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Tony sass 18 Jahre lang im Knast – ein grossartiger Typ!

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Tony ist ein Handwerker aus Phoenix, der einem Arbeitskollegen den Lohncheck vorbeibringen will. Doch weil dieser Kollege nicht ans Telefon geht, entscheidet sich der 44-Jährige, zwei Autostöppler aus der Schweiz mitzunehmen und sie ins 200 Kilometer entfernte Tucson zu fahren – einfach so, um ihnen einen Gefallen zu machen. Auf der Fahrt durch die Wüste Arizonas erfahren meine Freundin Lea und ich Stück für Stück Tonys Lebensgeschichte. Eine unglaubliche Lebensgeschichte:

Tony wurde 1972 im Nordwesten der USA im Bundesstaat Montana geboren. Der amerikanische Ureinwohner wächst bei Adoptiveltern in einem Indianerreservat auf. Seine leiblichen Eltern lernt Tony erst viel später kennen, er findet sie über das Internet – ausgerechnet über das Internet! Denn Tony hat eine schwierige Beziehung zu Computern und dem World Wide Web: «Ich komme damit nach wie vor nicht richtig klar.»

Von Phoenix nach Tucson: Tony fährt uns 200 Kilometer weiter südlich, nur weil er der Gesellschaft etwas Gutes tun will

Von Phoenix nach Tucson_Tony fährt uns 200 Kilometer weiter südlich, nur weil er der Gesellschaft etwas Gutes tun will.

Der Grund ist unfassbar und nachvollziehbar zugleich: Tony sass von 1991 bis 2009 im Knast. Den weltweiten Siegeszug des Internets hat er hinter den Gefängnismauern nicht mitbekommen. Auch sonst ist in Tonys Leben einiges anders verlaufen als bei den meisten Menschen: «Mein erster Flug ging vom Bundesstaat Idaho nach Texas – in ein anderes Gefängnis.» Er und ein Kumpel aus dem Knast hätten sich immer gemeldet, wenn Freiwillige gesucht wurden für eine Gefängnisumplatzierung. «So konnten wir ein bisschen reisen und mal etwas Neues sehen.»

Tony erzählt das alles, als sei es die normalste Sache der Welt. Er prahlt nicht mit seiner Vergangenheit, im Gegenteil: Er sagt mehrere Male, dass er ein Dummkopf, ein Idiot gewesen sei und viel Scheisse gebaut habe. Damit meint er Einbruch, schweren Diebstahl, schwere Körperverletzung und Drogenbesitz. Für all diese Verbrechen wurde er 1991 zu 18 Jahren Haft verurteilt – er war damals gerade einmal 19 Jahre alt.

Zum Abschied schenkt uns Tony auch noch eine Decke seines Indianerstammes.

Zum Abschied schenkt uns Tony auch noch eine Decke seines Indianerstammes.

Zunächst gibt Tony wenig Details preis über seine Zeit im Knast. Ich frage ihn deshalb vorsichtig, ob es ihm etwas ausmache, darüber zu sprechen. Er verneint – und ich lasse meiner Neugierde freien Lauf: «Wie ist das Verhältnis zu den Gefängniswärtern?» Tony: «Wenn man sich anständig verhält, hat man keine Probleme.» Ich: «Gibt es diese Gruppenbildungen nach Ethnie – Schwarze, Weisse, Latinos, Natives – wirklich, wie es in den Filmen jeweils dargestellt wird?» Tony: «Ja, aber man kommt auch ganz gut alleine zurecht. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen sind sehr selten.» Ich: «Stimmt es, dass man als kleiner Gangster ins Gefängnis geht und dann als voll ausgebildeter Verbrecher wieder rauskommt?» Tony: «Nein, das ist ebenfalls übertrieben. Bei mir war das nicht so. Ich habe mich im Knast nicht total verändert.»

Als Tony verurteilt wurde, war er bereits Vater und seine damalige Frau erneut schwanger. «Mein ältester Sohn ist jetzt 26 Jahre alt. Er arbeitet in der US-Armee und lebt in Alaska. Ich habe ihn seit sechs Jahren nicht mehr gesehen», sagt er bedrückt. Wir haken nicht weiter nach, erfahren aber, dass die Mutter von Tonys Kindern mittlerweile seine Ex-Frau ist.

Nach seiner Entlassung hat Tony eine neue Frau gefunden. «Ich kenne sie seit meiner Kindheit, sie hat vergeblich nach mir gesucht, als ich im Knast war.» Mit ihr und ihren Kindern aus erster Ehe hat Tony in Arizona ein neues Leben angefangen. Mit einem Job auf dem Bau, in einem kleinen Städtchen etwas ausserhalb von Phoenix – und vor allem weit, weit weg von seiner früheren Umgebung. «Es war wichtig, dass wir den Neustart an einem anderen Ort gemacht haben. Wenn ich zurückgegangen wäre ins alte Umfeld, dann wäre es vermutlich nicht gut gekommen.»

