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Wer räumt die Scherben weg, die ein solcher Angriff produziert?  Bild: kafi freitag

Hallo Kafi. Ich wurde, glaube ich, gerade das erste Mal am Arbeitsplatz sexuell belästigt ... 

31.07.15, 11:08

Wir haben im Büro eher einen lockeren Umgang miteinander und gerade heute bin ich alleine im Büro. Als vorhin ein Arbeitskollege zu mir meinte: «Wenn süsch nüt z tue hesch, chasch mr gärn eis Lutsche!» wusste ich nicht wie reagieren. Soll/muss ich das melden? Vielleicht ist die Tatsache dass ich noch/wieder in der Ausbildung bin noch erwähnenswert ... Liebe Kafi, wie hätte ich darauf reagieren sollen? Ich habe nämlich gar nicht reagiert und trotzdem habe ich jetzt ein unglaublich komisches Gefühl. Paula, 25

Liebe Paula 

Was Sie mir da schildern, passiert fast jeder Frau einmal in ihrem Berufsleben. Mir bereits in der Berufsbildung zwei Mal. Ich war 16 und in der KV-Lehre. Das eine Mal hat mir der Chauffeur des Konzernchefs der von Roll an den Busen gefasst und versucht mich zu küssen. Im Lift. Und das zweite Mal war es mein direkter Lehrlingschef, der mir, am Kopierer stehend, beim Vorbeigehen an den Arsch tatschte. Ich habe beide Vorkommnisse gemeldet, passiert ist in beiden Fällen gar nichts.

Ein Jahr später hat man mir nahegelegt, den Lehrbetrieb fürs letzte Jahr doch zu wechseln. Die Gründe dafür waren nichtig.

«Ich kann sehr gut nachfühlen, was in Ihnen jetzt vorgeht. So ein Übergriff lässt einen sehr sprachlos zurück und berührt an einem Punkt, von dem man zuvor gar nicht wusste, dass man ihn hat.»

Aber das war 1991 und den Begriff «sexual harassment» gab es damals noch nicht. Also es gab ihn natürlich schon, aber nicht bei uns. Es war kein Thema. Auszubildende waren eine Art Freiwild, weil sie sich nicht wehrten. Alle Mädchen in meiner KV-Klasse, die im gleichen Betrieb ihre Lehre machten, hatten ähnliche Geschichten zu erzählen. Gemeldet hat es keine Einzige. Ausser mir. 

Das ist heute glücklicherweise anders, liebe Paula. Heute ist die Gesellschaft viel sensibilisierter auf dieses Thema. Die sozialen Medien tun das ihre dafür. Was zu meiner Zeit ein privates Schicksal war, kann man heute innert 5 Minuten einem breiten Publikum zugänglich machen. Das erhöht den Druck auf solche Themen. Und das ist auch richtig so.

Was Ihr Kollege da von sich gegeben hat, ist eine sehr explizite sexuelle Belästigung. Dafür muss er Ihnen nicht erst seinen Schwengel vors Gesicht halten. Es reicht gänzlich, wenn er darüber redet und Sie in eine Situation wie diese bringt. Dass Sie nichts dazu gesagt haben, spielt keine Rolle.

Ich weiss nicht, ob ich etwas hätte sagen können. Dieser Satz berührt eine Frau dermassen peinlich und empfindlich, da blockiert der Zugang zum Sprachzentrum gern für eine Weile. Das ist ganz normal. Es ist auch gar nicht an Ihnen, irgendwie schlagfertig darauf zu reagieren. Das ist nicht Ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, dort Ihren Job in Ruhe zu machen. Unbehelligt von solcher Scheisse.

Ich kann sehr gut nachfühlen, was in Ihnen jetzt vorgeht. So ein Übergriff lässt einen sehr sprachlos zurück und berührt an einem Punkt, von dem man zuvor gar nicht wusste, dass man ihn hat.

Nehmen Sie sich und die Sache bitte ernst und melden Sie es. Es ist ganz klar ein sexueller Übergriff, der überhaupt nicht geht. Wenn Sie darüber hinwegsehen – aus welchen Gründen auch immer – dann haben Sie jeglichen Respekt dieses Arschlochs verloren. Er wird es mit ziemlicher Sicherheit nicht dabei belassen. Und Sie werden mit ziemlicher Sicherheit nicht die einzige Frau sein, die er so angeht.

Stehen Sie auf, liebe Paula. Klopfen Sie an die Tür der Personalabteilung und melden Sie den Vorfall noch heute. Wenn wir Frauen aus Angst um unser Ansehen oder um unseren Arbeitsplatz den Mund halten, dann wird sich nie etwas ändern. Die Arbeitgeber formulieren heute sehr scharfe Regeln im Umgang mit sexual harassment. Diese Regeln dürfen keine Bleiwüste sein, die im Alltag keine Anwendung findet. Ihre Grenzen wurden massiv verletzt und überschritten. Dafür muss man Sie nicht anfassen. Es reicht, wenn man es verbal tut.

