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Ein verlassener und verwunschener Friedhof auf Big Island, Hawaii.

Liebe Frau Freitag. Vor kurzem gab es einen Todesfall in meinem Freundeskreis und ich frage mich, warum der Tod so ein Arschloch ist. 

Ich habe wirklich Mühe, mich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich mir ausmale, dass meine Grosseltern sterben werden, meine Eltern, meine Freunde ... kann ich manchmal fast nicht mehr schlafen. Wie versöhne ich mich mit dem Tod? Merci! Julia, 22



Liebe Julia

Natürlich ist der Tod ein Arschloch. Aber auch nicht mehr, als es die Geburt ist, an der man zuweilen auch fast verreckt. Beides gehört zum Leben dazu, und wenn nicht gerade ein Kind oder ein junger Mensch stirbt, dann darf man mit etwas Gelassenheit sagen, dass es ganz ok ist so. Oder möchten Sie wirklich mit allen Ihren Ahnen unter einem Dach leben? Wenn man die Bevölkerung anschaut, die von 50'000 v. Chr. bis heute auf der Erde gelebt hat, dann sind das bereits ungefähr 108 Milliarden Menschen. (Und ja Ihr gescheiten Kommentatoren, die Ihr bereits lauert um die Zahl um noch eine Schlauheit zu ergänzen; auch Umweltkatastrophen und Krankheiten sind in diese Berechnung eingeflossen.) Ganz schön eng, nicht? Und da sind all die Kreaturen, die in den etwa 250'000 Jährchen davor hier gelebt haben, noch gar nicht mitgerechnet!

Sie müssen schon eingestehen, dass es etwas egoistisch anmutet, wenn man für immer bleiben will. Und das wollen Sie ja in letzter Konsequenz: Sich niemals trennen müssen und ergo ewig leben. Aber wollen Sie das wirklich? Können Sie sich nicht vorstellen, dass nach einem langen und hoffentlich erfüllten Leben dann auch mal genug ist? Dass man als alter Mensch langsam müde wird und es irgendwann gesehen hat? Es geht hier nicht nur um die Hinterbliebenen. Es geht hier nicht nur um Sie!

Natürlich ist der Tod ein Arschloch. Aber auch nicht mehr, als es die Geburt ist, an der man zuweilen auch fast verreckt.

Mir ist schon bewusst, dass Sie die Frage nicht so angehen wollen, sondern rein emotional und metaphorisch. Aber das geht nun leider nicht, wie Sie jetzt vielleicht verstehen werden. Solange wir den Zyklus des Geborenwerdens pflegen, müssen wir uns auch mit dem Abschiednehmen auseinandersetzen. Das ist in unserer Kultur, die den Tod tabuisiert und unter den Teppich kehren will, gar nicht so einfach, das weiss ich. Aber vielleicht hilft Ihnen ja der Gedanke, dass es nach dem Tod irgendwie weiter geht? In vielen Kulturen ist dieser Ansatz Teil der Lebensanschauung, warum machen Sie sich diese nicht auch zu eigen? Man kann aus religiösen Gründen darüber denken, wie man mag. Aber wie mein 83 Jahre alter Vater jüngst erklärte, wäre es ein wirtschaftlicher und ökologischer Blödsinn, so eine geniales System wie den Menschen für nur einen Lebenszyklus zu erschaffen. Die Auseinandersetzung mit den Themen des Lebens wären ein sinnloser Witz, wenn sie nach dem Tod ein Ende nähmen, so meint er. Und ich sehe das genau so. Und viele andere, die es irgendwie wissen müssen, auch. Nicht zum ersten Mal verweise ich in meiner Kolumne auf die Literatur der Schweizer Sterbebegleiterin Elisabeth Kübler-Ross. Sie hat nach vielen Jahren Konfrontation mit dem Sterben den Schluss gefasst, dass es danach weiter geht. Und dass jeder Sterbende von einem ihm nahestehenden Menschen abgeholt wird.

