Aargau
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Zehn Wochen altes Kind getötet: Aargauer Vater wird zu elf Jahren Gefängnis verurteilt

Der 37-jährige Vater aus Laufenburg, der an Weihnachten sein Baby tötete, kommt elf Jahre in Haft. Er wurde am Montag vor dem Landgericht Waldshut wegen Totschlags verurteilt – die Tatbestandsmerkmale für einen Mord waren nicht erfüllt.

01.05.18, 15:30 01.05.18, 18:53

Herbert Schnäbele / az Aargauer Zeitung

Der 37-jährige Vater des Babys (l.) wurde vom Landgericht Waldshut wegen Totschlags verurteilt. Bild: Melanie Mickley/az

Die abgrundtraurige Tat bewegte und schockierte zwischen den Jahren die Menschen weit über badisch Laufenburg hinaus: Ein 37-Jähriger hatte seinen damals zehn Wochen alten Sohn am ersten Weihnachtstag 2017 derart misshandelt, dass das Baby unmittelbar bei der Tat starb. In den vergangenen Tagen fand der Prozess gegen den Mann statt.

Nun ist das Urteil bekannt. Die Schwurgerichtskammer beim Landgericht Waldshut verurteilte ihn wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren. Gleichzeitig wurde für die Dauer von zwei Jahren die Unterbringung in eine Entzugsanstalt verfügt und dem Angeklagten ausserdem die Kosten des Verfahrens auferlegt.

«Tele M1»-Bericht zum Urteil

Mehrmals warf er das Kind durch den Raum, aus Überforderung wie er sagt. Der Mann litt zur Tatzeit unter Drogenentzugserscheinungen. Video: © TeleM1

Der seit dem 26. Dezember 2017 bestehende Haftbefehl wird aufrechterhalten. Entsprechend der gesetzlichen Regelung muss der Angeklagte die Hälfte der Freiheitsstrafe, abzüglich der vorgesehenen Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, also insgesamt dreieinhalb Jahre im Rahmen des Vorwegvollzugs absitzen.

Absolviert er danach die Unterbringung in der Entzugsanstalt erfolgreich, was nur mit seiner aktiven Mitwirkung gelingen kann, so der Vorsitzende Richter Martin Hauser, bestehe die Chance, dass der Rest der Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Merkmale für Mord nicht erfüllt

Bei der Beurteilung des Sachverhaltes ist von der Kammer auch der Tatbestand des Mordes geprüft worden, allerdings sei keines der erforderlichen Tatbestandsmerkmale erfüllt worden, weshalb eine Verurteilung wegen Totschlags erfolgen musste, so der Vorsitzende in seiner Urteilsbegründung.

Zur Erläuterung, wie es zu der schrecklichen Tat kommen konnte, skizzierte der Vorsitzende noch einmal den total verkorksten Lebensweg des Angeklagten, der ohne Vater und bei einer alkoholabhängigen Mutter aufgewachsen ist.

Mit 18 Jahren konsumierte er schon regelmässig Alkohol und Cannabisprodukte und seit 2013 nahm er auch regelmässig Opiate. Seit März 2015 befand er sich, wie seine drei Jahre jüngere Lebensgefährtin, in einem Substitutionsprogramm, bei dem er mit sogenannten «take-home»-Rezepten fünf Tagesrationen Methadon zum Einnehmen bekam.

Wegen vorzeitigem Verbrauch der Rationen sei es regelmässig zu Entzugserscheinungen gekommen, weshalb auf dem Schwarzmarkt zusätzlich Stoff besorgt worden sei.

Im Rausch ausgerastet

Zum Tatgeschehen führte der Vorsitzende aus, dass beim Angeklagten eine solche Entzugsphase auch an Weihnachten 2017 eingetreten sei, weshalb seine Lebensgefährtin nach Basel fuhr, um Stoff zu besorgen.

Der Angeklagte war mit dem Baby allein in der Wohnung und hatte sich zur vermeintlichen Linderung seiner Entzugserscheinungen Subutex gespritzt, das aber genau das Gegenteil, nämlich einen sogenannten Turboentzug ausgelöst habe.

