Belgien

Terror in Belgien

Europas Dschihadisten-Hochburg 

Grossalarm in Belgien: In letzter Minute haben die Sicherheitsbehörden einen Anschlag auf Polizisten verhindert. Doch die Gefahr bleibt – in keinem anderen Land Europas gibt es mehr kampfbereite Dschihadisten-Rückkehrer. 

16.01.15, 15:52

Gregor Peter Schmitz, Brüssel / Spiegel Online

Polizeiaktion in Verviers

Ein Artikel von

Eric Van Der Sypt, Sprecher der belgischen Staatsanwaltschaft, tritt vor die Kameras, er soll über mehr Details berichten zum spektakulären Anti-Terror-Einsatz in Belgien. Van der Sypt sagt dreimal das Gleiche, erst auf Flämisch, dann auf Französisch, schliesslich auf Englisch. 

Es ist ein beeindruckend vielsprachiger Auftritt. Doch das Hin und Her der Sprachen offenbart auch den gespaltenen Charakter dieses kleinen Landes mit 11 Millionen Einwohnern. In Belgien gibt es Flamen, Wallonen, einige Deutsche – und zunehmend auch Religionsgemeinschaften, die sich misstrauisch beäugen. Den kleinen radikalen Teil der muslimischen Gemeinschaft beobachtet zudem der belgische Staat misstrauisch, wie sich Donnerstagabend zeigte. 

Zwölf Hausdurchsuchungen habe es quer durch Belgien gegeben, sagt Van Der Sypt über den Grosseinsatz gegen mutmassliche Dschihadisten. Zwei Männer, deren Identität noch nicht festgestellt ist, wurden dabei getötet. 

Im ost-belgischen Verviers stellten die Beamten unter anderem Kriegswaffen vom Typ Kalaschnikow AK47, Munition, Sprengstoffe und Polizeiuniformen sicher.

 «Die Gruppe wollte Polizisten im öffentlichen Raum und auf Polizeirevieren töten»

, erklärt Van Der Sypt, ein Anschlag habe «unmittelbar» bevor gestanden. Laut Medienberichten wurde der Einsatz durch Informationen aus Überwachungsgeräten in den Wohnungen und Autos der Verdächtigen ausgelöst. 

Aber der Sprecher der Staatsanwaltschaft stellt auch klar, das die Durchsuchungen nicht direkt im Zusammenhang mit den Attentaten von Paris standen: «Unsere Aktion konzentrierte sich auf Belgien.» 

Belgien steht schon seit längerem im Fokus der Sicherheitsexperten, die sich vor allem mit radikalisierten Rückkehrern aus Syrien befassen. Das International Center for the Study of Radicalisation hat errechnet, dass gemessen an der Einwohnerzahl kein Land in Europa so viele dieser Rückkehrer aufweist wie Belgien: bis zu 400 belgische Muslime sollen in Syrien gekämpft haben. 

Mitglieder der berüchtigten Terrorgruppe «Sharia4Belgium» sollen etwa den amerikanischen Journalisten James Foley ermordet haben. Derzeit läuft in Antwerpen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ein Gerichtsverfahren gegen vermeintliche Mitglieder der Organisation, die Syrienkämpfer angeworben oder selbst in Syrien gekämpft haben sollen. 

In dem Verfahren erläuterten die Staatsanwälte detailliert, wie Vertreter von «Sharia4Belgium» junge Männer und gelegentlich auch Frauen auf den Strassen von Antwerpen ansprachen. Sie wollten sie in ihr Rekrutierungscenter locken, um sie auf den Einsatz in Syrien ideologisch vorzubereiten. 

Warum aber ist gerade Belgien eine Keimzelle des Terrors? Seit langem gibt es hier Auseinandersetzungen über den Umgang mit der rund 400'000 Mitglieder grossen muslimischen Gemeinschaft. Antwerpen verbot etwa im Jahr 2009 das Tragen des Kopftuches in der Öffentlichkeit. 

Zwei Jahre später führte Belgien ein Gesetz gegen die Vollverschleierung ein: Ob im Bus, beim Spaziergang oder im Kino – Frauen duften ab sofort keine Burka mehr tragen, bei Verstoss drohte eine Strafe von 137,50 Euro

Selbst ernannter «Gotteskrieger»

Insbesondere die kleine Stadt Verviers, rund 25 Kilometer von Aachen entfernt, kristallisierte sich als Anziehungspunkt für radikale Islamisten heraus – auch wegen der wirtschaftlichen Probleme dieses strukturschwachen Teils des Landes, der Wallonie. Mit dem Niedergang der Textilindustrie verschwanden auch in Verviers viele Arbeitsplätze. Die 55'000-Einwohner-Stadt versuchte, mit laxer Zuwanderungspolitik neue Einwohner anzulocken – etwa eine beträchtliche tschetschenische Gemeinde, zu der viele islamische Fundamentalisten gehörten. 

