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Yann Sommer, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka stehen Red und Antwort.
Yann Sommer, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka stehen Red und Antwort.Bild: keystone
Interview

Xhaka, Shaqiri und Sommer: «Einiges, was geschrieben wurde, hat uns sicher gestört»

Zwei Tage vor dem Achtelfinal gegen Frankreich stehen die Schweizer Teamleader Yann Sommer, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri im grossen Dreifach-Interview Red und Antwort. Im Gespräch geht es natürlich vor allem über Fussball, aber nicht nur.
27.06.2021, 00:3527.06.2021, 08:06
etienne Wuillemin / ch media

Was spricht für die Schweiz in diesem EM-Achtelfinal gegen Frankreich?
Yann Sommer: Wir haben in der Vergangenheit oft bewiesen, dass wir gegen starke Gegner mithalten, gute Leistungen zeigen, oder sogar gewinnen können. Wir wissen, dass wir gut sind – wenn wir denn unser Potenzial abrufen. Wenn wir so spielen wie gegen Italien, dann werden wir auch gegen Frankreich sehr viel Mühe haben, das ist bewusst.

Shaqiri hört Sommer aufmerksam zu.
Shaqiri hört Sommer aufmerksam zu.biild: keystone

Viel ist die Rede davon, «Geschichte zu schreiben». Wäre es mit einem Sieg gegen Frankreich so weit? Oder bräuchte es dafür eine Halbfinal-Qualifikation?
Granit Xhaka: Ich glaube, mit einem Sieg gegen Frankreich hätten wir gleich doppelt Geschichte geschrieben. Dass die Schweiz den Weltmeister ausschaltet, das wäre eine sehr grosse Sache, überhaupt nicht selbstverständlich. Genauso wie der erstmalige Schritt in den Viertelfinal. Es wären viele Leute überrascht, wenn wir die Franzosen schlagen. Sie sind Weltmeister. Auf dem Papier sind sie klar besser.

Spielen Sie lieber gegen einen Turnierfavoriten wie Frankreich als gegen Polen oder Schweden wie an der EM 2016 und der WM 2018, wo die Schweiz Favorit wäre?
Xhaka: Sie sagen es: Wir sind zweimal als Favorit in einem Achtelfinal ausgeschieden. Wenn wir an die WM 2014 zurückblicken, da ist uns gegen Argentinien als Aussenseiter bereits ein gutes Spiel gelungen, mit ein bisschen Glück hätten wir es geschafft… Jetzt kommen hier die Franzosen. Es ist eine super Herausforderung, weil sie auch Favorit auf den EM-Titel sind. Aber wir wollen uns mit den Besten messen.

Nicht nur Xhaka hofft auf einen Exploit gegen Frankreich.
Nicht nur Xhaka hofft auf einen Exploit gegen Frankreich.bild: keystone

Also gibt es kein Bedauern, dass die Schweiz den 2. Platz in der Gruppenphase verpasst hat und damit einen Achtelfinal gegen Dänemark?
Xhaka: Also unser Wunschgegner waren die Franzosen nicht, da sind wir ehrlich genug. Aber wir müssen uns dafür an der eigenen Nase nehmen. Aber vor allem bringt es nichts, zurückzuschauen und zu überlegen, was hätte sein können.
Xherdan Shaqiri: Ja, der zweite Platz wäre möglich gewesen. Und ja, das hat mich geärgert. Aber jetzt ist es so, wie es ist.

Trainer Vladimir Petkovic hat vor der EM gesagt: Wir wollen ein Buch schreiben mit vielen schönen Geschichten. Wie lauten die Titel der ersten drei Kapitel bis jetzt?
Shaqiri: Für mich zählt nur eines: Wir sind weitergekommen und haben unsere Pflicht erfüllt. Punkt. Jetzt kommt das zweite Kapitel.

