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Dümmer geht's nicht: Wie ich in Japan Schlafsack und Flipflops verliere – und dafür noch belohnt werde

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Südkorea war teuer, Japan ist noch teurer. Damit mein Reisebudget nicht überstrapaziert wird, habe ich in den vergangenen Wochen oft im Zelt übernachtet. Das Wichtigste beim Wildcampen: ein Fluss oder ein See in der Nähe. Ein stinkender Tramper ist mässig populär besonders bei den sehr auf Hygiene bedachten Japanern.

In einem Aussenquartier der Millionenstadt Hiroshima finde ich ein geeignetes Schlafplätzchen. Es liegt nicht nur an einem kleinen Fluss, sondern ist durch eine grosse Brücke auch noch vor schlechter Witterung geschützt. Das ist jetzt, während der japanischen Regenzeit, Gold wert.

Per Autostopp um die Welt

Zelten unter einer Autobahnbrücke in einem Aussenquartier von Hiroshima: Gemütlich sieht anders aus.
Bild: Thomas Schlittler

«Als ich das Zelt abbaue, finde ich plötzlich meinen bereits zusammengepackten Schlafsack nicht mehr.»

Am Morgen wache ich jedoch bereits um 6.15 Uhr auf, da über meinem Kopf der Verkehr auf der Autobahn immer lauter wird. Ich will aber sowieso früh raus, um bei der nahegelegenen Autobahneinfahrt mein Autostopp-Glück zu versuchen.

Per Autostopp um die Welt

Bei Tag sieht das Ganze wie immer nicht mehr ganz so schlimm aus. 
Bild: Thomas Schlittler

Als ich das Zelt abbaue, finde ich plötzlich meinen bereits zusammengepackten Schlafsack nicht mehr. Ich durchwühle mehrere Male mein Gepäck, suche mit meinen Augen irritiert die Umgebung ab, doch er ist nirgends zu sehen. Da ausser mir weit und breit niemand hier ist, steht schnell fest: Der Schlafsack muss irgendwie den betonierten, rund drei Meter hohen Abhang heruntergerollt sein – in den Fluss.

«Überglücklich will ich den geretteten Schlafsack sowie die Flipflops aufsammeln – doch sie sind nirgends zu finden!»

Ich lasse deshalb alles liegen und folge dem Flussverlauf. Vielleicht habe ich ja Glück und er bleibt irgendwo hängen. Tatsächlich: Rund zweihundert Meter weiter unten, nach einem kleinen Tunnel, entdecke ich ihn. Hier wächst dichtes Gras im Wasser, welches das kleine, schwarze Knäuel aufhält. Ich klettere den ebenfalls asphaltierten Abhang herunter und fische es heraus. 

Per Autostopp um die Welt

Es ist eigentlich ein ziemlich guter Schlafplatz. Das Zelt ist durch die Brücke geschützt und es hat einen Fluss, um mich zu waschen. Genau dieser Fluss wird mir aber zum Verhängnis ...
Bild: Thomas Schlittler

Da der Kanal nur wenige Meter breit ist und mir das Wasser gerade einmal bis zu den Knien reicht, gelingt das problemlos. Weil der Abhang aber so steil ist, komme ich nicht mehr hinauf. Um besser klettern zu können, werfe ich deshalb sowohl den Schlafsack als auch meine Flipflops auf den schmalen Pfad. Doch auch ohne diesen Ballast schaffe ich es nicht. Der Beton ist nass und glitschig, ich finde nirgends Halt. Erst einige Meter weiter flussabwärts, wo durch ein grosses Rohr zusätzliches Wasser in den Fluss strömt, kann ich mich schliesslich mühevoll heraufziehen – geschafft!

Überglücklich will ich den geretteten Schlafsack sowie die Flipflops aufsammeln – doch sie sind nirgends zu finden! Ich drehe mich verwirrt im Kreis. Habe ich jetzt meinen Verstand verloren? Werde ich Opfer einer versteckten Kamera? Ich habe die beiden Dinge doch gerade eben hier hinaufgeworfen. Es kann kaum fünf Minuten her sein. Und in der Zwischenzeit ist niemand vorbeigelaufen.

