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Über diesen Skandal schweigt Günther Jauch bis heute

Erinnerst du dich noch an Michael Born? Den Filmfälscher? Günther Jauch stolperte in seiner Tätigkeit für das RTL-Magazin «stern TV» über dessen Betrugsskandal – und hüllt sich seitdem in einen Mantel des Schweigens.

Steven Sowa / t-online



Ein Artikel von

T-Online

«Zum Glück vergessen wir ja auch eine ganze Menge» urteilte Günther Jauch 2010 für die 20-jährige «stern TV»-Jubiläumssendung beim Blick in die Vergangenheit. Die Born-Affäre der Neunziger war nicht gemeint. Sie wurde jahrelang ausgespart, konsequent. Weder in der Sendung «20 Jahre stern TV» noch in der Jubiläumsausgabe fünf Jahre später wurde über den Filmfälscher Michael Born und den vielleicht grössten deutschen TV-Betrugsskandal gesprochen. Jauch und Born – diese personelle Verwicklung bleibt eine Konstellation des Schweigens.

Ob die Lügengeschichte von einst im kollektiven Gedächtnis verblasst? Schwer zu sagen. Klar ist nur: Es lohnt sich auch heute noch, sie zu erzählen. Und das nicht, weil die Erzählung Verschwörungsmythen befeuern soll – «stern TV» wird von der Firma «i&u TV» produziert, dessen Alleingesellschafter Günther Jauch ist. Vielmehr zeigt der Umgang mit der Affäre, wie gut das Prinzip der Verdrängung funktioniert – bis heute.

Der Born-Skandal flog 1996 auf

Guenther Jauch, unter anderem Moderator der RTL-Rateshow

Da war der Born-Skandal schon weit weg. Günther Jauch im November 2000. Bild: AP

Das war passiert: Günther Jauch trat 1990 seinen Job als «stern TV»-Moderator an. Von September 1992 bis September 1994 sprang er zusätzlich zu seiner Moderatorentätigkeit auch als Chefredakteur für das TV-Magazin ein. In dieser Zeit sendete «stern TV» Beiträge des freien Reporters Michael Born. Unter anderem einen Bericht über Kindersklaven in Indien, die für IKEA Teppiche knüpften oder eine Reportage über ein Ku-Klux-Klan-Treffen in der Eifel. Beide Filme stellten sich später als Fälschung heraus: Die Kinder waren Teil einer eingefädelten Inszenierung und das angebliche Ku-Klux-Klan-Treffen stellte Born mit Freunden nach.

In einem Gespräch mit der  NDR -Journalistin Anja Reschke erzählte Born im Jahr 2011: «Wir haben denen eine Welt gebaut, wie sie nur in ihren Köpfen existiert.» Der Fälscher als Getriebener, so wollte er sich verstanden wissen. 2019 verstarb er im Alter von 60 Jahren in Graz. 

Aufgeflogen war Born, weil die Stimme des angeblichen Ku-Klux-Klan-Redners laut polizeilichem Gutachten mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit identisch war mit der Stimme des angeblichen Drogenkuriers aus Guadeloupe – ebenfalls eine Geschichte von Born, es ging um Rauschgifthandel von der Karibischen Insel aufs französische Festland. Die Staatsanwaltschaft bewog daraufhin einen von Borns Mitarbeitern zu einem umfangreichen Geständnis.

Bild

Michael Born im Januar 2019 in einem TV-Interview. Screenshot: Youtube

1996 kam es zum aufsehenerregenden Prozess. Die Anklage warf ihm 32 gefälschte Dokumentationen vor, von denen ihm 16 nachgewiesen werden konnten. Das Gericht verurteilte Born im Dezember 1996 wegen vollendeten Betrugs in 17 Fällen und versuchten Betrugs in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. 1997 kam er frei, seit 2002 lebte er in Griechenland

«Ich bin nie in einem Schneideraum gewesen»

Borns damaliger Chef, Günther Jauch, war als Zeuge zum Prozess geladen. Die meisten von Borns TV-Fälschungen liefen bei «stern TV» und landeten unter der Verantwortung Jauchs im Fernsehen. Als er vernommen wurde, ahnte er schon, dass er «den Kopf dafür hinzuhalten hat», so schrieb es der Gerichtsreporter Volker Lilienthal damals für die «Zeit». «In dieser Zeit trug ich die publizistische Verantwortung für das, was bei 'stern TV' gesendet wurde», gab sich Jauch vor Gericht die Blösse. 

Doch ein Schuldeingeständnis war von Günther Jauch nicht zu hören. Er mäanderte herum, als er gefragt wurde, wie er als Chefredakteur die journalistische Sorgfaltspflicht wahrgenommen habe: «Man achtet in erster Linie darauf, ob eine Geschichte stimmig ist.» Der damals 40-Jährige offenbarte damit sein Rollenverständnis so: Er müsse als Chefredakteur nicht prüfen, ob eine Geschichte stimmt, sondern nur, ob sie stimmig sei. Sprich: ob der Zuschauer der Story folgen könne. Dass er die Verantwortung für die Fälschungen von sich schob, wurde 1996 vor allem wegen eines Satzes als skandalös eingestuft: «Ich bin im Grunde genommen nie in einem Schneideraum drin gewesen.»

