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Giger bodigt Wenger im Schlussgang und wird Festsieger.
Giger bodigt Wenger im Schlussgang und wird Festsieger.
Bild: keystone
Kommentar

Nicht gemischelt, nicht gemogelt – «gelenkte Dramaturgie» entschied den Kilchberger

Ist gemischelt worden? War eine «Berner Mafia» am Werk? Nein. Der Kilchberg-Schwinget zeigte uns die ganze Bandbreite der «Faszination Schwingfest». Der Triumph von Samuel Giger ist die Krönung des Prinzips «gelenkte Dramaturgie» und der tragische Held Samir Leuppi ein Opfer seiner Naivität.
26.09.2021, 13:3426.09.2021, 15:57

Wie können wir einen Wettbewerb, der nur aus Zweikämpfen besteht, so gestalten, dass alles in ein paar Stunden über die Bühne geht, die Spannung stetig wächst und am Ende des Tages der Sieger in einem Final (Schlussgang) ermittelt wird?

Durch Einteilung. Das Einteilungskampfgericht, in dem alle Teilverbände mit einer Stimme vertreten sind, teilt unter der Leitung des technischen Leiters des Verbandes ein. Bestimmt also, wer gegen wen in die Hosen steigt.

Die Einteilungskampfrichter aus den einzelnen Teilverbänden sind die wahren Schwinger-Generäle, die am Kartentisch die Strategien für ihre «Bösen» entwickeln und durchzusetzen versuchen. Beim Kilchberg-Schwinget stehen sie vor der dramatischsten Situation, die es je bei einem Anlass mit eidgenössischem Charakter – also einem Fest, bei dem die «Bösen» des ganzen Landes vertreten sind – gegeben hat.

Die Nordostschweizer Damian Ott und Samuel Giger, die Berner Kilian Wenger, Fabian Staudenmann und Bernhard Kämpf stehen nach fünf von sechs Gängen punktgleich an der Spitze. Das hat es so auf diesem Niveau noch nicht gegeben. Normalerweise werden die beiden Schwinger mit der höchsten Punktzahl für den Schlussgang nominiert. Nun sind es aber gleich fünf, die punktgleich sind.

Es liegt in der alleinigen Kompetenz und Verantwortung des Einteilungskampfgerichts, welche zwei Schwinger nun für den Final (Schlussgang) aufgeboten werden. Niemand darf sich einmischen. Es gibt keine Beeinflussungs- und Rekursmöglichkeiten. Das Einteilungsbüro ist das Allerheiligste eines Schwingfests, zu dem niemand sonst Zutritt hat.

Es gibt keine geschriebenen, es gibt nur ungeschriebene Gesetze, was zu tun ist, wenn aus mehreren punktgleichen «Bösen» zwei für den Schlussgang ausgewählt werden müssen.

Die ungeschriebenen Gesetze sind: nicht zwei aus dem gleichen Teilverband, nicht zwei, die am gleichen Fest schon miteinander geschwungen haben, werden nominiert. Wer mehr gewonnene Gänge auf dem Notenblatt hat, kommt vor dem punktgleichen Konkurrenten mit weniger gewonnenen Gängen.

Aber das sind eben nur ungeschriebene Gesetze. In Kilchberg hat das Einteilungskampfgericht den Berner Kilian Wenger und den Nordostschweizer Samuel Giger zum finalen Hosenlupf bestimmt. Warum?

Berner gegen Berner oder Nordostschweizer gegen Nordostschweizer geht nicht. Damian Ott und Kilian Wenger haben schon gegeneinander geschwungen und im ersten Gang gestellt (Unentschieden). Also fällt auch dieser Schlussgang aus den Traktanden. Ob einer mehr gewonnene Gänge auf dem Notenblatt hat, ist nicht zwingend zu berücksichtigen.

Nun kommt die «gelenkte Dramaturgie» zum Zuge. Kilian Wenger ist der einzige König an diesem Fest (König von 2010). Das ist ein königlicher Bonus und das Publikum würde es nicht goutieren, wenn ihm nicht mit einer Berufung in den Schlussgang gehuldigt würde.

