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Die Gedanken sind frei.  kafi freitag

Kafi, ich wünsche mir manchmal, meine Mutter wäre tot. 

Liebe Frau Freitag, ich bin 62 Jahre alt, geschieden, Vater zweier erwachsener Kinder und geniesse den Zustand der wiedergewonnenen Unabhängigkeit. Aber da wäre da meine Mutter, 86. Einerseits tut sie mir sehr leid. Demenz, körperliche Gebrechen, pflegebedürftig. Ich kümmere mich als einziger seit Jahren, wöchentlicher Besuch, sämtliche Administration. Andererseits habe ich es satt, etwas in mir wünscht, dass sie geht, loslässt. Muss ich mich schämen dafür? Walther, 62 



Lieber Walther

Ihre Gedanken sind menschlicher Natur. Aus meiner Coachingpraxis weiss ich, dass wir Menschen solche Gedanken hegen, auch wenn wir uns dafür schämen. Sie wünschen sich manchmal Ihre Mutter ins Jenseits, und eine Frau denkt an und ab daran, wie das Leben ohne die lieben Kinderlein wohl wäre. Natürlich erschrecken wir uns dann darüber, denn eigentlich wünschen wir uns ja nicht den Tod der Mutter oder Kinder. Aber die Freiheit, die man durch die Verantwortung verliert, die brennt halt manchmal auf der Seele. Und dann kommen solche Gedanken hoch. Nicht nur bei Ihnen.

Wichtig ist, dass Sie diese nicht wegdrücken, weil sonst kommen sie noch viel heftiger hoch. Alles, was keine Aufmerksamkeit bekommt, wird gross, laut und übermächtig. Darum ist Verdrängung keine gute Strategie. Ich an Ihrer Stelle würde eher in den Dialog mit diesen Gedankengängen treten und den Gefühlen Raum geben.

Sie fühlen sich durch die Betreuung Ihrer Mutter mit Sicherheit sehr fremdbestimmt. Wir Menschen wollen aber selber bestimmen können und das Gefühl haben, dass wir die Entscheidungen aktiv treffen. Manchmal ist es auch eine Frage des eigenen Mindsettings, ob man sich fremdbestimmt fühlt, oder nicht. Vielleicht haben Sie da ein klein wenig Spielraum, sich mehr Freiheit und eine längere Leine zu geben. Es ist niemandem gedient, wenn Sie zähneknirschend einmal die Woche zu Besuch gehen. Dann lieber mit Entschiedenheit beschliessen, nur noch jede 2. oder 3. Woche zu gehen und dafür mit einem besseren Gefühl im Bauch.

Abgrenzung innerhalb der eigenen Familie ist eine anspruchsvolle Sache, aber es ist umso wichtiger, dass man sie ausübt. Es ist Ihre Mutter, ja. Aber es ist gleichzeitig auch Ihr Leben. Eltern opfern sich in der Regel für ihre Kinder auf. Das ist schön und liegt in der Natur der Sache. Man kann daraus aber nicht ableiten, dass sich die Kinder auch für die Eltern aufopfern müssen. Sie tun das zu einem gewissen Mass und das ist Ihnen hoch anzurechnen. Wenn Sie darob aber Ihr eigenes Leben vergessen, wird es Ihnen niemals jemand verdanken. Ihre Mutter am wenigsten.

Und dann noch öppis zum Thema Gedanken: Sie sind die Generation, die das deutsche Volkslied «die Gedanken sind frei» noch kennt. Und falls doch nicht, hier ein paar Zeilen daraus:

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschiessen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

Haben Sie Artikel von FRAG FRAU FREITAG verpasst?
Sälber tschuld! Hier nachlesen!

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 3fuss 09.03.2017 10:34
    Highlight Highlight Nicht mehr lange, dann ist er in Pension. Dann ist ganz bestimmt mehr Zeit übrig.
    In diesem Fall glaube ich aber nicht, dass die objektive Belastung (ein paar Stunden Papierkram monatlich und ein Besuch wöchentlich) unerträglich ist.
    Unerträglich an dieser Situation ist, dass sie einen viel öfters an die eigene Vergänglichkeit und Verletzlichkeit erinnert, als man wegstecken kann.
    Nichts tut mehr weh, als der Gedanke, dass einem das selbst passieren wird.
  • pamayer 09.03.2017 01:29
    Highlight Highlight Ich wünschte, die oder der wären tot.

