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Heers hatten im Osten von Amerika kein Glück, also zogen sie weiter in den Westen – mit dem Schiff über Panama!
Heers hatten im Osten von Amerika kein Glück, also zogen sie weiter in den Westen – mit dem Schiff über Panama!Illustration: Marco Heer

Weiter in den Westen – wie die Auswandererfamilie Heer nach Kalifornien kam

Der Auswanderer Rudolf Heer fand nach seiner Ankunft 1868 in Amerika keine Arbeit im Osten. Also zog er gemeinsam mit seiner Familie weiter Richtung Westen.
13.03.2022, 11:1214.03.2022, 11:31
Andrej Abplanalp / Schweizerisches Nationalmuseum

Am 14. August 1868 betrat Familie Heer ihre neue Heimat in New York zum ersten Mal. Die Glarner wurden direkt in die ehemalige Artilleriefestung «Castle Garden» an der Südspitze Manhattans gebracht. Diese diente den Behörden bis 1890 als Empfangsstation für Einreisende. Hier wurden die Reisepapiere geprüft, der Gesundheitszustand kontrolliert und das Gepäck durchsucht. Wobei letzteres nicht so genau gemacht wurde, denn Rudolf Heer konnte einige Zigarren ins Land schmuggeln, wie er seiner Mutter freimütig schreibt:

«Die Doppelböden in den Koffern sind sehr gut mit Cigarren angefüllt, denn die Koffer werden nicht so streng visitiert, und jede Cigarre wo bei Euch in Glarus 5 Centim kostet, kostet in Amerika 10 Cent oder 1/2 Franken.»

In «Castle Garden» wurden die Immigranten geprüft und erfasst. Illustration aus dem Harper's Magazine, 1871.
In «Castle Garden» wurden die Immigranten geprüft und erfasst. Illustration aus dem Harper's Magazine, 1871.Bild: Library of Congress
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Auch bei den Einreisepapieren nahmen es die Beamten nicht so genau. Hiess Rudolf auf der Passagierliste der «Atalanta» noch Hear, wurde er im Einwanderer-Register wieder mit seinem richtigen Nachnamen Heer erfasst. Dafür verwandelte sich seine Frau Rosine in einen Mann. Tochter Barbara war bereits auf dem Schiff ein Junge und blieb es auch bei der Einreise. Als Zielort hatten die Heers Buffalo angegeben. Dorthin sollten sie jedoch nie reisen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Einwanderer, die oft kein Wort Englisch sprachen, jeweils abgeschrieben hatten, da auf dem Formular ein Zielort eingetragen werden musste.

Blick in das Einwanderungsregister von Castle Garden.
Blick in das Einwanderungsregister von Castle Garden.Bild: Library of Congress

Einige Schreibfehler später konnte Familie Heer das «Castle Garden» verlassen und zog ins nahe gelegene Hotel «Grütli». Dieses wurde von der Auswanderungsagentur «Zwilchenbart» betrieben, die sich bereits um die Reise der Glarner gekümmert hatte. Nach nur einer Nacht ging es mit dem Zug weiter Richtung Philadelphia. Dort wohnte seit 1862 David Heer, ein Verwandter der Familie. Rudolf hatte für David einen Brief seines Vaters aus Glarus dabei, was den Verdacht erhärtet, dass Heers gar nie vorhatten, nach Buffalo zu ziehen. Vielmehr rechnete Rudolf wohl mit der Hilfe seines Verwandten:

«Da kam David zu uns in unser Logis und sagte zu mir ich solle dableiben, er wolle mir behülflich sein bis ich Arbeit hätte.»

Briefe aus der neuen Welt
Rudolf Heer wanderte im 19. Jahrhundert von Glarus nach Amerika aus. Zwischen 1868 und 1872 schickte er insgesamt fünf Briefe in die alte Heimat. Sie befinden sich heute zusammen mit einigen anderen Dokumenten im Archiv der Familie Heer. Dieser Artikel ist auf der Grundlage dieser Briefe und der Recherchen von Fred Heer, einem Nachkommen der in Glarus geblieben Heers, entstanden.

Doch trotz dieser Unterstützung fand sich keine Stelle. Am 25. August traf Rudolf den Glarner Kaspar Jenni, der aus Kalifornien zurückgekehrt war und fortan gemeinsam mit Heer Arbeit suchte. Ohne Erflog. Bald schon begann Jenni seine Rückkehr nach Philadelphia zu bereuen.

«Da kam die Reue über Jenni dass er aus Californien heraus sei und er pries dasselbe in allen Beziehungen, sodass ich die folgende Nacht darüber studierte und am morgen sagte ich zu Jenni: Wenn Du willst gehen wir miteinander nach Californien zurück.»

Und so machte sich Familie Heer gemeinsam mit Kaspar Jenni auf nach Kalifornien. Sie entschieden sich für den Seeweg über New York und Panama. Zwar wäre auch eine Durchquerung über Land möglich gewesen, doch die Eisenbahnstrecke endete 1868 noch in Omaha. Es fehlten einige tausend Kilometer bis nach Kalifornien. Die Reise hätte Monate gedauert und durch eine nur dünn besiedelte Wildnis geführt.

