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Yonnihof

«Big is beautiful»– und warum das für mich als Übergewichtige nicht stimmt

Bild: shutterstock
08.07.2016, 09:1008.07.2016, 09:27

Vor Kurzem bekam ich eine Leserzuschrift, in der mich eine junge Frau sehr energisch darum bat, mich für Body Positivity einzusetzen. Sie nannte dabei Beispiele wie «Eff Your Beauty Standards». Kurz: Alle Menschen sind schön, wobei in diesem Fall hauptsächlich die Schönheit Übergewichtiger gemeint ist.  

Finde ich das? Finde ich, dass sich die Schönheitsideale aller anderen f***** sollten und dass alle Menschen schön sind?  

Nope. Ich finde nicht alle Menschen schön. Und ich finde nicht alle übergewichtigen Menschen schön. Und ich finde, weiss Gott, ab und zu mich selber alles andere als schön. Big ist für mich nicht automatisch auch beautiful.

Das ist aber eigentlich völlig egal. Der Punkt ist: Das muss es nicht. Und das muss es auch für niemand anders.  

Body-Positivity-Movements werden oft missbraucht, um zu propagieren, wen die Allgemeinheit alles schön zu finden hat. Was für ein Humbug! Dabei geht’s um Akzeptanz, nicht um Attraktion! Ästhetik liegt im viel zitierten «Eye of the Beholder» und nirgends anders. Ich kann also niemandem sagen, sein Schönheitsideal soll sich mal f*****. Man findet schön, was man schön findet und wen man schön findet, und ich kann noch so lange und laut umestämpfele und Onlinekampagnen fahren, das wird sich nicht ändern. Ende.  

Ich bin übergewichtig. Und ich verlange von absolut niemandem, dass er oder sie das schön finden muss. Ich propagiere auch kein Übergewicht. Die Konsequenzen davon kennt man, ich sowieso.  

Was ich jedoch schwierig finde, ist, wenn Menschen beginnen, Attraktion und Akzeptanz zu vermischen und zu denken, dass das, was sie unattraktiv finden, weniger von ihrem Respekt verdient.  

Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass gewisse Leute zu denken scheinen, sie hätten ein Anrecht darauf, den Körper anderer öffentlich zu kritisieren oder zu bewerten, sobald er nicht mehr der Norm entspricht, der sie angehören. Sei er zu dick oder zu dünn oder zu trainiert oder zu wenig definiert oder zu oft operiert – sei es derjenige eines Mannes oder derjenige einer Frau. Und das oft in völlig zusammenhangslosen Momenten.

Gruppenferienfoto: «Woah, dä links chönt au wiedermal is Fitness oder «Chönt öper ihre rächts mal es Pommfritt gäh?» Was bringt einem ein solcher Kommentar?

Ich selber habe nur mit Reaktionen auf Übergewicht Erfahrung. Ein Mangel an Disziplin sei das und man müsse sich «halt einfach mal ein bisschen zusammenreissen». Auch diese Tipps kommen meist ungefragt.

«Friss eifach chli weniger und mach meh Sport  

Nun ja, das mag stimmen. Zumindest teilweise. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich die Verantwortung dafür trage, wie ich aussehe. Trotzdem: Wenn es für Übergewichtige ganz so einfach wäre, abzunehmen, wären nicht so viele Menschen auf der Welt ausserhalb der Normalgewichtszone. Das scheint etwas zu sein, das für gewisse Menschen einfach ausserordentlich schwierig umzusetzen ist – und ich kann nicht erklären, warum das so ist, aber mir geht’s nicht anders. Obwohl ich weiss, dass Übergewicht ungesund ist. Und obwohl ich weiss, dass ich abnehmen sollte.  

Darüber bin ich letztendlich jedoch absolut niemandem ausser mir selbst Rechenschaft schuldig, schon gar nicht Fremden, die ihre negativen Aussagen über mich darauf aufbauen, dass sie persönlich nicht mit mir ins Bett wollen und ich aufgrund meines Äusseren ein leichtes Opfer bin.   

