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Eine Wohltat, in Kirgisistan herumalbernde Pärchen zu sehen.
Bild: Thomas Schlittler

Schweiz, nicht Schweden, ihr Ignoranten! Moment mal, was weiss ich überhaupt über Kirgisistan?

In Zentralasien begegne ich immer wieder Leuten, die von der Schweiz keinen blassen Schimmer haben. Es dauert eine Weile, bis ich meine Überheblichkeit ablegen kann und merke: Wir sind ja gar nicht besser.

21.11.15, 14:47 21.11.15, 15:03
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Nicht nur der Klischee-Amerikaner hat Mühe, die Schweiz und Schweden auseinanderzuhalten. Wenn ich hier in Zentralasien mein nicht vorhandenes Russisch auspacke und den Leuten erkläre, dass ich aus «Shveytsariya» komme, dann ist die Chance gross, dass mein Gegenüber den Daumen in die Höhe streckt und mit freudigem, erwartungsvollem Gesichtsausdruck sagt: «Ah, Ibrahimović!»

«No, no», schüttle ich dann den Kopf und erkläre: «Ibrahimović, Ikea, Volvo – Shvetsiya! Roger Federer, Rolex, Shokolad – Shveytsariya!» Die Schweizer Banken erwähne ich bewusst nicht. Trotzdem erinnert mich ab und zu jemand daran, dass die Schweiz auch ein Synonym ist für das Verstecken von Schwarzgeld.

«Wenn ich in Europa gesagt habe, woher ich komme, habe ich meist nur fragende Blicke geerntet.»

Gülsan aus Kirgisistan

Meist habe ich jedoch das Gefühl, dass meine Herkunft für mein Gegenüber auch nach der Auflistung dieser Begriffe ein Mysterium bleibt. Der Aha-Effekt wirkt nicht selten gespielt, viele können sich unter der Schweiz nicht wirklich etwas vorstellen.

Können wir uns deshalb erhaben fühlen und denken: dumme Ignoranten? Ich gebe zu, dass ich in der Vergangenheit zumindest bei Amerikanern das eine oder andere Mal so geurteilt habe. In den letzten drei Wochen musste ich mir jedoch unweigerlich die Frage stellen: Bin ich, sind wir Europäer, wirklich besser? Wohl kaum, wie die Erfahrungen von Gülsan zeigen.

Die junge Kirgisin hat mehrere Jahre in Deutschland und Österreich studiert, jetzt arbeitet sie in einem Hostel in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek. Sie erzählt mir in sehr gutem Deutsch: «Wenn ich in Europa gesagt habe, woher ich komme, habe ich meist nur fragende Blicke geerntet.»

In Bishkek gibt es eine Bar, die bis sieben Uhr morgens auf hat: ein bedeutender Freiheitsindikator.

Kirgisistan? Wo ist liegt das schon wieder? Irgendwo in der Nähe von Russland, oder? Etwas darunter vorstellen konnten sich nur die wenigsten. Geschweige denn wussten sie über die Unterschiede zwischen Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgisistan Bescheid. Ist doch sowieso alles das Gleiche, nicht wahr?

Mir ging es bis vor einigen Wochen genau gleich. Als ich vor meiner Abreise meine Reiseroute grob plante, wusste ich lediglich, dass ich nach dem Iran durch diese komischen «-stan»-Staaten trampen werde.

Auch nach drei Wochen in Zentralasien bin ich weit davon entfernt, ein Experte zu sein. Aber zumindest weiss ich jetzt, dass man diese Länder nicht in einen Topf werfen kann. Während zum Beispiel Turkmenistan eine Diktatur der schlimmeren Sorte ist, in der man an jeder Ecke einem Polizisten oder einem Porträt des Präsidenten begegnet, fühle ich mich in Kirgisistan wie in einem freien Land.

