in Stuttgart formell darüber informiert, dass es Ermittlungen über den Schadstoff-Ausstoss von gewissen Modellen aufgenommen habe. Dies gab Daimler gestern bekannt, ohne sich aber über Details auszulassen. In mittlerweile vier Sammelklagen, die im Bundesstaat New Jersey eingereicht wurden, behaupten düpierte Kunden, dass die Grenzwerte für Stickoxid um ein Vielfaches überschritten würden. Dies geschehe beispielsweise, wenn die Lufttemperatur unter umgerechnet zehn Grad falle – was in gewissen Teilen Amerikas recht häufig der Fall ist. Daimler hat die Klagen bisher scharf zurückgewiesen. Das Unternehmen wolle sich dagegen mit sämtlichen juristischen Mitteln zur Wehr setzen.

Was ist beim japanischen Autohersteller Mitsubishi los?

Am Mittwoch hat der japanische Autobauer Mitsubishi Manipulationen bei Verbrauchswerten eingestanden. Dabei geht es um Kleinstwagen, die nur in Japan verkauft worden sind. Mitsubishi wird alle betroffenen Kunden in Japan informieren. Im Skandal um frisierte Werte zum Benzinverbrauch ist vorgestern auch das Forschungszentrum des japanischen Autoherstellers durchsucht worden.

Wie sieht es bei den Autos von Mitsubishi in der Schweiz aus?

Mitsubishi Schweiz erklärt auf der Homepage, die Unregelmässigkeiten seien in Zusammenhang mit dem Zertifizierungsprozess für vier Kleinstwagen-Baureihen für den japanischen Markt bei Mitsubishi-internen Untersuchungen zutage getreten. Es handle sich ausschliesslich um Fahrzeuge für den japanischen Markt. Modelle, die in der Schweiz verkauft worden sind, seien nicht betroffen.

Wie ist der Skandal bei VW eigentlich entstanden?

Die US-Umweltbehörde hat dem deutschen Fahrzeughersteller im vergangenen September illegale Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerung in einigen Diesel-Motoren nachgewiesen. Die Software hatte den Motor so gesteuert, dass bei Tests die Abgas-Grenzwerte nicht überschritten wurden. Im normalen Strassengebrauch stossen die Autos aber bis zum Vierzigfachen der erlaubten Stickoxide aus. Volkswagen geht davon aus, dass elf Millionen Autos weltweit betroffen sind. In der Schweiz sind laut Mitteilung von Volkswagen rund 130'000 betroffene Fahrzeuge eingelöst. Als Folge des Skandals trat der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn zurück. Der bisherige Vorstandsvorsitzende des VW-Tochterunternehmens Porsche, Matthias Müller, wurde Winterkorns Nachfolger.

VW: Bilder aus der guten alten Zeit (als Abgase noch Abgase waren)

Was hat der VW-Konzern mit den US-Behörden vereinbart?

Laut verschiedenen Medienberichten hat VW am Donnerstag mit den US-Behörden und mit verschiedenen Klägern eine Einigung erzielt. Nicht nur US-Behörden, sondern auch Sammelkläger und ein Richter sollen der Einigung zugestimmt haben. Mit der Vereinbarung will man einen Schlussstrich unter die Abgas-Affäre ziehen. VW hat nun die Möglichkeit, mit Behörden und Sammelklägern Vergleiche auszuhandeln. Betroffen sind zunächst rund eine halbe Million Fahrzeuge in den USA. Wer mit seinem Wagen nicht zufrieden ist, kann ihn gratis und franko reparieren lassen – damit die Diesel-Fahrzeuge künftig die amerikanischen Schadstoff-Grenzwerte einhalten. Am Mittwoch hatte die deutsche Tageszeitung «Die Welt» unter Verweis auf Insider behauptet, sämtliche Käuferinnen und Käufer würden 5000 Dollar erhalten. Vieles ist noch offen: Etwa ob Besitzer von Fahrzeugen mit Drei-Liter-Dieselmotoren unter die Vereinbarung fallen. Auch ist weiterhin unbekannt, wie hoch die Bussen ausfallen werden, die der deutsche Autobauer den staatlichen Aufsichtsbehörden bezahlen muss – dies wegen des Verstosses gegen die Luftreinhaltegesetze. Mitte Mai soll über die Fortschritte in den Gesprächen informiert werden.

