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Du hast schon Nacktfotos verschickt? Dann hast du dich hoffentlich an diese Regeln gehalten

Datenschutz interessiert nur wenige Internetnutzer. Das ändert sich, wenn es um intime Fotos geht. Zwei Brasilianerinnen wollen helfen: mit dem «Sexy Guide für digitale Sicherheit».

12.05.17, 16:11

markus böhm



Ein Artikel von

«Vor Dummheit kann man die Menschen nur eingeschränkt bewahren», hat Günther Oettinger 2014 gesagt, anlässlich eines Falls, als sich Hacker Zugriff zu den Bildern einiger prominenter Frauen verschafft hatten. «Wenn jemand so blöd ist und als Promi ein Nacktfoto von sich selbst macht und ins Netz stellt, hat er doch nicht von uns zu erwarten, dass wir ihn schützen.»

Man darf annehmen, dass der EU-Digitalkommissar auch kein Verständnis für weniger prominente Nutzer hat, die den eigenen, nackten Körper auch fotografisch festhalten wollen – und die Fotos vielleicht sogar mit anderen teilen.

Joana Varon und Natasha Felici. Spiegel Online

Wäre Oettinger auf seinem Besuch bei der Berliner Netzkonferenz re:publica zufällig Natasha Felici über den Weg gelaufen, dann hätten seine Ansichten vermutlich für Diskussionsstoff zwischen den beiden gesorgt: Die Menschenrechtsaktivistin Felici von Coding Rights war auf der Konferenz, um über Nacktfotos als Mittel der Selbstentfaltung zu sprechen. Ausserdem gab sie – statt Nacktfoto-Abstinenz zu predigen – Tipps, wie Nutzer, die sich gerne mal ohne Kleidung ablichten, am besten mit solchen digitalen Dateien umgehen.

«Sexy Guide für digitale Sicherheit»

Auch Felici rät Nutzern, vorsichtig mit Nacktfotos zu sein. Die Oettinger-Sätze passen aber nicht zu ihrem Verständnis des Themas – mal ganz abgesehen davon, dass es so wirkt, als habe der Digitalkommissar das Hack-Problem nicht verstanden.

Es gebe eine Menge Checklisten zum Thema, erzählt die 29-Jährige bei ihrem Vortrag: «Aber die meisten enden mit dem Fazit ‹Der einzige sichere Weg Nacktfotos zu verschicken, ist der, gar keine Nacktfotos zu verschicken›. Was zur Hölle?»

Um solchen Ratschlägen etwas entgegenzusetzen, hat Felici mit ihrer Coding-Rights-Kollegin Joana Varon einen Flyer entworfen, einen «sexy Guide für digitale Sicherheit». Auf dem Faltblatt, das man kostenlos herunterladen kann, geben die beiden Tipps für Nacktfotos, von der Motivgestaltung bis zum Speichern der Bilder auf dem Smartphone.

Grundlagen der IT-Sicherheit

Was Felici und Varon machen, ist dabei im Kern eine geschickt verpackte Fortbildung: Sie vermitteln Grundwissen über IT-Sicherheit. Wenn es um die eigenen Nacktfotos geht, interessiert sich plötzlich jeder für Fragen nach Datenhoheit und -sicherheit.

Unter der Überschrift «Können die meine Vagina sehen?» raten die Brasilianerinnen zum Beispiel, das eigene Telefon zu verschlüsseln oder mindestens dessen Fotoordner. Dateien könnten per PGP-Verschlüsselung vor fremden Blicken geschützt werden, schreiben Felici und Varon, bei öffentlichen WLAN-Netzwerken raten sie zur Vorsicht.

«Vergiss niemals, dass jede Datei, die per App versandt wird, auf einem Server landet, der zu einer Firma gehört,» heisst es zum Beispiel auf dem von beiden Frauen entworfenen Flyer. Immer wieder gäbe es schliesslich Leaks, etwa im Umfeld von Snapchat-Drittanbieter-Apps.

Vorsicht, Metadaten

«Wenn du Bilder mit jemandem teilst, dem du nicht vertraust, empfehlen wir es dir, zu vermeiden, dein Gesicht, deine Tattoos, Muttermale, Narben, Möbel etc. zu zeigen», steht ausserdem auf dem Infoblatt. «Apps wie Obscuracam erlauben es dir, Gesicht oder andere Körperteile zu pixeln, die du verstecken willst, ebenso Details im Hintergrund.»

In Fotos sind meistens ausserdem auch versteckt Informationen zu Zeit und Ort der Aufnahme gespeichert: «Die kann man mit Metadaten-Editoren wie dem Photo Exif Editor loswerden.»

Von SMS, iMessage, Facebook, WhatsApp und Tinder als Versandkanal rät Felici ab. Besser seien Apps, die nicht mit der Telefonnummer verbunden sind und die es nicht erlauben, die Bilder herunterzuladen: «Apps wie Wickr und Confide nutzen Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und lassen deine Fotos nach dem Abruf verschwinden». Anders als bei Snapchat würden die Bilder auch nicht 24 Stunden online gespeichert.

Völlig ausschliessen könne man aber nie, dass ein verschicktes Foto doch in die falschen Hände gerät, egal bei welcher App. Für solche Fälle empfehlen die beiden Hilfe-Websites wie WithoutMyConsent.org.

Nacktfotos als Aufmerksamkeitsgarant

Felici und Varon sagen, sie hätten schlicht Spass daran, Nacktbilder zu verschicken oder geschickt zu bekommen. Bei ihrem Projekt gehe es auch darum, Freiheitsrechte zu verteidigen: «Jeder sollte sich in dem Umfang entblössen können, den er für richtig hält», sagt Felici. «Man sollte nicht dafür bestraft werden, wenn man sich entschieden hat, jemandem Bilder zu schicken.» Es sei auch gut, wenn Menschen ohne Modelmasse Bilder von sich machen, denn vielen Menschen würden in den Medien die Entsprechungen zu sich selbst fehlen.

Mit ihrem Projekt stehen Felici und Varon in prominenter Tradition: Auch der US-Comedian John Oliver setzte schon auf Nacktfotos, um Interesse für grössere Themen zu gewinnen. Von Whistleblower Edward Snowden liess er sich im April 2015 anhand eines angeblichen Fotos seines Penis erklären, wie Geheimdienste an solche Bilder kommen können.

Die Zuspitzung funktionierte: Nach der Ausstrahlung der Sendung wurde das Thema NSA-Überwachung online wieder viel diskutiert, aller gefühlten Abstumpfung zum Trotz. «John Oliver hat uns inspiriert», sagt daher auch Joana Varon.

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