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Er ist Chinese, er heisst Li – und trotzdem ist er einzigartig!

28.05.16, 10:50 28.05.16, 11:06
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Ich bin zurück bei den 1,4 Milliarden Chinesen. Oder sind es weniger? Oder mehr? Wer weiss das schon so genau. Auf jeden Fall sind es verdammt viele. 

Doch was sind überhaupt Chinesen? Sind damit nur die Han-Chinesen gemeint, die rund 90 Prozent der Bevölkerung stellen? Oder alle Menschen, die in der Volksrepublik China leben? Also auch Tibeter und muslimische Uiguren? Und was ist mit den 53 anderen offiziell anerkannten Minderheiten?

Die Fahrt von Hanoi nach Guilin in 18 Bildern und 2 Karten

In Europa wissen die meisten wenig bis gar nichts über das Reich der Mitte. Hier ist China einfach dieses Land mit den (zu) vielen Einwohnern, in dem die Regierung nicht kritisiert werden darf und Facebook, Google sowie Twitter gesperrt sind.

Chinesen, das sind die mit der merkwürdigen Schrift, die mit Stäbchen Hunde und Katzen verspeisen. Zudem rennen sie gerne mit topmodernen Kameras bewaffnet durch europäische Städte. Oder sind das die Japaner und Koreaner? 

Egal, die sehen doch sowieso alle gleich aus – und bestimmt ticken sie auch alle gleich, sonst wären sie nicht immer im Rudel unterwegs.

Li – der Name passt ins Klischee

Ich sitze im Auto von einem dieser scheinbar so verwechselbaren Chinesen. Sein Name passt perfekt ins Klischee: Li. Auf dem Rücksitz sitzen seine Frau sowie der 22 Monate alte Sohn. Die junge Familie hat mich gerade von drei langen Stunden am Strassenrand erlöst.

Li (r.), seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn erlösen mich nach drei Stunden am Strassenrand. Bild: Thomas Schlittler

Li spricht perfekt Englisch. Das ist in China eine Seltenheit und beim 32-Jährigen besonders beeindruckend, weil er nie im Ausland studiert hat. Li arbeitet für eine chinesische Firma, die in Entwicklungsländern Stromkraftwerke baut. Als er mir gerade mehr von seiner Arbeit erzählen will, klingelt sein Telefon. «Sorry», sagt er und spricht dann auf Chinesisch in die Freisprechanlage.

Seine Frau versteht seine Muttersprache nicht

Ich meine zumindest, er redet Chinesisch beziehungsweise Mandarin. Doch nach dem Telefonat erklärt er mir: «Das war meine Schwester. Wir sprechen miteinander Zhuang. Meine Frau ist Han-Chinesin und hat beim Telefonat deshalb etwa gleich viel verstanden wie du.» 

Die Zhuang sind mit rund 17 Millionen Menschen das zweitgrösste Volk Chinas – nach den Han.

Die Schwester wollte wissen, wo Li und seine Familie bleiben. Die drei werden in Lis Heimatstadt zu einem Fest erwartet. Lis Familie hat einen neuen Bus gekauft, mit dem sie Personentransporte durchführt.

Feuerwerk, gutes Essen und Alkohol

Um das zu feiern, gibt's Feuerwerk, gutes Essen, Bier und Reiswein. Wieso ich das so genau weiss? Li lädt mich kurzerhand zu den Feierlichkeiten ein.  

... und hier das mehr laute als schöne Feuerwerk noch in bewegten Bildern.
Video: Thomas Schlittler

Die Stadt bietet wenig fürs Auge und ist für chinesische Verhältnisse winzig, Li schätzt rund 50'000 Einwohner. 

Touristen verirren sich kaum hierher. Im Iran oder in Myanmar wäre ich an einem Fest in einer solchen Stadt bestimmt wie ein Popstar gefeiert worden.

Die Menschen sind angenehm zurückhaltend

Hier in China sind die Menschen zurückhaltender. Ich ernte zwar viele neugierige Blicke und freundliche «Ni Hao» («Hallo»), das Herumgezerre und übertriebene Hofieren fällt aber weg – was sehr angenehm ist.