Wenger hatte sich die Schlussgangteilnahme verdient.
Wenger hatte sich die Schlussgangteilnahme verdient.
Bild: KEYSTONE

Samuel Giger ist der beste Schwinger, der Dominator der Saison. Dem Publikum würde es nicht gefallen, wenn dem besten, dem tapfersten, dem mutigsten und «bösesten der Bösen» des Jahres die Chance auf den Sieg beim wichtigsten Fest verwehrt würde.

So ist der Schlussgang Kilian Wenger gegen Samuel Giger logisch, richtig, fair, fachlich wohl begründet und spektakulär. Das Publikum will ihn sehen.

Wie damals bei König Käser

Das letzte Mal stand das Einteilungskampfgericht beim Eidgenössischen von 1989 in Stans vor einer ähnlich heiklen Situation: Geni Hasler hatte alle Gänge gewonnen und stand als Schlussgangteilnehmer fest. Aber gegen wen? Die beiden Berner Adrian Käser und Fritz Flühmann waren punktgleich. Das Einteilungskampfgericht entschied sich für den eleganteren, technisch besseren und sechzehn Jahre jüngeren Adrian Käser und gegen den für seine bissige Kampfweise legendären alten Haudegen Fritz Flühmann, der den Ruf eines «Hemdenschrecks» hatte: Wenn er kämpfte, ging so manches Hemd in Fetzen. Gelenkte Dramaturgie» eben. Adrian Käser, der zuvor nie ein Fest gewonnen hatte, besiegte Geni Hasler und wurde König.

Alle Schwingerkönige seit 1961

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Alle Schwingerkönige seit 1961
quelle: keystone / alexandra wey
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Und noch etwas: Präsident des Einteilungskampfgerichts beim Kilchberg-Schwinget ist Stefan Strebel aus Hendschiken. Er kommt nicht aus dem Teilverband der Berner oder der Nordostschweizer, sondern aus dem Nordwestschweizer Verband. Er ist also neutral. Das Einteilungskampfgericht ist frei vom Schwefelgeruch der Mauschelei und es war auch keine «Berner Mafia» am Werk. Die Berner haben im Einteilungskampfgericht auch nur eine Stimme.

Und dann entsteht noch einmal eine ganz besondere Situation. Die für den Schlussgang verschmähten Damian Ott und Fabian Staudenmann gewinnen ihren 6. und letzten Kampf mit der Maximalnote (10,00). Samuel Giger gewinnt zwar den Schlussgang. Aber normalerweise würde er für diesen Sieg keine Maximalnote bekommen. Er hat Kilian Wenger nicht so direkt, wuchtig, platt, schnörkel- und diskussionslos auf den Rücken gelegt, dass zwingend die Maximalnote gegeben werden müsste. Keine Maximalnote würde bedeuten, dass eigentlich Damian Ott und Fabian Staudenmann als Festsieger ausgerufen werden müssen.

Die drei Kilchberg-Sieger werden auf Schultern getragen.
Die drei Kilchberg-Sieger werden auf Schultern getragen.
Bild: keystone

Also muss wieder die «gelenkte Dramaturgie» helfen. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, also ein geschriebenes Gesetz, dass der Sieger im Schlussgang immer die Maximalnote bekommt. Damit wird klugerweise sichergestellt, dass er in jedem Fall im 1. Rang steht. Und so kommt es, dass es juristisch erstmals drei Kilchberg-Sieger gibt: Samuel Giger, Damian Ott und Fabian Staudenmann. Bei einem «Eidgenössischen» würde in dieser Konstellation Samuel Giger König und Damian Ott und Fabian Staudenmann Erstgekrönte.

1a-Sieger Samuel Giger kriegt den Muni.
1a-Sieger Samuel Giger kriegt den Muni.
Bild: keystone

Obwohl wir drei Sieger haben, huldigt das Volk der Schwinger fürderhin Samuel Giger: Der Sieger des Schlussgangs steht im Ansehen immer höher als punktgleiche «Mitsieger».

