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Plötzlich ist alles anders ...

Bild: shutterstock

Manchmal braucht es eine gewaltige Ohrfeige, um die Schönheit des Lebens zu begreifen, respektive wieder zu entdecken.



Am Sonntagabend wurde ich an eine Unfallstelle gerufen. Eine meiner liebsten Freundinnen war auf dem Heimweg, nachdem wir zuvor den Abend bei Wein und Fussball verbracht hatten, und wurde dabei von einem Bus überfahren.  

«Leute werden doch nicht tatsächlich von einem Bus ÜBERfahren ...», legte sich mein Gehirn zurecht, während ich voller Angst unterwegs war. «Das passiert doch nur bei Grey’s Anatomy ...»

Doch. Busse fahren über Menschen. Auch über knapp 50 Kilogramm schwere Freundinnen. Als ich ankam, war die Unfallstelle grossräumig abgesperrt, «Schutz und Rettung» war bereits vor Ort und versorgte meine Freundin, die sich schwerste Unterschenkel- und Fussverletzungen zugezogen hatte – so schwer, dass an beiden Beinen die Haut praktisch weg war und ich ihre gebrochenen Knochen, ihre Sehnen und Muskeln sehen konnte. Sie wand sich vor Schmerz und brüllte im Schock, dass es mir – damals und auch noch heute – durch Mark und Bein ging.  

Es ist eine wirklich fiese, miese Scheisskackdrecksituation. Aber sie ist nicht nur schlecht. Sie rückt so vieles wieder in seine Relation.

Nun ist es so, dass bei Grey’s Anatomy nach solchen Bildern ein Szenenwechsel stattfindet und man sich innert Minutenfrist wieder Gedanken um die Liebesleiden postpubertären Krankenhauspersonals macht. Im wahren Leben bleibt einem diese Erleichterung leider verwehrt.  

Mitten ins Gesicht

Plötzlich ist da eine völlig andere, eine völlig neue Realität. Von der Euphorie übers 1:1 gegen Brasilien, von weinseligen Gesprächen und Scherzen, von völliger Unbeschwert- und -versehrtheit hinein in ein High 5 des Schicksals. Mitten ins Gesicht. Mit einem Stuhl. Aus Stahl.  

Seither ist alles etwas anders. Natürlich vor allem für meine Freundin, die eine Tapferkeit an den Tag legt, die ihresgleichen sucht. Selbstverständlich ist sie oft traurig und verzweifelt – ganz ehrlich, es würde mich beunruhigen, wenn sie das nicht wäre. Aber sie verblüfft mich auch jeden Tag aufs Neue mit lustigen Sprüchen und Selfies aus dem Krankenbett, vor allem aber auch mit realistischen Analysen ihrer Situation und dem, was noch kommen wird und kommen muss.  

Das Care Team der Polizei riet mir, so viel wie möglich über das Erlebte zu reden – und genau das tue ich seit einer Woche. Mit meinem Partner, der auch an der Unfallstelle war (und der mir einmal mehr ein Fels in der Krise war und ist), mit meiner Psychotherapeutin und nicht zuletzt mit meiner Freundin selbst.  

Scheisskackdrecksituation

Und weisst du was? Keine Geiss kann das wegschlecken: Es ist eine wirklich fiese, miese Scheisskackdrecksituation. Aber sie ist nicht nur schlecht. Sie rückt so vieles wieder in seine Relation.

Primär bin ich einfach von Herzen dankbar, dass meine Freundin noch da ist. Busse können auch über Köpfe fahren. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, freue ich mich, wenn sie mir entgegen strahlt, auch wenn sich zwischen uns nicht nur ein Spitalbett, sondern riesige Gestänge befinden, die ihre Knochen provisorisch an Ort und Stelle halten. Wir führen Gespräche über die zentralsten Belange des Lebens.

Ich habe ein verschärftes Gefühl, Wichtiges von Nichtigem zu unterscheiden und erlebe selbst die alltäglichsten Situationen sehr bewusst. Das ist anstrengend, aber auch sehr schön.

Vorbei die Tage, an denen wir berieten, wer beim Dating wem zuerst schreiben soll oder über die Katastrophe eines abgebrochenen Nagels klagten oder uns fragten, warum die kürzlich erworbene Designertasche bereits einen Kratzer bekommen hat. Stattdessen reden wir über Dankbarkeit und Demut und den Wert von Freundschaft und Liebe.  

Nähen statt shoppen

Obwohl ich emotional ge- und ja, in den letzten Tagen auch ein paarmal überfordert war (denn ja, ab und an kommen die Bilder und die Geräusche jener Nacht noch zurück, aber das ist normal und okay), ist mein Denken gerade geprägt von Wohlwollen. Es hat eine Verschiebung zum Wesentlichen stattgefunden. Es ist mir nicht mehr so verdammt wichtig, immer auf dem neuesten Stand des Weltgeschehens zu sein – ich verbringe lieber etwas mehr Zeit mit Gesprächen mit meinen Liebsten, auch wenn’s dabei um Nebensächliches geht.

Statt Zeug zu shoppen, das ich eh nicht brauche, habe ich diese Woche Unterhosen für meine Freundin gekauft und sie mit meiner Nähmaschine so abgeändert und mit Knöpfen versehen, dass man sie nicht über die Beine ziehen muss. Sieht zwar aus, als hätte sie ein Kind mit einem gebrochenen Arm genäht, aber sie sitzen und sie machen meiner Freundin das Leben leichter – wenn auch nur ein Stücklein. Ich habe ein verschärftes Gefühl, Wichtiges von Nichtigem zu unterscheiden und erlebe selbst die alltäglichsten Situationen sehr bewusst. Das ist anstrengend, aber auch sehr schön.  

Ich sage nicht, dass das für immer so bleibt. Und ja, «ignorance is bliss» stimmt schon. Unser Verstand hat es nicht umsonst so eingerichtet, dass wir nicht bei jedem Atemzug damit rechnen, gleich überfahren, erdrosselt oder von einem Stück Weltraummüll erschlagen zu werden. Manchmal ist es gut, nicht alles zu durchdenken und sich in seiner heilen Wohlfühlbubble dahintreiben zu lassen. Es ist aber auch gut, ab und zu daran erinnert zu werden, dass ein solches Dahintreiben ein Privileg ist, das viele Menschen nicht haben. Ich freue mich darauf, wenn nicht mehr alles so wahnsinnig bedeutungsschwanger und aufwühlend ist wie im Moment.  

Trotzdem bin ich dankbar für die tiefen Emotionen, die mich in den letzten Tagen durchgeschüttelt haben. Wenn einem das Schicksal überdeutlich vor Augen führt, wie schnell man etwas verlieren kann – in einer einzigen Sekunde, zagg – wird einem bewusst, wie viel man eigentlich hat, das man verlieren könnte.  

Ich bin dankbar für diese Lektion.  

Für die grossartige, tapfere, kluge, witzige, schöne Nora.   

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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