Interview
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Interview

Der Fotograf, der das Zeug zum Vorbild hat: Hannes Schmid über Kannibalen, Stars und Armut



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Hannes Schmids «Marlboro Man» – gemalt vom Fotografen höchstselbst. bild: hannes schmid

«Wenn du zum Geburtstag einen Film kriegst, dann hast du es geschafft. Den nächsten gibt's dann zum Tod», sagt Hannes Schmid lachend. SRF 1 ehrt den Fotografen am 13. Oktober, seinem 70. Geburtstag, um 20.05 Uhr mit einer Dokumentation. Kein Wunder, denn der Mann hat einiges erlebt.

Er ist als eines von vier Kindern eines Bäckers in ärmlichen Verhältnissen im Toggenburg gross geworden, um dann in die weite Welt zu ziehen. Schmid bereist vier Jahre lang Afrika, dann vier Jahre Asien. In Westpapua wurde er 13 Monate von einem Kannibalen-Stamm festgehalten.

Hätte er gekämpft, wäre er gegessen worden, um sich seine Stärke einzuverleiben. Der Schweizer tat jedoch das Gegenteil. «Ich hatte Angst, habe geweint, geheult, um mein Leben gebettelt. Das ist ganz normal.»

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Die Stämme Dani und Lani nahmen Schmid gefangen. 13 Monate blieb er deshalb auf Westpapua. Bild: Hannes Schmid

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Er lebte dort in einem Schweinestall. Bild: Hannes Schmid

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Die Kannibalen verschonten den Fotografen. Bild: Hannes Schmid

Das rettete ihm das Leben, das ihn dank seiner Bilder vom «Marlboro Man» zum international gefragten Fotografen machte. Von 1976 bis 1984 fotografierte er die Grossen, die ganz Grossen im Musikgeschäft.

«Ich habe mich nie als einer der Rockstars gefühlt, das war eine Familie auf Zeit», sagt er rückblickend. «Ich wollte auch nie ein grosser Modefotograf werden: In Paris und New York bin ich abends immer nach Hause gegangen. Das Geld hat mich nie getrieben, höchstens die Neugier. Ich wollte eigentlich bloss meine Arbeit machen. Es hat sich alles so ergeben.»

Dass er «irgendwo ein Toggenburger Ziegenbub» geblieben sei, habe ihn glaubwürdig gemacht, sinniert er in seinem Atelier im Zürcher Stadtteil Schwamendingen. Allein der schmucklose Betonbau zeigt, dass der weltweit so erfolgreiche Mann auf dem Teppich geblieben ist.

watson: Herr Schmid, in wie vielen Ländern sind Sie in diesem Jahr schon gewesen?
Hannes Schmid: In diesem Jahr war ich in China, in den USA, Kambodscha, Vietnam, Thailand, Singapur, Indonesien, England, Frankreich, Deutschland, Italien und natürlich in der Schweiz. In Kambodscha bin ich ja einmal im Monat.

Sie sind viel unterwegs, aber im «Persönlich»-Radiointerview betonen Sie, dass Sie Toggenburger sind.
Das ist quasi meine Wahlheimat. Ich bin in Zürich geboren, aber im Toggenburg aufgewachsen. Heimat kann überall sein, aber es hat auch viel mit deiner Jugend zu tun. Und je älter du wirst, desto stärker werden die Erinnerungen daran.

War Ihre Jugend positiv?
Nicht nur. Wir waren eine sehr arme Familie. Aber wenn ich da oben im Toggenburg bin, ist das etwas, was ich kenne, was ich liebe. Und heute habe ich zwei Kinder, 13 und 16, denen geht es genauso. Sie gehen wahnsinnig gerne da hoch: Wenn sie die Wahl haben, nehmen sie die Ochsenhütte statt Hawaii. Da kann man dann barfuss in frische Kuhfladen treten, das quillt dann so schön warm die Zehen hoch. Es ist wirklich wahnsinnig schön!

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Hannes Schmid in seinem Zürcher Atelier. bild: watson

Finden Sie anderswo auch Heimat?
Kambodscha ist fast zu meiner zweiten Heimat geworden – wegen der Menschen dort. Die haben es mir angetan: Sie sind so wahnsinnig liebenswürdig. 

Was hat der Kambodschaner mit dem Toggenburger gemein?
Man kann diese beiden Welten eigentlich nicht vergleichen, schon wegen der Geschichte. Aber ich habe viel über Appenzeller Sennen gemacht: 1994 habe ich dort zwei Monate gelebt und fotografiert, die Bilder wurden am Times Square gezeigt. Jetzt habe ich dort einen Film gedreht, und seit 1994 hat sich gefühlt dort gar nichts verändert. Das ist es auch, was alteingesessener Appenzeller oder Toggenburger mit den Kambodschanern gemein hat: die Tradition und Hierarchie in der Familie. Man kümmert sich um Mutter, Vater und die Alten.

