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Meine Familie (oder zumindest ein Teil davon) und ich: Mein Mami lag leider falsch mit ihrer Heimweh-Theorie. Bild: Thomas Schlittler

Liebes Mami, ich erkläre dir jetzt, warum ich kein Heimweh habe

17.09.16, 20:31 18.09.16, 11:25
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Als meine Reise per Autostopp um die Welt immer näher rückte, heckte meine Mutter einen fiesen Plan aus. Zu meiner Freundin, meinen drei Schwestern und meinem Vater sagte sie:

«Wir sollten Tom möglichst wenig besuchen gehen.»

Ihr Kalkül: Dann hätte ich schneller Heimweh und würde früher wieder nach Hause kommen.

Und wenn ich jeweils im Family-Chat Fotos postete von meiner Reise um die Welt, pflegte sie zu sagen:

«Dafür muss man nicht ans Ende der Welt reisen, das gibt es auch in der Schweiz!»

Mittlerweile bin ich seit mehr als 15 Monaten unterwegs und meine Mutter hat ihre Taktik aufgegeben.

Sie, mein Vater und meine jüngste Schwester sind für zwei Wochen nach Alaska geflogen, um mich wieder einmal in die Arme schliessen zu können. Ich habe Tränen in den Augen, als ich die drei am Flughafen in Anchorage abhole.

In den vergangenen Monaten bin ich mehreren Langzeit-Reisenden begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie vor etwas davonlaufen, dass sie vor ihrem Umfeld geflohen sind. Das ist ein legitimer Grund, um in die grosse weite Welt aufzubrechen. Bei mir war das aber nie der Fall.

Warum gehe ich überhaupt weg?

Ein guter Freund hat mir vor meiner Abreise gesagt: «Ich finde deine Pläne vor allem deshalb so bewundernswert, weil du hier glücklich bist und ein tolles Umfeld hast.»

Für mich war das ein wundervolles Kompliment. Und es stimmt, ich hatte in der Schweiz wirklich ein fantastisches Umfeld: Eine Familie, die immer für mich da ist. Die beste Freundin der Welt. Geniale Freunde, mit denen ich über alles reden kann. Einen spannenden Job. Aber ich bin trotzdem losgezogen – aus Neugier!

Zu Beginn meiner Reise habe ich oft darüber nachgedacht, ob es vielleicht ein Fehler war, alles hinter mir zu lassen. Ich habe mich gefragt, ob es in Ordnung sei, das Schicksal derart herauszufordern. Denn in zwei Jahren kann viel passieren.

Freundin weg? Hochzeit verpasst?

Irgendeinen Job werde ich schon wieder finden, da machte ich mir keine Sorgen. Aber wird die Beziehung mit meiner Freundin die räumliche Trennung überleben? Was ist, wenn ich mich von meinen Freunden entfremde? Ist meine älteste Schwester nicht enttäuscht von mir, weil ich die ersten zwei Jahre im Leben ihres ersten Kindes verpasse? Und wird es mir die Zweitälteste verzeihen, dass ich an ihrer Hochzeit nicht dabei bin?

Hier kommen ein paar Bilder der Woche. Unten geht's weiter ...

Und die Karte mit meiner unserer Route:

quelle: mymaps/google

Ich habe in der letzten Zeit oft an meine Liebsten gedacht – deutlich öfter und intensiver, als wenn ich zu Hause geblieben wäre. Ich weiss jetzt mehr denn je, was ich an ihnen habe.

Früher nach Hause will ich trotzdem nicht. Denn als ich meine Eltern und meine jüngste Schwester am Flughafen in die Arme nehme, ist sofort wieder alles wie immer. Die Vertrautheit hat kein bisschen nachgelassen.

Ich halte es nach wie vor gut aus in der Ferne, weil ich weiss, dass die wirklich wichtigen Leute auch nach meiner Rückkehr noch da sein werden – Familie, Freundin, Freunde.

Das gibt mir die Gewissheit, dass ich mein tolles Umfeld trotz meiner Reise nicht verlieren werde. Die Taktik meiner Mutter, mit Nicht-Besuchen mein Heimweh ins Unerträgliche zu steigern, ist nicht aufgegangen.