Auch in der Hauptstadt Brüssel entluden sich diese Spannungen. Am 24. Mai 2014 erschoss ein Mann im Jüdischen Museum in Brüssel ein israelisches Touristenpaar, eine Französin und einen Belgier. Der mutmassliche Täter, der algerisch-stämmige Franzose Mehdi Nemmouche, wurde sechs Tage nach dem Verbrechen in Südfrankreich festgenommen und später nach Belgien ausgeliefert. Der 29-Jährige soll als selbst ernannter «Gotteskrieger» zuvor in Syrien gekämpft haben. 

Die belgischen Behörden haben gegen Nemmouche inzwischen Anklage wegen Mordes in einem terroristischen Kontext erhoben. Der Verdächtige soll mehr als ein Jahr in Syrien an der Seite islamistischer Kämpfer verbracht haben – angeblich folterte er in dieser Zeit auch Geiseln. Zuvor war er in Frankreich unter anderem wegen Raub mehrfach verurteilt worden. Bei seinem jüngsten Gefängnisaufenthalt zwischen 2007 und 2012 radikalisierte er sich offenbar. 

Mohamed Galaye, der Iman der grossen Moschee von Brüssel, hält die vielen Dschihadisten aus Belgien «für ein Produkt der Gesellschaft, nicht der Religion». Oft kämen die Rekruten aus prekären sozialen Verhältnissen, sie hätten getrunken oder seien kriminell gewesen, bevor sie sich radikalisieren.

 «Sie fühlen sich nicht mehr als Bürger Belgiens und nützen den heiligen Krieg als Vorwand, ähnliche Verbrechen wie vorher zu begehen»

, sagt Galaye gegenüber SPIEGEL ONLINE. 

Der belgische Staat hat aus Sicht des Imans das Recht und die Pflicht, seine Bürger zu verteidigen. Um einer Radikalisierung der jungen Leute vorzubeugen, fordert der islamische Geistliche schärfere Kontrollen der sozialen Medien. «Um die Sicherheit zu gewährleisten, müssen manche Internetseiten geschlossen werden», sagt er. 

Ist nun also auch Belgien «im Krieg», wie die französische Zeitung «Le Figaro» bereits schrieb? Die Terrorwarnung wurde im ganzen Land erhöht, künftig soll es bei Verdächtigen leichter möglich sein, den Reisepass zu entziehen – oder sogar bei einer Doppelstaatsbürgerschaft die belgische Nationalität. 

Vor dem Sitz des belgischen Premiers Charles Michel schoben am Freitag zwar nur zwei Beamte Wache, panische Reaktionen will man an der Regierungsspitze vermeiden. Doch Ludivine Ponciau von der führenden Tageszeitung «Le Soir» sagt auch: «Die Terrorgefahr ist in Belgien Realität geworden.» 

Mitarbeit: Christoph Pauly

Anti-Terror-Einsatz in Berlin

Geiselnahme in Belgien

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 16.01.2015 16:27
    Highlight Es ist eine Form von Krieg, die da stattfindet. Die Blätter titelten dann auch richtig: 'Uns wurde der Krieg erklärt'.
    Die westliche Gesellschaft ist in keiner Weise darauf vorbereitet. Man hat sich hier in ein filigranes Netz hochempfindlicher Systeme eingewoben, das mit einfachen Mitteln lahmzulegen ist. Kommunikation, Stromversorgung, Verkehr, Wirtschaft, alles hängt mit allem zusammen. Jeder Angriff auf einen Teil davon kann das Ganze System lahmlegen.
    Terrorakte wie dieser auf Charlie Hebdo sind eine parallele Angriffsschiene, die vor allem in die Köpfe zielt, in die Psychologie.

    7 0 Melden
    • Citation Needed 17.01.2015 03:17
      Highlight Also hier war man ja vorbereitet, der Anschlag wurde vereitelt. Absolute Sicherheit gibt es nicht, selbst wenn wir uns einzäunen und an jeder Ecke bewaffnete Checkpoints hinstellen, ein Restrisiko bleibt. So würden vielleicht ein Bisschen Sicherheit gewinnen, aber eine Menge Freiheit dafür hergeben..
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