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Mein Schlafsack rollt den Abhang hinunter in den Fluss. Bleibt dann vorerst hier stecken. Aber ich bringe es hin, dass er gleich wieder im Fluss landet – genau gleich wie meine Flipflops. Bild: Thomas Schlittler

Schliesslich finde ich aber eine rationale Erklärung für den erneuten Verlust: Der schmale Pfad wird von einer kleinen, rund dreissig Zentimeter breiten Vertiefung durchtrennt, durch die ebenfalls etwas Wasser fliesst. Als ich in den Kanal heruntergestiegen bin, ist mir das gar nicht aufgefallen. Ich hatte nur den Schlafsack im Kopf – und jetzt muss ich diesen sowie die Flipflops direkt da reingeworfen haben.

«Wie kann man nur so dumm sein, denke ich mir. Ich könnte mich ohrfeigen!»

Also folge ich erneut dem Wasser. Dieses Mal dem kleinen Kanal, barfuss – und erfolglos. Nach einigen hundert Metern läuft der kleine in den grossen Kanal, der Fluss wird grösser und grösser, vom Schlafsack und den Flipflops keine Spur. Ich gebe auf und trotte der Hauptstrasse entlang zu meinem Gepäck zurück.

Als ich beim Fussgängerstreifen auf grün warte, kommt ein älterer Herr mit grüner Leuchtweste auf mich zu. Der Rentner sorgt dafür, dass die Schulkinder sicher über die Strasse gelangen. Er deutet auf meine nackten Füsse und sagt irgendetwas auf Japanisch. Gestenreich versuche ich ihm zu erklären, dass ich meine Flipflops an den Bach verloren habe. Dann gehe ich weiter zu meinem Platz. 

Dort angekommen, muss ich mich erst einmal setzen. Ich bin stocksauer auf mich: Da schlafe ich irgendwo unter einer ungemütlichen Brücke, um Geld zu sparen. Und dann schmeisse ich meinen teuren Schlafsack in den Fluss – und die Flipflops gleich hinterher. Wie kann man nur so dumm sein, denke ich mir. Ich könnte mich ohrfeigen!

Per Autostopp um die Welt

Ein älterer Herr tröstet mich über den Verlust hinweg, indem er mir als Ersatz diese Kunststoffsandalen schenkt. Einfach so. Ein wunderbare Geste! Bild: Thomas Schlittler

Während ich so vor mich hinfluche, kommt auf einmal der nette ältere Herr zu mir. In der Hand hält er ein Paar knallgelbe Kunststoffsandalen im Crocs-Style. Er drückt sie mir in die Hand, lächelt mich aufmunternd an und winkt meine tausend «arigato», Japanisch für «danke», schüchtern zur Seite. Dann geht er wieder – und mit ihm mein Ärger über den Verlust von Schlafsack und Flipflops. 