Mami, dein Plan hat nicht funktioniert

Das Paradoxe: Der Plan hat gerade deshalb nicht funktioniert, weil ich eine so wundervolle Familie habe. Ich halte es nach wie vor gut aus in der Ferne, weil ich weiss, dass die wirklich wichtigen Leute auch nach meiner Rückkehr noch da sein werden – Familie, Freundin, Freunde.

Mittlerweile hat sich auch mein Mami damit abgefunden, dass ich zwei Jahre weg sein werde. Und sie musste nach den zwei Wochen in Alaska sogar eingestehen, dass es in der Schweiz eben doch nicht alles gibt – zum Beispiel frei lebende Grizzlybären, die man aus nächster Nähe beim Herumtollen beobachten kann.

Tja Mami, in der Schweiz gibt es eben doch nicht alles – oder hast du diese Situationen schon erlebt?

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    Alle Leser-Kommentare
  • El_Sam 21.09.2016 08:11
    Highlight Danke für den tollen Bericht.
    Und an dein Mami: Sind keine deiner Kinder in die Pfadi, Jungschi, Cevi oder sonstiges gegangen? Habe immer wieder erlebt, dass das Heimweh am grössten ist, wenn es einen Besuchstag gegeben hat. Sonst hatte man selten Probleme damit.
    Viel Spass weiterhin beim erkunden unserer Kugel und weiter so mit den erfrischenden Berichten.
    3 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:07
      Highlight Lieber El_Sam, vielen Dank für das Kompliment!

      Zu deiner Frage: Doch, meine Schwestern waren im Cevi. Ich allerdings nicht. Für mich gab es nur eines: Fussball! ;-)

      Meine Schwester hat deinen Kommentar übrigens in unserem Family-Chat gepostet. Die Antwort meiner Mutter: "ja, das kennet mir, chunnt üs bekannt vor!" Mein Vater war Lehrer und meine Mutter begleitete ihn jeweils in die Klassenlager. Sie haben deshalb auch so ihre Erfahrungen mit von Heimweh geplagten Kindern ...
      2 0 Melden
  • Floule 19.09.2016 11:49
    Highlight Wie immer toller Bericht!
    Kannst du etwas über die Fliegerei in Alaska berichten? Die Buschfliegerei dort scheint mir sehr interessant zu sein!
    1 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:15
      Highlight Lieber Floule, vielen Dank für das Kompliment! Über die Buschfliegerei weiss ich leider nicht allzu viel zu berichten. Einer meiner Fahrer hat mir lediglich gesagt, dass es in Alaska nicht sehr teuer sei, den Pilotenschein zu machen. Zudem besitzen verhältnismässig viele Leute ein kleines Flugzeug. Sie benutzen es teilweise genauso, wie wir unser Auto benutzen. Verständlich, bei den riesigen Distanzen. Zudem sind einige Orte nur per Flugzeug erreichbar. Der Parkplatz (und die Start- bzw. Landebahn) ist oft der See hinter dem Haus ... :-) http://ü
      2 0 Melden
  • Calvin WatsOff 18.09.2016 14:59
    Highlight und wieder kann ich nur Freude haben und empfinden...Gruss an Dich und deine Liebsten :)
    17 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:15
      Highlight Merci!
      2 0 Melden
  • JasCar 18.09.2016 14:41
    Highlight Ach, wie gut sie doch tun, solche Berichte und Kommentare...
    Alles Gute weiterhin, möge die Reise noch lange so weitergehen... für Dich und für uns. Danke!
    16 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:16
      Highlight Vielen herzlichen Dank zurück! Ich hoffe ebenfalls, dass ich noch ein paar Wochen/Monate weiterschreiben darf. ;-) LG
      2 0 Melden
  • Pasionaria 18.09.2016 12:21
    Highlight Das kann auch ich bestätigen: je besser die Grundlagen einer glücklichen Familie sind, je weniger Heimweh einerseits, resp. Fernweh anderseits...... gibt es.
    Man gönnt dem Weltenbummler seine interessanten, unvergesslichen Erlebnisse von Herzen. Der Reisende weiss, dass die 'Hinterbliebenen' sich freuen, von ihm/ihr zu hören.
    Somit alles paletti für jedermann/frau.
    Es lebe das Reisen und das Erweitern des Horizontes!
    Weiterhin alles Gute und viele tolle Begegnungen.
    18 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:17
      Highlight Merci! :-D
      2 0 Melden
  • lilie 18.09.2016 10:50
    Highlight Otten!!!

