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Suchen Sie mal ein Bild in Ihrer privaten Sammlung, das zu Anorexie passt, gopf. Vermutlich noch am ehesten dies: Dem kranken Kinde eine Decke umlegen, die aus ganz vielen verschiedenen Fäden der Hilfe gestrickt worden ist.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi. Meine Tochter (14) leidet unter Anorexie und wird behandelt. Nach längerem Spitalaufenthalt ist sie auf gutem Weg. 

26.06.15, 08:40 26.06.15, 17:29

Zur umfassenden Behandlung gehört auch die Psychotherapie. Obwohl alle Fachpersonen sagen, dass dies essentiell ist, wehrt sich mein Mann mit Händen und Füssen dagegen und meint, dass es keinen Nutzen bringt, nur viel kostet und nur wir unsere Tochter therapieren können. Seine Meinung äussert er auch offen vor unserer Tochter. Fachbücher hat er gelesen, alles umsonst. Ich bin ohnmächtig und weiss inzwischen nicht mehr, wie ich ihn überzeugen kann. Für eine vollständige Genesung wäre es wichtig, dass die Eltern einer Meinung sind und eine Einheit bilden. Anzufügen ist, dass mein Mann studiert hat und man meinen könnte, er hätte einen gewissen Weitblick. Ich hoffe auf einen kleinen Zuspruch. Andrea, 53



Liebe Andrea 

Leider kenne ich viele studierte Menschen, denen es an Weitblick fehlt. Ich vermute, dieser wird an den Unis nicht gelehrt, was wirklich sehr schade ist, weil ein gewisser Weitblick oft wertvoller wäre als der gesamte Stoff, der vermittelt wird. Aber das wäre Stoff für eine weitere Antwort. Oder deren zwei.

Sie befinden sich in einer furchtbar schwierigen Situation, liebe Andrea. Es ist für eine Mutter unfassbar schmerzhaft zu sehen, wie das eigene Kind sich dem Essen und somit auch dem Leben verweigert. Schliesslich hat sie es ihm selber geschenkt. Dementsprechend bin ich froh zu lesen, dass Ihre Tochter auf gutem Wege ist. Dennoch ist die Anorexie eine sehr heimtückische Krankheit, die leider oft nicht mit der ersten Therapie besiegt ist. 

Sie wünschen sich von mir einen kleinen Zuspruch. Den werden Sie aber nicht bekommen. Stattdessen einen grossen und dazu noch ordentlichen Tritt in Ihren Allerwertesten. Wenn Sie jetzt noch lange mit Ihrem Mann Ringelreihe tanzen, kann es sein, dass Sie es demnächst um das Grab Ihrer Tochter tun können.

Anorexie (die oft in einer Magersucht mündet) ist eine ernsthafte Angelegenheit und gehört in fachmännische Hände! Neuste Studien belegen, dass ein ambulanter Spitalaufenthalt kombiniert mit einer engen psychologischen Begleitung die besten Erfolgschancen auf Genesung hat. Die können weder Sie noch Ihr Mann bieten. Auch nach ganz vielen Fachbüchern nicht. Das könnten Sie noch nicht mal dann, wenn Sie Psychologen wären. So wie sich ein Zahnarzt auch nicht selbst behandeln kann. Dafür braucht es eine Portion Distanz und Neutralität. Die können Eltern NIEMALS bieten.

Ihre Tochter braucht dringend psychologische Unterstützung. Diese Krankheit ist zu einem grossen Teil eine seelische und muss darum auch auf dieser Ebene angegangen werden. Sie ist in einem Alter, in der Sie einfach handeln können, das wird in ein paar Jahren bedeutend schwieriger sein. Ihren Mann müssen Sie dafür nicht unbedingt auf Ihrer Seite haben. Natürlich wäre es wertvoll, wenn es so wäre. Aber lieber jetzt auf eigene Faust und ohne Rückendeckung aktiv werden, als vereint in seliger Harmonie mit Ihrem Mann zusammen in Eitelkeit die Tochter vor die Hunde gehen sehen.

