Russland

In einer Bar in Baikonur: Die Übertragung Putins' Medienkonferenz. Bild: EPA/EPA

So war Putins Presseshow

Russlands Präsident hält wie jedes Jahr Hof vor Journalisten. Die wenden sich mit Bitten an Wladimir Putin – und lauschen ehrfürchtig, was er zu seiner Kandidatur 2018 zu sagen hat.

14.12.17, 21:58

Christina Hebel, Moskau

Ein Artikel von

Die Tonlage gab Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow vor. Er sehe keinen Gegner für Wladimir Putin, erklärte er vor der Jahrespressekonferenz seines Chefs. Er persönlich sehe niemanden, der reif sei, dem Präsidenten in der kommenden Zeit Konkurrenz zu machen.

Putin nimmt den Faden gern auf. Mit einigen Minuten Verspätung schreitet er in den Saal des World Trade Centers in Moskau, um an seinem grossen Schreibtisch vorne auf der Bühne Platz zu nehmen.

Putin auf der Bühne im World Trade Center Moskau. Bild: AP/AP

«Warum kann die Opposition mir keine Konkurrenz machen?», fragt Russlands Präsident lächelnd und gibt sich selbst die Antwort: Das liege an seiner Politik: Seit 2000 sei das BIP um 75 Prozent gestiegen, die Industrieproduktion um 70 Prozent gewachsen, die Sterblichkeit zurückgegangen, die Armee habe sich entwickelt. Putin, der Garant für Stabilität, so präsentiert sich der Präsident. Doch daran haben auch im Saal so einige ihre Zweifel: «Wird es noch schlimmer?», steht auf einem Plakat. Putin pariert solche Zweifel: Natürlich gebe es noch viel zu verbessern.

Zunächst kündigt Putin an, als unabhängiger Kandidat am 18. März anzutreten – also offiziell nicht als Vertreter der Regierungspartei Jedinaja Rossija, die im Volk als intransparent und korrupt gilt, was auch an Recherchen seines Dauerkritikers Alexej Nawalny liegt. Die unabhängige Kandidatur wird die einzige Neuigkeit an diesem Donnerstag bleiben.

Die liberale Journalistin Ksenia Sobchak, Kandidatin für die russischen Präsidentschaftswahlen, war ebenfalls zugegen. Bild: EPA/EPA

Dass Putin sie als Präsident auf seiner Pressekonferenz bekannt gibt, sagt einiges über die Art der Veranstaltung, die diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es geht eher darum, dass Putin Hof hält vor Journalisten – und das vor seiner Wiederwahl, die als sicher gilt. Als Gegner werden ohnehin nur jene zugelassen, die keine Chance haben, etwa der Dauerkandidat und Rechtspopulist Wladimir Schirinowski.

Journalisten sind Stichwortgeber

In diesem Jahr haben sich 1640 Journalisten akkreditiert, ein neuer Rekord, wie das Staatsfernsehen vermeldet. 3 Stunden und 45 Minuten dauert das Spektakel, das live auf allen Staatskanälen übertragen wird. Das Schema ist immer gleich: Ein Journalist darf eine Frage stellen, Putin antwortet fast immer (ausser bei speziellen Fisch- und Schachfragen, die er lieber zurückstellt), holt minutenlang aus. Nachfragen, oder gar eine Diskussion, sind nicht vorgesehen. Die Journalisten sind Stichwortgeber.

Ob Putin nicht langweilig sei, angesichts der Opposition, die keinen Einfluss habe, fragt ein Reporter des kremlnahen Senders Lifenews? Ein anderer bedankt sich dafür, dass es endlich bei ihm im Ort eine neue Strasse gebe. Eine Journalistin klagt darüber, dass es immer noch an Geld fehle, um eine wichtige Brücke bei sich in der Stadt zu bauen. Wladiwostok brauche endlich ein Sportzentrum für die Kinder, sagt ein Dritter. Das alles erinnert sehr an Putins «Direkten Draht», seiner TV-Sprechstunde, bei der sich Bürger mit ihren Problemen an ihn wenden können. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

Bild: EPA/EPA

Die Reporter rufen und wedeln mit selbstgebastelten Plakaten – die nicht grösser als Din A3 sein dürfen, wegen der Kameras – um die Aufmerksamkeit von Putin oder Peskow zu erhaschen, die ihnen das Wort erteilen. Grenzen gibt es kaum. «Los, lass uns die Blondine fragen!», hat eine blonde Journalistin auf ihr Schild geschrieben. Eine andere hat sich eine weisse Perücke aufgesetzt und springt auf und ab. Ein Kaliningrader Journalist schwitzt in einem Weihnachtsmannkostüm.

Themen wie die Beziehungen zu den USA kommen bei den regionalen Kollegen nicht gut an. Als der Reporter des US-Senders NBC wissen will, was Putin zu den Ermittlungen zu Kontakten des Trump-Teams mit russischen Vertretern denkt, stöhnen sie auf. Putin tut solche Verbindungen als Routine ab, nennt die Ermittlungen «Wahnsinn».

Das bleibt alles unwidersprochen im Raum stehen, genauso wie Putins Äusserungen zur Ukraine. «Schlimmer als Srebrenica» werde es im Donbass, wenn die Ukrainer dort einrückten, behauptet der Präsident. Er bekommt sogar Applaus von Journalisten, nachdem er minutenlang ausführt, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien, womit er in Kiew wieder für Empörung sorgt. Der ukrainische Kollege wird für kritische Ausführungen zum Krieg im Donbass ausgebuht.

