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So blickte man im 13. Jahrhundert auf die Schlacht bei Stamford Bridge: Abbildung aus der Vita Eduards des Bekenners.
So blickte man im 13. Jahrhundert auf die Schlacht bei Stamford Bridge: Abbildung aus der Vita Eduards des Bekenners. Bild: Wikimedia

Die Schlacht bei Stamford Bridge – die Tragödie der letzten Wikinger

Das Wikingerzeitalter, das 793 mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne vor Englands Nordostküste begann, fand mit der Schlacht bei Stamford Bridge am 25. September 1066 sein Ende. Dies ist die Geschichte der letzten grossen Wikingerüberfahrt nach England.
03.05.2020, 19:10
Florian Huber

Berserker – Mythos und Tradition

«Es brüllten die Berserker, der Kampf kam in Gang, es heulten die Wolfspelze und schüttelten die Eisen.» So beschreibt der Skalde (höfischer Dichter) Thorbjörn Hornklaue um 872 in seinem Loblied «Haraldskvæði» auf den norwegischen König Harald Schönhaar die Berserkerkrieger.

In vorderster Front kämpfend verfielen sie in einen tranceartigen Zustand des Kampfrausches, den Berserkergang. Ihnen wurde nachgesagt, unverwundbar zu sein, und wo immer sie angriffen, da starben ihre Feinde wie die Fliegen. Gruselig muss es gewesen sein, einen Berserker zu erleben. In Tierfelle gehüllt, wild schreiend und nicht selten in ihre Schilde beissend, fanden diese Männer Einzug in die Sagas der skandinavischen Skalden und die Chroniken aus England. Ob es sich hierbei um ein Ergebnis von Drogenkonsum oder Autohypnose handelte, ist nicht geklärt.

Diese aus dem nordischen Raum stammende Schachfigur (es handelt sich um einen Turm) zeigt einen Berserker, der in seinen Schild beisst.
Diese aus dem nordischen Raum stammende Schachfigur (es handelt sich um einen Turm) zeigt einen Berserker, der in seinen Schild beisst. Bild: Wikimedia

Sicher ist, dass der Berserkergang im Zuge der Christianisierung Skandinaviens verboten wurde. Schon um 1025 waren Berserker im klassischen Sinne Geschichte. Jedoch hat die Literatur die Berserkertradition nicht vergessen. Auch heute noch beschreiben wir in der Umgangssprache grosse Krieger als Berserker.

Als wahrhafter Berserker bezeichnet zu werden, verdient auch der Wikingerhüne, der in der Schlacht von Stamford Bridge eine bedeutende Rolle spielen sollte.

Verrat und Hass – Der Bruderzwist der Godwinsons

Wie so oft in der Geschichte brachten eine Familienstreitigkeit und die Gier nach Macht den Stein ins Rollen. Als der angelsächsische König von England Eduard der Bekenner im Januar 1066 starb, bestieg Harald Godwinson (seinerzeit Earl von Wessex) den englischen Königsthron. Sein Bruder Tostig Godwinson war ein Jahr zuvor nach politischem Zwist aus England verbannt worden und hatte den Titel des Earls von Northumbria verloren. Dies geschah nicht zuletzt auch mit dem Zuspruch Haralds. So war das Bruderband dauerhaft zerschnitten.

Bruderzwist: Tostig und Harald prügeln sich am Hofe Eduards des Bekenners.
Bruderzwist: Tostig und Harald prügeln sich am Hofe Eduards des Bekenners. Bild: Cambridge University Library

Vom eigenen Bruder verraten und ohne Ländereien ging Tostig ins Exil. Mehrere Versuche, sich durch Waffengewalt zu rehabilitieren, scheiterten. Nun fasste er einen neuen Plan, der ihm nicht nur seinen Besitz wiederbringen würde, sondern auch die Rache am eigenen Bruder ermöglichte. Mit dem norwegischen König Harald Hardrada (Harald war in dieser Zeit offensichtlich ein beliebter Name) fand er einen Mann mit Macht, Männern und Ambitionen.

Rüstet die Langschiffe! Die Angelsachsen sollen fallen

Die Hilfe König Harald Hardradas war nicht selbstlos. Die Motivation, ganz England zu erobern, war offensichtlich. Reichtum und Macht waren nicht die einzigen Gründe, die den Norwegerkönig dazu veranlassten, Tostigs Wunsch Folge zu leisten. Hardrada könnte schon bald in einem Atemzug mit Halvdan Kvitserk und Ivar dem Knochenlosen, den berüchtigten Führern des Grossen heidnischen Heers (dieses Wikingerheer hatte Ende des 9. Jahrhunderts grosse Teile Englands erobert), genannt werden. Vielleicht würde er gar zu einer legendären Figur wie Ragnar Lodbrok (ein historisch nicht sicher belegter Wikingerführer) aufsteigen. Man könnte es Knut dem Grossen gleichtun und ein neues Nordsee-Reich erschaffen, wie jenes des Dänenkönigs, das kurz zuvor (1035) zerfallen war.