Ich weiss nicht, ob das Ihnen Trost spenden kann. Aber mir hat es tatsächlich geholfen, mich mit dem Tod zu versöhnen und ich denke, dass es Ihnen nach der Lektüre eines ihrer Bücher auch gelingen könnte. Danach werden Sie den tatsächlichen Sinn des Todes darin erkennen, dass Sie das Leben mit vollem Bewusstsein leben sollen. Sich einen inneren Reichtum verschaffen, anstatt die Erlösung im äusseren suchen. Und mit sich zufrieden sein, statt ein Leben lang zu hadern und dann unzufrieden sterben. Darum geht es im Leben! Wenn Sie das begriffen haben, liebe Julia, dann können Sie sich ein langes Philosophiestudium schenken und dem Leben mit all seinen Facetten mit Herz begegnen.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Statler 15.09.2016 15:28
    Highlight Highlight Der Tod ist kein Arschloch, er wäre eigentlich der beste Ratgeber, den wir haben können. Es ist unser Gefühl, dass wir unsterblich seien, das uns unser Leben oftmals verschwenden lässt und wir Gelegenheiten verstreichen lassen, weil wir ja «unendlich» Zeit haben.
    Im Angesicht des Todes bekommt alles, was wir tun, einen anderen Stellenwert. Jeder Moment ist kostbar, denn das Leben könnte eigentlich in der nächsten Sekunde vorbei sein. Wenn wir uns unserer Sterblichkeit bewusst werden, erhält auch das Leben einen ganz anderen Wert.
  • fuegy 15.09.2016 12:17
    Highlight Highlight Für mich ist der Tod etwas, was zu sehr tabuisiert wird. Ich gehe sehr pragmatisch mit diesem Thema um. Sterben ist etwas, was jeder Mensch muss und man hat nur sehr begrenzt Kontrolle über das wann und wie. Das ist es, was Menschen Angst vor dem Tod und dem Sterben macht, denke ich. Der Tod ist ein ständiger Begleiter ob in den Medien, in der Familie, im Freundeskreis. Jede/r Tote ist jemandes Verwandter oder Freund, alle Menschen haben den Verlust als Gemeinsamkeit. Geliebte Menschen im Leben zu verlieren ist unausweichlich. Mir hat es sehr geholfen solche Tatsachen zu akzeptieren.
  • oldman 15.09.2016 08:48
    Highlight Highlight Beste Aussage Kafis ever: "Sich einen inneren Reichtum verschaffen, anstatt die Erlösung im äusseren suchen. Und mit sich zufrieden sein, statt ein Leben lang zu hadern und dann unzufrieden sterben. Darum geht es im Leben!" Schade vergisst sie das bei anderen Antworten (bspw. im Zusammenhang mit Beziehungsfragen) komplett. Im Übrigen denke ich, es ist ganz gut, dass wir Menschen (auf der Erde jedenfalls) nicht ewig leben!
  • Mythenmetz 15.09.2016 08:13
    Highlight Highlight Dieses Thema beschäftigt mich auch immer wieder. Ich habe mal mit einer Psychologin darüber gesprochen und sie hat mir etwas gesagt, was mir ein bisschen helfen konnte:
    Auch wenn du nicht gläubig bist und an ein Leben nach dem Tod glaubst (was so ein bisschen mein Problem war) - etwas wird immer bleiben: Die geliebten Menschen, die gestorben sind, haben dich geprägt. Sie haben dir Glück und Freude gegeben. Sie haben dir Gedanken und Ideen mitgeteilt. Auf diese Art und Weise leben sie weiter, nämlich in dir selber. Irgendwie hat mich das ein wenig beruhigt...
  • Spooky 14.09.2016 18:22
    Highlight Highlight Wie versöhne ich mich mit dem Tod?

    Mit dem Tod kann man sich nicht versöhnen. Der Tod ist ein Skandal. Für den Verstand ist der Tod nicht zu ertragen. Und genau darum gibt es die vielen Religionen und Gurus (und Coaches ;-), die Trost spenden.

