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Wieso Mohammed nicht in Europa leben will

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Wir sind zurück in Europa, doch Trampen im Süden Spaniens ist kein Zuckerschlecken: In Córdoba warten meine Freundin Lea und ich fast sechs Stunden in der unbarmherzigen andalusischen Sonne, während Hunderte Autos an uns vorbeifahren. Das Thermometer zeigt 41 Grad. Immerhin erhalten wir zwischendurch eine Motivationsspritze: Ein älterer Herr, der uns von einer Restaurant-Terrasse aus beobachtet hat, schenkt uns eine Flasche Wasser und einen Schatten spendenden Regenschirm.

Endgültig erlöst werden wir aber erst von Mohammed: Der 33-jährige Marokkaner hält mit seinem Lastwagen an, als sei es die normalste Sache der Welt. Wir sind nicht die ersten Tramper, die er mitnimmt: «Einmal habe ich ein tschechisches Paar von Deutschland bis an die spanische Grenze gebracht.»

Marokkaner – Flüchtling, «IS»-Terrorist?

Mohammed kurvt seit 11 Jahren durch Europa und kennt den alten Kontinent wie seine Westentasche. Er liefert Pepperoni nach Portsmouth, Tomaten nach Hamburg und war auch schon in Lindau am Bodensee. Heute transportiert er Orangen nach Valencia.

In seiner Fahrerkabine hängt ein indianischer Traumfänger. Mohammed ist aber gläubiger Moslem. Er trägt einen gepflegten Bart, pechschwarzes Haar und hat einen dunklen, nordafrikanischen Teint. Einige Leute dürften in Mohammed optisch einen potenziell kriminellen Wirtschaftsflüchtling erkennen – oder gar einen potenziellen «IS»-Terroristen. Ich frage ihn deshalb: «Spürst du Rassismus, wenn du in Europa unterwegs bist?»

Der Strahlemann hebt zuerst nur seine Dächlikappe und meint grinsend: «Manchmal spüre ich, wie mich einige Leute anstarren. Aber das ist wahrscheinlich wegen meiner schönen schwarzen Haare.» Doch dann wird er ernst und sagt, dass es Situationen gebe, in denen er sich wegen seiner Herkunft ungerecht behandelt fühle. «Vor ein paar Tagen, als ich nahe der französisch-spanischen Grenze mit einem Kumpel in einem Café sass, forderte mich ein anderer Gast dazu auf, ich solle meine Schuhe anziehen.»

Deutschland ist billiger als Marokko

Mohammed hatte seine Flipflops ausgezogen und sass barfuss mit verschränkten Beinen auf seinem Sessel. Er sah nicht ein, was daran falsch sein sollte. Zumal sich die Inhaber des Cafés nicht daran störten. «Ich sagte dem älteren Herrn deshalb, dass er sich um seine eigenen Dinge kümmern solle.» Daraufhin entstand ein Wortgefecht.

Solchen Erlebnissen will Mohammed aber nicht allzu grosse Bedeutung zumessen. Er ist sehr gerne in Europa und schwärmt von der tollen Infrastruktur, der Zuverlässigkeit der Geschäftspartner sowie der Hilfsbereitschaft der Menschen: «Wenn ich die Leute nach dem Weg frage, weil ich eine Lieferadresse nicht finde, hilft mir immer jemand. Manchmal fahren die Einheimischen sogar im Auto voraus, damit ich ihnen folgen kann.»

Zu Beginn seiner Lastwagenfahrer-Karriere war Mohammed bei einer grösseren Firma angestellt. Vor einigen Jahren kaufte der Marokkaner aber gemeinsam mit seinem Vater einen LKW, um auf eigene Rechnung zu fahren. Mohammed: «Diese Investition war ein Risiko für uns, aber es hat sich gelohnt.» Mittlerweile besteht die Flotte aus drei Lastwagen. In Zukunft sollen es noch mehr werden: «Sieben oder acht Fahrzeuge wären schön. Mehr aber nicht, sonst wird es zu kompliziert.»

Seinen Geschäftssinn hat Mohammed bereits beim Kauf des ersten Lastwagens bewiesen. Diesen erwarb er nicht in Marokko, sondern in Deutschland. «Dort sind gebrauchte Lastwagen deutlich günstiger zu finden als in Nordafrika. Allerdings muss man die richtigen Leute kennen, kommunizieren können und mit der ganzen Papierarbeit klarkommen.»

Mohammed hat das Prozedere mittlerweile im Griff – und erhält deshalb Anfragen von anderen Marokkanern, die ebenfalls einen günstigen LKW aus Deutschland importieren möchten. «Freunden helfe ich kostenlos. Bei allen anderen verlange ich für meine Hilfe 1000 bis 2000 Euro

Mohammed kommt in Europa also mehr als gut zurecht. Hier leben will er trotzdem nicht: «Ich habe in Marokko ein gutes Leben.» Diese Erklärung ist so kurz wie einleuchtend – und sie erklärt, wie Migration funktioniert. Es braucht viel, bis jemand alles aufgibt und sein Land, seine Heimat, seine Familie und Freunde verlässt.

Mohammed hat das Glück, dass er sich diese Frage nicht stellen muss. Die meisten Westeuropäer auch nicht. Andere schon.

