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On the road again: Mitten im Iran besuche ich die Uni und werde wie ein Popstar gefeiert

31.10.15, 10:16 31.10.15, 13:20
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Vielleicht habt ihr es bemerkt: Ich war eine Woche offline – in der Wüste. Es war atemberaubend schön. Und hier sind die Bilder dazu:

Und das ist mein Autostopp-Erlebnis der letzten Woche:

Soroush ist sichtlich verunsichert, als er im Oasenstädtchen Khur anhält, um mich mitzunehmen. Einerseits macht es ihn neugierig, dass ich aus der Schweiz komme und kein Farsi spreche. Andererseits scheint er zu befürchten, dass er etwas Illegales tut, wenn er mich auflädt.

Meine Route im Iran:

Schliesslich lässt er mich einsteigen – unter der Bedingung, dass wir bei der nächsten Polizeistation anhalten, um meinen Pass überprüfen zu lassen. Ich bin nicht wirklich erfreut über diesen Kompromiss. Ich versuche, Kontakt mit der iranischen Polizei zu meiden, da ich offiziell als Student im Land bin und meine Tätigkeit als Journalist auf dem Visumantrag verschwiegen habe.

Rauchen und Alkohol trinken

Doch meine Bedenken sind abermals unbegründet: Der junge Polizist, von dem mich Soroush absegnen lässt, interessiert sich kaum für meinen Pass, sondern freut sich vor allem darüber, mal einem Ausländer die Hand zu schütteln.

Ich versuche, Kontakt mit der iranischen Polizei zu meiden, da ich offiziell als Student im Land bin und meine Tätigkeit als Journalist auf dem Visumantrag verschwiegen habe.

Nach dem Okay des Gesetzeshüters ist Soroush deutlich entspannter und er lädt mich in brüchigem Englisch dazu ein, bei einem Freund von ihm zu übernachten. «Dort können wir rauchen und Alkohol trinken», sagt der 23-Jährige. Im Haus seiner Eltern sei das nicht möglich.

«Der erste Tourist, dem ich begegne»

Auf den folgenden 600 Kilometern im Auto ruft Soroush seinen Vater, seine Mutter, seinen Onkel, eine Handvoll Freunde und seine zwei Freundinnen an, um ihnen von mir zu erzählen. Für Soroush bin ich eine Attraktion: «Du bist der erste Tourist, dem ich begegne.»

Die Videos dieser Woche:

Das kann passieren, wenn ein junger Iraner auf einer geführten Wüstentour europäische Touristinnen beeindrucken will ...
Video: watson.ch

Datteln pflücken in einem Oasenstädtchen.
Video: watson.ch

Am Fest in Sabzevar.
Video: watson.ch

In seiner Heimatstadt Sabzevar warten drei seiner Freunde auf uns, alle Anfang 20. Sie sind nur gekommen, um mich, das unbekannte Wesen aus dem Westen, kennenzulernen. Sabzevar wird in keinem Reiseführer erwähnt und deshalb verirren sich offenbar kaum ausländische Besucher in die Stadt.

Wir verbringen den Abend auf dem Teppich sitzend, rauchen Wasserpfeife und essen Sandwiches. Als wir uns um ein Uhr nachts auf dem Fussboden verteilen, um zu schlafen, fragt mich Soroush: «Willst du mich morgen an die Uni begleiten?» Was für eine Frage!

Der paranoide Professor

Die erste Vorlesung um 8 Uhr verschlafen wir. Und als wir um 10.10 Uhr bei der Uni ankommen, ist die zweite Vorlesung auch schon im Gang. Doch das scheint Soroush und seine Freunde nicht zu stören. Sie gönnen sich gemütlich einen Tee in der kleinen Kantine. Während mir die junge Kassiererin einen Muffin spendiert, hat ein Professor, der mit uns am Tisch sitzt, gar keine Freude. «Er ist Religionsprofessor und befürchtet, du könntest ein ausländischer Spion sein», erklärt mir Soroush mit vielsagendem Gesichtsausdruck.

Paranoider Professor hin oder her – mit einer halben Stunde Verspätung sitzen wir endlich in der hintersten Reihe eines kleinen Vorlesungsraums. Rund 30 Studenten sind anwesend, davon sechs Frauen. Der niedrige Frauenanteil hat aber nichts mit dem Iran zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Soroush Elektroingenieur werden will.

