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Undatiertes Archivbild des UBS-Ehrenpraesidenten Robert Holzach. Laut Tageszeitung

Offizier und Gentleman: Robert Holzach. Bild: KEYSTONE

Buchkritik

Der letzte Schweizer Gentleman-Bankier

Robert Holzach war die zentrale Figur beim Aufstieg der Schweizerischen Bankgesellschaft von der «Bauern»-Bank zum globalen Finanzinstitut. Claude Baumann hat eine Biografie über den vielleicht wichtigsten Schweizer Bankier der Nachkriegszeit geschrieben.



Robert Holzach war die Verkörperung des Schweizer Bankiers der Nachkriegszeit schlechthin. Er stammte aus gut bürgerlichen Kreisen, sein Grossvater mütterlicherseits betrieb ein gut gehendes Uhren- und Schmuckgeschäft in Konstanz. Er war Offizier der Schweizer Armee und hatte im Zweiten Weltkrieg an der Grenze gedient – und er war loyal. Seine SBG-Karriere begann der Jurist zwar zufällig, aber sie sollte ein ganzes Arbeitsleben dauern. 

Lichtgestalt oder sturer Militärkopf?  

Die Beurteilung von Robert Holzach hängt wohl mit der persönlichen Weltanschauung des Betrachters zusammen. Claude Baumann ist ein bekennender Bewunderer. Für ihn war Holzach eine Lichtgestalt, ein Mann von grosser Intelligenz und grossem Fleiss, der seine Schaffenskraft ganz in den Dienst seiner Bank und seines Vaterlandes gestellt hat, und dem man deswegen gelegentliche Wutausbrüche und gelegentlich übertriebene Strenge nachsehen sollte. Durch eine andere Brille betrachtet könnte man Holzach auch wie folgt beschreiben: Patriarch, Militärkopf und Kommunistenfresser. 

Bild

Titelbild der Holzach-Biografie von Claude Baumann.

So uneinig man in der Beurteilung von Robert Holzach auch sein mag: Baumann ist es gelungen, ein Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte informativ und spannend zu erzählen. Seine Biografie zeigt auf, wie fundamental sich das Bankwesen in den letzten 40 Jahren verändert hat, und wie es die SBG geschafft hat, von der «Bauernbank» zum führenden Schweizer Geldinstitut aufzusteigen. 

Vier Ereignisse stehen dabei im Vordergrund:

Der Interhandel

Die Interhandel-Affäre ist ein düsteres Kapitel. Interhandel war ein Ableger der IG Farben in Basel. IG Farben wiederum war das vielleicht schlimmste Nazi-Konglomerat, das unter anderem ein Arbeitslager in Auschwitz unterhielt. Die Verwicklung der SBG und Interhandel ist viel zu komplex, als dass sie hier erzählt werden könnte. 

Daher nur das Fazit: Nach langem Hin und Her ist es Alfred Schaefer, dem damaligen Präsidenten der SBG und dem grossen Förderer von Holzach gelungen, zu Beginn der 1960er Jahre einen dubiosen Handel mit dem damaligen US-Justizminister Robert Kennedy abzuschliessen, bei dem das nach wie vor beträchtliche Interhandel-Vermögen aufgeteilt wurde. 

Die SBG kassierte dabei rund 400 Millionen Franken, damals noch viel Geld. Es verstärkte die Eigenkapitalbasis der Bank und legte den Grundstein zum rasanten Aufstieg.

Die Rey-Affäre

Werner K. Rey war in den 1980er Jahren der erste Schweizer Firmenraider. Er schnappte sich die Schuhfabrik Bally zu einem lächerlich tiefen Preis und blamierte dabei die SBG und deren Präsidenten Schaefer. Die SBG war die Hausbank und hätte Reys Raubzug eigentlich verhindern sollen. 

Ein gezeichneter Werner K. Rey (Mitte) wird am 2. Juni 1998 von zwei Polizisten in Zivil ins Berner Amthaus gebracht, wo er einem ersten Verhoer auf Schweizer Boden nach seiner sechsjaehrigen Abwesenheit unterzogen wird. (KEYSTONE/Edi Engeler)    === NEUGESCANNTER AUSSCHNITT AUS BILD 'BE115 SCHWEIZ WERNER K. REY' ===

Werner K. Rey auf dem Weg zu seinem Prozess. Bild: KEYSTONE

Robert Holzach rächte sich auf seine Art: Als Schaefers Nachfolger befahl er, dass Rey niemals einen Kredit von der Bank erhielt und dem mit ihm befreundeten NZZ-Journalisten Hansjörg Abt hielt er vertrauliche Informationen über Reys kriminelle Machenschaften zu. 

Am Schluss hielt Holzach das bessere Ende für sich: Der Betrüger Rey wurde, nachdem er die Schweizer Wirtschaft jahrelang auf Trab gehalten hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und die Banken, die mit ihm geschäftet hatten, mussten grosse Verluste abschreiben. Ausser der SBG waren es eigentlich alle. 