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16
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Caprice 24.08.2017 13:35
    Highlight Highlight Wow "schon" wieder in Europa... Ich könnte dich/euch noch jahrelang lesend auf der Reise begleiten!
  • The Origin Gra 16.08.2017 19:07
    Highlight Highlight Hoi Thomas:
    Ich schicke Dir noch einen verspäteten Feriengruss aus Venedig 🙂
    User Image
  • Mia_san_mia 13.08.2017 10:54
    Highlight Highlight Und jetzt nach Hause oder was? Was ist mit Afrika?
    • Thomas Schlittler 16.08.2017 08:55
      Highlight Highlight Lieber Mia_san_mia, du scheinst ja ganz vernarrt zu sein in Afrika ... ;-) Auch uns würde der Kontinent sehr reizen. Aber auf dieser Reise lassen wir es bleiben. Denn das würde wohl nochmals zwei Jahre in Anspruch nehmen. Mindestens. Für uns ist es Zeit, nach Hause zu gehen. LG
    • Mia_san_mia 16.08.2017 08:59
      Highlight Highlight Haha ok. Schade, wäre sicher sehr interessant gewesen, wie Deine anderen Berichte auch. Aber ist natürlich verständlich, dass Du auch mal wieder nach Hause willst 😊
  • Nausicaä 13.08.2017 09:13
    Highlight Highlight Oh ich liebe den Süden Europas! Falls ihr nochmals geht: Granada ist auch ein interessanter Fleck. Dort ist die wunderschöne Stadtburg Alhambra und es gibt das kleine Häuschen des Schriftstellers Federico Garcia Lorca zu besichtigen
    • Nausicaä 15.08.2017 16:22
      Highlight Highlight Die Stadt selbst ist nicht soo schön. Aber die Stadtburg ist der Hammer, und ich bin halt Lorca-Fan...Ausserdem haben wir dort ein grandioses indisches Restaurant in einer Seitenstraße gefunden, und indisches Essen ist mein liebstes. Aber du hast recht, jeder mag was anderes. In Malaga war ich leider nicht. Warst du am Strand dort? Falls ja, kannst du das empfehlen? Hat man genug Platz (ich kann Sardinen-Organisation nicht ab)?
    • Thomas Schlittler 16.08.2017 08:59
      Highlight Highlight Granada haben wir schweren Herzens ausgelassen. Aber wir haben uns fest vorgenommen, in Zukunft mal eine Andalusien-Reise zu machen. Allerdings dann ohne Autostopp. Und nicht im Hochsommer ... ;-) LG
    • Nausicaä 17.08.2017 10:40
      Highlight Highlight @Max Havelaar: Wir waren im September dort, da hatte es nicht so viele Leute...mit den Restaurants ist es halt zu einem guten Teil Glückssache.
      Danke für die Beschreibung, das klingt sehr einladend. Vielleicht nächstes Jahr, ich möchte wieder mal nach Südspanien.
      @Thomas: Man hat ja leider nicht für alles Zeit. Wenn ihr nochmals geht, dann am besten im September, dann ist es nicht so heiss und nicht so voll. Wir waren nach Cordoba noch in Jaen, aber das kann ich nicht empfehlen, war recht langweilig und trostlos. Mit Ausnahme der Burg dort und der damit verbundenen Aussicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Pana 12.08.2017 22:18
    Highlight Highlight Wunderschöne Ecke dieses Andalusien. Habe Olvera, Ronda und Cadiz bereist vor ein paar Jahren. Per Bus und Zug, definitiv einfacher als Autostop ;)
  • Luca Brasi 12.08.2017 21:27
    Highlight Highlight Na hoffentlich haben Sie und Ihre Partnerin keinen Sonnenbrand geholt unter der andalusischen Sonne.
    Wirklich schöne und historisch interessante Orte, die sie da in Spanien besucht haben. ¡Buena suerte en Madrid!
    • Lichtblau 13.08.2017 19:21
      Highlight Highlight 6 Stunden warten bei 41 Grad Hitze? So stelle ich mir die Hölle vor (Lea muss eine Heilige sein). Aber wie immer ein unterhaltsamer und gehaltvoller Bericht. Der Blog wird mir fehlen, irgendwie hatte ich immer das Gefühl, auf den jeweiligen Rücksitzen mitzufahren.
    • Thomas Schlittler 16.08.2017 09:04
      Highlight Highlight @Luca Brasi: Wir haben uns Mühe gegeben mit der Sonnencreme. ;-)
      @Lichtblau: Vielen Dank für das schöne Kompliment! Lea ist bestimmt keine Heilige, aber ja, sie macht so einiges mit ...
  • #tschanforpresident 12.08.2017 21:08
    Highlight Highlight Wunderschöne Worte! Vielen Dank dafür.
    • Thomas Schlittler 16.08.2017 09:04
      Highlight Highlight Ich danke dir für das Kompliment! ;-) LG

«Tschüss Alltag, hallo Welt!» watson-Blogger Thomas Schlittler «stöppelt» um den Globus, und verrät hier, wie er von Winterthur nach Innsbruck kommt

Thomas Schlittler ist ein Jahr – oder länger – unterwegs. Er will trampend die Welt umrunden. In seinem ersten Blog auf watson erzählt er, warum er Tränen vergoss, an seinem Vorhaben zweifelte und wie er schliesslich mit einem lustigen Saufkumpan in der Tiroler Hauptstadt landet.

So viel wiegt mein Rucksack, mein einziger Besitz für die nächsten ein bis zwei Jahre. Damit verlasse ich meine Wohnung in Winterthur und mache mich auf Richtung Stadtrand. 

In meinem Kopf rasen die Gedanken. Ich denke an das rauschende Fest vom Samstag, mit dem ich mich von meinen Freunden verabschiedet habe. Ich denke an die Eltern, die drei Schwestern sowie den zwei Woche alten Neffen. Ihnen allen habe ich am Sonntag unter Tränen Lebewohl gesagt. 

Und ich …

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