Wie sehr sind Sie mit sich zufrieden bis anhin an dieser EM?
Shaqiri: Ich will noch kein Fazit ziehen, solange das Turnier nicht fertig ist!
Sommer: Ich würde sagen, wir hatten gegen Wales einen mässigen Start. Auch wir haben uns vorgestellt, mit einem Sieg zu beginnen. Dieses 1:1, das Gegentor nach unserer Führung, das war eine Enttäuschung. Dann kommt Italien… 0:3. Es war einfach keine gute Leistung, von Anfang bis Ende. Und schliesslich finde ich trotzdem: ein kleiner Exploit gegen die Türkei. Weil wir in dieser schwierigen Situation viele Sachen auf den Platz brachten, die uns schon immer stark machten. Das zeigt, dass diese Mannschaft dann trotzdem Charakter hat – nein, ich muss es besser sagen: dass diese Mannschaft einen guten Charakter hat. Weil sie sehr viel Kritik einstecken kann. Und dann im entscheidenden Moment gegen die Türkei bereit ist. Und noch etwas …​

Shaqiri schelmisch, Sommer scheint nicht ganz einverstanden zu sein.
Shaqiri schelmisch, Sommer scheint nicht ganz einverstanden zu sein.bild: keystone

… nur zu!
Sommer: Es muss mir nun niemand kommen und sagen: Ja, ja, die Türkei hat null Punkte geholt und sowieso von A bis Z enttäuscht – das war ja easy. War es nicht!

Was ist in der Mannschaft passiert nach dem Italien-Spiel bis zum Auftritt gegen die Türkei? Wie reagiert man auf so ein 0:3 und wandelt den Frust in so viel Energie um, damit dann eine Leistung wie gegen die Türkei herauskommt?
Xhaka: Die Enttäuschung war sehr gross. Bei allen. Gerade, weil wir andere Erwartungen an uns selbst haben. Am Tag darauf hatten wir ein super Gespräch unter den erfahreneren Spielern, die vielleicht schon länger dabei sind – mit offen Karten. Jeder hat gesagt, was ihn stört. Wir wussten, was wir falsch gemacht hatten. Und vor allem: was wir tun müssen, um weiterzukommen.
Shaqiri: Wichtig war meiner Meinung nach, dass wir es geschafft haben, dieses eine Spiel abzuhaken und sofort nach vorne zu schauen. Das war der Schlüssel.

Direkt nach dem Italien-Spiel haben Sie, Granit Xhaka, ziemlich deutliche, kritische Worte gewählt. Wie ist das in der Mannschaft angekommen?
Xhaka: Glauben Sie mir, die Jungs wissen, wie ich das meine. Die Leistung war einfach nicht gut. Und nach so einem Spiel sagt man halt manchmal Dinge, die man im Rückblick anders oder gar nicht hätte sagen sollen. Ich bin überzeugt, dass sich das niemand allzu sehr zu Herzen genommen hat. Und sonst sind wir alt genug, um darüber zu reden.

Haben Sie bewusst versucht, aufzurütteln?
Xhaka: Nein, nein, nach so einem Match überlegt man nicht sehr viel (lacht).
Sommer: Er ist der Captain, wenn einer etwas direkt und deutlich ansprechen darf, dann er. Und das ist auch gut. Wir müssen unangenehme Dinge ansprechen, schliesslich wollen wir Erfolg.

Aber darf man dem Captain denn auch widersprechen?
Sommer: Auf jeden Fall! Er hat ja nicht immer Recht (lacht). Aber er darf nach so einem Spiel enttäuscht sein. Und er darf auch einmal über das Ziel hinaus schiessen. Das ist überhaupt nicht schlimm. Danach sitzt man wieder zusammen, wenn es ein Problem gibt und klärt es. Das gehört dazu.