Kandidatin Sobtschak bekommt das Wort

Für Kritik ist in diesen Stunden allenfalls dosiert Platz. Die liberale Journalistin Xenia Sobtschak darf eine Frage stellen. Man fragt sich, in welcher Rolle sie unterwegs ist: als Journalistin oder Kandidatin? Sobtschak kandidiert ebenfalls am 18. März. Doch da die ganze Pressekonferenz eine Wahlshow für Putin ist, ist das eigentlich unerheblich. Zumal Sobtschak recht hat, wenn sie sagt, sie habe sonst keine Möglichkeit, mit Putin zu sprechen, er nehme ja an keinen Debatten teil.

Sobtschak spricht das an, was sich andere nicht trauen: Der Oppositionelle Nawalny werde mit Scheinverfahren daran gehindert, an der Wahl teilzunehmen. Auch sie habe Probleme, Säle für ihre Veranstaltungen zu mieten, die Leute hätten Angst, mit Oppositionellen zusammenarbeiten. Warum das denn so sei, habe Putin Angst vor einer echten Konkurrenz, will sie wissen.

Der Präsident stichelt zurück: «Sie treten mit der Losung 'Gegen alle' auf. Ist das ein positives Programm?». Er vergleicht Nawalny gar mit dem georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili, der in der Ukraine für die Absetzung des Staatschefs wirbt. Es dürfe in Russland keinen Maidan wie in der Ukraine geben. Wieder Applaus.

Angesichts des ständigen Beifalls meldet sich Tatjana Felgenhauer zu Wort. Die prominente Journalistin arbeitet für den Putin-kritischen Radiosender Echo Moskwy, sie wurde im Oktober bei einem Messerangriff in ihrer Redaktion schwer verletzt. Auf Twitter schreibt sie: «Warum applaudiert ihr? Seid ihr in einer Show? In einem Zirkus? Glaubt ihr, das ist die Arbeit eines Journalisten?» Eigentlich schade, dass sie die Fragen nicht laut im Saal stellt.

So tickt Putin – privat wie politisch

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Brikne, 20.7.2017
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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dirk Leinher 15.12.2017 08:48
    Highlight Ich stelle mir getade vor wie gehaltvoll eine ähnliche Pressekonferenz in Deutschland wäre. Gibt's leiser nicht. Da gibt's bloß die Bundespressekonferenz und dort wird jede Art von Kritik abgeweibelt und klare Antworten hab ich auch noch nie gehört. Politik eben. Ob in Russland oder hier.
    Weshalb mit dem Finger auf Russland zeigen. Es gibt genügend Sachen die bei uns im Argen liegen.
    10 9 Melden
  • Heinz Nacht 15.12.2017 07:57
    Highlight Am Morgen früh schon Popcorn?! 🙄
    0 3 Melden
  • Stachanowist 15.12.2017 01:59
    Highlight (1/3) Habe mir die "Pressekonferenz" angeschaut und kann der Analyse beipflichten. Das war reines Chaschperlitheater.

    Das peinlichste war eine Journalistin, die ein Plakat in der Hand hielt, auf dem Babaj Putin stand. Es kam bei Putin kurz der (wohl gespielte) Verdacht auf, es stünde dort "Bajbaj", im Sinne von Bye Bye Putin. Diesen schrecklichen Verdacht konnte die tatarische Journalistin zur Erheiterung aller Claqueure ausräumen: Babaj heisse auf tatarisch Grossvater, so nenne man Putin in Tatarstan liebevoll. So ein Harmoniegedusel.
    9 3 Melden
  • Stachanowist 15.12.2017 01:57
    Highlight (2/3)

    Zu Sobtschak:

    Ihre Frage war sehr gut. Doch gibt es zu denken, dass sie in dieser Runde überhaupt zugelassen war. Sie hat sinnvolle Forderungen, ist hochintelligent und ich nehme ihr ab, dass sie es ernst meint mit ihrer Kandidatur. Doch wirkt es auf mich inzwischen so, als ob sie in Putins Schachspiel der Bauer ist, der Demokratie und Diskussion vortäuschen soll. Sonst wäre sie kaum Teil dieser handverlesenen Runde gewesen. Sie scheint ein von Putin als solches einkalkuliertes Feigenblatt zu sein. Leider.
    9 1 Melden
  • Stachanowist 15.12.2017 01:56
    Highlight (3/3) Zu Naval'nyj: Der konkretisiert in letzter Zeit *endlich* sein Programm und wartet dabei mit guten Forderungen auf. Mindestlohn 25'000 Rubel, Hypothekarzins senken, Berufsarmee schaffen mit höheren Soldatenlöhnen und dafür weniger Ausgaben für Waffen, Ausgaben für Bildung und Gesundheit verdoppeln.

    Nur ist seine Annahme, man könne das zu einem grossen Teil mit der Bekämpfung der Korruption finanzieren, ziemlich gewagt.

    Ebenfalls gut: Er hat schon ziemlich lange keine abfälligen Äusserungen über Zentralasiaten und Kaukasier rausgelassen.

    Link für die Russischsprechenden:
    7 1 Melden
  • DocM 14.12.2017 22:40
    Highlight Putin und Trump, die verstehen sich besser als uns allen lieb ist, da der Erstere den Zweiten gut manipulieren kann. Putin selber ist nicht nur ein Grossschwätzer, denn er versteht es taktisch und strategisch gut zu argumentieren. Das braucht er auch, um gegen China bestehen zu können (abgesehen von den inneren Problemen, die auch China hat). Für mich ist Putin eine wichtige Balance gegen China, da die amerkanische Gehirnzelle mehr als nur im Pausemodus ist.
    6 2 Melden

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