    Wieder ein solch schöner und persönlicher Bericht! Wie schaffst du das nur jede Woche wieder aufs Neue?! 😁

    Jetzt weiss auch, warum du dir in Alaska ganz schnell noch einen Haarschnitt besorgen musstest: Mamis sind da in der Regel nicht so kulant... !😆

    Und das ist echt schön, dass du dich so auf dein Umfeld verlassen kannst. Ich habe es tatsächlich einmal erlebt, dass ich von einem längeren Auslandaufenthalt zurückkam und mein Freundeskreis sich praktisch verlaufen hatte... 😟

    Das war allerdings auch noch vor Email, Smartphone und Skype.
    11 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:21
      Highlight Schade, dass es bei dir nicht so funktionierte mit dem Freundeskreis. Ich hoffe, ich habe mehr Glück! ... Die neuen Medien machen es diesbezüglich sicher einfacher.

      Und zum Haarschnitt: Das habe ich weniger wegen Mami gemacht, sondern weil ich so eher bzw. schneller mitgenommen werde, wenn ich am Strassenrand stehe ... ;-)
      2 0 Melden
  • Mira77 18.09.2016 04:02
    Highlight Ohhh Alaska!! Definitv eine Reise wert!!
    Ich freue mich auch jede Woche auf den Reisebericht und beim lesen dachte ich: wooow, schon 15 Monate?! Na dann, auf weitere super spannende und interessante Reisemonate! :)
    Liebe Grüsse aus den Südstaaten! :)
    Have a nice one!
    32 0 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:22
      Highlight Danke! Mal schauen, in welche Südstaaten ich es schaffen werde ... LG
      1 0 Melden
  • blumenstraussenfleisch 17.09.2016 22:40
    Highlight Vielen Dank für Deine stets interessanten, vielseitigen, erfrischenden und ehrlichen Reiseberichte.

    Neben dem Picdump, eine regelmässige Quelle kurzzeitig auftretender Glückseligkeit im Alltag beim Erhalten der Pushnachricht für den Artikel :D

    Alles Gute auf der weiteren Reise!
    36 1 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:22
      Highlight Vielen Dank zurück! ;-)
      2 0 Melden
  • Luca Brasi 17.09.2016 21:20
    Highlight Ein Hoch auf die Familie. Alaskas Natur scheint ideal für eine Familienzusammenkunft. Tolle Bilder. Besten Dank.

    PS: Ich warte auf die Picdumpfraktion, die sie belehren wird, dass es Fischotten heissen soll. ;D
    35 1 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:24
      Highlight Sie kennen die Watson-Community ja wie ihre Hosentasche ... *daumenhoch* :-) Besten Dank zurück!
      3 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.09.2016 21:05
    Highlight Und genau darum hab ich jetzt wieder fernweh.. Ich dachte, nach einem halben jahr hätte ich vorerst genug, aber nein, es zieht mich auch wieder weg. Und ja, ich habs auch saugut zuahuse!
    45 1 Melden
    • Thomas Schlittler 24.09.2016 21:25
      Highlight Bin gespannt, ob und wie schnell das Fernweh bei mir wieder kommen wird, wenn ich wieder zu Hause bin ... Mal schauen.
      2 0 Melden

It's all about the money – ganz besonders beim Reisen

«Über Geld spricht man nicht.» Das sagt sich so leicht, doch nach sieben Monaten Zentral-, Südostasien und China kann ich nicht ignorieren, dass ich in Südkorea für Bett, Bier und Bauch-Vollschlagen wieder deutlich tiefer in die Tasche greifen muss.

Das liebe Geld ist auf einer Weltreise immer ein Thema – ob man will oder nicht. Es fing bereits vor meiner Abreise an: Da lege ich jahrelang, Monat für Monat, mühsam Geld auf die Seite, um mir meinen grossen Traum zu erfüllen – und dann, vier Monate vor dem Aufbruch, erhöht sich mein Reisebudget auf einen Schlag um 20 Prozent. Einfach so, ohne dass ich etwas dafür tun musste. Das ist doch irgendwie verrückt! Ich sollte Nationalbank-Präsident Thomas Jordan eine Dankeskarte schicken.

Klar, ich …

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