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«Solidarisch wehren wir uns mit allen nötigen Mitteln gegen den Faschismus», schreibt Chelsea Manning unter dieses Bild.
«Solidarisch wehren wir uns mit allen nötigen Mitteln gegen den Faschismus», schreibt Chelsea Manning unter dieses Bild.

Keine kontert Twitter-Trolle so toll wie Chelsea Manning

Die Ex-Whistleblowerin ist 29 und gerade die unwiderstehlichste, unverkrampfteste Twitter-Ikone. 
25.08.2017, 20:3725.08.2017, 23:06

Dies dürfte das coolste Wortgefecht der letzten Tage sein. Einer schreibt:

«You should have been shot for treason.»
«Du hättest für Verrat erschossen werden sollen.»

Die Antwort der Gegenseite lautet:

«instead i got shot for @voguemagazine»
«Stattdessen wurde ich für die ‹Vogue› abgelichtet»

Was für eine nonchalante, elegante und glamouröse Antwort! Der Beleidiger nennt sich übrigens BC II und ist ein rechter Twitter-Troll, der mit Vorliebe rassistische, sexistische und trumpistische Nachrichten des geschickt kopierten Fake-Julian-Assange-Accounts @RealAssange weitertwittert.  

Wer ihm antwortet, ist Chelsea Manning, die Transfrau also, die sieben harte Jahre in einem Männergefängnis verbracht und zweimal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, bevor sie von Präsident Obama begnadigt wurde. Die Whistleblowerin, die während dieser sieben Jahre ihren einstigen Männerkörper einer Geschlechtsangleichung unterzog. Jetzt ist sie in der «Vogue».

Das «Vogue»-Foto

«Ich vermute, so sieht Freiheit aus», schrieb sie unter das Foto. Und versah es wie immer mit verschwenderisch vielen Emojis.

Denn das ist Chelsea heute: Freigebig mit ihrer Freude an der Freiheit, ihren Gefühlen und ihrem Kampfgeist, der dem des Soldaten, der mit 20 Jahren in die Armee eintrat, vielleicht nicht ganz unähnlich ist. Damals, als Chelsea sich als schwuler Mann definierte, der gerne Frauenkleider trug.

Da war Chelsea noch Bradley Manning und frisch verurteilt, weil er gut 750'000 militärische Geheimdokumente an WikiLeaks geliefert hatte.
Da war Chelsea noch Bradley Manning und frisch verurteilt, weil er gut 750'000 militärische Geheimdokumente an WikiLeaks geliefert hatte.
Bild: EPA/BRADLEYMANNING.ORG FILE

So verunsichert war sie damals, dass sie hoffte, in der Armee zu einem echten Mann zu werden. Stattdessen wurde sie endlich zu einer Frau.

Seit ihrer Freilassung am 17. Mai twittert sie täglich dutzendfach. Zunächst ist das eine euphorische Dokumentation des neu gefundenen Alltagsglücks. Emojisüchtig ist sie da noch nicht.

Inzwischen ist aus Chelsea Manning eine ebenso euphorische Aktivistin geworden. Für die Rechte der LGBTQ-Community, für Abtreibung, für ein funktionierendes Gesundheitssystem, gegen Rassismus, für den antifaschistischen Kampf. Es scheinen in ihrem grossen, twitternden Herzen restlos alle Platz zu haben, die sich gegen das derzeitige amerikanische Polit-Establishment stellen.

Trump verbannt Transmenschen aus der Armee

Video: srf

Sie alle werden in ihren Tweets mit Herzen, rosa Einhörnern und Regenbögen bedacht. Chelsea twittert gewissermassen unentwegt Glitter auf die Massen und auch auf die Masse jener Trolle, die eine Geschlechtsangleichung als Kosmetik bezeichnen und ihren Tod wollen. Das scheint gelegentlich etwas naiv, ist aber ungeheuer effizient, da unendlich entwaffnend. Vor allem, wenn es so leichtherzig daherkommt wie der «Vogue»-Tweet.

Die «Vogue» ist übrigens seit dem ersten Tag in Freiheit an Chelsea Mannings Seite. Noch im Gefängnis schrieb sie der Redaktion lange Listen mit Farben und Schnitten, die ihr gefallen könnten. Es war eine sehr scheue, mausartige Annäherung an die Möglichkeiten weiblicher Mode. Aber die «Vogue» nahm Chelseas Wünsche ernst und stellte ihr eine erste kleine Garderobe zusammen. Und liess auch gleich noch einen goldenen Anhänger in Form eines Hashtags anfertigen.

Inzwischen hat Chelsea ihre Garderobe zunehmend in Richtung Cyberpunk verändert, der Anhänger ist geblieben. Neben ihren Emojis setzt sie jetzt auch ihr Make-up bewusst symbolisch ein. Schwarzer Lippenstift bedeutet: «Ich protestiere gegen Trump.»

Auch das mag ein wenig simpel scheinen. Aber Chelsea Manning versprüht trotz der leidvollen letzten Jahre eine derart ansteckende Freude an ihrer Bewegungsfreiheit und ihrem Recht auf Meinungsäusserung, dass Twitter dank ihr gerade richtig Sinn macht. Sie ist unwiderstehlich. Und man ist geneigt, sich tief vor ihr zu verneigen.

Israels «Miss Trans» – eine christliche Araberin :)

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quelle: ap/ap / oded balilty
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