Alle drehen den Kopf nach mir um

Ich verstehe natürlich rein gar nichts von dem, was der Professor an der Wandtafel erklärt. Doch selbst wenn er Deutsch oder Englisch gesprochen hätte, wäre ich kaum schlauer geworden: Wie ich vom englischen Titel des Lehrmittels ablesen kann, geht es um die Funktionsweise von Mikroprozessoren – definitiv nicht mein Gebiet.

Der Professor bietet mir einen Stuhl direkt vor der Wandtafel an. Ich lehne dankend ab.

Da Soroush das dringende Bedürfnis hat, seinen Sitznachbarn von seinem Gast aus der Schweiz zu erzählen, wandert die Nachricht meiner Anwesenheit Sitzreihe um Sitzreihe nach vorne. Immer mehr Studenten drehen ihren Kopf in meine Richtung, tuscheln und lachen.

In der Vorlesung über Mikroprozessoren (der Professor ist übrigens nicht der Paranoide).
Bild: Thomas Schlittler

Irgendwann wird es dem Professor zu bunt und er will wissen, was los sei. Soroush erklärt ihm, wer ich bin und was ich hier mache. Darauf heisst mich der Professor herzlich willkommen und bietet mir einen Stuhl direkt vor der Wandtafel an. Ich lehne dankend ab.

Behandelt wie ein Ehrengast

Nach der Vorlesung warten im Flur Soroushs Freunde auf uns – mit weiteren Freunden. Ich schüttle eine Hand nach der anderen, posiere für zahlreiche Selfies und erkläre den wenigen, die einigermassen Englisch sprechen, wer ich bin.

Posieren für das Erinnerungsfoto.
Bild: Thomas Schlittler

Von der Uni fahren wir ins Zentrum von Sabzevar, wo ein religiöses Fest stattfindet. Hätte ich Bilder von diesem Anlass im Fernsehen gesehen, hätte ich es aufgrund des Gesangs und der Symbolik vermutlich für ein Treffen radikaler Islamisten gehalten. Doch ich, der Nicht-Moslem, werde behandelt wie ein Ehrengast: Damit ich das Geschehen aus der Vogelperspektive beobachten kann, führen sie mich aufs Dach, für eine Gratis-Mahlzeit weisen sie mir den besten Platz auf dem Teppich zu, für ein Erinnerungsfoto hieven sie mich auf ein Pferd.

Für ein Erinnerungsfoto werde ich auf ein Pferd gehievt.
Bild: Thomas Schlittler

Vom Dach aus beobachte ich das religiöse Fest in Sabzevar.
Bild: Thomas Schlittler

Dazwischen schüttle ich wiederum unzählige Hände und lache in Handykameras. Die Stunden als Popstar machen Spass, die ganze Aufmerksamkeit ist aber auch sehr ermüdend. Respekt für all die Roger Federers dieser Welt, die tagtäglich einen noch viel grösseren Trubel mit einem Lächeln ertragen müssen. Lieber ihr als ich!

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Namenloses Elend 02.11.2015 09:18
    Highlight Netter Bericht. Ich werde nächstes Jahr im Rahmen der Tajik Rally auch konplett den Iran durchqueren. Bin sehr gespannt auf das Land.
    11 0 Melden
    • Thomas Schlittler 07.11.2015 14:26
      Highlight Hallo Namenloses Elend
      Tönt spannend. Hoffentlich kannst du ab und zu anhalten, um ein paar IranerInnen kennenzuleren. Du wirst es nicht bereuen!
      PS: Cooler Nickname. Ich hoffe, es geht bald wieder aufwärts! ;-)
      4 0 Melden
  • shakra 01.11.2015 10:01
    Highlight Grossartig, mehr davon!
    14 0 Melden
  • suchwow 31.10.2015 13:59
    Highlight Sehr geile Story, danke dafür!
    48 0 Melden
  • Ani_A 31.10.2015 12:57
    Highlight Toller und einmaliger Einblick!
    46 0 Melden
  • lily.mcbean 31.10.2015 12:33
    Highlight Diese Etappe war höchst amüsant und Liebenswert beschrieben! Musste mir ein Lachtränchen wegwischen als ich den Artikel fertig hatte. Ganz offensichtlich wollten die Menschen dir da ein unvergessliches Erlebniss bieten!
    46 0 Melden
  • _mc 31.10.2015 11:56
    Highlight like! warte jedesmal auf ein update.
    35 0 Melden
  • x_barcaboy1899_x 31.10.2015 10:50
    Highlight Tolly Story, bitte mehr davon! Ich fliege jedes Jahr in den Iran und auch mir sind diese Orte völlig unbekannt, was vielleicht erklärt wieso du wie ein "kleiner Roger Federer" behandelt wirst ;)
    -
    PS: Wann fliegst du zurück in die Schweiz und welche Städte möchtest du noch zuvor bereisen?
    26 0 Melden
    • Thomas Schlittler 08.11.2015 22:57
      Highlight Lieber Barcaboy