    Ein brutaler Gedanke. Kenne ich bestens, auch, wenn ich keiner Fliege wir was zuleide tun könnte.
    Es geht ja dabei darum, was dahinter steckt. Wo liegt mein Beitrag, dass es so weit kommen konnte. War ich - wie meistens - nicht aufrichtig? Feige? Um mein 'gutes dastehen' besorgt?

    Was auch immer.
    Dass sich Walther dazu äußert braucht Mut und ist ein erster Schritt, den offensichtlich quälenden Status Quo zu ändern. Egal, in welche Richtung. Hauptsache Walther übernimmt Verantwortung für sein Wohlbefinden.

    Bravo und viel Glück!
  • Pasionaria 08.03.2017 20:06
    Highlight Highlight Gluecklicherweise gibt es immer wieder sehr gute Postings hier, von denen unsere Blogautorin soviel lernen koennte. Siehe diesmal > Caprice und seine, ach so wahre Aussage: "Mach dich nicht fertig über deine eigenen Gedanken. Aber ich kenne wenige, die - als alles vorbei war - über zu viel Zeit mit der verstorbenen Person geklagt haben."
    Vielleicht waere  dem 'Gedanken sind frei' - Gedicht folgendes entgegenzusetzen:
    Mutter, schau ich mir Deine Hände an,
    sie sagen aus sehr viel.
    Von Arbeit klar gezeichnet,
    Dein Leben war kein Spiel.....

    Kafi, wieso ist Empathie ein Fremdwort fuer Sie?

    • Caprice 10.03.2017 08:14
      Highlight Highlight Oh danke für die Blumen, aber ich bin eine sie :-)

      Nun, ich stehe hinter meiner untenstehenden Aussage, meine ganzen 20er-Jahre war unser Leben durch den Krebs überschattet. Eine Zeit, die ich gerne anders genossen hätte. Trotzdem würde ich gerne nochmal 10 Jahre so machen als 10 Jahre ohne meine Mama.

      Ich kann mir aber gut vorstellen, dass eine Krankheit wie Alzheimer mit den Angehörigen noch was ganz anderes macht - wenn die Krankheit das Wesen derart verändert, dass die Person nicht mehr derselbe Mensch ist. Diese "letzten Jahre" möchte man vielleicht wirklich nicht mehr miterleben :-(
    • Pasionaria 10.03.2017 19:15
      Highlight Highlight Caprice
      entschuldige fuer den Genderwechsel...., aber im Franzoesisch ist > caprice > masculin!

      Klar, wie Du's im zweiten Abschnitt erwaehnst. Ich nehme an, dass der Fragesteller sich nicht wirklich den Tod seiner Mutter wuenscht, sondern den Umstand los werden moechte., in der eine derart veraenderte, gebrechliche Person seine Mutter sein soll.
      Trotzdem finde ich es daneben, den Ratschlag zu erteilen, die Besuchen drastisch zu reduzieren.
  • Pasionaria 08.03.2017 19:56
    Highlight Highlight Langsam zweifle ich an mir, dass mich die Antwort 'unserer' profess. Coachin, sowie den Beifall der Kafi-FreundInnen, derart befremden, ja gar schmerzen.

    Hier eine 86 Jahre alte Mutter mit Demenz und koerperlichen Prolblemen, dort ein pflichtbewusster, ehrenhafter Sohn, der am Anschlag ist und mein vollstes Verstaendnis geniesst.
    Wie lange lebt diese bedauernswerte Frau wohl noch? Ist da wirklich der richtige Ratschlag, dieser Mutter die ev. schoenste Stunde der Woche, auch noch vorzuenthalten? Der wenigst empathische ist er auf jeden Fall, aber das ist ja Kafi's Spezialitaet.
    • Spooky 08.03.2017 21:50
      Highlight Highlight @Pasionaria
      "Wie lange lebt diese bedauernswerte Frau wohl noch?"

      Wie kommst du dazu, diese Frau sei bedauernswert? Jedes Leben ist immer vollständig, ob gesund oder krank, ob frei oder hinter Gittern, ob behindert oder nicht behindert, ob intelligent oder grauenhaft dumm. Ob reich oder arm.

