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Mit Lastwagenfahrer Dauthon (M.) legen wir rund 700 Kilometer zurück. Bild: Thomas Schlittler

Ich bin nicht religiös. Aber ich bin froh, dass Dauthon an Gott glaubt

15.07.17, 17:47
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Dauthon wurde schon drei Mal ausgeraubt, als er mit seinem Lastwagen an einer Tankstelle übernachtete – und das allein in diesem Jahr! Er wurde auch schon mal von einem Tramper beklaut, den er mitgenommen hatte. Und trotzdem hält der 35-jährige Afrobrasilianer ohne zu zögern an, als er meine Freundin Lea und mich am schlammverdreckten Strassenrand im Regen stehen sieht.

Wir verstehen nicht alles, was Dauthon auf Portugiesisch sagt. Und Dauthon versteht nicht alles, was wir auf Spanisch sagen. Aber wir verstehen uns trotzdem prächtig. Nach einer halben Stunde mit uns im LKW fährt Dauthon deshalb rechts ran, holt eine Strassenkarte hervor und zeigt auf eine Ortschaft namens Milagres: «Bis hierhin könnt ihr mit mir mitfahren. Dann müsst ihr links abbiegen. Für mich geht es weiter Richtung Norden.»

Per Autostopp um die Welt, Woche 111: Von Rio de Janeiro nach Lençois

Milagres ist über 600 Kilometer entfernt. Als wir rund zwei Drittel der Strecke geschafft haben, wird es dunkel und Dauthon sagt: «Es tut mir leid, aber wir schaffen es heute nicht mehr nach Milagres. Ich bin müde und werde hier übernachten. Wenn ihr wollt, könnt ihr aber morgen früh mit mir weiterfahren.»

Natürlich wollen wir. Beim gemeinsamen Feierabendbierchen sagen wir Dauthon, dass wir es toll finden, dass er genügend Fahrpausen einlegt: «Das ist nicht selbstverständlich. Wir haben in Lateinamerika schon zahlreiche Lastwagenfahrer kennengelernt, die nächtelang durchfahren und völlig übermüdet am Steuer sitzen.»

Dauthon weiss, dass viele seiner Berufskollegen nicht so seriös sind wie er: «Übermüdet fahren ist nicht alles. Einige trinken auch Alkohol am Steuer oder nehmen Kokain, um wach zu bleiben.» Für ihn kommt das nicht infrage: «Wenn mir meine Firma zu viel Zeitdruck machen würde, würde ich sofort kündigen.»

Der andere Fahrer war angetrunken

Seine strikte Haltung ist die Folge eines traurigen Erlebnisses, das ihn sein ganzes Leben lang prägen wird: «Ich habe bei einem Unfall meine Tochter verloren. Sie sass bei mir in der Fahrerkabine, als wir mit einem anderen Lastwagen zusammenprallten. Der Fahrer des anderen Lastwagens war angetrunken.»

Der tragische Unfall ereignete sich vor über 10 Jahren. Dauthon war damals Anfang zwanzig, seine Tochter gerade mal vier. Auch wenn Dauthon unschuldig war, stürzte ihn der Schicksalsschlag in ein tiefes emotionales Loch: «Ich konnte meiner Frau nicht mehr in die Augen schauen, weil ich mir Vorwürfe machte. Und ich war so wütend auf den anderen Lastwagenfahrer, dass ich ihn und seine ganze Familie umbringen wollte.»

Etappe 111: Von Rio nach Lençois

Drei, vier Jahre lang hat Dauthon solche Gedanken. Er flüchtet in Alkohol und Kokain. Sein seelisches Tief überwindet er erst mithilfe der Religion. «Durch den Glauben zu Gott habe ich meinen inneren Frieden wieder gefunden», erzählt er.