Gibt es jetzt keine Sammelklagen gegen VW?

Das wird sich noch zeigen: Die gemeinnützige Stiftung «Stichting Volkswagen Car Claim», die die Interessen von allen privaten und unternehmerischen Haltern von Fahrzeugen mit einem vom Dieselskandal betroffenen Motor vertritt, hat positiv auf das Angebot von VW an Fahrzeughalter in den USA reagiert.

Was heisst die Vereinbarung für die VW-Kunden in der Schweiz?

Der VW-Importeur Amag führt gegenüber der «Nordwestschweiz» aus, dass die sich nun abzeichnenden Regelungen in den USA keine rechtlichen Wirkungen entfalten werden. Man konzentriere sich auf den Nachbesserungs-Prozess.

Amag-Parkplatz in Schinznach.
Bild: KEYSTONE

Wie ist der Stand der Umrüstungen in der Schweiz?

Die VW-Garagen haben laut einem Sprecher bereits Ende Januar in der Schweiz mit der Nachbesserung des VW Amarok mit 2,0-Liter-Motor begonnen und mittlerweile rund zwei Drittel der betroffenen Fahrzeuge erfolgreich abgearbeitet. Das auch für die Schweiz zuständige deutsche Kraftfahrtbundesamt hat jetzt die Fahrzeuge Audi A4, A5 und Q5 sowie Seat Exeo mit dem 2,0-Liter-EA189-Motor freigegeben. Die ersten Fahrzeuge von Audi sind schon nachgebessert worden. Die Software-Lösung für den VW Passat mit EA189-Motor und 2,0 Liter Hubraum müsse jedoch noch einmal überarbeitet werden, um alle Zielvorgaben zu erreichen. Dies werde einige Wochen in Anspruch nehmen, schreibt Amag. Derzeit versucht man die Nachrüstung des Golf vorzuziehen. In den USA ist die Umrüstung der betroffenen Fahrzeuge – aufgrund der im Vergleich zu Europa wesentlich strengeren Grenzwertvorgaben – deutlich komplexer als in anderen Staaten dieser Welt.

Was passiert mit den Strafanzeigen in der Schweiz?

Die Bundesanwaltschaft (BA) hat sich im Oktober 2015 im Rahmen der Schweizer Staatsanwälte-Konferenz (SSK) mit den 26 Staatsanwaltschaften der Kantone darauf geeinigt, dass sämtliche Strafanzeigen im Kontext mit der Abgas-Affäre bei ihr gesammelt und einer gesamtschweizerischen Lösung zugeführt werden sollen. Die seither bei der BA eingegangenen gut 2000 Strafanzeigen wurden in Absprache mit der Staatsanwaltschaft im deutschen Braunschweig an diese zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet. Das entsprechende Strafübernahmebegehren wurde Mitte April 2016 zusammen mit den Strafanzeigen der Post übergeben. Dies hat die BA bekannt gegeben. Die Schweizer Strafverfolgungsbehörden führen in diesem Zusammenhang keine eigenen Strafverfahren.

Wieso fällt der Verlust bei VW so hoch aus?

Bisher hat der VW-Konzern für die Abwicklung des Skandals 6,7 Milliarden zurückgestellt. Gestern wurde bekannt, dass das Unternehmen einen Betrag von 16,2 Milliarden Euro zurückstellen muss. Dies führt zu einem Jahresverlust von 1,6 Milliarden Euro. Das ist der grösste Verlust in der Konzerngeschichte. Das operative Ergebnis sackte von 12,7 Milliarden Euro 2014 auf minus 4,1 Milliarden Euro. Ohne die Kosten für die Abgas-Affäre wäre das Ergebnis operativ im vergangenen Jahr leicht angestiegen. Der Umsatz stieg um 5,4 Prozent auf gut 213 Milliarden Euro. Volkswagen kappt wegen der Abgas-Affäre die Vorstandsboni um 30 Prozent. Doch dies ist nicht endgültig, wie gestern bekannt wurde. Nach Ablauf von drei Jahre wird geprüft, wie sich der Aktienkurs entwickelt hat. Liegt er um einen Viertel über dem jüngsten Niveau, wird das Geld ausbezahlt. Liegt er darüber, gebe es sogar entsprechend mehr Geld zurück.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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