Der Angriff von Martin Ebner

Martin Ebner war zwar kein Raider im Sinne von Rey, aber er läutete in der Schweiz das Shareholder-Value-Zeitalter der 1990er Jahre ein. Dazu bediente er sich der SBG. Ebner kaufte – tatkräftig unterstützt von einen Unternehmer namens Christoph Blocher – im grossen Stil SBG-Aktien und verlangte von der Bank, dass sie eine Eigenkapitalrendite von mindesten 15 Prozent erzielen sollte. 

SBG-Aktionaer Martin Ebner verfolgt mit seiner Frau Rosemarie im April 1996 im Hallenstadion von Zuerich die Generalversammlung der Schweizerischen Bankgesellschaft. (KEYSTONE/Str)

Martin Ebner zusammen mit seiner Ehefrau an der SBG-Generalversammlung von 1996. Bild: KEYSTONE

«Bei der SBG hatte man diese Masszahl zuvor kaum beachtet», schreibt Baumann. «Sie lag damals, im Jahr 1991, bei den Schweizer Grossbanken durchschnittlich bei 11 Prozent.» Zum Vergleich, wenig später sollte der ehemalige CS-Banker Josef Ackermann bei der Deutschen Bank eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent fordern. Beim Branchenleader, der US-Investmentbank Goldman Sachs, sollte sie später bis zu 40 Prozent klettern. 

Wie auch immer: Ebner scheiterte zwar mit seinem Angriff, er konnte die SBG-Führung jedoch so verunsichern, dass sie später einer Elefantenhochzeit mit dem Bankverein zustimmte und zur UBS mutierte. Holzach verfolgte dieses Geschehen verärgert und missmutig als inzwischen ungeliebter und machtloser Ehrenpräsident.

Die Holocaust-Gelder

Mitte der 1990er Jahre wurde die Schweizer Bankenwelt von den Geistern des Zweiten Weltkriegs eingeholt. Ausgangspunkt war eine Behauptung, wonach auf Schweizer Bankkonten nach wie vor Gelder in Milliarden-Höhe von Holocaust-Opfern lägen, die ihren Nachkommen vorenthalten würden. Diese Behauptung sollte sich als unwahr herausstellen, doch das Verhalten der Banken – allen voran das der SBG – kann man nur als saudumm bezeichnen. 

Christoph Meili, right, listens as his wife Giuseppina addresses a news conference outside the New York offices of the Union Bank of Switzerland Wednesday, Jan. 14, 1998. Christoph Meili, who lost his job as a security guard at a Swiss bank after rescuing Holocaust-era records from a paper shredder,sued UBS Wednesday for more than $2.5 billion. (AP Photo/Michael Schmelling)

Wachmann Christophe Meili mit Ehefrau. Bild: AP

Konzernleiter Robert Studer sprach verächtlich von diesen Geldern als «Peanuts» und verwickelte sich in eine unsägliche Auseinandersetzung mit einem Wachmann namens Meili. Ehrenpräsident Robert Holzach gab einer amerikanischen Journalistin ein Interview unter vier Augen, nur um wenig später im renommierten Magazin «New Yorker» zu lesen, er habe von einer «jüdischen Verschwörung» gegen die Schweiz gesprochen. Der Schaden war nur mit sehr viel Geld wieder gut zu machen.

Ospel & Co. ruinierten die UBS

Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte die UBS wenig mit der ehemaligen SBG gemeinsam. Nicht mehr das Kreditgeschäft in der Schweiz stand im Vordergrund, sondern die Vermögensverwaltung und das Investmentbanking. Marcel Ospel hatte sich gar zum Ziel gesetzt, die UBS zur grössten Investmentbank der Welt zu machen. Stattdessen ruinierte er sie. 

Marcel Ospel, Verwaltungsrats-Praesident der UBS, ist am Montag, 18. Februar 2002, als Tambour mit seiner Clique 'Revoluzer' an der Basler Fasnacht dabei. Am Cortege, dem Umzug an der Basler Fasnacht, machen rund 15'000 Aktive mit, und Hunderttausende Zuschauer saeumen die Strassen. (KEYSTONE/Markus Stuecklin)

Nur an der Fasnacht Spitze: Marcel Ospel. Bild: KEYSTONE

 «Es ist bis heute kaum fassbar, mit welcher Durchtriebenheit und mit welchem unreflektierten Profitstreben die Bankoberen der UBS nach der Fusion das Vermächtnis Holzachs demontiert haben, um schliesslich doch nur zu scheitern», schreibt Baumann. Wie immer man also zu Holzach stehen mag, ob er nun ein selbstloser Gentleman-Bankier oder ein autoritärer Militärkopf war – auf jeden Fall war er das kleinere Übel als die skrupellosen Händler vom Schlage eines Marcel Ospel, die seine Nachfolge angetreten haben. 

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