Blaulicht
ZUM PROZESSAUFTAKT GEGEN DEN SCHWYZER POLIZISTEN, WELCHER 2012 BEI EINER FAHRZEUGKONTROLLE EINEN MANN ERSCHOSSEN HATTE, STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG, 14. APRIL 2014 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Die Schwyzer Polizei ist am Mittwoch, 12. September 2012, rund um das Gebiet der Gemeinde Ibergeregg im Kanton Schwyz auf der Suche nach einem fluechtigen Taeter nach einer toedlichen Schiesserei. Saemtliche Strassen und Zufahrten wurden voruebergehend gesperrt. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Die Polizei fahndete nach dem flüchtigen Fahrer Bild: Keystone

Toter Moldawier auf der Ibergeregg

Notwehr oder kopflose Aktion? – Staatsanwältin fordert fünf Jahre Haft für Polizisten

Der Polizist, der im September 2012 bei einer Kontrolle einen moldawischen Einbrecher erschoss, soll fünf Jahre hinter Gitter. Zudem wurden erstmals genaue Details der Ereignisse bekannt.

14.04.14, 11:57 14.04.14, 18:02

Ein Schwyzer Kantonspolizist hat 2012 einen unbewaffneten Einbrecher erschossen. Die Verteidigung spricht von Notwehr, die Staatsanwaltschaft wirft ihm dagegen die Missachtung elementarer polizeilicher Grundsätze vor.

Der heute 38-jährige Polizist hat nach Ansicht von Staatsanwältin Bettina Flütsch im Unrecht von seiner Dienstwaffe Gebrauch gemacht und dabei die Tötung des Opfers in Kauf genommen. Sie beantragte 5 Jahre und 3 Monate für vorsätzlicher Tötung (eventualiter fahrlässige Tötung) und fahrlässige Körperverletzung.

Bei der Schussabgabe wurde der 24-jährige Beifahrer eines gestohlenen Kleinbusses getötet und der 25 Jahre alte Lenker verletzt. Die beiden Opfer, zwei Cousins, stammten aus Moldawien.

Die Mindeststrafe für vorsätzliche Tötung liegt bei 5 Jahren. Die Staatsanwältin begründete die tiefe beantragte Strafe damit, dass es sich nicht um ein klassisches kriminelles Tötungsdelikt handle.

Keine Verfolgungsjagd

Verteidiger Hansheini Fischli forderte einen Freispruch. Sein Mandant habe sich verteidigen und nicht töten wollen. Er habe in Notwehr gehandelt und unter erschwerten Bedingungen in einem Sekundenbruchteil über einen Waffeneinsatz entscheiden müssen.

Am Prozess vor dem Schwyzer Strafgericht wurde endlich bekannt, was zwischen 5 und 6 Uhr des 12. September 2012 beim «Windstock» zwischen Schwyz und der Ibergeregg passiert war. Der beschuldigte Polizist war mit einem Kollegen unterwegs, als er den Auftrag erhielt, nach im Kanton Uri von Einbrechern gestohlenen Autos Ausschau zu halten.

Die beiden Streifenpolizisten folgten schliesslich rund 25 Minuten lang einem gestohlenen VW-Bus. Sie schalteten weder Blaulicht noch Horn ein. Eine Verfolgungsjagd gab es nicht, die Verdächtigen fuhren korrekt. Die beiden Opfer hätten keinen Fluchtwillen gezeigt, sagte Staatsanwältin Flütsch.

Halt vor Rotlicht

«Windstock» auf der Ibergereggstrasse oberhalb von Rickenbach SZ

Auf der Ibergereggstrasse stoppte der Kleinbus bei einer engen Stelle kurz, um ein entgegenkommendes Auto vorbeizulassen. Der beschuldigte Polizist stieg aus dem Auto, und folgte dem Kleinbus rennend und mit der Taschenlampe winkend. 70 Meter weiter hielt der VW-Bus vor einer roten Baustellenampel erneut.