Die ganze Familie prangt am Oberarm

Dauthons Frau hat die schwierige Zeit mit ihm durchgestanden. Mittlerweile haben sie mehr als die Hälfte ihres Lebens gemeinsam verbracht. Auf Dauthons Oberarm ist ihr Name tätowiert. Auch seine verlorene Tochter hat er hier verewigt, genauso wie seine zwei älteren Söhne. Einer fehlt noch: «Der Name meines jüngsten Sohnes kommt irgendwann noch auf den linken Oberarm. Er ist erst ein Jahr alt», sagt er lachend.

Der Mann hat seine Lebenskrise überwunden. Und er ist nicht der Erste, der mir erzählt, dass ihm die Religion dabei geholfen habe. Ich habe auf meiner Reise mehrere Menschen getroffen, die durch den Glauben zu Gott zurück ins Leben gefunden haben. Und diese Begegnungen sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen.

Früher habe ich manchmal versucht, Leute davon zu überzeugen, dass Religion etwas Irrationales, Unsinniges sei. Heute mache ich das nicht mehr. Ich selbst bin zwar nach wie vor nicht religiös, aber ich habe verstanden, dass der Glaube vielen Menschen hilft, mit Schicksalsschlägen zurechtzukommen. Das respektiere ich.

Dauthon ist davon überzeugt, dass er seine Tochter im Himmel wiedersehen wird. Diese Überzeugung hilft ihm, sein Leben zu leben. Ich bin deshalb froh, dass Dauthon an Gott glaubt.

Ich habe mit den Religionen dieser Welt meinen Frieden geschlossen. Menschen wie Dauthon sei Dank.

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Knäckebrot 31.07.2017 13:31
    Highlight Weiss nicht, ob ein Kommentar so spät noch Sinn macht... mich lässt aber der Gedanke nicht los, dass man in der CH lernt, gegen das "Missionieren" zu sein. Neulich habe ich Missionierende gesehen. Teils wurden sie ziemlich harsch abgewiesen.

    Mich stört es nicht, wenn mich Leute mit ihrer Weltsicht überzeugen wollen.

    Ich habe es sehr selten erlebt, dass ich mich verachtet fühlte, wenn ich deren Anschauungen nicht teile.