Das kurzlebige Nordseereich (1014–1035) des dänischen Königs Knut der Grosse.
Das kurzlebige Nordseereich (1014–1035) des dänischen Königs Knut der Grosse. Karte: Wikimedia/Furfur

Im Spätsommer 1066 tauchten etwa 300 Langschiffe am Horizont vor der Küste Nordostenglands auf. Bis zu 9000 gerüstete Wikinger gingen von Bord. Tostig hatte es zudem geschafft, ein paar Kontingente aus Schottland und Flandern zu rekrutieren.

Ohne Probleme machten die Männer Hardradas und Tostigs am 20. September bei der Schlacht von Fulford bei York eine Armee der Earls von Mercia und Northumbria nieder. Dies brachte den englischen König Harald Godwinson in eine Zwickmühle. Er befand sich im Süden Englands, das sich zu dieser Zeit nicht nur durch die Wikinger im Norden, sondern auch im Süden durch eine bevorstehende Invasion bedroht sah. Der Normanne Wilhelm der Eroberer erhob ebenfalls Anspruch auf den englischen Thron.

Eilmarsch nach Norden

König Harald Godwinson musste schnell handeln. Er sammelte so viele seiner Huscarle (Berufssoldaten) und Gefolgsmänner um sich, wie er konnte, und eilte nach Norden. Bis zu 13'500 Männer folgten ihrem König. Um die Zukunft Englands bangend, marschierte das Heer 298 Kilometer in vier Tagen. Dies war ein entscheidender Faktor für die bevorstehende Schlacht. Die Wikingerarmee wurde überrascht – man rechnete nicht mit einer weiteren Armee der Angelsachsen, jedenfalls nicht so schnell.

Der Skalde Snorri Sturluson berichtet von einem Friedensangebot, das Harald Godwinson Tostig persönlich gemacht haben soll. Sein Bruder sollte wieder Earl werden, er müsse sich nur gegen Hardrada stellen. Hardrada selbst bot er nur ein Grab an: «Sieben Fuss englischen Bodens, da er grösser als andere Männer ist.» Wer weiss, ob es wirklich zu diesem Angebot kam? Das Tuch zwischen den Brüdern war jedenfalls schon lange zerschnitten. Die Entscheidung musste durch Stahl und Blut herbeigeführt werden.

Der Berserker von Stamford Bridge

Als die Wikingerarmee die aus Westen kommenden Engländer erblickte, befand sie sich in einer unvorteilhaften Situation. Der Hauptteil der Armee Hardradas und Tostigs lag auf der östlichen Seite des Flusses Derwent (Yorkshire), Teiltruppen auf der westlichen Seite. Auch wenn es möglich ist, dass es in unmittelbarer Umgebung weitere Flussübergänge gab, so war der Fluss primär durch eine Holzbrücke verbunden.

Heute führt eine Steinbrücke über den Derwent bei Stamford Bridge.
Heute führt eine Steinbrücke über den Derwent bei Stamford Bridge. Bild: Shutterstock

Die Vorhut der Angelsachsen rieb die Wikinger auf. Wer konnte, versuchte sich über die Brücke zum Hauptteil der Armee zu flüchten. Im Lager der Hauptarmee muss ziemliches Chaos geherrscht haben. Wenn die Angelsachsen schnell übersetzten, wäre es ein Leichtes, die unorganisierten Wikinger in die Flucht zu schlagen.

Nun war die Stunde eines als besonders gross und kräftig beschriebenen Norwegers gekommen. Er sollte als der Berserker von Stamford Bridge in die Chroniken eingehen. Sein Auftreten war so imponierend, dass mehrere Quellen ihn bezeugen. Einsam verweilte der Hüne auf der schmalen Holzbrücke, um seinen Kameraden die Zeit zu geben, die sie brauchten. Vermutlich war er mit einer Dänenaxt bewaffnet. Diese war zwischen 1,2 und 1,8 Meter lang bei einem Gewicht von bis zu zwei Kilogramm. Mit einer Klingenlänge bis zu 55 Zentimetern war sie ein gefürchtetes Tötungswerkzeug.