Wie kam es zu Ihrem Engagement für Kambodscha?
Ich war in Thailand und bin auf ein Mädchen namens Khat gestossen, das im Gesicht verbrannt worden war. Ich wollte mehr über sie erfahren, verstehen, wo sie herkommt. Deshalb bin ich vor fünf Jahren nach Phnom Penh [(Kambodschas Hauptstadt)] gefahren, habe mir eine Hütte am Rand der Müllkippe gemietet, wo ihre Familie lebt, und war immer wieder monatsweise dort, um mehr über das Leben dieser Leute zu lernen. 

Was hat es denn mit dem Schicksal dieses Mädchens auf sich?
Sie wurde mit einem Schweissbrenner vom Vater bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und mit drei Jahren zum ersten Mal verkauft. An eine alte Frau, für die sie Blumen verkaufen sollte. Die hat sie wiederum an ein Bettelsyndikat verkauft, für das sie in Thailand arbeiten musste. Insgesamt wurde sie 15 Mal verkauft! Khat ist inzwischen 18 Jahre alt und eine unglaubliche Persönlichkeit.

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Das Schicksal dieses Mädchens hat Hannes Schmid nicht mehr losgelassen. Video: Vimeo/Hannes Schmid

Wie konnten Sie Khat helfen?
Ich habe sie in die Schule geschickt, vorher war sie nie dort, und sie fünf Mal operieren lassen. Jetzt geht sie an die Uni und will ihr Land verändern. 

Wie sieht ein Leben auf der Müllhalde aus?
Die Kinder gehen ein, zwei Jahre zur Schule, heiraten früh und haben nichts. Die Eltern schicken ihre Kinder schon mit sechs bis zwölf Jahren in die Prostitution. Die meisten Mädchen, die hübsch sind, haben Tripper oder Syphilis am Mund. Fünf Blowjobs geben ein Kilo Reis – die kriegen 25 Cent für einen Blowjob! Dann werden diese jungen Frauen schwanger, haben mit 16 das zweite Kind. Viele sind krank: Malaria, Typhus, AIDS, Chlamydien. Sie haben keine Nahrung, essen Hunde!

Und Sie wollten dann auch anderen Menschen helfen ...
Ja, aber ich musste schnell feststellen, dass neun Tonnen Reis und 6000 Liter Mineralwasser pro Monat oder Schulbücher verteilen wirkungslos ist. Weil zum Beispiel die Lehrer selber gar nicht richtig lesen und schreiben können. Und wenn ich Kinder dort drei Jahre unterstütze, haben sie danach immer noch nichts. Man muss das System ändern!

Wie?
Ich dachte zuerst an Landwirtschaft, aber die Roten Khmer haben alles Wissen ausgelöscht. Die Böden sind verseucht, die Reissorten sind schlecht und kaum resistent. Ich habe dann kleine Hühner- und Fischfarmen gebaut. Das ging total in die Hose.

Warum?
Ich musste Hühner bei einer Firma kaufen, die auch Antibiotika herstellt. Die Tiere waren dementsprechend schwach: Von 1000 Hühnern sind 700 in kürzester Zeit gestorben, die Fische wurden von Pilzen befallen. Und wenn ich 15'000 Franken runtergeschickt habe, wurden dort nur 10'000 ausgezahlt und der Rest ging verloren. Also habe ich vor zweieinhalb Jahren Smiling Gecko Kambodscha gegründet, wo ich der einzige Ausländer bin. Ich finde, dass Kambodschaner Kambodschanern helfen müssen.

Wie ging es weiter?
Im Mai 2014 habe ich neun Hektar auf dem Land gekauft und Pläne gemacht: Wie viele Hühner, Schweine und Fische und welches Gemüse braucht eine Familie? Dann habe ich das ökonomisch berechnet und zwölf analoge Farmen für zwölf Familien mit rund 200 Leuten gebaut. Erst wurde das Land angehoben, weil es ein Überflutungsgebiet ist, Drainagen legen lassen und so weiter. Ich habe fast alles selbst bezahlt und sechs Monate später sind die ersten Familien eingezogen.

