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Alle Eltern brauchen eine funktionierende Strategie, um den Kopf durchzulüften und wieder klare Gedanken zu fassen.  Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Hallo Kafi. Kürzlich stand unser Nachbarsjunge schreiend und tobend auf dem Balkon. Er wurde von der Nachbarin dorthin ausgesperrt. Darf eine Mutter ihr Kind auf dem Balkon aussperren, wenn es austickt? Werner, 44

27.10.14, 09:55 09.04.17, 20:22

Lieber Werner 

An anderer Stelle habe ich mal geschrieben, dass Kindererziehung ein mindestens 18 Jahre andauernder Ausnahmezustand ist. Dass man da mal an den Rand kommt und sein Kind am liebsten an die nächstbeste Wand kleben möchte, ist nur normal. Darum kann ich der Mutter gut nachempfinden, dass sie ihren Sohn zur Abkühlung der überhitzten Nerven mal kurz (oder auch weniger kurz) auf den Balkon gestellt hat.

Die Aktion an sich hat für mich nichts Bedenkliches. Der Tatort allerdings sehr. Ein Balkon ist ja per Definition ein offenes Gebilde an einer Hauswand. Meistens in der Höhe, weil sonst wär's ja ein Freisitz, eine Terrasse. Und genau dort liegt das grosse Problem. Ein täubelndes und wütendes Kind auf einen Balkon zu stellen ist meiner Meinung nach schwer grob fahrlässig. Ich weiss nicht, ob Sie schon mal komplett ausser sich waren, lieber Werner. Aber ich war es auf jeden Fall schon das ein oder andere Mal. Und darum weiss ich nur zu gut, dass man in diesem Zustand nicht mehr fähig ist, allzu klar zu denken. Wie es in einem tobenden Kind aussieht, wissen wir alle nicht. Darum ist es nichts als dumm und gefährlich, es auf dem Balkon zu parkieren. Dass es dort öffentlich ausgestellt wird, gibt dem Kind eventuell noch den Rest und ich möchte nicht dafür haften, was dann alles geschehen könnte.

Aber wie schon weiter oben gesagt sind der Grundsatz und die Idee hinter der Aktion im Prinzip vollkommen richtig. Man kommt als Eltern einfach immer mal wieder in die Lage, dass man nicht mehr weiter weiss und einen Abstand zum Kind schaffen muss, damit man nicht vollkommen inadäquat reagiert und austickt. Diesen Zustand, bei dem man hautnah und knietief in der aktuellen Situation drinsteckt und es manchmal sogar zu eskalieren droht, nennt man assoziiert. In diesem Stadium ist man nicht mehr in der Lage, cool und angemessen zu denken und zu handeln. Viele Kinder werden dann geschlagen oder zumindest schlimm ausgeschimpft. Da ist es unglaublich wichtig, dass man die Fähigkeit besitzt, sich zu dissoziieren. Das heisst, einen oder mehrere Schritte aus der akuten Lage hinaus zu machen (sei es wirklich oder auch nur gedanklich), um aus einem sicheren Abstand auf die vertrackte Lage zu schauen. Aus dieser Distanz hat man wieder die Möglichkeiten, klarer zu denken und eine halbwegs schlaue Lösung zu finden.*

Die Mutter hat drum im Prinzip genau das richtige gemacht, indem sie sich von ihrem Kind distanziert hat. Nur die Ausführung war verkehrt. Es wäre viel schlauer gewesen, SIE wäre auf den Balkon raus und hätte ein paar Minuten ihre Wut aus der Seele geschrien. Jede Mutter und jeder Vater braucht eine gut funktionierende Strategie für solche Alltagssituationen. Weil an den Punkt, wo man nicht mehr weiter weiss, kommen wir alle mal. Da lohnt es sich sehr, dass man sich in einem entspannten Zustand, wenn keine solche Krise in Sicht ist, mal überlegt, was einem eigentlich gut tut und was im Alltag anwendbar ist. Bei mir ist das zum Beispiel die Musik. Ich habe für fast jede Gefühlslage einen passenden Song im Hinterkopf und bin damit oft imstande, meine Gefühlslage von einer schwierigen in eine positivere zu verändern. Damit habe ich selbstverständlich noch kein Problem gelöst, aber ich bin dann wenigstens in der Lage, wieder halbwegs kühlen Kopfes über eine Lösung nachzudenken. Und das ist schon verdammt wertvoll im Fall!

Wie Sie das der Guten nun verklickern, überlasse ich aber gerne Ihnen. Weil die Einmischung in Erziehungsfragen wäre genug Stoff für eine oder viele viele weitere Fragen&Antworten.

 Ganz herzlich, Ihre Kafi

*Im ursprünglichen Artikel war hier ein Productplacement, das wir nachträglich entfernt haben.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes. 

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Bild: Kafi Freitag



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