Per Autostopp um die Welt – Woche 79: Von Phoenix (USA) nach Hermosillo (Mexiko)

Lea und ich können nicht überprüfen, ob Tonys Geschichte der Wahrheit entspricht. Doch wir glauben ihm jedes Wort. Er hat ehrliche Augen, ein wunderschön herzhaftes Lachen und wirkt jederzeit echt. Zudem sieht er mit seiner gross gewachsenen, breiten Statur, den unzähligen Tattoos und dem kahlrasierten Kopf genau so aus, wie man sich einen Ex-Knacki vorstellt. Und als ihn sein Arbeitskollege endlich zurückruft, verrät uns seine Umgangssprache, dass er nach wie vor kein Kind von Traurigkeit ist.

Zum Verlieben: Livemusik in einer Bar in Hermosillo, Mexiko

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Video: watson.ch

Tony hat immer noch seine Ecken und Kanten, aber er scheint angekommen zu sein in der Gesellschaft. Er hat keinen Groll, will einfach nur ein normales Leben führen und die Vergangenheit hinter sich lassen. Lea und ich fühlen uns Tony so nahe wie kaum einem anderen Fahrer, als wir in Tucson ankommen. Wir geben ihm zum Abschied eine herzliche Umarmung und bedanken uns unzählige Male für die Fahrt sowie das interessante Gespräch. Er winkt ab und meint: «Ich habe in meinem Leben viel Scheisse gebaut. Jetzt versuche ich, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.»

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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pamayer 06.12.2016 21:06
    Highlight Highlight Danke für die schöne Geschichte. Als ich die Überschrift las, dachte ich mir, was das nun solle. Gelesen habe ich eine herzenswarme Geschichte eines Menschen, der eine deftige Geschichte durchgemacht hat.
    Auch eindrücklich Thomas' Ausführungen zum bezahlen für's mitnehmen.
    Gute Reise weiterhin und hoffentlich bald bei Hessmex!
  • Pasionaria 06.12.2016 18:33
    Highlight Highlight Th. Schlittler
    Vielen Dank fuer Ihre Antwort.
    Natuerlich ist es mir klar, dass Geld geben nicht das Gelbe vom Ei ist - schrieb dies auch nicht so - was v.a. die Latinos nicht erwarten und wuenschen.
    Aber es gibt auch elegante Arten, wie man das loesen koennte. Kein Problem an einer Tankstelle diskret die Rechnung bezahlen zu gehen u.a. Es braucht da nur etwas Fantasie.
    Noch ein Tipp, von Hermosillo aus ist San Carlos Nvo Guaymas am Pazifik ein sehr angenehmer Ort, in's Meer abzutauchen... oder auch Kino. Von Hermosillo aus San Carlos etwa 140km, Kino ca. 100km entfernt. 2h resp. 1h30 p/Auto.
  • Pasionaria 04.12.2016 06:20
    Highlight Highlight Eine schuechterne Frage: waere es nicht angebracht, einem dermassen liebenswuerdigen, lebensgeprueften Menschen, der finanziell bestimmt nicht auf Rosen gebettet ist, wenigstens das Benzin, das er verbrauchte, zu vergueten?
    Oder ihm fuer seiner Frau oder den Kindern etwas zu kaufen?
    Habt Ihr keine so (zu) hochgeschaetzten Sackmesser aus der Schweiz mitgenommen, um diese bes. freundlichen, hilfreichen Leuten zu schenken? Eine Idee fuer die naechste Reise!!
    Stets angenehme Erzaehlungen, danke.
    Tipp: die Eisenbahn durch die Copper Canions Mex.
    benutzen. Noch fantastischer als die US-Canyons......
    • Pasionaria 05.12.2016 19:37
      Highlight Highlight Normalerweise interessieren mich die Herzlein oder Blitze nicht wirklich, aber doch eine Frage an die Blitzenden: koenntet Ihr bitte diese erklaeren, ich bin immer gerne lernberei.