Lis Heimatstadt Liuhing bietet wenig fürs Auge. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist. Bild: Thomas Schlittler

Am Fest sind neben Familienangehörigen auch ehemalige Schulkollegen von Li. Während er mittlerweile in der 80 Kilometer entfernten Grossstadt Nanning lebt, sind sie hier geblieben. Englisch spricht niemand. Als sie mich zum Anstossen an ihren Tisch holen, fungiert Li als Übersetzer.

In China sind die Menschen bei einem Gast aus der Fremde aber zurückhaltender als in anderen Ländern. Bild: Thomas Schlittler

Einige Kinder mal ausgenommen ... Bild: Thomas Schlittler

Li trinkt keinen Schluck. Das liegt nicht nur daran, dass er am späten Abend wieder nach Hause fahren muss: «Mir wurde vor einigen Jahren der Ausweis entzogen und ich musste ein paar Tage ins Gefängnis, weil ich im angetrunkenen Zustand gefahren bin.» Seither rührt er Alkohol nicht mehr an.

«Sie haben ein einfaches Leben hier in der Kleinstadt»

Als Li seine ehemaligen Schulkollegen bei einer chinesischen, komplizierteren Version von «Schere, Stein, Papier» beobachtet, bei welcher der Verlierer jeweils trinken muss, meint er: «Die können sich gehen lassen, sie haben ein einfaches Leben hier in der Kleinstadt. Die meisten haben ihr eigenes kleines Geschäft und können morgen so lange schlafen, wie sie Lust haben.»

Li sagt das aber nicht so, als würde er die anderen um ihre Situation beneiden. Im Gegenteil, ich interpretiere seine Aussage eher so: «Ich habe hart gearbeitet, Karriere gemacht und reise nun um die Welt – sie sind hier hängengeblieben.» 

«Schere, Stein, Papier» auf Chinesisch. So wie ich das verstanden habe, müssen die Spieler eine Zahl zwischen 0 und 10 ansagen. Wer richtig liegt, gewinnt
Video: Thomas SChlittler

Seine ehemaligen Weggefährten wirken jedoch nicht weniger glücklich als Li. Sie haben ihre Prioritäten einfach anders gesetzt als er. Sie ticken offensichtlich anders als er. So wie jeder einzelne der 1,4 Milliarden Menschen in China etwas anders tickt.