Ein «Friss doch einfach weniger/mehr» hilft niemandem. Übergewichtige (und ich nehme an auch alle anderen ausserhalb der Norm) sind sich auch ohne solche Sprüche bewusst, dass sie nicht ins Schema passen. Meist ist ihr Gewicht eines der zentralsten Themen ihres Lebens – sie genau auf den Teil ihrer selbst zu reduzieren, mit dem sie ohnehin schon am meisten zu kämpfen haben, hilft ihnen nicht, es tut ihnen nur zusätzlich weh.

Ich wundere mich da jeweils über das Empathiedefizit gewisser Zeitgenossen. Was dir leicht fällt, fällt nicht allen leicht, was du im Griff hast, hat nicht jeder im Griff – das sollte man als erwachsener Mensch begreifen. Baustellen haben wir alle, genauso wie kognitive Dissonanzen, wo wir eigentlich wüssten, was das Beste wäre, es aber trotzdem nicht umsetzen – nur weil man mir meine ansieht, ist das keine Aufforderung (und keine Berechtigung) dazu, mich öffentlich zu verurteilen oder mir sonst wie weh zu tun.  

Denn solche Bewertungen und Urteile und Beleidigungen tun weh, da bin ich ganz ehrlich.  

Fast noch schlimmer finde ich die, die im Namen aller reden. «Dicke/Dünne sind ekelhaft und wer das Gegenteil behauptet, lügt!» Was ich persönlich viel eher abstossend finde, ist, wenn jemand so sehr von seinem eigenen Sinn für Ästhetik überzeugt ist, dass er keine Hemmungen hat, ihn als Maxime der Attraktivitätsbeurteilung auf alle andern zu projizieren – nebst der Tatsache, dass ich aus Erfahrung sagen kann, dass obige Aussage nicht stimmt.

Unbestritten gelten Körper im Normalbereich beim Durchschnitt als attraktiver als diejenigen ausserhalb. Ich bin mir dessen bewusst und finde das auch völlig verständlich. Nur gibt es da doch noch den einen oder die andere ausserhalb des Durchschnitts (nach oben, nach unten und in alle anderen Richtungen auch) – und auch deren Sinn für Ästhetik hat Gültigkeit, erstaunlicherweise genau gleich viel wie der desjenigen, der sie pauschal als Lügner bezeichnet.  

Nochmal: Niemand muss mich schön finden, ich beanspruche nicht, dem generellen Schönheitsideal zu entsprechen, ich finde mich auch nicht «mutig» und propagiere kein Übergewicht (im Gegenteil) – aber mein Körper gehört mir und keine Speckrolle, kein fehlender Waschbrettbauch und keine herausstehenden Knochen der Welt berechtigen Angriffe, öffentliche Be- und Entwertung, Auslachen oder Niedermachen.  

Mein persönliches Fazit: Wir als Übergewichtige (und sonst wie Andersartige) müssen aufhören, die Tatsache, dass uns gewisse Menschen generell nicht attraktiv finden, als Angriff zu interpretieren. Und gewisse andere Menschen müssen ihrerseits aufhören, die Tatsache, dass sie uns nicht attraktiv finden, als Berechtigung für persönliche Angriffe und öffentliche Bewertung zu verstehen.  

Wir sind nicht dafür da, für alle anderen Menschen attraktiv zu sein – das müssen wir nur für unsere (potentiellen) PartnerInnen. Und die finden uns schön, als Gesamtes, und die wissen schon, was sie tun. Alle andern sollen sich an unseren Persönlichkeiten oder unseren Talenten oder unserer Freundschaft erfreuen oder in Gottes Namen ihres Weges ziehen – und damit meine ich auch mich selber, wenn es ums Äussere anderer geht.  

Deine privaten Krämpfe und Baustellen gehen mich nichts an – und meine Speckrollen gehen dich nichts an, auch wenn man sie besser sieht als deine Imperfektionen. So wie du mehr bist als deine inneren und äusseren Fehler, bin ich mehr als meine Figur.

Es sollte also nicht heissen «Eff your beauty standards», sondern «Eff your (beauty) judgement». Wirklich hässlich macht uns nämlich nicht unser Äusseres.  

Wir sind alle seltsame, schwabbelige, haarige, knochige, unsichere, scheue, verpickelte, glatzköpfige, dellige, winzige, riesige ... imperfekte Männlein und Weiblein.

Wer ohne Sünde ist, werfe nun den ersten Stein.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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