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Per Autostopp um die Welt – Etappe 7

Ob beim Arzt oder an der Uni: Meine rumänischen Gastgeber leiden überall unter der Korruption. Trotzdem bewirten sie mich fürstlich.

18.07.15, 11:52 18.07.15, 14:17
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Es ist schwierig, in Taches Gegenwart schlecht gelaunt zu sein. Der 49-jährige Rumäne spricht zwar kein Wort Englisch, bringt mich aber trotzdem dauernd zum Lachen. Mit seiner Art zu sprechen, seiner Gestik sowie seinem gemütlichen Bierbäuchlein erinnert er mich an Fönsi, den gutmütigen Italiener, den René Rindlisbacher zu Schmirinski-Zeiten so umwerfend komisch spielte.

Auf dem Beifahrersitz sitzt Taches Sohn Stefan. Er spricht Englisch. Es dauert nur wenige Minuten, bis mich der 21-Jährige auf Geheiss seines Vaters zu ihnen nach Hause zum Mittagessen einlädt. Nach dem Essen spricht Tache für einmal mit ungewohnt ernster Stimme. Stefan übersetzt: Es geht um die schlechte Wirtschaftslage in Rumänien und deren Hauptursache, die allgegenwärtige Korruption.

Mit Schmiergeld zum Arzt

Dass sich Politiker in Osteuropa gerne auf Kosten des Volkes bereichern, ist bekannt. Auch dass sich eine Geschwindigkeitsübertretung regeln lässt, indem man dem Polizisten ein paar Scheine zusteckt, ist mir nicht neu. In Rumänien komme man aber nicht einmal beim Arzt ohne Schmiergeld aus. «Wenn du nicht bezahlst, wirst du einfach liegengelassen», sagt Tache. Seine Frau Titina nickt betrübt. Etwas naiv frage ich, ob sie denn nicht krankenversichert seien. «Doch, doch», sagt Tache, «aber das nützt nichts.»

Damit nicht genug. Selbst wenn man den Arzt schmiere, könne man nicht sicher sein, eine gute Behandlung zu erhalten. Denn es gebe viele Ärzte, die von ihrem Handwerk wenig Ahnung hätten, weil sie sich ihr Medizinstudium nicht ehrlich erarbeitet, sondern erkauft haben. «An rumänischen Unis ist es gang und gäbe, den Professor zu bestechen, wenn man eine Prüfung vergeigt hat», sagt Stefan, der ein Ingenieurstudium absolviert.

Bei ihm an der Uni in Galati koste ein positives Testresultat 25 Euro. In Constanța, der Hafenstadt am Schwarzen Meer, müsse man dem Lehrer für eine genügende Note 100 Euro hinblättern. In der Hauptstadt Bukarest würden dafür bis zu 300 Euro fällig. Stefan: «Diese Preise sind unter uns Studenten allgemein bekannt.»

Kurzfristig weht ein anderer Wind

Der deutsch-stämmige Klaus Johannis, der Ende 2014 zum Präsidenten Rumäniens gewählt wurde, hat in seiner Wahlkampagne die Bekämpfung der Korruption versprochen. Und tatsächlich, kurz nach Johannis' Wahl weht an Stefans Uni plötzlich ein anderer Wind. Einige Studenten bestechen einen Professor mit markierten Geldscheinen und überführen ihn so der Korruption. «Danach hatten die Professoren plötzlich Angst, sich von ihren Studenten schmieren zu lassen», sagt Stefan.

Doch der Wandel hält nicht lange an. «Mittlerweile geht wieder alles seinen gewohnten Gang», sagt der Student. Wer genug Geld habe, komme ohne zu lernen zu seinem Abschluss. Stefan gehört nicht dazu: Sein Vater Tache bekommt als Angestellter einer Telekomgesellschaft 400 Euro im Monat, seine Mutter Titina verdient als Putzfrau 200 Euro dazu. Das geringe Einkommen hält die Familie allerdings nicht davon ab, mich kulinarisch zu verwöhnen und gar zum Übernachten einzuladen – ganz ohne zu erwarten, dass ich ihnen dafür einen Schein zustecke.

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zweipit 18.07.2015 14:59
    Highlight Ich bin seit Jahren mehrmals pro Jahr geschäftlich in Rumänien. Da ich gute Freunde gefunden habe komme ich auch mit dem Alltag der Rumänen in Kontakt und sehe mehr als nur das Rumänien als Geschäftsmann. Ich habe an keinem anderen Ort der Welt soviel Gastfreundschaft und Offenheit wie hier erlebt. Ich empfehle jedem dieses Land einmal zu besuchen!
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  • Gelöschter Benutzer 18.07.2015 13:20
    Highlight Mein Opa (Österreicher), der als Pfleger in den 2. Weltkrieg gezwungen und angeschossen wurde, wurde - weil verletzt und damit unbrauchbar - von den Nazis aus dem fahrenden Zug geworfen. Das war in Rumänien. Ein Bauer hat ihn eingesammelt und die Familie hat den Fremden monatelang gesund gepflegt, obwohl sie selbst kaum was hatte. Erst nach fast einem Jahr war er so fit, dass er sich zu Fuss auf den Heimweg machen konnte.
    Deswegen habe die Rumänen bei mir sowieso einen Stein im Brett.
    35 1 Melden

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