Dieser Stau an der Ranglistenspitze ist die Folge der Ausgeglichenheit: Wenn die 60 «Bösesten» des Landes antreten und das Fest nur über einen Tag und sechs Gänge und nicht zwei Tage und acht Gänge geht wie beim «Eidgenössischen», bekommt die Rangliste zu wenig Profil. Gut, dass es eben die «gelenkte Dramaturgie» gibt.

Der Schwing-VAR wird nicht kommen

Was noch zu fragen ist: Brauchen auch die Schwinger Video-Kampfrichter? Samir Leuppis Anhänger dürfen von «Betrug» reden. Der bärenstarke Nordostschweizer (Winterthur) hat den wehrhaften Berner Verteidigungskünstler Bernhard Kämpf zweifelsfrei und eindeutig auf den Rücken gelegt. Das beweisen die laufenden Bilder unseres staatstragenden Fernsehens. Das ist halt die Kehrseite einer tollen TV-Übertragung.

Aber der Sieg wird vom Kampfrichter auf dem Platz und den zwei Kampfrichtern am Tisch nicht gegeben. So heisst es: erneut zusammengreifen und weiterschwingen. Bernhard Kämpf rettet den Gestellten (das Unentschieden) über die Zeit. Der Punktverlust kostet Samir Leuppi den Schlussgang.

Dazu ist zu sagen: Samir Leuppi macht den Fehler, seinen Gegner nicht lange genug festzuhalten und ins Sägemehl zu drücken, bis er das «Gut» des Kampfrichters hört oder der Sieg mit einem Klaps auf den Rücken bestätigt wird. Er hat sich zu früh seines Sieges gefreut. Samir Leuppi war zu wenig «böse». Oder boshafter: Er war zu naiv.

Da wussten alte Kenner sogleich zu erzählen, dass so etwas dem legendären Hans Stucki (1969 in Biel gegen Rudolf Hunsperger im Schlussgang) nie passiert sei. Der fünffache «Eidgenösse», einer der populärsten «Bösen» seiner Zeit, war taub. Die Kampfrichter signalisierten ihm den Sieg jeweils mit einem Klaps auf den Rücken. Da mussten wohl einige der Unterlegenen ordentlich Sägemehl «fressen».

Also künftig bei Festen mit eidgenössischem Charakter Video-Urteile? Die Frage geht an Rolf Gasser, in seiner Funktion als Geschäftsführer des Verbandes von Amtes wegen so etwas wie ein Vermittler zwischen Tradition und Moderne. Er sagt etwas knurrig, man möge ihn bitte mit solchen Fragen verschonen.

Wir können davon ausgehen, dass es nie einen Video-Kampfrichter geben wird. Es würde ja wahrlich nicht ins Bild passen, wenn sich bestandene Eidgenossen im schmucken «Kühermutz» über Bildschirme beugen und sich dem Diktat «neumödischer» Apparate unterwerfen. Und überhaupt: Was wäre, wenn Sägemehl in die Bildermaschinen geraten und sie funktionsunfähig machen würde?

Beschaulich wie zu alten Zeiten

Der 17. Kilchberg-Schwinget war nicht nur der ausgeglichenste Wettkampf mit eidgenössischem Charakter der Geschichte, es war auch der schönste der neueren Historie. Wegen behördlicher Anordnungen (Corona) durften nicht 12'000, sondern nur 6000 Besucherinnen und Besucher kommen. Ach, wie war das angenehm, gemütlich, urchig, beschaulich und einfach wunderschön. Kein Gedränge. Reichlich Platz überall. Fast wie ein Klassentreffen der Bodenständigen.

Ein Blick in die Schwingarena.
Ein Blick in die Schwingarena.
Bild: keystone

Wir sollten auch künftig bei 6000 Besucherinnen und Besuchern bleiben.

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Die Sieger des Kilchberger Schwingets seit 1967

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