Melden Sie es. Sie werden angehört werden. Kein Arbeitgeber kann es sich heutzutage noch leisten, so einen Vorfall still ad acta zu legen. Da Sie mir mit Ihrem Business-Account geschrieben haben, kenne ich die Unternehmung, für die Sie arbeiten. Diese legt sehr viel Wert auf Umgangsformen und Renommee. Zumindest nach aussen, im Umgang mit der Kundschaft. Sie kann es sich nicht leisten, einen Mitarbeiter, wie der von Ihnen beschriebene, länger auf der Lohnliste zu führen.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi Freitag.  

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit Ihrem 11 jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Cardea 02.08.2015 12:10
    Highlight Ich habe solche Erfahrungen bisher nur mit Kundschaft im Service oder beim Ausgehen machen müssen. Grade im Service reichte es meist einfach das Gesagte laut zu wiederholen damit es auch alle Gäste mitbekommen. a la "WAS? EINEN BLASEN SOLL ICH IHNEN?"

    Die sexistischen Arschlöcher werden hoffentlich mit der Zeit ganz aussterben.
    36 2 Melden
    • koks 02.08.2015 12:37
      Highlight Sexistische Arschlöcher gibt es unter den Frauen genauso viele wie unter den Männern.
      21 17 Melden
    • Kikan 04.08.2015 09:57
      Highlight @koks vielleicht nicht ganz sooo viele aber sicher einige. Aber es äussert sich auch anders
      8 0 Melden
  • FuriousPete 02.08.2015 11:03
    Highlight "Das ist ganz klar ein sexueller Übergriff." Häää? Was ist daran ein Übergriff? Also nicht dass ich diesen armen Volltrottel unterstützen würde, aberbist das nicht eher Belästigung als Übergriff? Ich kapier die Welt nicht mehr.. 🙈
    21 21 Melden
  • Mophisto 02.08.2015 10:35
    Highlight Mann was für arschlöcher zählen zu deinem geschlecht! Was für ein impotententes unsensibles grossmaul mit einem spermaverklebten gehirn. Raus mit dem idioten!
    8 18 Melden
  • Lebovskitofski 31.07.2015 12:18
    Highlight ich (w) würde mir je nach verhältniss zu diesem mitarbeitenden das gespräch suchen oder melden. ist es sehr kolegial würde ich ihn ansprechen und ihm sagen dass dies sexuelle belästigung sei und somit nicht als lustig einzustufen sei. ist das verhältnis nicht so -> ab zum HR
    53 7 Melden
  • Yelina 31.07.2015 12:15
    Highlight Im Job hatte ich bisher Glück und wurde nie belästigt, aber ein anderer Mitarbeiter hatte mal ein eigentlich witzig gemeintes Bild einer dicken nackten Frau mit durchsichtigem Regenmantel an die Lehrtochter verschickt, den sahen wir auch nie wieder im Büro. Ich verstehe auch total, dass die Fragerin in dieser Situation überhaupt nichts dazu gesagt hat, niemand kann in jeder Situation schlagfertig sein. Den Weg zur Personalabteilung ist in so einem Fall tatsächlich das einzige Mittel. Viel Glück!
    29 3 Melden
  • Yelina 31.07.2015 12:05
    Highlight Als einer mal aus heiterem Himmel zu mir sagte, ich solle ihm einen blasen, war meine Antwort: "bei dir reicht auch mein rechtes Nasenloch" und Ruhe war.
    52 4 Melden
    • UnderCoverz 01.08.2015 15:19
      Highlight hahahah super antwort
      15 2 Melden
  • BeWi 31.07.2015 11:46
    Highlight Stimmt! Ist ein Arschloch!!
    26 3 Melden
  • HappyMe 31.07.2015 11:27
    Highlight Ganz tolle Antwort, Kafi, vielen Dank dafür! Liebe Paula, wehre dich, so etwas darf nicht geduldet werden!
    79 4 Melden

Kafi, zieht man eigentlich das an, was man selber insgeheim in sich hat?

Liebe Kafi. Ich bin seit 3 Jahren Single. Und ich finds nicht einfach, einen neuenPartner zu finden. Was mir jetzt schon dreimal passiert ist und mir zu denken gibt: Ich habe Männer kennen gelernt, die interessant und spannend sind. Sie scheinen auch gewisses Interesse zu haben an mir, aber es reicht halt nicht ganz. Sprich, eine feste Beziehung wollen sie nicht eingehen. Alle haben Angst. Ich frage mich: Zieht man eigentlich das an, was man selber insgeheim in sich hat? Bettina, 33

Liebe Bettina,Ja, ganz genau. Man zieht genau das an, was man selber fühlt, denkt und ausstrahlt. In der Esoterik wird dieses Phänomen das Gesetz der Anziehung genannt. Aber es lässt sich tatsächlich auch wissenschaftlich beweisen. Wenn man auf einem Klavier eine Taste anschlägt, dann schwingen all die Saiten mit, die auf der passenden Tonhöhe sind. In der Musik spricht man von Resonanz, dieser Begriff hat sich in vielen Lebensbereichen etabliert. Wenn man mit einem Menschen in Resonanz …

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