    Sogar der geniale griechische Philosoph Epikur wollte mit dem fiesen Gesellen lieber nichts zu tun haben. Epikur sagte: "Der Tod geht mich nichts an, denn wenn er ist, bin ich nicht mehr, und so lange ich bin, ist er nicht."

  • Talli 14.09.2016 17:46
    Highlight Highlight Niemand kann etwas für seine existenz, niemand gehört irgendwohin, alle müssen sterben.

    Morty (rick und morty)
  • Waldorf 14.09.2016 14:04
    Highlight Highlight Ich habe als kind meinen grossvater im kampf gegen den krebs erlebt. Das war unschön. Er starb dann aber auf eine unerwartet andere art: eines nachts stand mein grossvater auf und zog sich fein an, weckte meine tante die bei ihm schlief und sagte, dass er dann mal so weit wäre. Bei völlig klarem verstand begab er sich ins wohnzimmer und setzte sich in seinen sessel wo er immer zu sitzen pflegte und wartete da, bis alle die informiert wurden eingetroffen sind. Dann schlief er einfach ein. Irgendwie ein cooler abgang :-)
    • SusiBlue 15.09.2016 00:43
      Highlight Highlight Schöne Geschichte. Danke fürs teilen!
  • Nausicaä 14.09.2016 13:29
    Highlight Highlight Liebe Julia
    Falls die Geschichte mit dem Glauben daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, nicht so recht klappen will, hier noch ein gutes Buch eines existentialistischen Psychiaters:
    Irvin Yalom: In die Sonne schauen: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet
    Alles Gute
  • Bruno Wüthrich 14.09.2016 12:43
    Highlight Highlight Der Tod ist auch für mich ein schwieriges Thema. Was passiert, wenn man stirbt? Was mit meinem Fleisch und meinen Knochen passiert, weiss ich. Damit kann ich leben (und sterben). Aber was passiert mit dem «Ich» eines jeden Menschen? Jeder Mensch nimmt seine Welt so wahr, wie wenn er der Mittelpunkt davon wäre. Alles, was passiert, passiert um ihn herum. Deshalb haben 7 Mia. Menschen 7 Mia. Sichtweisen, denn diese sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Kann es sein, dass es das eigene «Ich» irgendwann nicht mehr gibt? Zweifelsfrei hat dies noch niemand beantwortet.
    • lilie 15.09.2016 10:53
      Highlight Highlight @Dr. Pepper und Bruno Wüthrich: In diesem Zusammenhang kann ich das Buch von Richard David Precht empfehlen: "Wer bin ich und wenn ja wieviele? - Eine philosophische Reise".

      Er erklärt darin auf unterhaltsame Art und Weise (und durchaus kritisch), was Philosophie, Psychologie und Hirnforschung zu den grossen Fragen der Menschheit zu sagen haben: Wer bin ich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun?
    • Statler 15.09.2016 15:11
      Highlight Highlight Wenn man Carlos Castañeda glaubt, gibt es kein Leben nach dem Tod. Das «Ich» erlischt aber nicht einfach, sondern es verbindet sich wieder mit dem grossen Ganzen. Dem «Über-Bewusstsein» wenn man so will. Wir kehren also sozusagen heim. Aus diesem grossen Ganzen werden immer wieder kleine Teile abgespalten, um eine andere Facette des Lebens zu er-leben (das, was dann gemeinhin als Wiedergeburt bezeichnet wird, wobei das aber irreführend ist, weil es impliziert, dass das Ich als solches wiedergeboren wird).
      Oder, um es mit den Worten des grossen Q zu sagen: Wir waren alle schonmal der Hund. :)
  • lilie 14.09.2016 10:20
    Highlight Highlight Liebe Julia, ich finde, du hast genau die richtige Frage gestellt! Du bist natürlich nicht naiv, du weisst, dass Menschen sterben müssen. Aber du fragst dich: Warum gerade jetzt? Und wen verliere ich als nächstes?