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Das Areal, in dem Schmid wirkt, liegt 60 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Die Stelzen schützen die Häuser vor Hochwasser. bild: smiling gecko

Und wie haben Sie die Probleme gelöst? Sie sind doch Künstler, was wissen Sie über Saatgut?
Ich habe die zwölf wichtigsten Schweizer Landwirtschaftsschulen angeschrieben und um Hilfe gebeten. Eine hat geantwortet: die LBBZ Cham. Sie unterstützen mich, schicken alle drei Monate Spezialisten und helfen auch bei der Tierzucht. Ich habe dann erst eine Pflanzschule gebaut und bis heute über 90'000 Pflanzen hochgezogen. Im Gemüsebau sind wir inzwischen sehr fortschrittlich und haben 40 Hektar Land. Die sandigen Böden dafür müssen aber teilweise erst über Jahre aufbereitet werden.

Und die Tiere?
In Kambodscha weiss niemand etwas von Genetik, die Schweine dort leben im Hinterhof und sind schwer inzestuös. Sie sind krank und kriegen Antibiotika. Wir züchten nun selbst, die LBBZ lernt die Leute an und nächstes Jahr produzieren wir über 150'000 Hühner sowie 110 Schweine. So entsteht ein Agrar-Cluster: Die zwölf Familien bedienen damit die Märkte und verkaufen die gesunden Tiere an 380 Bauern in der Gegend. Das funktioniert aber nur, wenn die Farmen profitabel sind. Und wenn die Leute Geld verdienen, schicken sie ihre Kinder auch in die Schule.

Ist damit die Arbeit getan?
Nein, wir machen mehr. Wir bauen Brunnen, aber nicht 20, sondern 150 Meter tief, damit sie auch in der Trockenzeit Wasser liefern. Es gab ein Schulhaus aus der französischen Kolonialzeit, das wir restauriert und mit einer Mensa ausgestattet haben. Dort kriegen 620 Kinder drei Mahlzeiten pro Tag. Die ETH Zürich hat mich unterstützt: Fünf Architektur-Studenten haben Entwürfe für weitere Schulgebäude geliefert, die mit Bambus gebaut werden.

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Hier entsteht Grosses: ein Modell der Zukunft Kambodschas. bild smiling gecko

Aber die Lehrer sind doch schlecht ausgebildet?
Deshalb bin ich zur Pädagogischen Hochschule in Zürich gegangen. Ich will ein System wie in der Schweiz, ein Individual- statt ein Kollektivsystem, das Rücksicht auf die lokale Religion und Kultur nimmt. Sie haben drei Wochen überlegt und sind dann eingestiegen. Jetzt überarbeiten wir in drei bis fünf Jahren das komplette Schulsystem in Kambodscha. 

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Die Dorfschule vor der Restaurierung. bild: smiling gecko

Sie haben auch eine Textilfabrik, ein Hotel und einen Verlag gebaut. Wofür?
Zur Ausbildung. In der ersten Klasse gehen die Kambodschaner fünf Tage in die Schule, später dann drei Tage. Und zwei Tage lernen sie im Betrieb. Ich habe erst eine Schreinerei gebaut, um die anderen Gebäude hochzuziehen, Menschen auszubilden und Arbeit zu schaffen.

Aber Schreinerei-Maschinen sind extrem teuer ...
Ja, aber der LBBZ-Chef hat mich dann angerufen und von einem abgebrannten Betrieb erzählt, dessen Maschinen
von der Versicherung abgeschrieben sind. 15 Tonnen Maschinen, die laufen und bloss verrusst sind. Kühne und Nagel hat mir einen Container gesponsert, und vor Ort werden die Lehrlinge von der Schweizer Fachschule für Holzverarbeitung ausgebildet. Sie kriegen nach zwei Jahren ein Schweizer Schreiner-Diplom.

Und das Hotel?
Viele wollten sich mein Projekt angucken und mussten irgendwo wohnen. Die Hotel-Fachschule Luzern übernimmt hier die Ausbildung und auch Köche werden nach Schweizer Standard angelernt. Ein Joga- und ein Massage-Center sowie ein Schwimmbad sollen dafür sorgen, dass die Gäste zukünftig auch länger als eine Nacht bleiben.

Wie passt die Textilfabrik dazu?
Die Textilfabrik ist nach den höchsten Arbeitnehmer-Standards zertifiziert, die Baumwolle kommt in versiegelten Containern aus China und geht so auch zurück. Ich will zeigen, dass die Verarbeitung auch rentabel ist, wenn hohe Löhne gezahlt werden. So soll auch industrielles Wissen vermittelt werden: In Zukunft sollen Metallverarbeitung und andere Bereiche hinzukommen. Zum Beispiel das Bauen mit Bambus, das sehr nachhaltig ist. In einigen Jahren will ich das Projekt aber abgeben, es soll eigenständig laufen.

Kommen Sie da noch zum Fotografieren?
Jaja, im Moment fotografiere ich 22 der wichtigsten Leute der Welt – wie etwa Kofi Annan. Ich drehe bald mit Marc Forster, mache Kunstprojekte, male nachts im Atelier ... 

