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Aus Syrien in die Schweiz geflüchtet – die Geschichte des Tokio-Starters Badreddin Wais

Radfahrer Ahmad Badreddin Wais flüchtete in einem Schlepperboot vor dem Krieg in Syrien und gelangte über Umwege und mit einem 2000 Franken teuren kasachischen Pass in die Schweiz und fand eine zweite Heimat. Nun startet er bei den Olympischen Spielen in Tokio.
27.07.2021, 18:0528.07.2021, 07:24
Simon Häring / CH Media

Am 21. Juli 2014 verlässt ein Mann sein Zuhause in Aleppo in Syrien, fährt mit dem Auto nach Beirut in den Libanon, von dort aus weiter an die Mittelmeerküste, wo er über ein Schlepperboot in die Türkei gelangt. Dabei hat er nur ein paar Kleider, Bargeld und die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ahmad Badreddin Wais trägt an jenem Tag ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift «Tour de France». In seiner Heimat war er der beste Radfahrer, 2009 nahm er in Moskau als erster Syrer an Junioren-Weltmeisterschaften teil. Seine Familie hatte das kriegsversehrte Land bereits zuvor verlassen, doch Wais harrte aus. Für den Traum vom Leben als Berufssportler. «Doch in jenem Sommer wurde es zu gefährlich.»

Das Regime um Baschar al-Assad hatte alle Volljährigen zum Militärdienst verpflichtet, doch Badreddin Wais sagt im April zum französischen TV-Sender «FranceTV»: «Ich möchte keine Politik machen und keinen Krieg. Ich bin kein Kämpfer. Wenn, dann nur auf meinem Fahrrad.» Wer den Militärdienst verweigert, dem droht die Todesstrafe, sagt Wais.

Taxifahrer, Verkäufer, Deutschunterricht

Sein Ziel ist Belgien, das Mutterland des Radsports. Doch es beginnt eine dreimonatige Odyssee durch die Türkei, irgendwann gelingt es ihm, mit einem Boot über die Ägäis nach Athen zu gelangen. Dort kauft er für 1800 Euro einen kasachischen Pass und fliegt nach Genf. Es ist nicht seine Absicht, in der Schweiz zu bleiben. Er will immer noch nach Belgien oder nach Holland.

«Doch als ich diese Berge und Seen sah, habe ich mich in dieses Land verliebt. Das half mir, zu vergessen, was ich verloren hatte, die Menschen, meine Heimat. Und ein neues Leben zu beginnen», erinnert sich Wais. Er wird als politischer Flüchtling anerkannt. Erst ist er in Vallorbe, dann wird er nach St.Gallen geschickt, dann landet er in Pfäffikon.

Er arbeitet als Taxifahrer, später als Verkäufer, lernt in der Schule Deutsch, verliebt sich. Und er beginnt wieder mit dem Velofahren. Doch er besitzt fast nichts. Auf einer Ausfahrt lernt er einen früheren Reiseleiter kennen. «Als er sah, wie schlecht ich ausgerüstet war, schenkte er mir einen Sack Velobekleidung und zeigte mir die Pässe und Seen der Schweiz.»

Im Emmental eine Heimat gefunden

Badreddin Wais findet ein Radteam, kleine Sponsoren und 2016 findet er Aufnahme im Refugee-Team des Internationalen Olympischen Komitees mit dem Ziel: Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. Er trainiert an sechs von sieben Tagen in der Woche – bei jedem Wetter. Er sagt: «Im Leben ist es wie mit dem Radfahren – du musst dich bewegen, um vorwärts zu kommen.»

Wais (links) war rund zwei Jahre lang mit dem Schweizer Velo-Aushängeschild Marlen Reusser liiert.

Badreddin Wais kommt vorwärts. Von 2017 bis 2019 vertrat er Syrien an den Rad-Weltmeisterschaften. Bei der Premiere 2017 in Bergen fuhr er auf den 60. Rang, im Jahr darauf in Innsbruck kam er auf den 53. Rang, 2019 in Harrogate klassierte er sich im 50. Rang, im letzten Jahr auf der Motorsportrennstrecke in Imola wurde er 55.

Der Krieg in Syrien, die Flucht aus der Heimat, aber auch die Pandemie haben Ahmad Badreddin Wais dessen beste Jahre als Berufssportler beraubt, aber seine Träume und Ziele nahmen sie ihm nicht. Im Mai fuhr er für das Continental-Team Kuwait Pro Cycling bei der Estland-Tour.

«Man muss einfach Ziele und Träume haben»

Die Schweiz ist längst seine zweite Heimat geworden. Im französischen Fernsehen sagte er: «Ich glaube, ich kann fast überall leben. Man muss einfach Ziele und Träume haben.» Er hat Ziele und Träume. Am 8. Juni 2021 geht sein bisher grösster in Erfüllung. Ahmad Badreddin Wais, 1991 in Aleppo zur Welt gekommen, der erst im Alter von 14 Jahren mit dem Radfahren begonnen hatte, ein politischer Flüchtling aus Syrien, der inzwischen im Emmental lebt, wird für die Olympischen Spiele nominiert. Er sagt: «Ich bin unglaublich dankbar dafür. Weil ich Menschen mit einem ähnlichen Schicksal Hoffnung geben und zeigen kann, was möglich ist.»

Jenen Menschen, wie er einmal einer war, als er an jenem Tag im Sommer 2014 seine Heimat verliess, und später irgendwann in der Schweiz eine zweite Heimat fand. Auch für sie fährt er am Mittwoch in Tokio.

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