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In China zu zweit trampen ist super (der Ambulanz nach einem Unfall zuschauen zu müssen, ist hingegen Horror)

Ich bin nicht mehr alleine unterwegs! Seit rund zwei Wochen ist meine Freundin Lea zu Besuch. Gerne hätte ich in dieser Kolumne nur darüber geschrieben, wie toll das Autostöppeln zu zweit in China funktioniert. Leider kam es aber auch zu einem unerfreulichen Zwischenfall ...

19.12.15, 11:25 19.12.15, 13:15
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Diese Woche zwischen Ürümqi und Xi'an hat gut angefangen ...

Ich stehe nicht mehr alleine am Strassenrand! Seit rund zwei Wochen ist meine Freundin Lea zu Besuch.
Thomas schlittler

29. Etappe: Hier ging's lang

Mit Lea geht's ruckzuck ...

Eines vorweg: Autostöppeln zu zweit gibt in China Anlass zu Freudensprüngen. Mit nur 15 Fahrern kommen wir 2800 Kilometer Richtung Südosten bzw. Richtung Wärme. Yeah!
Bild: Thomas Schlittler

Sogar das Fotoshooting müssen wir abbrechen, weil ein Auto hält ...

Wir müssen nie länger als 20 Minuten warten. Und weil schon wieder jemand anhält, können wir nicht einmal das Autostopp-Fotoshooting anständig beenden.
Bild: Thomas Schlittler

Entspannte Musik zum Tagesanfang

Video: thomas schlittler/watson.ch

Die vorläufige (positive) Bilanz dieser Woche:

Und das sind die Bilder unserer Fahrer diese Woche:

Leider kam dann zwischendurch alles ein bisschen anders:

All das wurde leider überschattet von einem Verkehrsunfall, der sich auf dem Weg zum Tempel direkt vor unseren Augen ereignete:

Ein Traktor mit viel zu viel Holz auf seinem Anhänger weicht bei einer belebten Kreuzung weit auf die linke Fahrbahn aus, um ein parkiertes Auto zu umfahren. Mehrere der tennisballdicken Baumstämme, die weit über die Ladefläche hinausragen, erfassen dabei mit voller Wucht einen alten Mann, der am Strassenrand mit dem Beladen seines kleinen Lieferwagens beschäftigt ist.

Der alte Mann hat den Blick von der Strasse abgewandt, die Holzprügel treffen ihn deshalb völlig unvorbereitet. Der gebrechliche Körper wird durch die Luft geschleudert und bleibt regungslos auf der Strasse liegen. Sofort bildet sich eine Menschentraube um das Unfallopfer. Auch unser Fahrer Lu Liang und seine Frau steigen aus. Er ruft sofort einen Krankenwagen.

Lea und ich beobachten das Geschehen zuerst aus dem Auto, wir wollen nicht als Gaffer im Weg stehen. Als Lea aber sieht, wie unvorsichtig die Einheimischen den alten Mann an den Strassenrand lupfen, hält sie es nicht mehr aus. Die Physiotherapeutin zwängt sich zwischen den Leuten hindurch, die hilflos auf den starren Körper hinabblicken, nimmt ihren Schal ab, um den Kopf des Unfallopfers zu stützen, und ruft mir zu: «Du hast doch eine Alu-Rettungsdecke in deinem Rucksack, oder?»

Endlich beginnt jemand, mit dem Opfer zu sprechen

Ich hole die Decke, die ich für kalte Nächte im Zelt bei mir habe, und meinen Schlafsack aus dem Kofferraum. Meine aufblasbare kleine Campingmatratze hält Lea für keine gute Idee: «Wir sollten auf die Ambulanz warten und ihn möglichst wenig bewegen.» Dann streicht sie dem Fremden sanft über die Wangen und redet leise auf ihn ein.

Er ist nicht bewusstlos, sein Gesicht bewegt sich von Zeit zu Zeit, doch er schliesst immer wieder die Augen. «Sie müssen auf Chinesisch mit ihm reden, damit er wach bleibt», sagt Lea zu mir. Ich nehme Lu Liangs Handy und spreche die Anweisung auf seine Übersetzer-App. Dann zeige ich die chinesischen Zeichen der alten Frau, die den Mann zu kennen scheint, und sich schon die ganze Zeit sorgenvoll über ihn beugt. Sie beginnt mit ihm zu sprechen.