Als der Beschuldigte den Kleinbus erreichte, riss er, mit seiner Dienstwaffe in der Hand, die Beifahrertür auf. Erst dort habe er bemerkt, dass nicht nur ein Fahrer, sondern auch ein Beifahrer im Kleinbus gesessen sei, sagte der Beschuldigte vor Gericht.

Die beiden Fahrzeuginsassen hatten gemäss Staatsanwältin nicht bemerkt, dass ihnen ein Polizeibus folgte. Sie erklärte dies mit der Dunkelheit und dem starken Regen. Als die Beifahrertür geöffnet wurde, machte der Beifahrer eine Bewegung mit dem rechten Arm.

Der beschuldigte Polizist schoss darauf aus seiner Pistole Glock 17 einen Schuss auf den Beifahrer ab. Das Deformationsgeschoss durchbohrte Kinn und Hals des Opfers, verletzte darauf den Lenker am Oberarm und durchschlug die Scheibe der Fahrertüre. Der zweite Polizist befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Fahrzeug.

Der Polizist gab an, er habe sich bedroht gefühlt. Er sei davon ausgegangen, dass die beiden Fahrzeuginsassen einer kriminellen, gewaltbereiten Organisation angehörten, die sich auf den Diebstahl teurer Autos spezialisiert habe, sagte er. Diese Annahme war indes falsch, wie sich später herausstellte. 

Unverantwortlicher Alleingang

Nach Ansicht der Staatsanwältin hatte der Beschuldigte bei der Aktion elementare polizeitaktische Regeln verletzt. Er habe ohne sich abzusprechen einen Alleingang gestartet, obwohl Verstärkung unterwegs gewesen sei und die Lage keinen Notzugriff erfordert habe. Zudem sei er von den Opfern nicht angegriffen worden.

«Eigenschutz beginnt im Kopf», sagte Flütsch. Der Beschuldigte sei ausgebildet, einen solchen Auftrag ohne Tötung durchzuführen. Er habe die für ihn gefährliche, ungesicherte Situation, die zum Tode eines Unbewaffneten führte, selbst geschaffen.

Polizist in Rickenbach Bild: Keystone

Polizist hatte keine Wahl

Verteidiger Fischli sagte dagegen, die beiden Opfer hätten diese Situation geschaffen. Sie seien schwere und gut organisierte Straftäter gewesen und keine «Töfflibuben». Die beiden Polizisten hätten von einer Gefährdung ausgehen müssen. Sein Mandant habe die Situation beim Rotlicht ausnützen müssen und habe nicht nach Lehrbuch vorgehen und warten können, bis sein Kollege die Situation gesichert habe, sagte Fischli. Die Polizisten hätten aber nicht hektisch gehandelt, sondern sich abgesprochen und zweckmässig geplant.

Das angeschossene Opfer war nach dem Schuss geflüchtet und konnte erst am Abend des Folgetages festgenommen werden. Der Verteidiger wertete diese Flucht als Beweis von dessen Gefährlichkeit.

Das Urteil dürfte am Mittwoch der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden. (tvr/sda) 

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 15.04.2014 01:09
    Highlight Also erst mal ein guter bericht der die fakten gut aufzeigt.

    Zum polizisten moechte ich bemerken, das dieser sich eher nicht professionell verhalten hat. So wie es scheint, war weder eile geboten, keine gefahr im verzug und verstaerkung unterwegs. Klar musste der polizist mit gegengewalt rechnen und genau dann muss man schon aus eigenintersse ueberlegter handeln.

    Den vorsatz, auch wenn die uebliche arbeitsweise des beschuldigten nicht kenne (stichwort rambomanier) wuerde ich allerdings ausschliessen und dummheit ...... na ja, gibt es meines wissens nicht strafverschaerfend.