In der Rateshow

Günther Jauch in seiner Erfolgssendung «Wer wird Millionär». Bild: DPA

Dass sich einer der damals schon bekanntesten Fernsehjournalisten Deutschlands auf den Vorwurf der mangelnden Sorgfalt als moderierender Frühstücksdirektor inszenierte, stiess vielen Beobachtern sauer auf. Doch Jauchs Karriere schadete der Knick nicht. Bis zu seiner Abschiedssendung am 5. Januar 2011 moderierte er «stern TV» 891 Mal. Bereits drei Jahre nach dem Born-Skandal bekam Jauch mit «Wer wird Millionär?» zusätzlich einen festen Sendeplatz als Quizmaster bei RTL. Bis heute gilt der gebürtige Münsteraner als einer der beliebtesten Moderatoren des Landes.

Rückblicke ohne Michael Born – der Mantel des Schweigens

Es ist einer der wenigen Kratzer auf der so schillernden Visitenkarte von Günther Jauch – abgesehen von seinem sagenumwobenen Abschied beim Bayerischen Rundfunk, der ihn fristlos entlassen hatte, nachdem Jauch negativ über seine Vorgesetzten sprach. Doch so ausführlich er über seine BR-Kündigung sprach, so beharrlich schwieg er zum Thema Michael Born.

Dabei blickte die Redaktion von «stern TV» in all den Jubiläumssendungen auch gerne auf eigene Missgeschicke und Pannen zurück. Doch das Magazin zeigte Günther Jauch lediglich, wie er hilflos an einer Reckstange hing oder vergeblich versuchte, eine Sumo-Kämpferin aus dem Ring zu stossen. Beides Zusammenschnitte aus der Kategorie «Missgriffe». Die historischen Verfehlungen der RTL-Sendung aber werden in Rückblicken verschwiegen.

Seit 30 Jahren arbeitet Günther Jauch mit dem Sender zusammen. Kaum ein Gesicht prägte die Kölner Fernsehanstalt so sehr, wie das des lausbübisch grinsenden Brillenträgers. Die Verdrängung von Michael Born als Themenkomplex hatte womöglich auch etwas mit dem Image des Moderators zu tun, der so gern als «Schwiegermuttersliebling» betitelt wird. Beim Fälschungsskandal gab es nichts schönzureden, sowohl für RTL als auch für Jauch war die Sache nach dem Gerichtsprozess gegessen – inklusive einer veränderten Personalpolitik bei «stern TV», die eine dauerhafte Redaktion mit festangestellten Mitarbeitern installierte und die Zulieferungen von freien Journalisten zurückfuhr.

«Mit einigen Beiträgen haben wir uns einfach lustig gemacht über die Verantwortlichen in den Sendern»

Michael Born

Born über Jauch: «Frührente ist angesagt»

Michael Born hingegen äusserte sich später noch einmal zu Jauch. In einem Interview mit dem «Tagesspiegel» empfahl er dem Moderatoren, er solle «um Himmels willen vernünftigen Wein auf seinem Gut produzieren und bloss die Finger von politischen Magazinen lassen. Frührente ist angesagt.»

Der «Konrad Kujau des Fernsehens», wie er durch seine TV-Fakes in Anlehnung an den Kunstfälscher Konrad Paul Kujau genannt wurde, begründete sein Urteil auch mit der Naivität, die ihm Jauch damals als «stern TV»-Chef entgegenbrachte. «Mit einigen Beiträgen haben wir uns einfach lustig gemacht über die Verantwortlichen in den Sendern», so Born in dem Interview.

Deshalb habe er einen Film über Krötenlecker gemacht, bei dem es um Kröten als neue Droge ging, die Deutschland angeblich überschwemmen würden. «Da sich Günther Jauch in seiner Moderation neben ein Terrarium mit zwei Kröten stellte, und die Welt von diesem neuen Drogenproblem informierte, haben wir beschlossen, die eigens dafür angeschaffte Sonorkröte 'Günther' zu taufen.»

Vielleicht stammt der eingangs zitierte Satz «zum Glück vergessen wir ja auch eine ganze Menge» auch deshalb von Günther Jauch. 

Verwendete Quellen:

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Friedhofskapelle 08.07.2020 22:16
    Highlight Highlight .
    Benutzer Bild
  • Victor Paulsen 08.07.2020 17:19
    Highlight Highlight Ich glaube, dass weder Jauch noch jemand aus seinem Team bewusst gefälschte Inhalte ausstrahlen liess. Ich vermute, dass Jauch sich auch nicht für die Überprüfung der Richtigkeit der Inhalte verantwortlich fühlte. Aber das Problem ist, besonders wenn die Inhalte extern gedreht werden, dass sich niemand für die Überprüfung verantwortlich fühlt. Das Team von RTL ist wohl gar nicht auf die Idee gekommen, dass diese Gefahr besteht
  • Tom Garret 08.07.2020 13:48
    Highlight Highlight Naja, also verglichen mit Joko und Klaas, die wirklich fälschungen produziert haben, hat sich Jauch meiner Meinung nach weniger geleistet. Fehlende Sorgfaltspflicht aber allemal. Wichtig ist vor allem das man aus sochen Fällen lernt und sich dem Auftrag wieder bewusst wird...
  • Amarillo 08.07.2020 13:31
    Highlight Highlight Die erst kürzliche Affäre um die getürkten Reportagen von Claas Relotius lässt grüssen. Gemeinsam ist in beiden Fällen, dass die "Fälscher" genau wussten, wie und was man zu bringen hat, damit die Geschichte das OK vom Chef bekommt. Dabei ist nicht nur eine logische Glaubwürdigkeit gefordert, sondern auch die politische Marschrichtung eines Senders / eines Verlags.
  • Swen Goldpreis 08.07.2020 12:57
    Highlight Highlight Wenn ein freier Journalist Reportagen fälscht, dann ist der Journalist ein Betrüger, der nicht nur das Vertrauen der Fernsehzuschauer missbraucht hat, sondern auch der Redaktion.

    Das nun Jauch anlasten zu wollen, finde ich etwas billig. Hätte er denn der indischen Mafia anrufen sollen und sie fragen, ob sie wirklich Kinder entführt? Bei Auslandsreportagen ist es grundsätzlich schwer, sie zu verifzieren. Und wenn es um Untergrundorganisationen geht erst recht.

    Drum schaut Jauch, ob die Story "stimmig" ist. Ob also Widersprüche auffallen. Das war bei diesen gut gemachten Fälschungen nicht so.
    • bruuslii 09.07.2020 07:55
      Highlight Highlight swen: ich bin kein spezialist, aber gerade "im schneideraum" kann man sich ja stichprobenweise das originalmaterial zeigen lassen.

      das ist gewiss auch nicht 100% sicher, aber es ist wohl wesentlich schwerer genug drum herum auch nich zu fälschen. in diesem ganzen material stelle ich mir vor, dass es verplaperer oder unstimmige locations oder ähnliches gibt, die während dem schnitt säuberlich ausgespart werden können.
    • Swen Goldpreis 09.07.2020 10:28
      Highlight Highlight Bruuslii: Ja, das könnte man vermutlich. Aber in den meisten Fällen herrscht in Betrieben gegenüber Angestellten oder freien Mitarbeitern ein gewisses Grundvertrauen. Und das ist ja auch richtig so.

      Wenn ich an einem Arbeitsplatz das Gefühl hätte, dass dieses Grundvertrauen fehlt, dann würde ich mir ziemlich schnell eine neue Stelle suchen.

      Es kommt ja noch dazu, dass Leute wie Born oder Relotius auch ein Renome haben und als gute Journalisten galten, die ein Händchen für solche Geschichten haben. Da ist man dann als Chef auch nicht so erstaunt, wenn plötzlich ein unglaubliches THema kommt.
  • Käsewähe 08.07.2020 12:55
    Highlight Highlight Mal ehrlich... wen interessiert‘s? Ist 24 Jahre her. Gibt sicherlich interessantere Geschichten als solch aufgewärmte Suppen...
    • bruuslii 09.07.2020 08:00
      Highlight Highlight käsewähe: journalistische qualität ist nach wie vor ein thema. siehe dazu das video von rezo mit "der zerstörung der presse" und auch den artikel dazu hier auf watson.

      wenn man aus der geschichte lernen will, muss man diese auch kennen.

      ich hoffe, dass dieser artikel auch bedeutet, dass watson seine verantwortung erkennt und auch wahrnimmt.

      zum anderen soll es den leser sensibilisieren, artikel auch kritisch zu hinterfragen.

      dazu sind quellenangaben im artikel oder beitrag das minimum.
  • uhl 08.07.2020 10:50
    Highlight Highlight Ok, das war sicher falsch. Aber warum genau sollten RTL und Jauch das nun noch einmal aufwärmen? Wem bringt das etwas? Wurde jemand dadurch nachhaltig geschädigt?

    Es scheint mir vermehrt, dass alte Dinge wieder aufgewärmt werden, obwohl es dazu keine neue Fakten gibt. Weshalb?

    Und überhaupt: Wer keine Fehler macht, werfe den ersten Stein.
    • Shabbazz 08.07.2020 11:21
      Highlight Highlight Was das bringen würde? Das die SternTV Zuschauer mal daran erinnert werden wie toll die Storys "recherchiert" wurden. Und apropos altes Aufwärmen, es war halt ein Rückblick, logisch wärmt man da Altes auf.

      Und klar Fehler passieren, das ist aus meiner Sicht nicht mal das Problem. Aber man sollte schon offen dazu stehen und seine Schuld eingestehen können! Das wäre ein Zeichen für Grösse und Charakterstärke...nicht das man Ausreden von sich gibt und dem Thema ausweicht...
    • Tschowanni 08.07.2020 11:23
      Highlight Highlight Vielleicht weil Medien heutzutage nicht anderst agieren als damals? Was Reuters, Bloomberg etc. heute servieren wird ungefragt übernommen
    • Joe Gage 08.07.2020 11:23
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