Auto

Spezieller Fahrtrainer: Andi McCann trägt das Hemd geschlossen, die Krawatte stramm mit einem doppelten Windsor-Knoten und darüber einen dunklen Anzug – selbst bei mehr als 30 Grad. bild: rolls-royce

Chauffeur-Ausbildung bei Rolls-Royce

Mit Schirm, Charme und Limousine

Weisse Handschuhe, Ledersohle, Krawatte: Wer bei Rolls-Royce ein Chauffeurtraining absolviert, lernt viel über das perfekte Outfit und die richtigen Waffen bei der Paparazzi-Abwehr. Ein Besuch in der Hohen Schule des Autofahrens. 

02.08.14, 13:48

Tom Grünweg / spiegel online

Ein Artikel von

Der Mann hat Manieren! Draussen sind es über 30 Grad, doch Andi McCann trägt das Hemd geschlossen, die Krawatte stramm mit einem doppelten Windsor-Knoten gebunden, darüber einen dunklen Anzug, und bevor es ernst wird, streift er weisse Handschuhe über: Die Arbeitskleidung eines Fahrlehrers sieht irgendwie anders aus. 

Hereinspaziert: Chauffeurstrainer McCann bildet übers Jahr mehrere Hundert Chauffeure aus.  bild: rolls-royce

Aber McCann ist auch kein normaler Fahrlehrer. Er lehrt bei Rolls-Royce die Hohe Schule des Autofahrens. Wo andere Instruktoren den perfekten Drift und den schnellsten Slalom vermitteln, trainiert er als Leiter des «White Gloves»-Programms die Chauffeure der vornehmen BMW-Tochter. Heute in Hongkong, morgen in Miami oder nächste Woche in Berlin – überall, wo die Briten ein Auto ausliefern, ist McCann im Einsatz und zeigt dem Personal, was den Unterschied zwischen einem Fahrer und einem Chauffeur ausmacht. Zu seinen Schülern zählen die Mitarbeiter exklusiver Autovermietungen, das Personal von Luxushotels und vor allem die Privatchauffeure der Kundschaft, die seine Einweisung als kostenlose Dreingabe erhalten. «Denn kaufen kann man diese Kurse nicht», sagt McCann. 

«Denn kaufen kann man diese Kurse nicht» – den Wagen aber schon (für viel, viel Geld). bild: rolls-royce

Dabei wähnt er sich in einer guten Tradition. Firmengründer Sir Frederick Henry Royce gelte als Erfinder des werksseitigen Fahrertrainings, plaudert McCann aus der Historie. «Allerdings ging es damals vor allem um die Fahrzeugbedienung.» Denn Royce hatte schnell erkannt, dass ein Auto nur so gut ist wie seine Fahrer – und deshalb früh in deren Ausbildung investiert.

Auf die Etikette kommt es an

Über Ölstand und Schmiernippel muss McCann heute nicht mehr referieren. Und auch sonst haben sich die Kursinhalte gravierend verändert. Zwar predigt er einen möglichst sanften und vorausschauenden Fahrstil, fordert Sicherheit, Souveränität und maximale Fahrzeugbeherrschung. «Doch worauf es wirklich ankommt in diesem Beruf, das sind die Etikette und das perfekte Auftreten», sagt McCann. 

Vorfahrt für gute Manieren: Ein Chauffeur plant so, dass er genau drei Minuten vor der Zeit da ist.  bild: rolls-royce

Ein Auto ist nur so gut wie sein Fahrer, heisst es bei Rolls-Royce. Deshalb bekommen die Chauffeure der reichen Kunden ein kostenloses Privattraining angeboten.  bild: rolls-royce

Dabei ist es mit der Kleidung alleine nicht getan. Ein guter Chauffeur sei «akkurat, präzise und trotzdem so unauffällig wie ein guter Geist, der eigentlich gar nicht da ist.» Das beginne beim Vorfahren, das ein guter Chauffeur so plane, dass er genau drei Minuten vor der Zeit da ist, doziert der Chef-Chauffeur: «Nicht früher, weil sich der Fahrgast sonst gehetzt fühlen könnte. Und nicht später, weil er sonst an der Pünktlichkeit zweifeln würde.» 

Auf die Details kommt es an: Nur Schuhe mit Ledersohlen sind für einen Rolls-Royce-Chauffeur erlaubt, alle anderen wären zu profan und könnten quietschen. Bild: Rolls-Royce

Aber auch die Klimaausströmer sollten perfekt symmetrisch sitzen und das Lieblingsgetränk der Passagiere in den Becherhaltern vortemperiert sein. Ausserdem brauche der Fahrer ein kleines Seidentuch, mit dem er die Rollen der Koffer abwischt, bevor er sie im Heck verstaut. 

«Bloss keinen Blickkontakt»

Natürlich begrüsst der Chauffeur seine Fahrgäste, fragt nach Musikwünschen und informiert über die Ankunftszeit oder die Wetterbedingungen am Zielort. Aber danach hält er sich so vornehm zurück, dass er sogar demonstrativ den Innenspiegel zur Decke richtet. «Bloss keinen Blickkontakt mehr», sagt McCann. Den Passagieren müsse «absolute Privatsphäre» signalisiert werden. 

Weisse Handschuhe gehören zum perfekten Auftritt: Der Innenspiegel wird nach Fahrtantritt zur Decke gerichtet. Damit soll absolute Privatsphäre gesichert sein.  bild: rolls-royce

«Die garantiert der geübte Chauffeur seinen Fahrgästen auch über die Fahrt hinaus, vor allem beim Aussteigen», doziert der Instruktor weiter und erzählt von Hollywood-Schönheiten, die mit ihren kurzen Kleidchen so ungelenk aus ihren Limousinen stolpern, dass sie leichte Beute der Paparazzi werden. «Mit dem richtigen Fahrer und dem richtigen Auto muss frau sich da gar keine Sorgen machen», sagt der Chef-Chauffeur. Gleichzeitig mit den Türen des Wagens lasse man noch einen schützenden Regenschirm aufgleiten: «So entsteht ein privater Kokon, in dem Madame ganz galant aus dem Auto steigen kann.» 

Schutz vor Paparazzi: Wer in Hollywood einen Rolls-Royce mit Chauffeur besitzt, braucht sich vor ungünstigen Fotos beim Aussteigen aus dem Fond nicht zu fürchten. bild: rolls-royce

All das trainiert McCann mit seinen Schützlingen, wenn sie einen Tag lang mal als Fahrer und mal als Gast den Alltag des automobilen Hochadels simulieren. Wenn er damit durch ist, dann können sie vielleicht noch nicht besser Auto fahren. Aber sie haben einen perfekten Auftritt. Sie wissen, dass die Krawatte immer auf der Hälfte der Gürtelschnalle endet und dass man einen Rolls-Royce nur mit dünnen Ledersohlen fährt, weil alles andere auf den Pedalen quietschen könnte. Und sie haben gelernt, dass drei Minuten vor der Zeit gerade noch pünktlich ist. 

Respekt vor der Frau auf dem Wagen: Nie vorn um ihr Auto herum, sondern immer ums Heck.  bild: rolls-royce

Und wenn sie richtig gut zugehört haben, dann erweisen sie den gebührenden Respekt nicht nur ihren Fahrgästen, sondern auch ihrem Fahrzeug. Denn Männer wie Andi McCann gehen nie vorn um ihr Auto herum, sondern immer ums Heck - der Bug gehört schliesslich der Kühlerfigur Spirit of Ecstasy

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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