    Was mir geholfen hat, den Tod zu akzeptieren, war - ihn stinkfrech zu ignorieren! Tu ganz einfach so, als wäre dein Freund noch am Leben. Sprich mit ihm. Frage ihn, wie es ihm geht. Und habe den Mut zuzuhören, ich wette, er gibt dir Antwort - auf die eine oder andere Weise.

    Ich rede bis heute mit verstorbenen Familienmitgliedern. Und ich bin ganz gewiss nicht die einzige!
    • kafi 14.09.2016 11:18
      Highlight Highlight Liebe Lilie

      Genau! Das sehe ich auch so, mit dem Reden. (Das mit dem Ignorieren weniger). Wenn man dem Link folgt unten im Text, dann kommt man zu einer Frage bezüglich Suizid. Und da habe ich geschrieben:


    • kafi 14.09.2016 11:18
      Highlight Highlight "Leider kann ich nicht sagen, wie lange Sie noch trauern werden. Das ist ein sehr persönlicher Prozess, für den es keine Zeitangaben gibt. Aber ich denke, dass es Ihnen helfen könnte, wenn Sie den Dialog wieder aufnehmen, indem Sie alles das sagen, was Sie noch gerne hätten sagen wollen. Vertrauen Sie darauf, dass Sie gehört werden. Das Inkontakttreten mit Verstorbenen ist in vielen Kulturen fest verankert und hat nichts mit Voodoo oder Hokuspokus zu tun. Es gibt uns die Möglichkeit, mit dem verschiedenen Menschen ins Reine zu kommen und ihn danach leichter loszulassen."
    Weitere Antworten anzeigen
  • Toerpe Zwerg 14.09.2016 09:43
    Highlight Highlight Der Glaube, es gebe ein Leben ohne zu leben, ist die Quintessenz der Tabuisierung der Endlichkeit aka des Todes. Erst wenn der Mensch seine eigene Endlichkeit akzeptiert, kann er sich mit dem Tod versöhnen.

    Jenseitsglaube ist entsprechend das Gegenteil von dem, was er verspricht: Statt Versöhnung mit dem Tod und uneingeschränkte Fokussierung auf das Leben erhalten sie immerwährende Beschäftigung mit einem Danach und damit Unsicherheit, Zweifel und Unrast.

    Meine verstorbene Grossmutter hat einst mit 89 den Pfarrer vor die Türe gesetzt - sie sei doch nicht dement!

    • Nausicaä 14.09.2016 10:34
      Highlight Highlight Coole Grossmutter!
    • Waldorf 14.09.2016 11:06
      Highlight Highlight Es ist etwas voreilig den glauben an ein jenseits damit abzutun, dass man seine endlichkeit nicht akzeptieren kann. Es ist in etwa so wie wenn du behauptest, am ende aller zeit, wenn das universum in sich zusammenfällt, würde energie aufhören zu existieren. Wir wissen es nicht!
      Ich glaube (und das ganz unreligiös und unspirituel) an ein fortbestehen einer bewussten version meiner selbst. Und falls das nicht der fall ist und nach meinem tod nichts ist, so juckt mich das auch sehr wenig, weil ja da niemand mehr ist um sich darüber aufzuregen...

FRAGFRAUFREITAG

Hoi Kafi! Meine Mutter (68) hat die letzten zehn Jahre von Enkeln gesprochen und nun wo sie da sind, sind sie und ihr neuer Partner praktisch immer weg.   

Liebe Sabine  Da redet Ihre Mutter ein Jahrzehnt von Enkeln und kaum sind sie da, sucht sie das Weite. Und soll ich Ihnen etwas sagen: Ich würde exakt das Gleiche tun! Nein ernsthaft. Ich mache mir immer mal wieder Gedanken über das Leben nach der Pensionierung. Und komme immer zum selben Schluss: Wenn man nicht finanziell auf wirklich edlen Rosen gebettet ist, ist es keine schöne Lebensphase. Wir werden immer älter und bleiben dank der modernen Medizin auch länger fit. Und dennoch …

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