Eine lupenrein funktionierende Demokratie ist zwar auch Kirgisistan (noch) nicht, doch ich kann den Leuten zumindest wieder ohne Bedenken sagen, dass ich Journalist bin. Und in der Hauptstadt Bishkek habe ich endlich wieder junge Pärchen gesehen, die unbeschwert und verliebt herumgealbert haben. Zudem war die Bar, die ich diese Woche besucht habe, bis sieben Uhr morgens geöffnet – ein bedeutender Freiheitsindikator.

Doch ist es überhaupt wichtig, dass man Kirgisistan von Turkmenistan unterscheiden kann? Nicht unbedingt. Wenn man vorurteilsfrei auf die Menschen aus diesen Ländern, und aus allen anderen Ländern, zugeht, ist das nicht schlimm. Problematisch wird es erst, wenn man die Ignoranz in Intoleranz mündet – zum Beispiel gegenüber Muslimen.

Wer immer noch denkt, dass alle Muslime Burka oder Sprengstoffgürtel tragende Islamisten sind, dem kann ich nur einen Besuch in Zentralasien empfehlen, am besten in Kirgisistan. Hier sind drei Viertel der Bevölkerung sunnitische Muslime – und trotzdem haben sie es geschafft, einen säkularen Staat aufzubauen, in dem junge Pärchen in der Öffentlichkeit rumknutschen und bis in die frühen Morgenstunden feiern dürfen. Darauf trinke ich!

Und das waren meine Fahrer:

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • pun 23.11.2015 15:55
    Highlight Bars die bis 7 Uhr auf haben als bedeutender Freiheitsfaktor?
    Ja dann haben wir wohl Pech gehabt in der Ostschweiz. Die eine Bar, wo ich mithelfe und die als DIY Projekt vor einem Jahr aufgemacht hat, muss um 1 Uhr zu machen, mit einer weiteren Lärmklage sind wir weg.
    In der Nachbarstadt in Deutschland gibt es sogar eine Sperrstunde ab 1 Uhr (Freitag 2 Uhr, Samstag 3 Uhr)

    Schön freiheitlich, hier im aufgeklärten Europa :-)
    7 1 Melden
    • Thomas Schlittler 28.11.2015 19:52
      Highlight Lieber pun
      Das mit dem Freiheitsindikator war nicht ganz ernst gemeint. Aber nach dem Iran (legales Nachtleben inexistent), Turkmenistan (Touristen müssen offiziell um 23 Uhr im Hotel sein) und Usbekistan (um 01.00/02.00 Uhr wurde von uniformierten Soldaten sichergestellt, dass Bars und Clubs schliessen) war ich von den Freiheiten in Kirgisistan einfach überwältigt! ;-)
      3 0 Melden
    • pun 29.11.2015 02:28
      Highlight :) Lieber Thomas
      Da bin ich wirklich froh, dass bei uns nur ab und zu uniformierte Polizisten um 01 Uhr oder gar früher sicherstellen, dass wir schliessen ;-)

      Danke für deine spannenden Berichte (dieser hier ging leider etwas in den dramatischen Ereignissen am anderen Ende von Europa unter)! Freue mich auf weitere und wünsche dir eine weiterhin so belebende, aufregende und spannende Reise mit dem Daumen.
      0 0 Melden
  • 's all good, man! 21.11.2015 16:11
    Highlight Ja, was wissen wir schon über dieses Land? Nicht mal, wie man es richtig bezeichnet, gell, Thomas. 😉

    Heisst es nun Kirgisien, Kirgistan oder eben Kirgisistan? 😂 Offiziell jedenfalls Kirgisische Republik.
    13 1 Melden
    • Thomas Schlittler 28.11.2015 20:01
      Highlight Ganz ehrlich, habe mit dem Namen auch jetzt noch meine liebe Mühe. Kirgistan geht mir einfacher über die Lippen bzw. die Tastatur als Kirgisistan. Habe mich aber an das EDA gehalten, die sprechen von Kirgisistan. Kirgisische Republik halte ich für etwas zu viel verlangt, wir sprechen schliesslich auch von der Schweiz und nicht von der Schweizerischen Eidgenossenschaft. LG Thomas
      3 0 Melden

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