      Herr Schlittler, nochmals eine schuechterne Frage (wusste gar nicht, dass ich dermassen schuechtern bin!), beantworten Sie keine Fragen, umstaendehalber oder aus einem anderen Grund? Aber ein Blog besteht doch aus Fragen, Antworten und Kommentaren.
      Besten Dank f. Ihre Kenntnisn.
      Nochmals, eine Bahnfahrt mit dem Chepe > Ferrocarril Chihuahua al Pacífico von Chihuahua
      aus kann Euch nur waermstens empfohlen werden.
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:12
      Highlight Highlight Lieber Pasionaria
      Sorry, manchmal dauert es etwas länger. Meine Antwort-Disziplin ist auf Reisen nicht gerade besser geworden ... :-/ Aber ich habe bis jetzt noch jede (anständig formulierte) Frage beantwortet.
      Also: Nein, wir haben Tony kein Geld offeriert. Meine Erfahrung zeigt, dass die meisten das nicht annehmen würden. Die meisten Fahrer lassen sich nicht einmal zum Essen einladen (was ich oft versuche). Das Anbieten von Geld kann gar als Beleidigung empfunden werden. Im Sinne von: "Ich tue dir einen Gefallen - als Freund. Aber ich bin nicht käuflich!" Deshalb bin ich da sehr vorsichtig.
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:13
      Highlight Highlight Betreffend Sackmesser: Ich hatte schon über 650 Fahrer. Da müssten wir einiges an Gewicht mitschleppen - und es würde ins Geld gehen. Stattdessen schreiben wir allen Fahrern, mit denen wir enger in Kontakt kommen, eine (Schweizer) Postkarte. So bedanken wir uns - und bieten den Leuten an, dass sie jederzeit ein Plätzchen zum Schlafen haben, falls sie einmal in die Schweiz kommen sollten.

      Vielen Dank für den Bahn-Tipp. Wir haben bereits darüber gelesen, wissen aber (noch) nicht, wie wir das mit dem Autostopp-Projekt vereinbaren sollen ... Mal schauen. Liebe Grüsse aus Hermosillo
    Weitere Antworten anzeigen
  • Luca Brasi 03.12.2016 22:26
    Highlight Highlight Der Mensch muss mit seiner Vergangenheit auskommen. Wünsche Tony, dass er ein besseres Leben führen kann.
    Viel Spass beim Lernen der spanischen Sprache. Hasta la victoria siempre. ;)
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:15
      Highlight Highlight Ich glaube, er ist auf einem guten Weg! Spanisch macht Spass bis jetzt. Allerdings bin ich alles andere als ein Sprachgenie ... :-/
    • Luca Brasi 06.12.2016 07:47
      Highlight Highlight Keine Sorge, das wird schon. ;)
      Sie sind ja jetzt lange in spanischsprachigen Gefilden unterwegs, nicht wahr?
      Die Kommunikation wird sicher einfacher als damals in China. ;)
  • Hessmex 03.12.2016 13:28
    Highlight Highlight Wie weit nach unten geht es denn in Mexico?
    Wir haben in Boca del Rio ein Gästehaus, würden euch gerne empfangen.
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:16
      Highlight Highlight Von Mexiko geht es weiter nach Guatemala oder Belize. Ein Halt in Boca del Rio wäre also durchaus möglich. Wie finden wir dich? :-D
    • Hessmex 06.12.2016 15:33
      Highlight Highlight Wir würden uns wirklich freuen!
      Bitte an das WATSON-TEAM, gebt doch meine
      e-mail an Thomas, ihr solltet die bei meinen Anmeldedaten haben! Danke
    • Schaufi 06.12.2016 16:16
      Highlight Highlight Erledigt. Wünsche viel Spass.
    Weitere Antworten anzeigen
  • lilie 03.12.2016 11:31
    Highlight Highlight Thomas neu verföhnt! 😅😅😅

    Eine wirklich eindrückliche Geschichte. Wie Tony sein Leben in den Griff bekam, obwohl es ihm das Leben wirklich bicht einfach machte!

    Ich hoffe, er kann viele andere inspirieren und noch so viel Gutes tun, wie er sich wünscht!
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:25
      Highlight Highlight Ich denke, Tony ist auf gutem Weg! Zu meiner Frisur: Seit ich beim Coiffeur war, habe ich es nicht mehr so hingekriegt ... :-D LG
  • lily.mcbean 03.12.2016 11:13
    Highlight Highlight I ❤ Tony!
    Danke für deine wunderschöne Berichte und viel Spass auf euer Weiterreise!
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:26
      Highlight Highlight Merci! ;-)
  • Bloody Mary 03.12.2016 10:39
    Highlight Highlight Was für eine wunderschöne Geschichte! Ich hab grad ein Tränchen verdrückt.
    Die Frisur steht Dir übrigens! Das beweist, dass es sich lohnt mal was anderes zu wagen ;-)
    • Thomas Schlittler 05.12.2016 23:28
      Highlight Highlight Vielen Dank für das Kompliment für meinen Artikel. Und betreffend Frisur: Siehe mein Kommentar @Lilie weiter oben ... ;-) LG

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