Und darum geht es vermutlich; um die verdammte Eitelkeit und um Scham. Es scheint leider immer noch einfacher zu sein, sich für ein paar Monate wegen eines defekten Hüftgelenks in Kur zu begeben als die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch zu nehmen. Aber auch eine kaputte Hüfte repariert man nicht mit einem Do-it-yourself-Ratgeber.

Konfrontieren Sie Ihren Mann. Noch heute. Er soll Farbe bekennen und sagen, was ihm nun wirklich wichtiger ist; sein eigenes Kind oder aber die eigenen Schamgefühle. Ersteres ist auf ihn angewiesen, Zweiteres kann er leichten Herzens bachab gehen lassen.

Alles Liebe und Gute Ihnen. Und viel Kraft. Ihre Kafi. 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Angelika 26.06.2015 17:14
    Highlight Wirklich schade, wie viele Leute es als Makel empfinden, sich in Therapie zu begeben. Es ist doch wirklich so, wie Frau Freitag sagt, Probleme mit der Psyche lassen sich nicht mit sich selbst ausmachen, auch nicht mit Angehörigen (die ja Teil des Problems sein können). Man kann sich auch bei Krebs weigern, zum Arzt zu gehen, aber seltsam, das tut ausser fanatischen Homöopaten niemand.
    Kommt hinzu: Die Krankenkasse zahlt ja das meiste davon! Wie egoistisch muss man sein.
    11 2 Melden
  • Bruno Wüthrich 26.06.2015 16:08
    Highlight Einmal gefasste Meinungen, die man ums Verrecken nicht mehr ändern will und Eitelkeiten habern schon manche gute Lösung verhindert. Ich bin kein Freund von Alleingängen eines Partners gegen den Willen des andern, wenn es um die Kinder geht. Im Gegenteil: Es braucht viel, bis ich dies befürworte. Ich fürchte, dass die Antwort von Frau Freitag dazu beiträgt, weitere Alleingänge zu rechtfertigen. Nichtsdestotrotz sieht es halt im vorliegenden Fall so aus, als hätte Frau Freitag absolut recht. Zumal - amberli hat darauf hingewiesen - in dieser Familie noch andere Probleme verborgen sein könnten.
    6 3 Melden
  • P hilip 26.06.2015 10:27
    Highlight Das ist schon noch ein grosses Problem. Was will man denn machen wenn sich der Partner quer stellt? Sich trennen und rechtliche Schritte einleiten? Das dauert wohl zu lange und lässt die Tochter evt. Noch denken ihre Krankheit hätte die Familie zerstört...


    Was würdet ihr tun?
    8 0 Melden
  • amberli 26.06.2015 10:13
    Highlight Kommt noch dazu, dass das Umfeld (dazu gehören auch die Eltern, denen ich zwar nichts unterstellen will, aber ich kenne es aus eigener Erfahrung) vermutlich auch einen nicht gerade eben kleinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Tochter sich dem Leben - und eben auch demonstrativ ihnen - verweigert. Ab zur professionellen Therapie! Und bitte auch die Eltern!
    22 5 Melden

FRAGFRAUFREITAG

Hallo Kafi. Ich trage ein Problem mit mir herum und weiss nicht, mit wem besprechen. 

Lieber Ralph  Ihre Fragestellung hat so einige Ebenen und ich habe mir ein paar Tage Gedanken gemacht, damit ich ja keine davon verpasse. Eine wirklich klare Antwort kann ich Ihnen leider nicht bieten, aber vielleicht bringt es öppis, wenn ich das Ganze mal etwas für Sie auseinandernehme. Ihre Partnerin ist 44 und etwas unzufrieden mit sich selber. Das kennen wir auch bei Männern und nennen es dort salopp «Midlife-Crisis». Nur dass diese dann gern in schnelle Autos investieren und …

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