Original (l.) und Replika einer Dänenaxt aus der Wikingerzeit.
Original (l.) und Replika einer Dänenaxt aus der Wikingerzeit. Bild: khm.uio.no

Er wich nicht. 40 Angelsachsen streckte seine Klinge nieder. Hätte er doch nur die angedichtete Unverwundbarkeit der alten Berserker gehabt. Ein Soldat König Harald Godwinsons gelangte mit einem Speer unter die Brücke. Er stach zwischen den Planken hindurch und pfählte den Norweger. Vermutlich hätte ihn kein Huscarl Harald Godwinsons auf ehrenhafte Weise nach Walhalla schicken können.

Heroisierende Darstellung des Wikingers auf der Brücke.
Heroisierende Darstellung des Wikingers auf der Brücke. Bild: historynuggets.squarespace.com

Letzte Hoffnung

Das Opfer des norwegischen Berserkers war nicht umsonst. Es gab der Wikingerarmee Zeit, sich zu formieren. So hatte man eine Chance. Auf die Angelsachsen wartete ein kampferprobter Schildwall. Die Armee Harald Godwinsons setzte über die Brücke, formierte sich ebenfalls im Schildwall und griff an. Jetzt ging es aufs Ganze. Stundenlang wütete die Schlacht.

Ein verhängnisvoller Fehler entschied letztendlich mit über das Schlachtenglück. In der Hektik, die beim Anblick des Feindes ausbrach, entschlossen sich viele Wikinger dazu, ihre Rüstungen nicht vollständig anzulegen. Die Angelsachsen errangen die Oberhand. Es gelang einzelnen Soldaten Godwinsons, den Wikingerschildwall aufzubrechen. Darauf kam es zu einem Gemetzel.

Schildwall der Angelsachsen, hier bei der Schlacht bei Hastings. Detail aus dem Teppich von Bayeux.
Schildwall der Angelsachsen, hier bei der Schlacht bei Hastings. Detail aus dem Teppich von Bayeux.Bild: Wikimedia

Noch einmal keimte auf Seiten der Wikinger Hoffnung auf. Eystein Orre, Hardradas zukünftiger Schwiegersohn, gelangte mit den Truppen, die am Ankerplatz der Wikingerschiffe Wache gehalten hatten, auf das Schlachtfeld. Doch es nützte nichts. Die Soldaten waren so erschöpft, dass sie die Schlacht nicht wenden konnten. Die Chroniken berichten sogar davon, dass einige Soldaten unter Orres Führung – erschöpft vom Marsch – zusammenbrachen, ohne am Kampf teilzunehmen.

Das Ende des Wikingerzeitalters

Das Schicksal der Wikingerarmee, die ausgezogen war, um noch einmal England zu erobern, war besiegelt. Orre und Tostig Godwinson lagen erschlagen auf dem Schlachtfeld, ein Pfeil streckte König Harald Hardrada nieder. Man war vernichtend geschlagen worden, liessen doch fast alle Wikinger ihr Leben. Schätzungen belaufen sich auf 8000 und mehr. Die Wikinger, die es noch konnten, flohen, verfolgt von der Armee Harald Godwinsons.

König Harald Hardradas Tod. Gemälde von Peter Nicolai Arbo, (1870).
König Harald Hardradas Tod. Gemälde von Peter Nicolai Arbo, (1870).Bild: gemeinfrei

Die Niederlage der Wikinger bei Stamford Bridge markiert das Ende des Wikingerzeitalters. Die grossen Wikingerzüge gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Harald Godwinson besiegelte mit Harald Hardradas Sohn Olaf einen Waffenstillstand. Die überlebenden Wikinger schworen, England nicht mehr anzugreifen, und setzten die Segel – auf gerade einmal 24 verbleibenden Schiffen.

Auch in England brach ein neues Zeitalter an. Die Bedrohung aus dem Süden wurde wahr. Der normannische Herzog Wilhelm der Eroberer landete nur drei Tage nach der Schlacht bei Stamford Bridge in England. Harald Godwinsons Angelsachsen führten einen erneuten Gewaltmarsch durch, doch das von der Schlacht geschwächte und erschöpfte Heer erlitt am 14. Oktober 1066 eine entscheidende Niederlage bei der Schlacht bei Hastings. Harald Godwinson fiel.

Harald Godwinson fällt in der Schlacht bei Hastings. Detail aus dem Teppich von Bayeux.
Harald Godwinson fällt in der Schlacht bei Hastings. Detail aus dem Teppich von Bayeux. Bild: Wikimedia

So wurde der Weg für eine neue Ära bereitet. Von nun an und für lange Zeit sollte das Schicksal Englands nicht mehr mit Skandinavien verbunden sein, sondern mit Frankreich. Und noch Jahrzehnte nach der Schlacht bedeckten die Knochen der letzten Wikinger mahnend den Boden bei Stamford Bridge.

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