1868 endete die Eisenbahnlinie nach Westen in Omaha. Erst ein Jahr später war es möglich, mit dem Zug von Küste zu Küste zu reisen.
1868 endete die Eisenbahnlinie nach Westen in Omaha. Erst ein Jahr später war es möglich, mit dem Zug von Küste zu Küste zu reisen.Bild: Library of Congress

Die Reise mit dem Schiff war zwar streckenmässig doppelt so lang, mit einer ungefähren Reisezeit von rund einem Monat jedoch vergleichsweise schnell. Familie Heer schiffte sich am 1. September 1868 in New York auf der «Arizona», einem Segeldampfer, ein und brach Richtung Süden auf. Um Geld zu sparen, gab Rudolf Heer die zweijährige Maria als Säugling aus. Am 9. September kam das Schiff in Aspinwall, dem heutigen Colón, in Panama an.

Mit dem Schiff bis Panama und dann weiter mit dem Zug. Die Reise nach Kalifornien war 1868 lang und beschwerlich.
Mit dem Schiff bis Panama und dann weiter mit dem Zug. Die Reise nach Kalifornien war 1868 lang und beschwerlich.Illustration: Marco Heer

Den Glarnern ging es auf ihrer zweiten Schifffahrt schlecht. Die Ernährung auf hoher See war katastrophal und deshalb machte sich Rudolf sofort auf die Suche nach Brot.

«Aspenwall ist eine kleine schmutzige Stadt. Bei der ersten Häuserreihe sind Trottowars wo die Schwarzen von allen Sorten Südfrüchte feilbieten und die Vorbeireisenden prellen auf eine schändliche Weise wenn sie können. Mein Vermögen bestand nur noch in 3 Papierthaler und nun kaufte ich hier Brod indem wir auf dieser Tour grossen Hunger litten und wir kein Brod erhielten.»

Die Mutter von Rudolf Heer, Adressatin der Zeilen, hatte wohl wie viele Menschen dieser Zeit, grosse Vorbehalte gegen Banknoten beziehungsweise Papiergeld und war es gewohnt, in Münzen zu zahlen. Das erklärt, wieso ihr Sohn explizit von Papierthalern spricht.

Rudolf Heer schrieb immer an seine Mutter. Sie war seine Kontaktperson in der alten Heimat.
Rudolf Heer schrieb immer an seine Mutter. Sie war seine Kontaktperson in der alten Heimat.Bild: Archiv Familie Heer

Einen Tag später ging die Reise mit der Eisenbahn weiter. Der Panamakanal existierte damals noch nicht, die Bauarbeiten dazu begannen erst 1881. So mussten die Einwanderer mit dem Zug von Küste zu Küste fahren. Nach rund drei Stunden in einem mit Menschen vollgestopften Waggon kamen sie in Panama Stadt an und wurden gleich zum Segeldampfer «Constitution» gebracht, welcher sie an ihr Ziel San Francisco bringen sollte. Diese letzte Schiffsreise der Heers war die schlimmste:

«Die Reise von Havre nach New Jork war nur eine Lustreise gegenüber dieser, denn von New Jork nach Aspenwall mussten wir grossen Hunger leiden und von Panama nach San Franzisko war es noch schlechter, da hatten wir 10 Tage lang keine Erdäpfel mehr, von Brod keine Rede, nichts als stinkendes Fleisch, geschwefeltes Reis, Türken (Polenta) und Zwieback und nur dieses, wenn man was kriegen wollte, musste man sich raufen.»

Der tägliche Kampf um das schlechte Essen wurde mit Händen und Füssen ausgetragen.

«Schon eine Stunde bevor das Signal mit einer Glocke gegeben wird stellen sich die Leute auf wie Wölfe welche auf ihre Beute lauern und sobald die Schweinekost aufgestellt wird in grossen Behältern so geht es darüber her, alles von Hand, und wenn es noch heisser ist, so fahren sie mit den Händen darein um etwas zu erwischen.»

Auf dem Schiff war das Essen schlecht. Trotzdem kam es täglich zu Kämpfen darum.
Auf dem Schiff war das Essen schlecht. Trotzdem kam es täglich zu Kämpfen darum.Illustration: Marco Heer

Und dann, am 25. September 1868, kam endlich San Francisco in Sicht. Familie Heer aus Glarus war am Ziel ihrer Reise. Hier, im warmen Kalifornien, sollte das neue und bessere Leben von Rudolf beginnen. Noch wusste der Einwanderer nicht viel über seine neue Heimat:

«Über die näheren Verhältnisse in diesem Land kann ich Euch noch nichts schreiben, als dass grosse Löhne ausbezahlt werden, denn da ist ein Dollar wie bei uns ein Franken.»

Die weiteren Artikel der dreiteiligen Serie über die Auswandererfamilie Heer:
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Weiter in den Westen» erschien am 23. Februar.
blog.nationalmuseum.ch/2022/02/auf-nach-kalifornien

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7 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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maylander
13.03.2022 11:26registriert September 2018
Eindrückliche Schilderung. So lange ist das gar nicht her.

Und heute wird gejammert, wenn im Flugzeug der Bildschirm ausfällt und das Essen ein bisschen pampig ist.
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