    Muesste ich urteilen, toetung oder mord wuerde ich verneinen doch totschlag, ja - und eine strafe, in diesem so beschriebenen fall halte ich fuer angebracht. Auch ein polizeibeamter hat sich auf jeden fall bei ausuebung seiner arbeit ordentlich und vor allem vorher zu identifizien.


    0 0 Melden
  • Tomboy 14.04.2014 20:36
    Highlight Ich bin empört über die ersten drei Kommentare. Der Polizist hat die Tür aufgerissen und geschossen. Dass der Beifahrer zuckt, wenn plötzlich die Tür aufgerissen wird, hat überhaupt nichts zu bedeuten, ist sogar verständlich. Wenn jemand so schnell drauflos schiesst, dann ist er sicher kein guter Polizist und dann muss er bestraft werden. Dass es sich beim Ermordeten um einen Dieb handelt, rechtfertigt doch nicht den Mord. Oder wollt ihr etwa die Todesstrafe (und dann noch für etwas eher Harmloses) wieder einführen?
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    • zigmaster 14.04.2014 23:30
      Highlight vielen dank für ihren kommentar! tut gut in einem online-forum mal wieder auf common sense anzutreffen als menschenverachtende stammtischpolterei - weiter so!
      0 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.04.2014 19:19
    Highlight So wie es jetzt geschildert wird, hat der Polizist wohl etwas übereifrig einen Sololauf veranstaltet. Die Polizei hätte den zu verfolgenden Wagen überholen und zum Anhalten zwingen sollen. Zu zweit hätten sie die Insassen überprüfen müssen. Geht dies nicht, wäre eine Verstärkung der Polizeikräfte nötig gewesen, um den Wagen zu stoppen. Bei diesem Einsatz jedenfalls. Der Wagen war scheinbar nicht auf der Flucht vor der Polizei, da der Lenker sich anscheinend einer Verfolgung nicht bewusst war. Wäre er halsbrecherisch gefahren und hätte andere Personen damit gefährdet, würde ich das harte Eingreifen verstehen. Dies war hier scheinbar nicht gegeben. So meine Sicht, anhand der bisherigen Aussagen der Beteiligten.
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  • mauchmark 14.04.2014 19:06
    Highlight Es ist zu hoffen, dass die armen Einbrecher-Hinterbliebenen wenigstens mit einer uneingeschränkten Einbruchs-Lizenz für die Schweiz entschädigt werden - nicht dass das Einbruchs-Tourismus Land Schweiz noch an Attraktivität verliert...
    Die Polizisten werden sicher die Lehren aus dem Urteil ziehen und sich künftig exklusiv den Verkehrssündern widmen.
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  • jdd2405 14.04.2014 15:13
    Highlight Die Polizei hätte den Einbrecher also besser laufen gelassen? Wozu ist dann die Polizei da? Ich weiss, die Staatsanwältin macht auch nur ihren Job. Aber wenn dieser Polizist wegen ihr ins Gefängniss muss, dann ist das ein Votum gegen alle Gesetzeshüter und unser Rechtssystem. Wer macht dann in Zukunft die wichtige Polizeiarbeit, wenn man mit einem Fuss bereits im Gefängnis steckt. Der Einbrecher hätte sich ja auch ergeben können. Er nahm daher seinen Tod in Kauf und pech für ihn, dass der Polizist ein guter Schütze war...
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  • sewi 14.04.2014 13:12
    Highlight Dass der Polizist die Waffe gezogen hat ist normal. Doch man richtet die Waffe nicht direkt auf den Körper des Fz Lenkers, sondern ein bisschen vor ihm auf den Boden und schreit ihm die Befehle zu. Zudem ist " Finger lang" Pflicht. Wenn der Angehaltene dann eine falsche Bewegung macht, riskiert der erschossen zu werden. Ich bin sicher dass wenn ich nach Moldawien fahre um dort zu klauen mir dasselbe passieren kann. Es wird sich dort auch herumsprechen"Schweiz nix gut"..... Freispruch......
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