Dann greifen drei, vier beliebige Leute sorglos nach dem gebrechlichen Körper und hieven ihn auf die Trage. Der alte Mann stöhnt mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Nach rund 20 Minuten die Erleichterung: Der Krankenwagen kommt. Der Sanitäter kniet runter und redet auf das Unfallopfer ein. Der alte Mann bewegt unter dem Schlafsack und der Notfalldecke seinen rechten Arm und deutet wortlos auf seinen Rücken. Der Sanitäter nimmt es zur Kenntnis und lässt die Bahre herbeibringen.

Hauptsache, es geht möglichst schnell

Dann greifen drei, vier beliebige Leute sorglos nach dem gebrechlichen Körper und hieven ihn auf die Trage. Der alte Mann stöhnt mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Sanitäter schaut nur zu, er greift nicht ein. Hauptsache, es geht möglichst schnell, scheint seine Devise zu sein. Ich kann fast nicht glauben, was ich da sehe.

Ich bin alles andere als ein Erste-Hilfe-Experte. Aber sogar ich weiss, dass man es so mit Sicherheit nicht macht. Lea beobachtet die Szene ebenfalls fassungslos. Als dann auch noch ein Mann vom Krankenwagen zu ihr zurückgerannt kommt, um ihr den Schal zurückzugeben, sagt sie wütend: «Nein, nein, ich will ihn nicht. Stabilisiert seinen Kopf damit!»

Keiner fragt, es kommt keine Polizei

Doch es ist zu spät. Die Krankenwagentüren schliessen sich und die Menschenmenge löst sich auf. Auch wir steigen wohl oder übel wieder in unser Auto und fahren weiter. Keiner fragt uns nach dem Unfallhergang, die Polizei taucht gar nicht erst auf. Und der Unfallverursacher, der Fahrer des überladenen Traktors, ist längst nirgends mehr zu sehen.

Das Klischee bestätigt sich leider bei diesem Unglück: In China zählt das Individuum offenbar wenig.

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Charly Otherman, 5.5.2017
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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • saugoof 19.12.2015 23:31
    Highlight Ich war Ende der 80er Jahre zum ersten Mal in China. Was mir damals besonders "Eindruck" machte war, dass es zur Abschreckung vor Nachlässigkeit in Verkehr überall Poster mit schauerlichen Fotos von Verkehrsopfern hatte. Extrem graphisch und gruselig!
    4 0 Melden
  • kEINKOmmEnTAR 19.12.2015 20:32
    Highlight Liegt das nicht eher an deiner weiblichen Begleitung das du überall mitkamst? 😎
    21 1 Melden
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 15:40
      Highlight Es schadet sicher nicht ... ;-)
      2 0 Melden
  • exeswiss 19.12.2015 13:56
    Highlight einfach nur genial der blog, danke für das update thomas.
    27 2 Melden
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 15:39
      Highlight Ich danke dir für das Kompliment!
      2 0 Melden
  • Luca Brasi 19.12.2015 12:41
    Highlight Oh, das ist aber eine traurige Geschichte! Einerseits zählt das Individuum wirklich nicht so viel, andererseits zeigen sich hier viele Probleme Chinas. Überladene Vehikel, Unkenntnis der Ersten Hilfe, Gaffertum, fehlende Expertise bei Sanitätern, etc. Das sind genau die Dinge, die mich wütend machen. Ich bin gerade ziemlich traurig das zu lesen. Die Schattenseiten Chinas und es ändert sich noch immer nichts...
    34 0 Melden
    • saugoof 19.12.2015 23:38
      Highlight Ich war zwischen 1988 und 2010 ein paar mal in China. Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel sich in der Zeit in China geändert hat! Weit mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Es gibt natürlich immer noch Riesenprobleme und auch neue Probleme, aber das sich nichts ändert, stimmt überhaupt nicht. Das ist einfach kein Prozess, der nur mal so schnell über Nacht gemacht werden kann.
      9 0 Melden
    • Luca Brasi 20.12.2015 09:38
      Highlight Ok, mein letzter Satz war vielleicht nicht angebracht und ich war wohl etwas sauer wegen dieser Geschichte, die mir aber leider etwas zu bekannt vorgekommen ist.
      3 0 Melden
  • atomschlaf 19.12.2015 12:00
    Highlight Danke für die schönen Fotos und den interessanten Bericht.
    Das Kraftwerk von Jiayuguan ist allerdings kein AKW sondern ein Kohlekraftwerk.
    15 0 Melden
    • Thomas Schlittler 15.01.2016 15:38
      Highlight Upps, sorry! Danke für den Hinweis, wir haben es angepasst. LG
      3 0 Melden

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