    Schade finde ich manchmal, wenn Leute "Angst" haben sich und die eigene Sicht (bes. Gruppierung) zu hinterfragen. Das kann Gläubige und Ungläubige betreffen...
    2 0 Melden
  • Laurent Rodrigues Monteiro Zimmermann 21.07.2017 00:18
    Highlight Ich kann es kaum erwarten, dass ihr den Nordosten Brasiliens erreicht <3 geniesst mein vielfältiges Geburtsland und ich wünsche euch eine sichere Reise. (Em nome de Jesus)
    3 0 Melden
    • Thomas Schlittler 21.07.2017 16:30
      Highlight Merci! Uns gefällt es fantastisch in Brasilien. Der Hauptgrund sind die super freundlichen Menschen. Ein wundervolles Land. Schade, dass wir nur einen Monat hier hatten. Das ist definitiv nicht genug ... LG
      4 0 Melden
  • Ohniznachtisbett 19.07.2017 12:57
    Highlight Wer an Gott glaubt und ihm das hilft, ist das doch eine gute Sache. Ich glaube nicht daran, aber das ist meine Sache. Ich würde niemandem sagen er soll es auch nicht tun. Ich erwarte lediglich, dass mich niemand missionieren will. Glaubensfreiheit heisst für mich: Jeder soll das glauben was ihm gut tut, und für ihn stimmt. Aber er soll niemanden dafür verurteilen, wenn der andere an etwas anderes oder gar nichts glaubt.
    12 3 Melden
    • Thomas Schlittler 21.07.2017 16:28
      Highlight Dauthon ist bestimmt kein Missionar. In Kanada und den USA hatte ich aber den einen oder anderen Fahrer mit missionarischen Tendenzen. Bin zwar kein Fan davon, finde die Diskussionen aber manchmal noch spannend. LG
      5 0 Melden
  • Pasionaria 16.07.2017 14:14
    Highlight Könnte mein Erfahrungsbericht in Lateinamerika sein. Wenn der Glaube an Gott zur Bewältigung von Problemen das Heilmittel schlechthin ist, dann soll/darf geglaubt werden. Niemals würde ich jemanden vom Gegenteil überzeugen wollen.
    Mit anderen Worten: Gottesglaube ist und bleibt Morphium für die Gefühlswelt. Hat vor langer Zeit schon jemand richtig erkannt....
    29 4 Melden
    • Naughtious Maximus 18.07.2017 18:31
      Highlight Sie haben also lieber Junkies um sich haben als frei denkende intelligente Menschen.
      Interessant.
      2 21 Melden
    • Pasionaria 19.07.2017 11:31
      Highlight Sind Sie im falschen Blog, Naughti?
      Zusammenhang und Sprache lässt dies vermuten??
      8 1 Melden
  • Marco4400 16.07.2017 02:09
    Highlight Wie siehts denn mit der Reiseplanung aus? Ganz in den Süden und dann nach Afrika oder an der Westküste Südamerikas entlang gen Norden und durch den Rest der USA?
    2 1 Melden
    • Thomas Schlittler 21.07.2017 16:25
      Highlight Lieber Marco. Nein, es geht von Natal direkt mit dem Frachtdchiff nach Spanien (Algeciras) und von dort auf relativ direktem Weg in die Schweiz. Afrika würde mich zwar auch sehr reizen, aber das würde wohl nochmals ein, zwei Jahre in Anspruch nehmen. Und ich bin ja jetzt doch schon bald 26 Monate unterwegs. Es ist Zeit, nach Hause zu kommen ... ;-) LG
      6 0 Melden
  • Luca Brasi 15.07.2017 19:23
    Highlight Es freut mich, dass Ihr Fahrer Dauthon wieder Lebenskraft und Hoffnung schöpfen konnte. Wirklich ein harter Schicksalsschlag und extrem taurig. Man kann nur hoffen, dass grosse Teile von Lateinamerika solche Probleme mit Trunkenheit am Steuer, etc. in den Griff bekommen.
    47 4 Melden
    • Naughtious Maximus 18.07.2017 18:34
      Highlight Was gibt den Leuten die Motivation sich der Sucht zu entziehen, wäre die korrekte Fragestellung.
      Wenn eine Religion von dir verlangt, dass du als Individuum nichts wert bist und dich als deinen Untertan sieht, ist es kein Wunder, dass solche Zustände herrschen.
      1 19 Melden
    • Pasionaria 19.07.2017 11:33
      Highlight Naughti....
      auch hier sei die Frage erlaubt: Sind Sie im falschen Blog? Was wollen Sie genau ausdrücken? Wir können Ihnen gerne nachhelfen.
      10 1 Melden
  • Mia_san_mia 15.07.2017 19:07
    Highlight Deine Einstellung zur Religion ist super, ich sehe es genau gleich. Ich brauche es nicht, aber wenn es jemandem hilft, ist es doch super!
    60 5 Melden
    • Rendel 15.07.2017 22:32
      Highlight Wir haben ja doch etwas gemeinsam 😉 .
      21 3 Melden
  • Howard271 15.07.2017 18:11
    Highlight Eine schöne Schlussfolgerung, mir geht es zu 100% gleich. Weiterhin schöne Reise und interessante Beiträge!
    66 2 Melden
    • Thomas Schlittler 21.07.2017 16:20
      Highlight Merci!
      3 0 Melden

«Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas»

Für Tom Schlittler ging's diese Woche von Los Angeles nach Phoenix zur mexikanischen Grenze. Auf dem Weg gab's noch einen Abstecher in Las Vegas – inklusive einem Besuch bei dem Chippendales. Ein Erlebnisbericht.

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