      Vielen Dank für das Kompliment! (Soll stellvertretend auch für alle anderen netten Worte gelten. Freue mich jeweils sehr darüber!) Was die Rückreise-Frage betrifft: Werde noch mehr als ein Jahr unterwegs sein - vorausgesetzt, die Reiselust verlässt mich nicht. Es stehen also noch ein paar Städte auf dem Programm ...
      LG Thomas

      PS: Wenn ich mit den Einheimischen nicht wirklich kommunizieren kann, versuche ich über Fussball zu sprechen. Dann kommt es jeweils schnell zur Gretchenfrage: Barca oder Real? Würde die Präferenzen im Iran auf ziemlich genau 50:50 schätzen ... ;-)
      5 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 31.10.2015 10:32
    Highlight Frage:
    Ist es nicht gefährlich, von einem Iraner öffentlich zu sagen, dass er Schwulenpornos hat und dazu ein Foto von diesem Mann zu publizieren? Könnte das für den Erwähnten nicht zur Todesstrafe führen? Oder ist der Besitz von solchen Dingen erlaubt und nur das Schwulsein selbst verboten?
    Oder verwechsle ich da irgendwas?
    13 12 Melden
    • Gelöschter Benutzer 31.10.2015 19:29
      Highlight Kennt keiner die Antwort?
      5 1 Melden
    • Thomas Schlittler 08.11.2015 23:10
      Highlight Lieber Rhabarber
      Danke für deine Frage. Darüber habe ich mir selbstverständlich Gedanken gemacht vor der Publikation. Ich habe auch mit mehreren Einheimischen über diese Dinge gesprochen. Sie haben mir alle gesagt, dass grundsätzlich niemand etwas zu befürchten hat, wenn sich seine Tat nicht beweisen lässt. Wenn ich also in der Bildlegende oder im Text schreibe, dass der- oder diejenige Drogen konsumiert oder Schwulenpornos auf dem Handy hat, dann bringt das denjenigen noch lange nicht in Gefahr. Er (und sein Kumpel) können einfach behaupten, dass es nicht stimmt, und sie sind fein raus.
      1 0 Melden
    • Thomas Schlittler 08.11.2015 23:10
      Highlight Schliesslich steht Aussage gegen Aussage. Meine Worte haben also nicht so ein starkes Gewicht. Vorsicht geboten ist jedoch bei der Publikation von Bildern. Dort muss ich schauen, dass niemand zu erkennen ist, der etwas Illegales tut (wie zum Beispiel tanzen, Alkohol trinken oder Drogen konsumieren). Deshalb lasse ich auch viele Bilder weg oder verpixle sie stark.
      Beste Grüsse Thomas
      1 0 Melden
  • bisibi 31.10.2015 10:28
    Highlight "Hätte ich Bilder von diesem Anlass im Fernsehen gesehen, hätte ich es aufgrund des Gesangs und der Symbolik vermutlich für ein Treffen radikaler Islamisten gehalten. "

    hammer! :-)
    22 0 Melden

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Die karibische See macht mit unserem kleinen Motorboot, was sie will: Mal rauf, mal runter, mal links, mal rechts – und mit jeder Welle landet eine gesalzene Ladung Meerwasser in meinem Gesicht. Ich habe Tränen in meinen zu Schlitzen verengten Augen. Und wenn ich das Gemisch aus Meerwasser, Schweiss, Sonnencrème und Tränen mit meinem T-Shirt wegwische, wird es nicht besser. Denn auch das T-Shirt ist patschnass.

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