Mit einem Lächeln nach Bukarest: Am Montagabend gilt es dann ernst.
Mit einem Lächeln nach Bukarest: Am Montagabend gilt es dann ernst.bild: keystone

Ist es wirklich so einfach?
Sommer: Ja. Ich sehe nicht, was daran schwierig sein sollte. Wir kennen uns schon viel zu lange, als dass uns ein einziges Spiel aus der Bahn werfen würde.
Shaqiri: Wir sind wirklich schon so lange miteinander unterwegs, wir drei sind alle aus Basel, haben schon so viele Dinge zusammen erlebt, und nie ein Problem miteinander gehabt. Ab und zu pushen wir uns eben gegenseitig.

Sie sind ja eigentlich alles schon alte Hasen, wenn man die Länderspielstatistik anschaut, 255 Länderspiele haben Sie drei zusammengerechnet bereits auf dem Konto…
Xhaka: Komm jetzt, alte Hasen?!
Shaqiri: Yann auf jeden Fall! Er hat schon eine «3» am Rücken und wir bekommen sie ja auch bald. (lacht)Sommer: Warte mal ab, wer von uns dann am längsten Fussball spielt (lacht).
Shaqiri: Nein, nein, alles gut, wir sind ja in einem schönen Alter und im Geist noch jung.

Während der Vorrunde gab es viel Aufruhr und Kritik rund um die Nati, Stichworte Tattoo, Coiffeur, Autos – und das 0:3 gegen Italien. Haben Sie sich ungerecht behandelt gefühlt?
Shaqiri: Einiges, was geschrieben wurde, hat uns sicher gestört. Vor allem die Dinge, die nichts mit Fussball zu tun haben. Sie standen im Vordergrund, und das stört uns als Fussballer.

Warum ist das passiert? Und was sagt das aus?
Shaqiri: Ich weiss es nicht. Ich frage mich aber, warum das im französischen und italienischen Teil der Schweiz kein Thema war.
Sommer: Vielleicht gibt es am Ende Themen, die man spannender findet als den Fussball an sich. In den letzten Jahren gab es in der Aussenwahrnehmung immer wieder Nebenschauplätze, die wichtiger waren als das, was auf dem Platz geschah – diese Dinge tangieren uns nicht, und darum besprechen wir sie auch nicht innerhalb der Mannschaft. Was wir besprechen, sind die schlechten Leistungen.

Auch im Training ist die Stimmung bestens.
Auch im Training ist die Stimmung bestens.Bild: keystone

Im Ausland sind die Medien gnadenlos, wenn es einem Verein nicht läuft. Sind Sie deswegen nicht abgehärtet?
Xhaka: Eines kann ich Ihnen aber garantieren: Da redet niemand über Autos oder Frisuren. Da wird diskutiert über die Leistung auf dem Platz. Und wenn diese schlecht ist, ist auch die Kritik verständlich.
Shaqiri: Es ist dann unnötig, wenn private Dinge plötzlich mit der Leistung auf dem Platz verknüpft werden.

Was lösen denn Stimmen wie nach dem 0:3 gegen Italien aus? Will man da als Mannschaft erst recht zeigen, dass die Kritiker Unrecht haben?
Shaqiri: Auf den Fussball bezogen sicher. Es ist das allerwichtigste, uns stets weiterzuentwickeln. Zu fragen: Was ist schief gelaufen? Wie können wir die Fehler wieder gut machen? Und eine Reaktion ist gekommen. Das zeigt, dass wir die Tage zuvor gut gemeistert haben.
Sommer: Aber glauben Sie nun ja nicht, dass Sie immer zuerst negativ schreiben müssen, damit wir unsere beste Leistung zeigen können!
Xhaka: Genau, das ist überhaupt nicht der Fall.

