Syrien
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
FILE - This image made from an AP video posted on Wednesday, Sept. 18, 2013 shows shows Syrians in protective suits and gas masks conducting a drill on how to treat casualties of a chemical weapons attack in Aleppo, Syria. The Islamic State group is aggressively pursuing development of chemical weapons, setting up a branch dedicated to research and experiments with the help of scientists from Iraq, Syria and elsewhere in the region, according to Iraqi and U.S. intelligence officials. (AP Photo via AP video, File)

Bergung eines Nervengift-Opfers in Syrien: Eigentlich hätte Assad die Chemie-Waffen im Jahr 2013 vernichten müssen.   Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

Nervengift-Angriff: Warum es immer noch Chemiewaffen in Syrien gibt

Der Giftgasangriff auf Chan Schaichun sorgte weltweit für Entsetzen. Eigentlich dürfte es in Syrien gar keine Chemiewaffen mehr geben, denn sie wurden 2014 vernichtet. Doch eine neue Produktion wäre unauffällig möglich.

Holger Dambeck



Ein Artikel von

Spiegel Online

Der Luftangriff auf die syrische Stadt Chan Schaichun war ein Schock. Wieder war eine tödliche Chemikalie gegen Zivilisten eingesetzt worden, vermutlich Sarin. Mehr als 80 Menschen starben – darunter Dutzende Kinder. Die USA reagierten mit einem Raketenangriff auf einen Luftwaffenstützpunkt der Syrer.

Vieles deutet darauf hin, dass die Armee von Diktator Baschar al-Assad ein gefährliches Nervengift eingesetzt hat. Aber eigentlich sollte es in Syrien gar keine chemischen Waffen mehr geben. Denn nach dem verheerenden Sarin-Angriff auf einen Vorort von Damaskus im August 2013 mit rund 1400 Toten war Syriens Machthaber international massiv unter Druck geraten.

Produktion binnen weniger Tage

Assad stimmte schliesslich der Vernichtung aller deklarierten Giftgas-Bestände und chemischen Ausgangsstoffe zu. Unter Aufsicht der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wurden Hunderte Tonnen landesweit eingesammelt und auf einem US-Spezialschiff unschädlich gemacht. Giftige Reste der Aktion kamen ins niedersächsische Munster zur endgültigen Vernichtung. Die OPCW wurde 2013 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Dass bei dieser weltweit bislang beispiellosen Vernichtungsaktion nicht alle syrischen Kampfstoffe entdeckt wurden, ist keine grosse Überraschung. Die Inspektoren konnten schliesslich kaum jedes Gebäude untersuchen. Erschwerend hinzu kamen die immer wieder aufflammenden Kämpfe.

Experten halten es aber auch für denkbar, dass in Syrien mittlerweile wieder Nervengifte wie Sarin hergestellt werden. Die Produktion erfordere weder aussergewöhnliche Expertise noch besondere Ressourcen, sagte John Gilbert vom Center for Arms Control and Non-Proliferation aus Washington. «Ein kompetenter Chemiker kann das hinbekommen», erklärte er gegenüber Wired, «wahrscheinlich ziemlich schnell binnen weniger Tage».

Zur Herstellung brauche man keine grosse Fabrik, ein 20 Quadratmeter grosser Raum reiche völlig aus. Ein solches Labor für kleinere Mengen Sarin lässt sich unauffällig in einem Lagerhaus betreiben. Mit Drohnen- oder Satellitenüberwachung wäre es kaum zu entdecken.

Nach Gilberts Schätzung kamen beim Angriff auf Chan Schaichun nur etwa 20 Liter Sarin zum Einsatz – eine winzige Menge im Vergleich zu den über 1000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, die Syriens Armee gelagert und dann zur Vernichtung herausgegeben hatte. Man braucht aber auch nur wenige Liter Sarin, um Dutzende Menschen zu töten.

epaselect epa05887418 A Syrian child receives treatment after an alleged chemical attack at a field hospital in Saraqib, Idlib province, northern Syria, 04 April 2017. Media reports quoting the British war monitor Syrian Observatory for Human Rights state an alleged chemical attack in the rebel-held area of Idlib province on 04 April killed at least 58 people, including 11 minors, and wounded dozens others.  EPA/STRINGER

Opfer des Giftgas-Anschlags von vergangener Woche: In Syrien gibt es nach wie vor Chemiewaffen. Bild: STRINGER/EPA/KEYSTONE

Das Gift stört die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im ganzen Körper. Zu den ersten Symptomen gehören Sehschwierigkeiten, eine laufende Nase und ein Engegefühl in der Brust. Nach und nach versagen dann alle Körperfunktionen, Betroffene fallen ins Koma und sterben.

