Afghanistan
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Feuer im Krankenhaus: In der nordafghanischen Stadt Kundus wurde bei einem Luftangriff der US-Streitkräfte ein Hospital schwer beschädigt.
Bild: AP/Médecins Sans Frontières

US-Luftangriff in Kundus traf Spital der Ärzte ohne Grenzen: Jetzt kommt raus, dass das Militär die Koordinaten kannte

Während eines US-Luftangriffs in Kundus wurde ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen getroffen. Nach neuesten Angaben starben 16 Mitarbeiter der Organisation und weitere 37 Menschen sind zum Teil schwer verletzt worden. Die Organisation sagt nun, die Koordinaten seien der Armee bekannt gewesen.

03.10.15, 15:53 04.10.15, 13:19

Matthias Gebauer und Shoib Najafizada, Kabul



Ein Artikel von

Ärzte ohne Grenzen hat schwere Vorwürfe gegen die US-Armee erhoben, nachdem ein Hospital der Organisation während eines Luftangriffs in der nordafghanischen Stadt Kundus schwer beschädigt wurde und mehrere Menschen starben. Jason Cone, Sprecher von Médecins Sans Frontières (MSF) sagte gegenüber Spiegel Online:

«Wir haben das US-Militär nach den ersten Luftschlägen in der Umgebung unseres Hospitals über unsere Position informiert, um sie zu warnen. Trotzdem ist der Beschuss weitergegangen.»

Jason Cone, Sprecher MSF

Cone betonte, dass MSF die Information weitergegeben habe, bevor das Hospital gegen 2 Uhr in der Nacht auf Samstag getroffen worden sei. «Wir haben unsere Kontakte bei der US-Armee informiert, die wir auch schon zuvor über die genauen GPS-Daten des Hospitals, unseres Büros und einer Unterkunft in Kundus in Kenntnis gesetzt hatten», sagte Cone. Und weiter:  

«Das US-Militär wusste, wo unser Krankenhaus liegt.»

Jason Cone

Laut den letzten Erkenntnissen seien in der Nacht 16 Mitarbeiter der Organisation getötet worden. 37 weitere Personen seien teilweise schwer verletzt worden. Zum Zeitpunkt des Luftangriffs hätten sich 185 Menschen im Gebäude aufgehalten. Demnach handelte es sich um 105 Patienten und Angehörige sowie mehr als achtzig internationale und einheimische Mitarbeiter.

Cone forderte eine detaillierte Aufklärung der Ereignisse, vorerst habe man alle internationalen Mitarbeiter aus Kundus ausgeflogen.

Das Krankenhaus wurde von der Organisation Ärzte ohne Grenzen betrieben.
Bild: HANDOUT/REUTERS

Die US-Armee hatte am Morgen eingestanden, man habe in der Nähe des Hospitals Luftschläge ausgeführt, dabei könne es zu zivilen Opfern in dem nahegelegen Hospital gekommen sein. Eine interne Untersuchung sei umgehend angeordnet worden. Das Ziel der Luftangriffe in der nordafghanischen Stadt seien «Personen, die eine Gefahr für die Streitkräfte darstellten» gewesen. Die US-Armee hatte in den vergangenen Tagen mehrmals aus der Luft in die Kämpfe in Kundus eingegriffen, um afghanische Soldaten, aber auch US-Spezialkräfte, in Gefechten zu unterstützen.

Keine direkten Granatentreffer

Offiziell will die US-Armee nicht mehr zu dem Vorfall sagen, der international für Bestürzung sorgt, und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Die Organisation MSF ist seit Jahren in Krisen- und Kriegsgebieten überall auf der Welt tätig. Zum Schutz gibt MSF die Koordinaten ihrer Einrichtungen stets an alle Konfliktparteien weiter, um Luftangriffe zu verhindern.

Teile des Gebäudes wurden zerstört, mindestens neun Menschen kamen ums Leben.
Bild: MSF

In Militärkreisen und unter westlichen Diplomaten in Kabul war von einem «tragischen Unfall» die Rede. Demnach hätte die US-Luftwaffe in der Nacht zum Samstag eine Gruppe von rund 10 bis 15 Taliban-Kämpfern entdeckt, die afghanische Sicherheitskräfte angriffen. Man habe sich zum Abschuss von mehreren Granaten durch ein Flugzeug des Typs C-130 entschieden.

Das Hospital sei nicht von den Granaten getroffen worden, möglicherweise aber von herumfliegendem Schrapnell. Der Sprecher der US-Armee wollte diese Details nicht kommentieren.

