Blaulicht
GERICHTSZEICHNUNG - Szene waehrend dem Prozess des Kaufleuten-Messerstechers im Zuercher Bezirksgericht, festgehalten in einer Illustration, am Dienstag, 24. Juni 2014, in Zuerich. Das Bezirksgericht Zuerich befasst sich heute Dienstag mit dem Toetungsdelikt vom Juli 2012 vor dem Club "Kaufleuten". Zentral geht es um die Frage, ob das Gericht die Tat als Mord einstuft oder als - weniger streng bestrafte - vorsaetzliche Toetung. Der Beschuldigte bestreitet die Tat als solche nicht. Vor Gericht zu verantworten haben sich drei junge Maenner. (KEYSTONE/Illustration Robert Honegger)

Bild: KEYSTONE

Verteidiger im Kaufleuten-Mordprozess

«Die beiden Brüder taten ihr Bestes, den Streit eskalieren zu lassen»

Shivan M.* soll Vigan M.* vor dem Kaufleuten Club in Zürich im Juli 2012 niedergestochen und dessen Bruder lebensgefährlich verletzt haben. Der Richter wird beurteilen müssen, ob die Tat als vorsätzliche Tötung oder als Mord qualifiziert wird. Der Staatsanwalt fordert 20 Jahre Freiheitsentzug, der Verteidiger 12 – aufgeschoben zu Gunsten einer Therapie.

24.06.14, 20:22 25.06.14, 09:41

Ivo Harb hat es schwer im Prozess gegen seinen Mandanten Shivan M. Nach den insgesamt dreistündigen Plädoyers von Staatsanwalt Scherrer und Privatankläger Gibor scheint die Beweislast gegen den Angeklagten unendlich schwer zu wiegen. Er wolle am Anfang aller Anfänge beginnen, leitet Harb die Verteidung ein. Das bedeutet in seinem Fall: mit einer harschen Kritik am Strafverfahren und an der medialen Berichterstattung.

«Die Vorverurteilung war perfekt. Dass sich der Beschuldigte dann auch noch nach Norwegen absetzte, nahm man als Beweis für die Schuld.»

Ivo Harb, Verteidiger von Shivan M.

«Es sind Fehler passiert. Durch Nichtstun», sagt Ivo Harb. Man habe sich viel Zeit bei der Vernehmung gelassen, obwohl man wisse, dass die frühesten Erinnerungen die wertvollsten seien. So seien die Freundin und die Bekannte von Shivan M. erst nach drei Monaten befragt und die beiden Mitbeschuldigten erst nach zwei Monaten zum zweiten Mal – und bis dahin ohne amtliche Verteidigung – verhaftet worden. 

Stattdessen habe man das Feld dem Medienrummel überlassen. «Die Vorverurteilung war perfekt. Dass sich der Beschuldigte dann auch noch nach Norwegen absetzte, nahm man als Beweis für die Schuld», sagt Harb weiter. «Niemand wagt es, Negatives über Opfer zu sagen, erst recht nicht über Tote», so Harb. Und niemand habe mehr zum Beschuldigten stehen oder gar etwas Positives über ihn sagen können, sagt der Verteidiger mit Blick auf Shivan M., der den Kopf mittlerweile noch tiefer gesenkt hat als bei der Anklage. 

«Shivan M. wurde geschlagen – und zwar massiv»

Harb fährt fort: Bei späteren Befragungen seien die Erinnerungen von solchen Dritteinflüssen geprägt. Er wolle deshalb, so der Verteidiger, die frühen Schilderungen der Befragten als die relevanten ansehen – und setzt aus diesen Aussagen ein etwas anderes Bild der Tatnacht zusammen. Gemäss zwei Türstehern nämlich, sei vor allem das zukünftige Opfer draussen vor dem Kaufleuten aufgebracht und aggressiv gewesen. 

«Eifersuchtsbedingte Äusserungen von Shivan M. dürften die beiden Brüder wütend gemacht haben», sagt Harb. Denn wie mehrere Augenzeugen ausgesagt hätten, sei es bei der Auseinandersetzung um eine Frau gegangen. Dann hätten die beiden Brüder es mit Shivan M. aufgenommen, dies, obwohl der 23-Jährige offensichtlich stark angetrunken gewesen sei. Shivan M. sei massiv geschlagen worden. «Die beiden Brüder taten ihr Bestes, den Streit eskalieren zu lassen», so der Verteidiger. 

«Am 21. Juli 2014 ging diese Mine hoch»

Dass der Beschuldigte damit gedroht habe, die beiden aufzuschlitzen, sei bei der ersten Einvernahme der Zeugen noch kein Thema gewesen, sagt Harb. Dann habe Shivan M. seinen Freund S. H.* angerufen, weinend, und ihn um Hilfe gebeten. Während H. mit dem Beschuldigten zum Kaufleuten zurückgefahren sei, habe der Freund «wohl aus unendlicher Dummheit» Shivan M. ein Messer in die Hand gedrückt, so der Verteidiger. Als dieser dann Vigan M. gesehen und gemerkt habe, dass der Streit weiter eskalieren werde, habe plötzlich eines zum anderen geführt: Wut, Angst und Alkohol liessen den 23-Jährigen ausrasten.

«Auf die Prügelattacke reagierte er nicht aggressiv und heroisch, sondern er weinte und suchte einen Vermittler.»

Ivo Harb

Der Sachverhalt sei somit unbestritten. Vorsätzliche Tötung liege vor, nicht aber Mord. Shivan M. sei ein zurückhaltender und friedliebender junger Mann gewesen. «Auf die Prügelattacke reagierte er nicht aggressiv und heroisch, sondern er weinte und suchte einen Vermittler», so Harb. Weder habe er kaltblütig gehandelt noch die Tat geplant. «Der Beschuldigte war unreif und bewegte sich in einem Minenfeld, ohne dass er es gewusst hatte», so der Verteidiger. «Am 12. Juli 2014 ging diese Mine hoch.»

Nach den Plädoyers der Verteidiger der beiden Mitangeklagten wird das Bezirksgericht Zürich darüber entscheiden, ob es sich bei der Tat um vorsätzliche Tötung oder Mord handelt. Wann das Urteil gefällt wird, wird am Mittwoch bekanntgegeben. 

*Namen der Redaktion bekannt

«Der Beschuldigte war unreif und bewegte sich in einem Minenfeld, ohne dass er es gewusst hatte»: Der Hauptangeklagte vor dem Zürcher Bezirksgericht.  Bild: KEYSTONE

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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