Jeder ist einzigartig. Das habe ich mittlerweile gelernt – auch wenn ich sonst nach wie vor wenig bis gar nichts weiss über China. Und auch wenn die Chinesen für mich nach wie vor alle sehr ähnlich aussehen. Aber das tun wir für sie ja auch.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • thymar 29.05.2016 18:46
    Highlight Schade habe ich nicht früher davon erfahren. Ich befinde mich dieses Jahr gerade in Nanning für einen Sprachaufenthalt und bin der einzige Schweizer an der ganzen Uni :D Wär lustig gewesen sich zu treffen ;) Gute Reise weiterhin!
    PS: ein Abstecher nach Yangshuo lohnt sich auch, wenn das noch drinliegt.
    8 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:38
      Highlight Hallo Benjamin
      Das ist wirklich schade, wäre gerne auf ein Bierchen vorbeigekommen. Hätte mich überrascht, wenn an der Uni in Nanning mehr als ein Schweizer studieren würde. Wie lange bist du schon dort? Und wie gut ist dein Chinesisch mittlerweile? ... Guilin/Yangshuo bzw. den Li River habe ich mittlerweile auch gesehen. Trotz Touristenmassen wunderschön!
      3 0 Melden
  • Calvin WatsOff 29.05.2016 12:16
    Highlight Herrlich zu lesen... ;) Mehr davon bitte und danke Thomas, das du uns Leser an deinem Abenteuer teil haben lässt. ;)))
    10 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:39
      Highlight Sehr gern geschehen, macht mir nach wie vor grossen Spass - sowohl das Reisen als auch die Kolumne. Vielen Dank für das Kompliment!
      5 0 Melden
  • 2sel 28.05.2016 20:17
    Highlight @ Thomas Schlittler
    Irgendwie beneide ich dich... Du hast deine Leidenschaft fürs Reisen perfekt mit deinem Job verbinden können. Und das merkt man auch in deiner sehr interessanten Berichterstattung über die Länder die du bereist und die Menschen die du auf deiner Reise porträtierst.
    Bleib auf Reise...
    33 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:42
      Highlight Lieber 2sel
      Ja, es ist wirklich ein grosses Privileg, dass ich diese beiden Dinge miteinander verbinden kann. Dessen bin ich mir absolut bewusst! Ich bleibe noch ein bisschen auf Reisen - aber definitiv nicht für immer. Dafür gibt es zu viele liebe Menschen in der Schweiz, die mir am Herzen liegen ... LG
      6 0 Melden
  • Radiochopf 28.05.2016 18:49
    Highlight Danke für den interessanten Bericht! Genau solche Artikel sind wichtig damit das Verständnis und Wissen grösser wird.. Nur so verschwinden viele Vorurteile und Klischees die total falsch sind...
    29 1 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 11:21
      Highlight Bitte, gern geschehen. Und danke für das Kompliment! LG
      3 0 Melden
  • Luca Brasi 28.05.2016 12:42
    Highlight Vielen Dank für den Bericht. Ich hoffe Ihre Zeit in Vietnam war auch klasse.
    Ich wünschte mir auch, daß man im Westen ein bißchen mehr erfahren würde als die Klischees über China, aber dafür haben wir ja Sie, Herr Schlittler. ;)
    Das südliche China ist äußerst speziell und geprägt von Kulturvielfalt (v.a. in der Region, wo Sie sich befinden) und je weiter weg von Peking, desto egaler ist den Menschen die Politik. Ich hoffe, daß Sie in Guilin noch Zeit finden die eindrückliche Landschaft zu betrachten und lecker Fisch zu essen. ;)

    PS: Es hat noch Schreibfehler bei Liujing und Nanning drin.
    27 0 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:51
      Highlight Ja, die Zeit in Vietnam war auch toll, mit nur zehn Tagen aber sehr kurz. Auch wenn man zwei Jahre unterwegs ist, muss man Prioritäten setzen. Klischees abbauen ist mir tatsächlich ein anliegen. Sprechen Sie eigentlich Chinesisch? Wenn ich die Sprache könnte, wäre China - und natürlich auch alle anderen Länder - nochmals ein ganz anderes Erlebnis. Aber man kriegt auch so viel mit.

      PS: Fisch essen in Yangshuo war toll. Ich nehme an, Sie haben vom Bier-Fisch gesprochen? ...
      PS II: Finde den Nanning-Schreibfehler nicht? ...
      2 0 Melden
    • Luca Brasi 01.06.2016 11:06
      Highlight Ich spreche chinesisch so gut es halt für einen Westler geht. ;)
      Die Sprache ist manchmal schon eine Barriere. In Südchina haben sie dann auch noch sehr starke Dialekte, die die Kommunikation auch nicht immer erleichtern, aber die Schriftzeichen sind zumindest die gleichen. ;)
      Ah, Bierfisch in Yangshuo, da werden Erinnerungen wach plus eine Motorbootsfahrt auf dem Fluss Li. Tolle Landschaft! *in Nostalgie schwelgend*
      Weiterhin noch viel Vergnügen bei Ihren Reisen. ;)
      PS: Nanning war einmal falsch bei der Bildstrecke Bild 14. Es fehlte aber nur das G am Schluss. ;)
      1 0 Melden
  • Pfalafel 28.05.2016 11:34
    Highlight *hateon*
    22 Monate...? Das Kind ist zwei Jahre alt!!
    *hateoff*

    Danke für die spannenden Artikel :)
    36 3 Melden
    • Thomas Schlittler 01.06.2016 10:51
      Highlight Da siehst du mal, wie genau ich das mit der Berichterstattung nehme ... ;-)
      1 0 Melden

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