      Und woher willst du wissen, dass es die schönste Stunde für die Mutter ist, wenn ihr Sohn sie besucht?

      Auch ein kranker Mensch ist eine eigenständige Person. Vielleicht ist die alte Mutter jedes Mal froh, wenn ihr Sohn nach einer Stunde wieder geht.
    • Maracuja 08.03.2017 22:08
      Highlight Highlight Dass der Fragesteller an den Anschlag kommt, versteh ich gut. Aber statt Ratschlag zu mehr Egoismus (bei den meisten mit schlechtem Gewissen verbunden) zu erteilen, wäre es sinnvoller die überlangen Schweizer Arbeitszeiten endlich der Tatsache anzupassen, dass Arbeitnehmer soziale "Verpflichtungen" haben. Ich habe mich neben Job und Betrieb von "Hotel Mamma" über längere Zeit 1x wöchentlich um eine ältere Verwandte gekümmert. Gestört hat mich nicht der zusätzliche Aufwand, sondern der Fakt, dass ich mich wegen der Lohnarbeit nicht mehr um sie kümmern konnte.
    • Pasionaria 09.03.2017 07:10
      Highlight Highlight Spooky
      Wer hat denn all dies ausgesagt, das Du da richtigerweise betonst?
      Nun, wenn Du jemand in hohem Alter, der/die seine Persoenliichkeit verliert (ist bei fortschreitender Demenz der Fall), noch weitere Gebrechen hat und nur noch auf den Goodwill von andern angewisen ist, nicht als bedauernswert erachtest, dann muss man schon eine eigenartige Denkweise haben oder einem selbstquaelerischen Glauben anhangen!
    Weitere Antworten anzeigen
  • Spooky 08.03.2017 19:08
    Highlight Highlight Ich hätte dazu auch gerne etwas geschrieben,
    aber leider hat Kafi schon alles gesagt.
  • Luca Brasi 08.03.2017 10:47
    Highlight Highlight Frohen Weltfrauentag...
  • Julietta 08.03.2017 09:27
    Highlight Highlight Danke Kafi für deine Antwort!
    Mir geht es manchmal ähnlich und diese Worte haben echt gut getan!
  • fischbrot 08.03.2017 09:06
    Highlight Highlight Wahr gesprochen.. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass man einen Unterschied machen muss zwischen "Ich wünsche, jemand wäre tot" und "Ich wünschte, jemand wäre nicht mehr Teil meines Lebens". Gleiches Ergebnis, andere Intention.

    Jedoch bezweifle ich, dass weniger Besuche mit mehr Elan durchgeführt werden könnten, das funktioniert so nicht. Es wäre gleichsam interessanter zu erfahren, weshalb diese Besuche so belasten sind, weshalb die Beziehung zwischen Sohn und Mutter nicht der (möglicherweise abstrakten) "Idealvorstellung" entspricht..

    Alles Gute!
    • Ylene 08.03.2017 16:37
      Highlight Highlight Stell dir vor, du besucht jemanden, der nur noch wie deine Mutter aussieht, aber schon lange nicht mehr wie sie ist. Demenz löscht je nach Stadium nicht nur die Erinnerungen, sondern die gesamte Persönlichkeit eines Menschen aus. Das ist grausam für Demenzkranke, solange sie das noch realisieren können und auch schrecklich für die Angehörigen, welchen die geliebte Person langsam und lange vor dem körperlichen Tod stückweise entrissen wird. Ich habe riesengrossen Respekt vor Walther und anderen Angehörigen wie er! Gute Antwort von Kafi.
  • Caprice 08.03.2017 08:00
    Highlight Highlight Als meine Mutter schwer krank wurde habe ich mir auch immer wieder gewünscht, dass doch einfach alles vorbei ist. Das Leid, die Sorgen, das "vielleicht-letzter-Geburtstag"-Gefühl, die Pflicht- und die Schuldgefühle. Nun ist es vorbei, die Trauer gross, eine Erleichterung schwingt mit.

    Mach dich nicht fertig über deine eigenen Gedanken. Aber ich kenne wenige, die - als alles vorbei war - über zu viel Zeit mit der verstorbenen Person geklagt haben.

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