Nachdem das Baby begonnen habe zu schreien, habe es der Angeklagte nicht mehr beruhigen können. Anstatt es einfach abzulegen oder zur Nachbarin zu bringen, habe er das Kind zuerst mit dem Rücken gegen ein Regal geschleudert, anschliessend an den Beinen erfasst und im Flur gegen die Wand geschlagen und danach in der Küche mit Wucht auf den Küchenboden geworfen.

Durch schwere Schädelverletzungen sei sofort der Tod eingetreten. Danach habe der Angeklagte gleich den Notruf angerufen, die Tat gestanden und sich kurz darauf von der Polizei widerstandslos festnehmen lassen.

Zur Strafzumessung seien sein Geständnis und die Verantwortung, die er für die Tat übernommen habe, entlastend gewertet worden. Strafverschärfend habe sich sein langes Vorstrafenregister, insbesondere aber die Tatbegehung selbst ausgewirkt.

«Das, was der Angeklagte getan hat, verstört einem in besonderer Weise», brachte der Vorsitzende das Unfassbare zum Ausdruck. Der Angeklagte nahm das Urteil, gegen das er Revision beim Bundesgerichtshof einlegen könnte, regungslos entgegen.

Anderer Fall: Nach 34 Jahren Knast – Hugo Portmann im Juli auf freiem Fuss

Video: srf

Im Namen des Rechts: Diese Justizfälle haben die Schweiz bewegt

«Er ist unschuldig?» – wie Luanas Traum von der Freiheit vor dem Aargauer Obergericht jäh platzte

Kondome, Viagra, Medienstelle: Der «Rollstuhl-Bomber» erzählt vor Gericht krude Romane

«Wir sind durch die Hölle gegangen» – Das sagt der Schlieremer Polizist zum Bundesgerichtsentscheid

«Fall Walker»: Das Obergericht übt sich in Schadensbegrenzung

Eine lesbische Liebe, Kokain-Sucht und Salmiakgeist, 12 Prozent: Der Mordprozess Hochweid

Carlos vor Gericht: Ein schweigender Trötzler

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Walser 01.05.2018 19:19
    Highlight Der Richter war auf besondere Weise verstört! Hört, hört. Wenn ich richtig liege, wird der Täter in ein paar Jährchen wieder auf die Bevölkerung losgelassen. Von A bis Z versuchen die die Tat zu entschuldigen. Das erklärte Ziel ist, möglichst rasch die Strafe in Bewährung umzuwandeln. Ich muss gleich kotzen.
    16 9 Melden
  • MitchMossad 01.05.2018 16:49
    Highlight Wenn du nen Hund willst, musst du me Prüfung machen. Aber Kinder haben kann jeder?! So ein A***hloch gehört nie mehr an die freie Luft!
    99 20 Melden
  • DerSimu 01.05.2018 15:46
    Highlight Und wieder mal frage ich mich, wie der Staat ein Kind in solchen Verhältnissen leben lassen kann. Gewisse Menschen dürften einfach keine Kinder bekommen.
    149 15 Melden
    • Mikee 01.05.2018 16:10
      Highlight Dachte ich bei <Tagesrationen Methadon zum Einnehmen bekam> und <sein langes Vorstrafenregister>.
      Da sollten doch bei irgend einer Behörde die Alarmglocken schlagen... die haben meiner Meinung nach auch definitiv versagt.
      79 4 Melden
    • Babsy3 01.05.2018 16:25
      Highlight Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr..😔
      65 3 Melden

Warum es unwahrscheinlich ist, dass Thomas N. je wieder frei kommt

Das Bezirksgericht Lenzburg hat für Thomas N. eine ordentliche Verwahrung angeordnet. Wann tritt er diese an? Wann kann er wieder in Freiheit kommen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Für eine ordentliche Verwahrung müssen drei Voraussetzungen gegeben sein.

Die Verwahrung beginnt, nachdem der Täter seine Freiheitsstrafe abgesessen hat. Vollzogen wird die Verwahrung in einer Strafanstalt oder in einer sogenannten Massnahmevollzugseinrichtung.

Eine ordentliche Verwahrung ist nicht befristet und kann bis zum Tod des Verwahrten dauern. Die Vollzugsbehörden müssen sie allerdings zwei Jahre nach der Anordnung und danach jährlich überprüfen. Ebenso müssen sie …

Artikel lesen