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Alex_Steiner 18.07.2016 10:13
    Highlight Highlight Sehr auf Hygiene bedachten Japanern? Ein bisschen Geruch macht ihnen nichts aus... praktisch keiner benutzt ein Deo in Japan.
    • Thomas Schlittler 26.07.2016 04:53
      Highlight Highlight Das stimmt, Deo und Parfum sind nicht so hoch im Kurs in Japan. Für mich hat eine französische Dusche allerdings auch wenig mit Hygiene zu tun... Ich habe den Eindruck, dass die meisten Japaner sehr gepflegt sind. Zudem scheinen viele kaum zu schwitzen - oder sie stinken zumindest nicht, wenn sie schwitzen. In der Metro in Tokyo bin ich jedenfalls bis jetzt nie fast umgefallen. Das finde ich bemerkenswert.
  • DEW 18.07.2016 06:18
    Highlight Highlight Hallo Thomas. Hat mich sehr gefreut dich zu treffen und danke dir für die vielen guten Gespräche!
    Pech, Pleiten und Pannen gehören untrennbar zum Reisen dazu, doch die gehen ja vorüber - Was bleibt sind uvergessliche Erfahrungen und Erinnerungen.
    Ich hoffe du hast noch viele weitere gute Erlebnisse und Begegnungen in diesem wunderschönen Land!
    気を付けて!
    • Thomas Schlittler 26.07.2016 04:55
      Highlight Highlight Auch mich hat es sehr gefreut, dich zu treffen. Danke für die vielen Japan-Infos und deine Übersetzungsdienste... ;-) Vielleicht sehen wir uns ja nochmals in Osaka. Take care! lg
  • Trasher2 17.07.2016 07:13
    Highlight Highlight Als ich vor einigen Jahren in Japan war, waren die Lovehotels die günstigsten Übernachtungsmöglichkeiten.
    Ab 22:00 könntest du die gesamte Nacht dort verbringen. Teilweise gab es sogar essen (zumacht und Zmorge) inklusive. Das zum Preis von einer Jugendherberge in der Schweiz.
    • 有好的中国老虎 friendly chinese Tiger 17.07.2016 12:09
      Highlight Highlight Oder wie wäre es mit couchsurfing? Man lernt locals kennen und ist (fast) gratis. Hatte bis jetzte gute Erfahrung mit dem.
    • Alnothur 19.07.2016 21:04
      Highlight Highlight Oder ein capsule hotel, die sind meist noch günstiger.
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 07:23
      Highlight Highlight Danke für die vielen guten Tipps. Es ist nicht so, dass es in Japan keine erschwinglichen Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Für 15 bis 20 Franken lässt sich schon etwas finden. Aber ich will pro Tag eigentlich nicht mehr als 50 Franken ausgeben. Und das fällt halt schon einiges leichter, wenn ich mir die Übernachtungskosten sparen kann. Zudem macht es mir auch Spass, irgendwo im Nirgendwo einen Platz zum Zelten/Schlafen zu finden. Ihr braucht also kein Mitleid zu haben! ;-)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Tanuki 16.07.2016 22:43
    Highlight Highlight Japan besuchen ohne Geld? Mitleidiges Kopfschütteln...
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 07:33
      Highlight Highlight Liebe/lieber Tanuki. Ich schreibe nirgends, dass ich kein Geld habe. Aber wenn man zwei Jahre auf Weltreise ist, muss man schon ein bisschen schauen, dass man einigermassen im Budget bleibt. Dein Kopfschütteln kann ich nicht nachvollziehen. Es ist doch jedem selbst überlassen, wie er reist bzw. übernachtet. Und das Mitleid hebst du dir auch lieber für Leute auf, die nicht wie ich freiwillig im Freien übernachten. Die haben das nötiger als ich. Ich habe das Privileg, zwei Jahre auf Weltreise gehen zu können. Mit mir muss man also zuletzt Mitleid haben. LG
  • Luca Brasi 16.07.2016 20:43
    Highlight Highlight So etwas kann schon mal passieren, wenn man allein reist. Ab und zu hat man Pech, aber zum Glück gibt es immer wieder wohlwollende Menschen, denen man begegnet. Das ist doch auch tröstlich zu wissen. ;) Ich wünsche Ihnen trotzdem weiterhin Glück.
    Sie sind jetzt auf dem Weg in die alte Kaiserstadt Kyoto? Da könnte man ja Nintendo fragen, ob die wissen, wann die Server für Pokémon Go in Europa wieder einigermaßen funktionieren. Hier drehen gerade alle durch wegen diesem Spiel. :D
    • exeswiss 16.07.2016 23:24
      Highlight Highlight @luca brasi google betreibt die server nicht nintendo.
    • Luca Brasi 17.07.2016 10:50
      Highlight Highlight Ich weiss, war eigentlich auch nur ein Spässchen. ;)
    • Thomas Schlittler 30.07.2016 07:39
      Highlight Highlight War in Kyoto, allerdings nicht am Nintendo Hauptsitz. Aber eine meiner Fahrerinnen (Keiko, eine Legende!) hat eine Tochter und einen Schwiegersohn, die bei Nintendo arbeiten. Nintendo war also doch ein bisschen präsent. ;-)
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