In den Militärkreisen wurde betont, dass ein bewusster oder fahrlässiger Beschuss der Klinik ausgeschlossen sei, da die Koordinaten der MSF-Einrichtung bekannt gewesen und bei den Luftschlägen berücksichtigt worden seien. Gleichwohl zeige der tragische Vorfall, wie schwierig der Kampf gegen die Taliban in der Stadt Kundus sei, da sie sich in Wohngebieten und eben auch nahe an Krankenhäusern verschanzten. Afghanische Darstellungen, nach denen sich Taliban-Kämpfer in dem Krankenhaus versteckt oder es gar als Basis für Angriffe genutzt hätten, wollte keiner der Militärs bestätigen.

Seit dem überraschenden Taliban-Angriff Anfang der Woche sind nach Angaben der Organisation in der Klinik 394 Verletzte behandelt worden.
Bild: MSF

Der MSF-Sprecher betonte, die US-Armee müsse den Vorfall lückenlos aufklären. «Die Last liegt zunächst bei ihnen», so Jason Cone.

Grundsätzlich versorgten die Ärzte von MSF alle Verletzten in Kriegsgebieten, allerdings dürfen Kämpfer mit Waffen nicht in die Kliniken. In den vergangenen Tagen hatte die Klinik bis zu 300 Verletzte versorgt, das Hospital galt als einzige funktionierende Einrichtung in Kundus, das am Montag von den Taliban eingenommen worden war. Seitdem versuchen afghanische Sicherheitskräfte mit amerikanischer Unterstützung, die Islamisten wieder aus Kundus zu vertreiben.

Die Kämpfe in der Stadt gingen am Samstag unvermindert weiter. Anwohner und afghanische Militärs berichteten per Telefon, die Taliban hätten mehrere Stadtteile und einen strategisch wichtigen Hügel im Norden der Stadt weiter unter ihrer Kontrolle.

Kurz zusammengefasst:

Laut übereinstimmenden Angaben von Ärzte ohne Grenzen und Militärkreisen hatte die US-Armee Kenntnis von der Position des Krankenhauses. Offenbar wurde das Hospital bei dem Luftangriff nicht direkt von Granaten getroffen, sondern von herumfliegendem Schrapnell.

(rof/sda/apf/dpa/reu)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tropfnase 03.10.2015 17:11
    Highlight Da muss wohl ein sehr wichtiges Ziel beschossen worden sein, dass die Amis das in Kauf nahmen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich Terroristen in Wohnquartieren neben Spitälern und Kindergärten verstecken. Krieg kennt keine Regeln! Wenigstens hätten die Amis MSF warnen können...
    24 20 Melden
  • Radiochopf 03.10.2015 16:29
    Highlight Man stelle sich vor die Russen würden so etwas in Syrien tun, dann wäre die Hölle los.. Die Amerikaner kannten die Daten, schossen trotzdem... Sprechen nun von Kollateral-Schaden.. Naja ist ja auch nicht das 1. Mal da sie massenhaft Zivilsten getötet haben... macht es nicht weniger schlimm.. Schlimm ist nur wie das in einigen Medien wie Blick,20min, Bild usw. kaum zu lesen ist.. Hier sieht man nun mal wie schön die sonst so US-Propaganda machen...
    73 6 Melden
    • Openyourmind 03.10.2015 17:39
      Highlight 20 min, irgendwo weit unten versteckt, Ausland, Titel: "US-Luftangriff hat vermutlich Klink getroffen". So was nenne ich neutrale und fundierte Berichtserstattung! Wenn du weisch was ich meine...
      29 1 Melden
    • Hierundjetzt 03.10.2015 17:44
      Highlight Unter uns: Sie haben keinen Schimmer wie Journalsmus funktioniert. Steht was in der WOZ? Fehlanzeige. Ist die jetzt auch von einer "Propaganda" involviert? Oder könnte es nicht eher sein, dass es nach 10 Jahren schlicht nuemanden mehr interessiert? Im Kongo, der ZAR, Mali, Gabun oder Südsudan gibt es täglich viel mehr Opfer, warum sagen Sie nie etwas dazu...? Eben...
      13 9 Melden
    • The Destiny // Team Telegram 03.10.2015 18:36
      Highlight @xero384, Schon klar, wer trägt die Verantwortung ?
      Obama und der ist Demokrat.
      9 2 Melden

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