Sarin ist bei Zimmertemperatur flüssig und wird deshalb beim Einsatz zerstäubt. Weil das Nervengift so gefährlich und obendrein chemisch nicht stabil ist, findet man in Waffendepots und Granaten eigentlich immer die zwei voneinander getrennten Ausgangssubstanzen Methylphosphonsäuredifluorid und Isopropanol.

Bei derartigen Binärkampfstoffen werden die beiden Chemikalien erst kurz vor dem Einsatz vermischt und reagieren dann zu Sarin.

Sich die chemischen Zutaten zu beschaffen, ist durchaus möglich, wie im November 2001 ein Redakteur des US-Wissenschaftsmagazins Scientific American bewies. Auch bei dem Sarin-Angriff auf Tokios U-Bahn 1995 hatten sich die Terroristen der Aum-Sekte die Chemikalien selbst besorgt und das Nervengift in einem grösseren, professionell ausgestatteten Labor synthetisiert.

Ohne ausreichende Erfahrung als Chemiker lasse sich Sarin allerdings kaum herstellen, meint der Chemiewaffenexperte Dan Kaszeta, der lange für das Chemical Corps der US-Armee und den US-Geheimdienst gearbeitet hat. «Nein, Sarin kann man nicht in der Küche produzieren», schrieb er für Bloomberg View.

«Üble Verbindung»

Selbst wenn man alle Zutaten zusammenhabe, sei die Produktion schwierig und in einem Küchenlabor kaum möglich. Nicht zuletzt, weil schon die Ausgangsstoffe gefährlich seien. Fluorwasserstoff etwa sei eine «üble Verbindung», man brauche sehr viel davon. «Jeder, der die Zutaten versucht zusammenzubringen, kann sich selbst und Personen in der Nähe dabei töten oder schwer verletzen.»

Woher das nun in Syrien eingesetzte Nervengift letztlich kam, ist bislang nicht geklärt. Der Chemiewaffenexperte Dan Kaszeta hält auch für möglich, dass der Angriff nicht mit Sarin, sondern mit dem ähnlich wirkenden Tabun erfolgte.

Trotz Trumps prompter Reaktion bleiben die Einflussmöglichkeiten des Westens gering. Mit gezielten Luftschlägen wird es kaum gelingen, Labore oder Depots zu zerstören, solange man nicht weiss, wo sich diese befinden. Am ehesten könnte derzeit wohl nur Russlands Präsident Wladimir Putin dafür sorgen, dass chemische Waffen endgültig aus Syrien verschwinden.

Das könnte dich auch interessieren:

Per Rohrpost auf den Friedhof – wie die Wiener ihr Leichenproblem «begraben» wollten

Link to Article

Solidarität mit «Gilets Jaunes»: Wenn Linke das Wutbürgertum «umarmen»

Link to Article

Brexit – diese unbarmherzigen Cartoons bringen das Chaos auf den Punkt

Link to Article

Vergiss Partys, Speed-Dating und Tinder: Bei Glühwein lernt man sich kennen!

Link to Article

Wie Bush senior sich den Broccoli vom Halse hielt

Link to Article

Das tun die Kantone im Kampf gegen den Terrorismus

Link to Article

Fahrplanwechsel und 7 weitere Dinge, die nur uns Schweizer ernsthaft beschäftigen

Link to Article

Ein Bild, viel zu schade fürs Archiv: So reiste die Fussball-Nati vor über 20 Jahren

Link to Article

Mit diesem einfachen Trick kannst du günstiger auf ausländischen Webseiten einkaufen

Link to Article

Danach suchen Schweizer und Schweizerinnen auf Pornhub am meisten

Link to Article

In diesem Land wohnt nur ein einziger Schweizer. Wir haben mit ihm gesprochen

Link to Article

«14 Uhr: Claras Haut ist rot»: Kitas informieren Eltern neu per Liveticker über ihre Kids

Link to Article

Selbst Trump spricht nun von einem Impeachment

Link to Article

«Hi-Tech-Roboter» in russischer Fernsehshow entpuppt sich als verkleideter Mensch

Link to Article

Tumblrs neuer Pornofilter ist ein riesiger Fail – wie diese 19 Tweets beweisen

Link to Article
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zialo 10.04.2017 23:59
    Highlight Highlight Das es in Syrien ständig Chemiewaffen gab, lag am nachlässigen Russland. So sehen es die Amis. Es stimmt auch bei Chlorgas, bei dem Russland eine Bestrafung für den Einsatz immer wieder verhindert hat. Human Rights Watch hat alleine im November und Dezember 2016 acht Verwendungen belegt (NZZ 13.2.17).
  • pedrinho 10.04.2017 17:13
    Highlight Highlight "Ohne ausreichende Erfahrung als Chemiker lasse sich Sarin allerdings kaum herstellen, meint der Chemiewaffenexperte"

    bullshit

    ....und es ist natuerlich undenkbar das irgend jemand anderes als die regierung, chemiker zur verfuegung haben welche das noetige grundwisseen und einrichtung besitzen um alkylphosphate herzustellen.