Granit Xhaka, Sie haben nach dem Türkei-Spiel auch davon gesprochen, dass es Leute gibt, die versuchen, die Mannschaft kaputtzumachen. Fehlt Ihnen die Liebe des Volkes?
Xhaka: Es gibt viele Meinungen im Land. Und je grösser die Bühne, desto mehr Leute beteiligen sich auch an allen Diskussionen. Mein Gefühl war, dass Leute von aussen Unruhe in die Mannschaft bringen wollen. Kaputt machen ist wohl das falsche Wort, aber Unruhe schüren wollen, dieses Gefühl hatte ich schon.
Shaqiri: An einer EM wird viel geschrieben, das wissen wir. Alleine das Turnier selbst dauert einen Monat, das ist viel Zeit. Natürlich sind Fans auch einmal sauer, wenn es der Nati nicht läuft. Und dann muss die Wut eben raus, wenn sie enttäuscht worden sind vom einen oder anderen, oder denken, dass die Jungs nicht alles gegeben haben. Das ist völlig normal. Ich glaube, die Fans haben jetzt aber auch gespürt, dass ein anderer Wind weht. Und nach dieser Reaktion von uns gegen die Türkei habe ich auch mitbekommen, wie sich viele mit uns freuen über die Achtelfinal-Qualifikation. Jetzt haben wir eine neue Chance, das Land stolz zu machen. Und ich bin sicher, es werden viele Leute auf uns stolz sein, selbst wenn wir es nicht schaffen, zu gewinnen.
Sommer: Ich merke, dass uns wegen Corona vieles fehlte in der Vorbereitung. Der Bezug zu den Fans war komplett reduziert. Wir konnten keine öffentlichen Trainings machen, konnten keine Fans sehen, haben keine Stimmung mitbekommen vor dem Turnier. Das gab ein ganz anderes Gefühl, um an diese EM zu reisen. Vor den letzten Turnieren merkte man jeweils: Ja, die Leute sind euphorisch oder zuversichtlich – cool! Das ist nun leider komplett weggefallen.

Ein unbeschwerter Xherdan Shaqiri.
Ein unbeschwerter Xherdan Shaqiri.bild: keystone

Reden wir noch über Frankreich. Was kommt Ihnen zu dieser Mannschaft in den Sinn?
Sommer: Wer will?
Xhaka: Mach nur!
Sommer: Viele Topstars. Sehr viel Qualität. Sehr viel Tempo. Physische starke Spieler.

Die Schweizer Nati hat in den letzten Jahren immer mehr den Anspruch entwickelt, auch gegen grosse Gegner dominant aufzutreten und mitzuspielen. Wäre es angezeigt, sich nun gegen Weltmeister Frankreich ein bisschen anzupassen? Oder bleibt das Denken: Wenn wir unsere Leistung auf den Platz kriegen, hat auch der Weltmeister Mühe?
Sommer: Wichtig für uns wird: Wir dürfen nicht blauäugig in dieses Spiel gehen. Trotzdem müssen wir auch Mut zeigen. Es geht darum, sehr kompakt zu sein, eine gute Balance zu finden. Im Umschaltspiel sind sie überragend, da müssen wir schon aufpassen. Und ihnen aber gleichwohl schwierige Aufgaben stellen.
Xhaka: Klar, muss man sich anpassen. Sie haben viele gefährliche Spieler. Aber es ist eine Stärke von uns, dass wir auch Fussball spielen wollen. Und die grossen Teams rennen nicht gerne dem Ball hinterher. Klar ist: unnötige Ballverluste darf es keine geben. Da müssen wir sehr vorsichtig sein.

Die Schweiz hat an den letzten drei Endrunden dreimal im Achtelfinal verloren. Welches war die grösste Enttäuschung?
Sommer: Alle! Zweimal waren wir nahe dran. Und 2018 gegen Schweden waren wir einfach nicht gut genug. Ich weiss noch, wie ich danach erst einmal eine Woche Zeit brauchte, um alles zu verarbeiten. Es hat gedauert, bis ich mit meiner Frau relaxt die Ferien geniessen konnte. Das zeigt, wie extrem man drin ist in so einem Turnier. Auch jetzt ist es mir wichtig zu sagen: Wir haben gegen Frankreich sehr wohl etwas zu verlieren. Und zwar die Qualifikation für einen Viertelfinal. Das festzustellen, ist wichtig. Darum gehen wir mit dem vollen Glauben an uns in dieses Spiel.

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