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Und das kommt heraus, wenn Schmid ... bild: hannes schmid

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... zum Pinsel greift: Cowboys – wie gemalt. bild: hannes schmid

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bild: hannes schmid

Wie viele Stunden schlafen Sie denn pro Nacht?
Höchstens vier.

«Hannes Schmid – von einem, der auszog, die Welt zu verändern», 13. Oktober 2016, 20.05 Uhr, SRF 1

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Snoe 15.10.2016 10:48
    Highlight Highlight Ein guter und sympatischer Mann!
    Danke Herr Schmid!
  • Spooky 14.10.2016 01:33
    Highlight Highlight "In diesem Jahr war ich in China, in den USA, Kambodscha, Vietnam, Thailand, Singapur, Indonesien, England, Frankreich, Deutschland, Italien und natürlich in der Schweiz. In Kambodscha bin ich ja einmal im Monat."

    Und dann erzählt mir Hannes Schmid (oder wie heisst er schon wieder) irgendetwas über Armut! Der Kerl hat ja keine Ahnung, was es heisst, in der Schweiz arm zu sein.
    • Mayadino 14.10.2016 08:36
      Highlight Highlight Weil in der schweiz auch die kinder von früh bis spät auf der müllhlde arbeiten und die eltern es sich nicht leisten können mit einem kranken kind zum arzt zu gehen, gäll?
    • Spooky 15.10.2016 00:19
      Highlight Highlight @ Mayadino
      Und wieso haben die Kinder, von denen du redest, noch niemals in ihrem Leben etwas gehört von unserer milliardenschweren Entwicklungshilfe? Kannst du mir das erklären? Schon gut. Nicht.

      Ich kann es dir aber erklären. Weil die Entwicklungshilfe in den Rachen der Reichen hinein gesteckt wird, wo sie derart verdaut wird, dass davon für deine Müllhaldenkinder nichts mehr übrigbleibt.
  • Raphael Stein 13.10.2016 23:22
    Highlight Highlight Der denkt, handelt, ist, und lebt vorwärts. Ein überaus pragmatischer, wacher Zeitgenosse. Ein "gesunder" würde man im Toggenburg wohl sagen.
  • signup.member 13.10.2016 23:02
    Highlight Highlight Ich durfte an einem seiner Vorträge dabei sein.

    Eine unglaubliche Lebensgeschichte mit vielen Wendungen, gespickt mit erfrischenden Sequenzen.
    Aber auch die Tragik aus welcher sein Hilfswerk Smiling Gecko entstanden ist.

    Wer die Möglichkeit hat diesen Mann persönlich zu erleben, sollte sich dies nicht entgehen lassen.
  • Malu 81 13.10.2016 22:34
    Highlight Highlight Ein richtiger Powerman mit grossem Herzen
    und pausenloser Kreativität. Die Projekte sind
    auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt. So sollte Entwicklungshilfe
    angewandt werden.
  • ksayu45 13.10.2016 22:00
    Highlight Highlight unbedingt den DOK schauen! sehr, sehr beeindruckend dieser Hannes...
  • allesklar 13.10.2016 21:44
    Highlight Highlight heavy überbewertet
  • Lorenzo (1) 13.10.2016 21:33
    Highlight Highlight Hannes Schmid ist wirklich eine unglaubliche faszinierende Person. Seine Vorträge sind absolut fesselnd und bewegend - kann ich wärmstens empfehlen!
  • Dionysos Uranus 13.10.2016 21:00
    Highlight Highlight Genialer Typ.. unglaubliche Inspiration!

Deutschlands unerziehbare Kinder – die wahren Schicksale hinter dem Film «Systemsprenger»

Benni rennt. Und kämpft und wütet und schreit um ihr Leben. Das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt über eine Neunjährige, die durch alle sozialen Netze fällt, fährt ein. Und verhilft der Regisseurin nicht nur zu unzähligen Preisen, sondern ihrer Hauptdarstellerin auch gleich noch zu einer Rolle an der Seite von Tom Hanks.

Nora Fingscheidt, erzählen Sie uns bitte vom Anfang.Ich war Ende zwanzig und drehte in Stuttgart einen Dokumentarfilm für die Caritas. In einem Heim für obdachlose Frauen. Eines Tages kommt eine Vierzehnjährige ins Heim, um da zu wohnen. Ich fand das schockierend, aber es hiess: Die ist sonst überall rausgefallen, die will keine andere Institution in der ganzen Bundesrepublik mehr aufnehmen, und wenn ein Kind älter als vierzehn ist, dann kann es in Deutschland auch im Obdachlosenheim wohnen.

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