    • pedrinho 10.04.2017 17:47
      Highlight Highlight sehr vereinfacht gesagt, es gibt auch keine kuechen und kellerlabors in welchen crystal, meth und aehnliche "kampfstoffe" hergestellt werden.
  • mogad 10.04.2017 08:44
    Highlight Highlight Meine Überlegung: Der US-Angriff bietet eine Plattform für westliche Medien und Regierungen immer wieder zu behaupten Assad sei verantwortlich für die Giftanschläge, obwohl es nicht bewiesen ist. Will der Westen damit die Stimmung gegen Russland anheizen?

    Zu behaupten, ein Land horte heimlich Giftstoffe, obwohl es nicht stimmt, ist offenbar für die Amis ein beliebter Vorwand für "Miltäreinsätze".
    • Christian Gerber 14.04.2017 13:31
      Highlight Highlight Was ist denn mit den 1400 Sarin-Opfern von 2013?
      Die 2014 vernichteten 1000 Tonnen aus Assads Armeebeständen zeigen doch, dass dem Regime jedes Mittel recht ist. Das heisst für mich noch lange nicht, dass die Amis jeden Vorwand nutzen dürfen.
    • NotWhatYouExpect 24.04.2017 14:24
      Highlight Highlight @Christian Gerber: Das "Attentat" aus 2013 wurde immer noch nicht bewiesen! Es wurde vermutet und behauptet wie bei vielem :/
  • mogad 10.04.2017 08:35
    Highlight Highlight Unter Aufsicht der OPCW hat die syrische Regierung alle Giftgasbestände vernichtet. Und jetzt wird behauptet: a)Syrien hat nicht alles Gift vernichtet, (was war denn das für eine Aufsicht) und hat jetzt b)mit den Restbeständen den Angriff geflogen; c)oder Syrien hat heimlich wieder Sarin hergestellt und damit den Angriff geflogen; d)Syrien war auch vetantwortlich für den Giftgasangriff im 2013. Alles nicht bewiesen! Trump fliegt einen Angriff, von den 59 Raketen treffen gerade mal 16 den Flughafen, es können weiterhin Kampfjets von dort starten. ??? Fortsetzung folgt.
  • DerGrund 10.04.2017 06:58
    Highlight Highlight Woher weiss man eigentlich so schnell dass das Giftgas von der syrischen Armee eingesetzt wurde und nicht von einer der vielen Rebellengruppen oder dem IS?
  • xname 10.04.2017 06:22
    Highlight Highlight Fragt mal die Leute vor Ort,wer 2013 Schuld war. Auch wenn ich Assad nicht ausstehen kann (komme von einem Nachbarland), ist Assad nicht so doof auch noch Giftgas einzusetzen. Denn ihm ist genau bewusst, was die Konsequenzen sind. Das Ganze erinnert doch schon sehr an die Geschichte mit Sadams Massenvernichtungswaffen,die es bewiesen,nie gab. Sicher muss dieser Erpresserklan Assad endlich entfernt werden, aber nicht mit verfälschten Nachrichten. Die Russen waren übrigens beim letzten Angriff auch beteiligt und setzten schon oft Giftgase ein. Seltsam, dass in diese Richtung nichts erwähnt wird.

«Alle sind wohlauf»: Schweizer Car-Touristen werden aus Strassburg zurückgeholt

Der berühmte Strassburger «Christkindelmärik» zieht jedes Jahr tausende Schweizer Touristen an. Viele davon fahren mit organisierten, teils mehrtägigen Carreisen ins Elsass. 

Gestern Abend schoss der mutmassliche Täter Cherif C. beim Weihnachtsmarkt um sich, tötete zwei Menschen und verletzte 14 Passanten. Zu diesem Zeitpunkt waren auch Kunden des Carunternehmens Eurobus in der Stadt. «All unsere Gäste sind wohlauf. Wir haben eine Rückholaktion gestartet, um sie so bald als möglich in …

Artikel lesen
Link to Article